SAP-Chef: „Druck produziert Diamanten“

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 © Atelier Schulte / SAP

Andreas Wagner, Geschäftsführer von SAP in Österreich, ist seit 19 Jahren in unterschiedlichen Rollen für den Walldorfer Softwarekonzern tätig. Der Supply-Chain-Experte war davor für DHL und Johnson & Johnson tätig.

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SAP-Österreich-Chef Andreas Wagner spricht über den Anthropic-Schock, Transformationsdruck in der Industrie und ordnet die Erwartungen an KI und Digitale Souveränität realistisch ein.

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Die Ankündigungen von Anthropic haben Tech-Titel wie SAP, Salesforce, Microsoft und andere zuletzt auf Talfahrt geschickt. Viele Investoren sehen das klassische Enterprise-Software-Geschäft bedroht. Wie verdaut SAP diesen Anthropic-Schock?

Andreas Wagner

Diese Abwertungen sind ein branchenweites Phänomen, das quasi alle Anbieter von Unternehmenssoftware betroffen hat. Wie viele andere waren auch wir überrascht von der Stärke der Kursreaktion. Aber KI ist nun mal eine wahnsinnig dynamische Technologie, daher sind die dazugehörigen Märkte entsprechend volatil. In der jüngeren Geschichte gab es vielleicht noch nie eine so breite technologische Transformation in so kurzer Zeit. Das bringt alles in Bewegung. Gerade darum sehen wir es als unsere Aufgabe, unseren Kunden hier Orientierung zu bieten und sicherzustellen, dass sie durch unsere Lösungen von diesem enormen Fortschritt profitieren. Das tun wir mit nachhaltigem Erfolg, darum erwarten wir auch wieder eine Aufwertung.

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Der „Spiegel“ berichtete Anfang März, dass SAP-CEO Christian Klein sich persönlich stärker in die KI-Entwicklungen einbringen will, die KI-Strategie noch mehr zur Chefsache wird.

Andreas Wagner

Künstliche Intelligenz ist die größte wirtschaftliche Revolution der jüngeren Geschichte. Für uns als führendes europäisches Digitalunternehmen ist es selbstverständlich, dass diese Entscheidungen auf höchster strategischer Ebene getroffen werden. Wie medial bereits berichtet wurde, hat Christian Klein intern eine noch stärkere Ausrichtung auf KI ausgerufen.

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Klein zerstreut in dem Spiegel-Bericht, dass SAP bei der KI-Entwicklung in die Defensive gerate. Die SAP-Produkte seien so „systemrelevant“ und das Wissen um die Prozesse in den Unternehmen so tief, dass man auch diesen Umbruch, „der größer als in der Autoindustrie ist“, so Klein, schaffen werde. Was bringt die SAP jetzt in Stellung?

Andreas Wagner

Wir haben das Prinzip „AI First“ ausgerufen. Das bedeutet: KI ist kein „Add-On", sondern fließt in jeden Prozess und in jeden Service mit ein. Wir transformieren dementsprechend unser gesamtes Portfolio, so dass autonome KI-Agenten immer mehr und komplexere Aufgaben in allen Geschäftsbereichen übernehmen können. Ich sehe meine Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass österreichische Unternehmen jeder Größe von diesem technologischen Quantensprung profitieren können.

Künstliche Intelligenz ist die größte wirtschaftliche Revolution der jüngeren Geschichte.

Andreas Wagner
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Die Erwartungen an die KI sind allseits hoch, die Realität sieht oft noch anders aus.

Andreas Wagner

Der Value Gap zwischen Versprechen und Realität ist noch da, keine Frage. In den USA hat eine durchschnittliche Firma 26,7 Millionen Dollar für KI ausgegeben und erst einen Return-on-Investment von 16 Prozent erzielt, hat eine Studie ergeben. Wir bei SAP haben drei Arten von KI: Die Embedded KI in den Lösungen unserer gesamten „Business Suite“, wenn sie etwa ein Field Service Tool nutzen, ist da ein Algorithmus für Routenplanung drin. Das wird sehr stark genutzt. Dann gibt es kundenspezifische KI, wo wir für Kunden etwas programmieren, zum Beispiel etwas Spezielles zur Materialstammsuche. Schließlich haben wir unsere KI-Agenten, und die steuert „Joule“, unsere zentrale KI für Kunden. Wir haben über 34.000 Kunden weltweit, die schon SAP Business AI nutzen und mehr als 350 gen AI Use Cases. Da passiert schon sehr viel.

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Die KI-Agenten sind früher - als allgemein angenommen - auf den Markt gekommen, aber noch nicht so universell und verlässlich einsetzbar. Wo sind die bei SAP selbst bereits produktiv?

Andreas Wagner

Da sind wir im HR-Bereich bei SuccessFactors sicher am weitesten, wo dieser rollenspezifische Agent über alle Aufgaben hinweg eingesetzt wird. Da werden schon beeindruckende Ergebnisse erzielt. Der SAP-Ariba-Agent spart 70 Prozent an Prozess- und Durchlaufkosten, der SAP-Concur-Agent 30 Prozent durch die Policy-Compliance (Einhaltung von Reiserichtlinien) und automatisierte Rechnungsprüfung. Hier gibt es viele Beispiele. Aber klar, wir sind noch nicht dort, wo wir sein wollen. Die Agenten müssen sich auch noch weiterentwickeln.

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Welche Projekte beschäftigten die SAP-Kunden gerade am meisten?

Andreas Wagner

Wenn ich heute mit CIOs rede, fragen mich alle, wie sie schneller werden können in der digitalen Transformation. Gerade in der Industrie ist der Schmerz aktuell sehr groß, wie ich in den Vorstandsgesprächen erlebe. Die Cloud ist die Basis für standardisierte Prozesse, und die wiederum sind die Basis für standardisierte Daten und damit für eine vertrauensvolle KI. Mit unserer KI-gestützten Prozessanalyse – hier investieren wir gezielt, beispielsweise mit der Akquise von WalkMe – können wir Unternehmen dabei unterstützen, dieses Potenzial richtig einzuschätzen und voll auszuschöpfen.

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Der Schmerz in der Industrie lässt viele Entscheider doch gerade eher massiv auf Kosten schauen als strategische Projekte anzuschieben.

Andreas Wagner

Druck ist nicht immer schlecht, Druck produziert auch Diamanten. Unter verschärften Bedingungen ist man bereit, schneller Innovationen zu treiben, schneller Entscheidungen zu treffen. Wir haben in der Industrie zuletzt viel gemacht, weil sie gesehen haben, dass sie mit Standardisierungen – und darum geht es ja meist – der Architektur und Businessprozesse einen extremen ökonomischen Mehrwert bekommen.

Druck ist nicht immer schlecht, Druck produziert auch Diamanten. Unter verschärften Bedingungen ist man bereit, schneller Innovationen zu treiben, schneller Entscheidungen zu treffen.

Andreas Wagner
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Ein großes Thema dieser Tage ist die Digitale Souveränität, nicht nur politisch. Viele Führungskräfte machen sich ernsthaft Gedanken ob und wie sie ihre IT anders aufstellen könnten. Was bietet SAP als europäischer Konzern seinen Kunden hier an?

Andreas Wagner

Unsere Public-Cloud-Lösungen, die besonders stark im Mittelstand gefragt sind, haben ein Zusatzfeature namens „EU Access Only“. Gegen einen Mehrbetrag stellen wir dabei sicher, dass alle Daten der Kunden in der EU bleiben.

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Nehmen Kunden diesen Souveränitäts-Service tatsächlich schon in Anspruch?

Andreas Wagner

Es gab 2025 kein Verkaufsgespräch, wo das nicht Thema war. Fast jeder Kunde hat diese Funktion von sich aus angefragt. Trotzdem entscheiden sich einige am Ende für US-amerikanische, altbekannte Services. Das Thema Digitale Souveränität ist aber ein großes – vor allem bei allen staatsnahen Themen und kritischer Infrastruktur.

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Neben den Kosten ist die Komplexität eine Hürde, die viele Unternehmen nicht leicht nehmen können. Was muss eine Souveränitätsstrategie können?

Andreas Wagner

Bei digitaler Souveränität gibt es zwei Imperative: Den Schutz vor ungewolltem Zugriff einerseits, und die produktive Nutzung andererseits. Je nachdem was ich falsch priorisiere, bin ich entweder verwundbar oder komme in einen technologischen Rückstand. Deswegen muss ich eine Balance halten und sollte Daten segmentieren, weil nicht alle Daten gleich schützenswert sind.

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Im November 2025 gab es einen großen Souveränitätsgipfel in Berlin, mit der Ankündigung pan-europäischer Technologie-Allianzen, auch Ihr Konzern war dabei. Was ist nach dem großen Gong passiert?

Andreas Wagner

Wir werden neue Partner in Europa und in Österreich haben und das ist für unsere Kunden von Vorteil, weil sie mehr Optionen bekommen. Was mich ein bisschen sorgt, ist die Erwartungshaltung an das Tempo. Diese Souveränität zu erreichen ist ein wichtiges Ziel, geht aber nicht von heute auf morgen.

Diese Souveränität zu erreichen ist ein wichtiges Ziel, geht aber nicht von heute auf morgen.

Andreas Wagner
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Sie sind vor einem Jahr nach Österreich zurückgekehrt, waren viele Jahre in unterschiedlichen Rollen und Weltregionen tätig. Wie fällt Ihre erste Jahresbilanz aus?

Andreas Wagner

Es war extrem spannend, nach zwanzig Jahren wieder in Österreich zu arbeiten. Viele meiner Kontakte konnte ich wieder aktivieren und ich freue mich über die herzliche Aufnahme bei Kunden und Partnern. Mir war wichtig, den Fokus auf Wachstum zu setzen und den Go-To-Market anzupassen an die Realität. Wir sind 2025 besser gewachsen als ich erwartet habe, über alle Segmente. Wir haben zum Beispiel ein Neukundenteam gegründet, das über 30 neue Kunden gewonnen hat. Das ist sensationell.

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Wo haben Sie die gewonnen? Ihr Stammklientel aus der Industrie durchlebt gerade schwere Zeiten.

Andreas Wagner

Wir haben ein eigenes Vertriebsteam eingesetzt, auf eine Pipeline, die wir schon über Jahre entwickelt hatten. Die meisten der neuen Referenzkunden dürfen wir leider nicht nennen. Aber Felbermayr oder die MedUni – als erste Universität in der Cloud – dürfen wir kommunizieren, und da bin ich sehr stolz. Ich habe mit jedem unserer knapp 100 SAP-Partner ein Strategiemeeting aufgesetzt, und unser indirekter Vertrieb hat im letzten Jahr so gut funktioniert, dass wir das heuer ausweiten. Wir werden das Mittelstandssegment im Vertrieb aufteilen und eine Hälfte ganz den Partnern übergeben.

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Der Weltfrauentag ist noch nicht lang her: Frauen in Führung und das Thema Gleichstellung gerade stark präsent. SAP-CEO Christian Klein sorgte vor einem Jahr für Irritationen, nachdem er bald nach Trumps Amtsantritt die Quote einkassierte, um das US-Geschäft nicht zu gefährden. Was hat sich im Konzern seither geändert?

Andreas Wagner

Es gab eine Zeit, wo wir eine Vorständin hatten, die auf jedem Podium zwei Frauen sehen wollte. Das war bei bestimmten Fachthemen aber schlicht nicht machbar. Wir haben hier bei SAP in Österreich 37 Nationalitäten, der Frauenanteil liegt bei knapp 35 Prozent, und 27,2 Prozent im Management. Für mich ist es ein wichtiges Thema, wir haben ein starkes Business Women Netzwerk. Wir versuchen engagierte und erfolgreiche Frauen im Unternehmen als Vorbilder und Role Models zu animieren, dass sie sich zeigen und auf Kolleginnen wirken. Wir versuchen in der Sales Academy zur Hälfte Frauen als junge Talente zu finden. Es gibt keine Quoten mehr, das stimmt. Es hat sich bislang aber nichts nachteilig verändert. Im Gegenteil, mein Eindruck ist, wir sind hier in Österreich aktiver denn je.

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