Die AIRGAPNET-Co-Founder Sergey Shelenkov und Markus Roth
©Evgeny Konasov, Sabine KneidingerDas IT-Start-up AIRGAPNET will von Oberösterreich aus den Cybersecurity-Markt mit einer neuen Sicherheitsidee aufrollen – die beiden Gründer Sergey Shelenkov und Markus Roth über ihre Entwicklung.
TREND: Ihre Idee, die AIRGAPNET-Box, soll das Potenzial haben, ganze Länder resistenter gegen Cyberangriffe zu machen, die Computer in Haushalten ebenso wie die IT kleiner bis größter Unternehmen. Wie funktioniert das?
Sergey Shelenkov: In normalen Netzwerken gibt es fast immer Firewalls, die guten von schlechtem Datenverkehr trennen. Doch vor allem KI kann neue Sicherheitslücken in diesen Firewalls viel schneller finden, als sie zu stopfen sind. Das macht die Netzwerke und auch einzelne Rechner immer angreifbarer. Wir ergänzen die Firewalls mit unserer temporären Air-Gapping-Technologie, das bedeutet: Für bestimmte Zeiten oder Ereignisse stellen wir automatisch eine physische Trennung zwischen Netzwerk und Außenwelt her. Und wir heben die Trennung wieder auf, wenn sie nicht benötigt wird. Bei einer Firewall kann man nie garantieren, dass niemand eindringt. Eine physische Trennung hingegen lässt sich nicht umgehen.
Sie schalten einfach den Zugang zu einem Netzwerk ab, wenn ihn niemand benötigt, also zum Beispiel in der Nacht, wenn nicht gearbeitet wird?
Markus Roth: Ganz so einfach funktioniert es natürlich nicht, aber im Prinzip: ja. Unsere Lösung, welche die dazu nötige Hardware steuert, das ist die AIRGAPNET-Box, bietet de facto eine physische Trennung oder eine Umschaltung von Betriebsnetz auf Wartungsnetz. Sobald diese Trennung erfolgt ist, ist potenziellen Eindringlingen dieser Weg ins Netzwerk sicher verwehrt. Kurz gesagt: Wir bieten physische Sicherheit in einer Welt, in der softwarebasierte Sicherheit allein keine hundertprozentige Sicherheit mehr garantieren kann.
Österreich ist ein guter Platz, um ein Unternehmen aufzubauen.
Warum kann das ein Haushalt mit einem Computer ebenso verwenden wie ein Konzern mit riesiger, ausgeklügelter IT-Infrastruktur?
Roth: Weil das Prinzip immer dasselbe ist. Ein Haushalt schaltet einfach die AIRGAPNET-Box zwischen die Internetverbindung und den Computer, WLAN-Router oder die Home Automation. In Unternehmen benötigt es natürlich IT-Experten, die entscheiden, an welchen Stellen im Netzwerk und wie diese Zwischenschaltungen erfolgen und wie die eigene IT-Infrastruktur angepasst werden kann. Aber wirklich kompliziert ist es selbst für Großunternehmen mit komplexen IT-Lösungen nicht. Einsatzgebiet sind zum Beispiel auch große Maschinenanlagen. Wartungsarbeiten erfolgen heute oft über VPN-Zugänge von außen, dadurch erhalten externe Personen Zugriff auf Unternehmensnetzwerke. IT-Administratoren fürchten diese Offenheit. Mit der AIRGAPNET-Lösung haben sie also eine Sorge weniger.
Shelenkov: Einfach gesagt hilft die Hardware- und Softwarelösung von AIRGAPNET, das Internet in jenen Momenten abzuschalten, in denen Nutzer mit ihrer IT verwundbar sind. Die meisten Cyberangriffe passieren nachts oder außerhalb der Arbeitszeiten, wenn niemand die Netzwerke überwacht. Außerdem wissen wir, dass künftige Quantencomputer schon bald heutige Verschlüsselungen brechen könnten. Bis dafür Sicherheitslösungen gefunden werden, ist die Kontrolle darüber, wann man online oder offline ist, die beste Methode.
Roth: Deshalb lautet unsere Strategie: „Du bist sicher, wenn du offline bist.“
Wenn das Konzerne ebenso nützen können wie Privathaushalte, wie sieht es dann mit den Kosten aus?
Shelenkov: Für Privathaushalte wird eine AIRGAPNET-Lösung sehr, sehr kostengünstig sein, wir sprechen da ja über Plug and Play. Man wird die AIRGAPNET-Box im Elektronikhandel oder ganz einfach per Bestellung über unsere Website beziehen können. Der genaue Verkaufspreis steht noch nicht fest, aber wir sprechen über einen verträglichen dreistelligen Eurobetrag. Je größer die IT-Netzwerke eines Unternehmens, desto höher natürlich die Kosten. Aber eine Cybersecurity-Erweiterung durch AIRGAPNET wird in jedem Fall, also sogar für Großkonzerne, ausgesprochen kostengünstig sein, das können wir jetzt schon garantieren.
Wir sprechen derzeit immer in der Zukunftsform. Wann gehen Sie mit AIRGAPNET auf den Markt?
Shelenkov: Demnächst. Eigentlich sind wir schon bereit. Die Geräte und die Software sind fertig, wir arbeiten nur mehr am Ausbau der Produktionskapazitäten für die Box und an der Logistik. Via Website www.airgapnet.com und per Mail an office@airgapnet.com kann jetzt schon vorbestellt werden, ab Herbst kann man die Geräte dann auch über andere Kanäle kaufen.
Die Strategie von AIRGAPNET: Du bist sicher, wenn du offline bist.
Wo bauen Sie die Produktion auf?
Shelenkov: Wir haben derzeit eine erste Produktionsanlage in der Nähe von Linz. Wenn es irgendwie möglich ist, wollen wir dort oder im Umfeld von Linz bleiben, weil Oberösterreich, wie Österreich überhaupt, ein guter Industriestandort ist. Wir rechnen damit, dass wir in den kommenden drei Jahren an die 100 Arbeitsplätze schaffen, und sind gerade dabei, Personal zu engagieren. Gemeinsam mit unseren Co-Foundern Florian Mihalits und Peter Ziehesberger bauen wir in den nächsten Monaten in den Bereichen Produktion, Software- und Hardwareentwicklung sowie angewandte Cybersecurity-Forschung unsere Kapazitäten aus. Daher bei Interesse: einfach melden.
Ihre Security-Lösung wird vermutlich auch international vermarktbar sein?
Shelenkov: Natürlich. Den Anfang machen wir in Österreich, unser erstes Ziel lautet: Wir wollen Österreich cybersicher machen. Aber die AIRGAPNET-Lösung ist beliebig skalierbar und funktioniert überall auf dem Globus. Selbstverständlich sind Internationalisierung und internationaler Erfolg unser Ziel.


Kleine Box, große Wirkung. Die AIRGAPNET-Box sieht unaufgeregt aus, hat aber Potenzial: Zwischen Computer oder IT-Infrastruktur und Webverbindung geschaltet, kann sie automatisiert die EDV vom Internet trennen – jeweils dann, wenn man keine Webverbindung benötigt. „Physische Cybersicherheit“ nennen die Erfinder von AIRGAPNET das.
© BeigestelltWarum starten Sie ausgerechnet im kleinen Österreich mit seinen hohen Lohnkosten?
Shelenkov: Mir gefällt Österreich, ich mag dieses Land sehr. Österreich ist ein guter Platz, um ein Unternehmen aufzubauen. Wenn man bei einer Unternehmensgründung mit Behörden spricht, sind sie bereit, zuzuhören. Danach spricht man mit Geschäftsleuten, sie sind aufgeschlossen und bereit, voranzugehen. Ich habe in Österreich bisher keine doppelzüngigen Menschen getroffen, man ist hier direkt und geradlinig. Im Geschäftsleben ist es wichtig, dass ein Deal auch wirklich ein Deal ist. Ich war schon in verschiedenen Ländern aktiv und habe Vergleichsmöglichkeiten. Für mich ist Österreich der Ort Nummer eins, an dem ich meine geschäftlichen Initiativen weiterführen möchte.
Sind Sie als Start-up eigentlich ausfinanziert oder noch auf der Suche nach Investoren?
Shelenkov: Wir fühlen uns im Moment finanziell stabil. Vielleicht denken wir in einem Jahr darüber nach, aber aktuell benötigen wir keine zusätzlichen Investitionen.
Was passiert mit dem Standort hier, wenn AIRGAPNET Erfolg hat und international expandiert?
Shelenkov: Österreich ist für uns nicht nur eine Start-up-Basis. Wir wollen dauerhaft in Österreich bleiben und hier unseren internationalen Hauptsitz aufbauen. Wir sind ein österreichisches Unternehmen und stolz darauf, Teil der österreichischen Wirtschaft zu sein. Und wir hoffen, dass Österreich bald auch stolz auf uns sein wird, weil wir AIRGAPNET-Cybersecurity von hier aus in die Welt exportieren.
Persönliche Frage zum Abschluss: Sie sind israelischer Staatsbürger, in Österreich seit knapp fünf Jahren als Unternehmer aktiv. Fühlen Sie sich mittlerweile ein Stück weit als Österreicher?
Shelenkov: Ja. Ich mag die Mentalität und die Art der Menschen hier. Wenn jemand sagt, dass er etwas tun wird, dann tut er es auch. Das gefällt mir. Meine Familie lebt hier, meine Kinder absolvieren ihre Ausbildungen hier, und alle wollen bleiben. Deshalb sehe ich meine Zukunft definitiv in Österreich.