
Gebündelte Kompetenz: Mit der neuen Initiative Digital Health Austria will die Forschungsförderungsgesellschaft FFG gemeinsam mit aws und Ludwig Boltzmann Gesellschaft digitale Innovationen schneller in die Praxis bringen. Im Fokus: der konkrete Patientennutzen.
Die Revolution startete in den eigenen vier Wänden: Wohnräume wurden mit Sensorik, Datenverarbeitung, Vernetzung und automatisierten Abläufen ausgestattet, die Steuerung der Haustechnik verlagerte sich auf das Smartphone. Seither hat sich das „Smart“-Prinzip mit Smart Watches, Smart Communities und Smart Mobility kontinuierlich weiter ausgedehnt.
Und jetzt kommt mit Smart Health der nächste Bereich. Die Hoffnung dahinter: durch mehr und präzisere Daten eine bessere Versorgung der Patient:innen sowie höhere Effizienz im Gesundheitssystem – und damit auch geringere Kosten. Genau das soll auch durch das neue Förderprogramm „Digital Health Austria“ unterstützt werden. Mit dieser gemeinsamen Initiative wollen die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), die Austria Wirtschaftsservice (aws) und die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) digitale Gesundheitsinnovationen schneller in die Anwendung bringen.
„Die Zukunft der Gesundheitsversorgung entscheidet sich zunehmend daran, wie gut wir digitale Innovationen in die reale Versorgung bringen. Mit „Digital Health Austria“ schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass aus Forschung wirksame Lösungen für Menschen und das Gesundheitssystem werden“, erläutert Henrietta Egerth, Geschäftsführerin der FFG, das Konzept.
Insgesamt stehen 13 Millionen Euro für Förderformate der FFG zur Verfügung, unterstützt von Begleitmaßnahmen durch aws und LBG. „Diese Begleitmaßnahmen sind ein zentraler Bestandteil des neuen Förderansatzes“, sagt FFG-Geschäftsführerin Karin Tausz, „denn es geht nicht um isolierte Technologieentwicklungen, sondern um Projekte mit echter Systemwirkung und konkretem Nutzen für Patienten und Patientinnen“ (siehe auch Interview nächste Seite).
Das Thema Digital Health ist nicht zufällig gewählt. Die Life-Sciences-Branche hat sich zu einer der stärksten Zukunftsindustrien des Landes entwickelt. Biotechnologie, Pharma, Medizintechnik: Mit laut „Life Science Report Austria 2024“ rund 40 Milliarden Euro Jahresumsatz, mehr als 73.000 Beschäftigten und über 1.170 Unternehmen zählt der Sektor mittlerweile zu den bedeutendsten Hightech-Branchen Österreichs – und soll nun auch die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben.


Weniger Stürze. Durch die Erfassung bereits gesammelter Daten und mithilfe von KI reduziert Diether Kramer, Chef von Predicting Health, Zusatzrisiken von Patient:innen in Spitälern.
© C. GansbergerUmsetzung der Industriestrategie. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Gesundheitspolitik. Die Branche hat sich zu einem strategischen Standortfaktor entwickelt, weshalb sie auch in der Industriestrategie der Bundesregierung eine wichtige Rolle als Schlüsselindustrie einnimmt.
Im Wesentlichen geht es darum, Technologien von der Forschung bis zur Marktreife zu entwickeln – was genau ein Schwerpunkt der FFG ist. Als Förderagentur des Bundes setzt sie die politischen Zielsetzungen in konkrete Fördermaßnahmen um. Im Fokus: das Ankurbeln von Innovationen.
Im Life-Sciences-Bereich geht es dabei vor allem auch um die Erfassung und die Auswertung von medizinischen Daten. Ein Beispiel dafür ist die PH Predicting Health GmbH aus Graz. „Bei Aufnahmen in ein Krankenhaus kommen extrem viele Datenpunkte zusammen – angefangen bei Alter und Geschlecht über Vorbefunde und Diagnosen sowie Laborwerte bis hin zu Bewegungs- und Leistungsdaten“, erläutert Geschäftsführer Diether Kramer. Teilweise seien es an die 1.200 beschreibende Merkmale pro Person.
Die Idee hinter dem „Personalised Risk Tool“ des steirischen Unternehmens ist, mithilfe von KI und maschinellem Lernen innerhalb dieser Daten Muster zu erkennen. Die damit erstellten KI-unterstützten Risikoprognosen sollen helfen, kostspielige Komplikationen zu verhindern, und so das Gesundheitssystem entlasten. Denn jeder zehnte Patient, jede zehnte Patientin bekommt durch Verwirrtheitszustände, Stürze oder Mangelernährung im Spital noch zusätzliche Probleme. Bis zu 40 Prozent davon wären vermeidbar, so die Schätzung des früheren KAGes-Datenwissenschaftlers Kramer.
Sind die Daten von vornherein gut ausgewertet, kann das medizinische Personal prophylaktisch Maßnahmen ergreifen. Und: Es bekommt bei Handlungsbedarf automatisiert Hinweise im Krankenhausinformationssystem.
Das „Personalised Risk Tool“ ist vielversprechend: Nicht nur wird die Bedeutung automatisierter Support-Software aufgrund von Personalmangel im Gesundheitssystem zweifellos steigen. Kramer erwartet außerdem, dass derartige vollautomatisierte Systeme zur Risikoabschätzung künftig verpflichtend sein könnten – umso mehr, je anerkannter ihr Einsatz wird. Und das System ist ausbaufähig: Geforscht wird derzeit u. a. an Demenz- und Herzinfarktprognosen. In Oberösterreich ist das System bereits bei vier Häusern der Vinzenz-Gruppe im Einsatz, zwei Verträge stehen kurz vor dem Abschluss.
Gespendete Daten. Die strengen Vorgaben für die Sekundärnutzung von Daten aus der Gesundheitsversorgung erschweren naturgemäß deren Analyse. Auf „Datenspenden“ der Bürger setzt deshalb das Projekt Smart FOX – der Kurzname für „Smart and Federated Open Data eXchange of Citizen-based Data Donations for Clinical Research“. Im Kern geht es darum, möglichst viele medizinische Daten zu sammeln und für die Forschung zur Verfügung zu stellen.
„Die Menschen sind bereit dazu, wenn sie einen klaren gesellschaftlichen und/oder persönlichen Nutzen sehen, etwa die Verbesserung von Therapien bei schweren Krankheiten“, erklärt Projektkoordinator Klaus Donsa vom Austrian Institute of Technology GmbH (AIT). Voraussetzung sei, dass die Initiative von unabhängigen, öffentlich geförderten Akteuren getragen werde und nicht von rein kommerziellen Interessen getrieben sei. Modernste, datenschutzfreundliche Technologien mit dezentralen Speicherarchitekturen und starker Pseudonymisierung bzw. Anonymisierung der Daten erhöhten die Vertrauenswerte.
Die Auswertungen sollen in erster Linie universitäre Forschungseinrichtungen, Kliniken und Spitäler erhalten. Eine Nutzung durch forschende Pharma- oder Medizintechnikunternehmen sei dann sinnvoll, wenn sie der Entwicklung neuer Medikamente oder Medizinprodukte diene und strenge regulatorische Auflagen erfüllt seien. „Kommerzielle Versicherungen sind von einer solchen Nutzung dezidiert ausgeschlossen, um Diskriminierung von Versicherungsnehmern zu verhindern“, erläutert Donsa.
Das Konzept des „Datenaltruismus“ ist ein zentraler Pfeiler der europäischen Digitalstrategie, heißt es beim AIT. Und Österreich hat mit Smart FOX – und Folgeprojekten – sehr gute Chancen, sich durch die Verknüpfung von Datenspenden und der bestehenden Infrastruktur der ELGA, der elektronischen Gesundheitsakte, als internationaler Pionier für sichere, bürgerzentrierte Forschungsumgebungen zu positionieren, ist Donsa überzeugt.


Füße im Fokus. Mittels Schuhsohlen-Sensoren erstellt Peter Krimmer, Chef von Stapptronics, präzise Bewegungs- und Belastungsanalysen, was gezieltere Reha-Trainings ermöglicht.
© BEIGESTELLTIntelligente Schuhsohlen. Stark datengetrieben ist auch die Entwicklung der Vorarlberger „stAPPtronics“. „Auf Basis einer weltweit einzigartigen Sensortechnologie haben wir Lösungen für die medizinische Gang- und Bewegungsanalyse entwickelt“, erklärt Geschäftsführer Peter Krimmer. Die Lösungen „stappone Rehab“ für das Teilbelastungs-Feedback sowie „stappone Medical“ (Ganganalyse) befinden sich bereits im klinischen Routineeinsatz und in Pilotprojekten mit verschiedenen Partnerinstitutionen.
Zu den Kunden und Partnern im D-A-CH-Raum gehören neben diversen Rehazentren, Spitälern, Universitäten und Forschungsinstitutionen auch Ärzte und Physiotherapeuten, sportmedizinische Einrichtungen und Leistungszentren sowie erste Industrie- und Technologiepartner. Prominente Nutzerin
ist Skifahrerin Katharina Liensberger. Die zweifache Weltmeisterin und Olympiasiegerin erlitt Anfang 2026 einen Trainingssturz mit einer komplexen Knieverletzung. Nach der Operation konnte man in der Reha mit den stappone-Sensorsohlen den Heilungsprozess beschleunigen.


Datensammler. Klaus Donsa vom AIT setzt auf freiwillige Datenspenden, um die medizinische Forschung zu erleichtern.
© Klaus DonsaDie Technologie basiert auf sensorgestützten Einlegesohlen, die in handelsübliche Schuhe eingelegt werden können. Die Sohlen
erfassen präzise Druckverteilungen, Belastungskräfte und Bewegungsparameter, analysieren daraus das individuelle Gangbild in Echtzeit und ermöglichen so ein unmittelbares Feedback. „Die Vorteile liegen in der einfachen und schnellen Anwendung im klinischen Alltag“, so Krimmer. Patient:innen können mit den erfassten Daten in kürzester Zeit sinnvolle Bewegungsmuster nahegebracht werden, statt dass sie eine lang andauernde Physiotherapie durchlaufen müssen.
Die Produkte sollen nicht nur dem Spitzensport vorbehalten sein. „Da die Sensorsohlen typischerweise nur für einen begrenzten Zeitraum von einigen Wochen benötigt werden, setzen wir auf ein Mietmodell mit tagesbasierter Abrechnung“, so Krimmer. Auf Basis einer Nutzungsdauer von etwa vier Wochen entstehen Gesamtkosten von weniger als 200 Euro brutto. Für Physiotherapeuten und Ärzte gibt es ein Pay-per-Use-Modell.
Die Beispiele zeigen: Life Sciences zählen zu den innovativsten Branchen des Landes. Gerade in Feldern wie Biotechnologie oder Medizintechnik verfügt Österreich über eine starke Ausgangsbasis. „Und die Branche hat enorme Wachstumspotenziale“, betont Tausz, „denn die Digitalisierung verändert die Gesundheitsversorgung weltweit. Wer hier frühzeitig Kompetenzen aufbaut, kann neue Märkte erschließen
und hochwertige Arbeitsplätze schaffen. Deshalb ist Digital Health nicht nur ein Gesundheitsthema, sondern auch ein Wirtschafts- und Innovationsthema.“
„Digitale Innovation schneller in die Praxis bringen“
Die FFG-Geschäftsführerinnen Henrietta Egerth und Karin Tausz über die neue Initiative „Digital Health Austria“, die Bedeutung von Life Sciences für den Wirtschaftsstandort und die Rolle der FFG als Brücke zwischen Forschung und Anwendung.


HENRIETTA EGERTH (r.) ist nach Stationen in Brüssel, in der IV und im Wirtschaftsministerium seit 2004 Geschäftsführerin der FFG. Sie ist Mitglied in Wissenschafts- und Forschungsräten und bekleidet mehrere Aufsichtsratsmandate, u. a. beim IHS und der Erste Group Bank.
KARIN TAUSZ ist seit 2023 Geschäftsführerin der FFG. Davor war sie als Managerin und Innovatorin in der Stadt- und Regionalentwicklung sowie im Forschungs-, Industrie- und Bahnsektor tätig. Sie ist Aufsichtsratsvorsitzende der Austro Control und Aufsichtsrätin im AIT.
© SARAH KATHARINA PHOTOGRAPHYTREND: Was steckt hinter der neu gestarteten Initiative „Digital Health Austria“?
Henrietta Egerth: Unser Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen. Die Bevölkerung wird älter, der Bedarf an medizinischen Leistungen steigt, und gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. Digitale Technologien können hier einen wichtigen Beitrag leisten. Allerdings reicht es nicht, gute Ideen zu entwickeln. Sie müssen auch tatsächlich in der Versorgung ankommen. Genau dafür schaffen wir mit Digital Health Austria die Voraussetzungen.
Karin Tausz: Österreich verfügt über exzellente Forschung und innovative Unternehmen im Gesundheitsbereich. Oft scheitert der Weg in die Praxis aber an fehlenden Partnern, regulatorischen Hürden oder offenen Fragen zur Verwertung. Mit der neuen Initiative wollen wir, ganz im Sinne der Industriestrategie der Bundesregierung, Forschung, Wirtschaft, Gesundheitswesen und Anwenderinnen und Anwender früher zusammenbringen und Innovationen schneller in die Umsetzung führen.
Was unterscheidet diese Initiative von klassischen Förderprogrammen?
Egerth: Wir fördern nicht nur Forschung und Entwicklung, sondern begleiten Projekte auch bei Fragen der Umsetzung, Verwertung und gesellschaftlichen Wirkung.
Tausz: Deshalb haben wir gemeinsam mit aws und Ludwig Boltzmann Gesellschaft ein neues Förderökosystem aufgebaut. Die FFG bringt ihre Expertise in Forschung und Innovation ein, die aws unterstützt bei Verwertung und Skalierung und die Ludwig Boltzmann Gesellschaft bei Co-Creation und gesellschaftlicher Einbindung. Diese Kombination ist in Österreich einzigartig.
Welche Themen sollen konkret gefördert werden?
Tausz: Im Fokus stehen digitale Lösungen für reale Herausforderungen im Gesundheitssystem. Dazu gehören KI- und datenbasierte Anwendungen, die bessere Nutzung von Gesundheitsdaten und neue Versorgungsmodelle für strukturschwache Regionen. Entscheidend ist immer der konkrete Nutzen für Patientinnen und Patienten sowie für das Gesundheitssystem insgesamt.
Egerth: Es geht nicht um Technologie um ihrer selbst willen, sondern um Innovationen, die Versorgung verbessern, Prozesse effizienter machen oder die Lebensqualität von Menschen erhöhen.
Welche Rolle spielt die FFG in diesem Umfeld?
Egerth: Die FFG versteht sich als zentrale Innovationsagentur des Landes. Unsere Aufgabe ist es, Forschungsergebnisse in wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkung zu übersetzen. Wir unterstützen Unternehmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen und öffentliche Akteure dabei, Innovationen erfolgreich umzusetzen.
Tausz: Dabei geht es längst nicht mehr nur um klassische Forschungsförderung. Wir begleiten Transformationsprozesse, vernetzen unterschiedliche Akteure und helfen dabei, neue Technologien in die Anwendung zu bringen. Gerade bei Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Gesundheit braucht es solche Brückenbauer.