Die Illusion von Apothekerpreisen

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Apotheken sollen in absehbarer Zeit Impfungen anbieten dürfen – ein leiser Hoffnungsschimmer für eine Branche, deren Margen seit Jahren unter Druck stehen.

Wer in London an den Folgen einer ausgiebigen Recherchetour durch die örtliche Gastronomie leidet, muss keine weiten Wege in Kauf nehmen, um Linderung zu finden. Die Filialdichte des Drogeriemarkt-Giganten Boots reicht durchaus an die Verteilung der Pubs in der Themsemetropole heran. Und wer den Brummschädel am nächsten Morgen vermeiden möchte, kann sogar noch am gleichen Abend vorsorgen: Einige Standorte, unter anderem das prominente Geschäft am Piccadilly Circus, schließen erst um 23 Uhr – sorry: 11 p.m. 

Wer die Filiale gegenüber der als „Eros“ bekannten Statue des „Angel of Christian Charity“ betritt, passiert erst einmal eine üppig bestückte Kosmetikabteilung, doch im hinteren Teil des Geschäftslokals wartet die Rettung: Wie zahlreiche andere Filialen führt Boots Piccadilly Circus eine eigene Apothekenabteilung mit einer breiten Palette von „OTC-Produkten“ – das sind Medikamente, die ohne Verschreibung abgegeben werden, wie etwa zahlreiche Schmerzmittel. Patienten können sich hier aber auch verschreibungspflichtige Medikamente aushändigen lassen. Reine „Pharmacies“ sind im Straßenbild Londons hingegen rar. Sieht so auch die Zukunft in heimischen Großstädten aus?

Tatsache ist: Zwar halten sich die heimischen Drogeriemärkte bedeckt, wenn es um das Apotheker-Business geht, doch dass man grundsätzlich nicht abgeneigt ist, über eine Ausweitung des Geschäfts nachzudenken, ist ein offenes Geheimnis. Für Gerhard Kobinger, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer und selbstständiger Apotheker in Graz, wäre das keine gute Idee: „Dieses Geschäftsmodell birgt eine große Gefahr für die Patient:innen sowie für die Versorgungssicherheit. Arzneimittel gehören in die Apotheke – und nicht in eine Abteilung im Drogeriemarkt. Arzneimittel an Orten zu verkaufen, die von Impulskäufen leben, ist unverantwortlich. Kosmetikkompetenz ersetzt keine pharmazeutische Kompetenz.“

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Gerhard Kobinger, Vizepräsident der Apothekerkammer, hält nichts von Medikamenten per Internet. Apotheken stehen für Fälschungssicherheit und fachgerechte Lagerung.

Günstigere Konkurrenz.

Jedenfalls lässt sich nicht verheimlichen, dass das Geschäftsmodell Apotheke derzeit mit großen Herausforderungen konfrontiert ist – Stichwort Onlineapotheke. Dort tobt ein Preiskampf, der die klassischen Apotheken gehörig unter Druck setzt. Den rasch wachsenden Markt der Nahrungsergänzungsmittel konnten die Onlineangebote bereits zu einem beachtlichen Teil für sich gewinnen. Das Argument ist vor allem der Preis. Am Beispiel des Modepräparats Coenzym Q10: Der Listenpreis eines Markenprodukts, 60 Stück zu 120 Milligramm, der üblicherweise in Apotheken verrechnet wird, beträgt 99,50 Euro. Wer im Internet geduldig sucht, findet das gleiche Produkt bei einem Onlineanbieter um 70,61 Euro, also um fast 30 Prozent billiger.

Marktführer im Bereich rezeptfreier Medikamente ist die Shop Apotheke, die darauf drängt, auch verschreibungspflichtige Medikamente vertreiben zu dürfen. Kammer-Vizepräsident Kobinger hält dagegen: „Nur in den Apotheken können sich die Menschen darauf verlassen, geprüfte, einwandfreie und fälschungssichere Arzneimittel zu erhalten, die an jedem Punkt der Produktions- und Lieferkette fachgerecht transportiert, gelagert und sorgfältig geprüft wurden.“ 

Was in den Augen von Kobinger genauso auch für nicht verschreibungspflichtige Medikamente gilt. Eine durchaus nachvollziehbare Argumentation, immerhin ist jener Bereich, der durch die Onlineangebote jetzt schon unter Druck steht, für die Apotheken von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sind den Apotheker:innen nämlich, was die Kalkulation betrifft, die Hände gebunden. Die Rezeptgebühr ist ein reiner Durchlaufposten. Die Preise der Medikamente verhandelt der Dachverband der Sozialversicherungsträger direkt mit den Pharmafirmen. Naturgemäß liegt es im Interesse der Leistungsträger, einen möglichst niedrigen Preis auszuhandeln. Wirtschaftlicher Spielraum, hier selbstständig zu kalkulieren, existiert für die Apotheken somit kaum. 

Bei Nahrungsergänzungsmitteln und OTC-Medikamenten wiederum schränken die Diskontangebote im Internet den Kalkulationsspielraum ein. Wirtschaftlich sind diese Produkte für die Apotheken allerdings lebenswichtig. Der Umsatz mit diesen Medikamenten zur Selbstbehandlung macht nur rund ein Drittel des Gesamtumsatzes einer Apotheke aus, aber rund 60 Prozent des Deckungsbeitrags stammen aus diesem Bereich – der auch für das Gesundheitssystem von großer Bedeutung ist. Denn wenn Menschen mit ihren Beschwerden in die Apotheke kommen und dort gemeinsam mit dem Fachpersonal eine Lösung finden, entlastet dies das ohnedies bereits überstrapazierte Gesundheitssystem.

Rote Zahlen.

Die Balance zwischen Versorgung der Bevölkerung und Wirtschaftlichkeit zu finden, wird immer schwie-riger. Aktuell schreiben 13 Prozent aller Apotheken rote Zahlen, 30 Prozent der Apotheken können nicht mehr die Kosten eines angestellten Leiters bzw. einer angestellten Leiterin erwirtschaften. Daher fordert die Österreichische Apothekerkammer schon seit Jahren eine faire Honorierung der Arzneimittelversorgung durch öffentliche Apotheken – im Klartext: höhere Spannen.  

Diese gingen in den vergangenen Jahren stetig zurück. 2009 lag die durchschnittliche Handelsspanne bei 18,6 Prozent, jüngsten Zahlen der Apothekerkammer zufolge schrumpfte sie auf nur noch 11,4 Prozent im vergangenen Jahr. 

Die Branche ist auch ein wichtiger Arbeitgeber. Ende 2025 waren in öffentlichen Apotheken 6.537 Apothekerinnen und Apotheker beschäftigt. Es ist eine Branche mit einem der höchsten Frauenanteile in einer qualifizierten Tätigkeit: 59,3 Prozent selbstständigen Apothekerinnen und 85,7 Prozent angestellten Apothekerinnen steht eine männliche Minderheit gegenüber. Insgesamt beschäftigten die 1.470 Apotheken Österreichs, Lehrlinge und sonstiges Personal eingeschlossen, Ende 2025 19.314 Personen. Diese bedienen täglich durchschnittlich 600.000 Menschen.

Ein spezielles Entlohnungssystem sorgt überdies für eine faire Verteilung der Lohnkosten innerhalb der Apotheken und garantiert seit rund 100 Jahren, dass es keine Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt.

Impfen ohne Arzt. Eine neue Einnahmequelle könnten Impfungen sein, die von Apotheker:innen verabreicht werden. Die Bundesregierung hat Anfang des Jahres die Grundsatzentscheidung getroffen, Impfungen in Apotheken zu ermöglichen. Noch fehlen zwar die konkreten Rahmenbedingungen, aber 2.700 Apothekerinnen und Apotheker haben bereits eine duale Impfausbildung absolviert.

Die Ärztekammer zeigt sich erwartungsgemäß skeptisch. „Das Vorhaben von Impfungen in Apotheken wirft eine zentrale Frage auf“, so Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte: „Wie glaubwürdig ist ein System, in dem medizinische Assistenzberufe nach drei Semestern Ausbildung in Theorie und Praxis in Ordinationen zwar Blutabnahmen durchführen dürfen, jedoch keine Impfungen – obwohl diese in einem medizinischen Umfeld mit entsprechenden Qualitäts- und Hygienestandards stattfinden und Ärztinnen und Ärzte im Bedarfsfall unmittelbar verfügbar sind? Demgegenüber sieht das Ministerium vor, dass Personal in Apotheken nach kurzer Zusatzausbildung Impfungen durchführen darf.“

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Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Ärztekammer, sieht Impfen in Apotheken kritisch. Ausbildung und die Verfügbarkeit ärztlicher Hilfe seien wichtige Kriterien.

Im Dachverband der Sozialversicherungsträger steht man dem Thema hingegen positiv gegenüber – unter anderem, weil man sich sowohl eine Steigerung der Durchimpfungsraten als auch eine Kostenersparnis erhofft. Was dafür spricht, dass Apotheken in absehbarer Zeit Impfungen anbieten werden und sich damit eine neue Einnahmequelle erschließen können.

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