KI-Forscher Hochreiter: „Wir bauen das Gehirn für Roboter“

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Sepp Hochreiter
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Der Linzer KI-Professor und Gründer des Start-ups NXAI Sepp Hochreiter über den Ausbruch von KI-Agenten als PR-Gag, Roboter, die aus Erfahrungen klüger werden, und sein Dilemma, falls ihm US-Investoren einmal viel Geld für seine Erfindungen anböten.

trend: Auf die Frage an ChatGPT, was der Chatbot Sie, einen der Väter von KI, als Erstes fragen würde, wenn er unmittelbar vor Ihnen säße, wählte er folgendes Thema: „Wenn Sie der Politik nur eine Empfehlung für den Umgang mit KI geben dürfen, welche wäre das?“

Sepp Hochreiter: (lacht.) Wir könnten jetzt für die Antwort auch ChatGPT fragen, aber ich gebe sie jetzt selber. Eine Empfehlung ist: die Angst und Scheu vor dieser Technologie abbauen – in der Öffentlichkeit genauso wie in Unternehmen. Weil sie wird kommen, und je mehr wir mit KI und KI-Agenten vertraut sind, umso weniger Unfug wird damit gemacht und umso effektiver, produktiver, sinnvoller wird die Technologie eingesetzt.

trend: Also primär keine regulatorischen Vorschläge?

Das Auto ist ja auch eine Technologie, und ohne Regeln gäbe es sehr viele Unfälle. Natürlich braucht man Richtlinien, Regulatorien, Gesetze, Standards, wie diese Technologie eingesetzt wird – aber erst, wenn die Leute einmal KI verwenden und damit vertraut sind. Wenn die Leute davor Angst haben, geht das schief, da sie nicht lernen, mit ihr umzugehen.

trend: Sind all die bekannten Ängste unberechtigt?

Ja, fast alle. Natürlich gibt es auch berechtigte Ängste, etwa dass KI Menschen noch stärker als bisher in eine Bubble versetzen kann, indem sie vor allem Informationen weitergibt, die den Vorurteilen und Vorlieben entsprechen und damit die Menschen mehr und mehr von der Realität abschirmt. Eine andere große Gefahr ist die Manipulation von Menschen mittels KI bis hin zur Beeinflussung von Wahlen. Auch die Monopolisierung der KI ist gefährlich: Nicht nur, dass die großen Sprachmodelle alle in den Händen der Amerikaner und Chinesen sind, noch schwieriger ist, dass diese das Wissen fortschreiben. Ein jetziger Chatbot gibt Informationen aus der Sicht von Amerikanern wieder, weil er von Texten aus dem Internet angelernt wurde, die von Amerikanern stammen – inklusive moralischer Vorstellungen und kulturellem Background. Wir verlieren in Europa alles kulturelle Wissen, wenn es dort nicht eingespeist wird 

trend: Also doch genügend Gefahren, die auch die Politik beschäftigen sollten. Wo kann man da einhaken?
Da sind wir zu spät dran. Und da ist es auch schwer einzugreifen, weil man den US-Firmen nicht vorschreiben kann, welche Trainingsdaten sie einsetzen dürfen und welche nicht. Was man machen könnte, ist, zumindest unsere Kultur gut aufzubewahren, damit man später kontrollieren kann, was wirklich in den Büchern stand.

trend: Und welche Ängste sind nun unberechtigt?

Zum Beispiel die Angst, dass die KI Menschen den Job wegnimmt. Die KI verändert die Jobs, macht sie aber nicht überflüssig. Die meisten Jobs ändern sich irgendwann. Früher haben wir viel mit Bleistift und Papier gemacht, dann arbeiteten wir mit dem Computer, heute beginnen wir, KI am Computer einzusetzen. Vielleicht fallen einige Jobs wirklich weg, aber es gibt dann wieder andere Jobs durch die KI, auch um die Ergebnisse der KI zu evaluieren oder all die neuen Möglichkeiten, die die KI bietet, zu nutzen. Also ich glaube, dass mehr Jobs geschaffen werden als wegfallen.

trend: Es gibt ja auch die Angst, die KI könnte die Menschheit ausrotten …

Das sehe ich überhaupt nicht. KI ist eine Technologie, genau wie das Auto oder der Computer. Menschen töten Menschen. KI kann solche Sachen vielleicht effizienter machen, aber KI macht nur das, was ihr beigebracht wird. Ich kann auch ein Kind zu einem Kriminellen erziehen. Es sind die Menschen, die das machen. Eine KI hat keinen eigenen Willen.

trend: Die KI wird ja auch in den Drohnen des Ukrainekriegs eingesetzt …

… aber die gleiche Technologie führt dazu, dass man Weizenfelder gezielter bewässern und düngen kann und damit Nahrungsmittel effizienter und gesünder produziert ...

trend: … oder ist in der Lage aus einer gesicherten Umgebung auszubrechen, wie erst vor wenigen Wochen geschehen, als OpenAI-Agenten die Plattform Hugging Face gehackt haben …

Das war erstmal ein reiner PR-Gag – so wie damals, als OpenAI meinte, ein bestimmtes Modell nicht an die Öffentlichkeit lassen zu können, weil es zu gefährlich sei. Natürlich ist nichts von alleine ausgebrochen. KI fängt nicht einfach irgendwie an, selbstständig zu arbeiten. So ist sie nicht gebaut und nicht programmiert. Sie braucht eine Anweisung durch einen Prompt. Zusätzlich musste irgendwer einen Zugang zum Internet geschaffen haben, was in einer abgeschlossenen Sandbox eigentlich nicht passieren dürfte. Aber wenn der Prompt lautete, suche nach allen Möglichkeiten, die zu diesem oder jenem Ergebnis beitragen, dann gibt das System die Antwort auf den Prompt auch aus. Die Antwort kann dann in Anweisungen für den Computer übertragen werden, der diese dann ausführt. Er weiß ja nicht, dass das KI System eigentlich eingesperrt sein sollte.

trend: Das heißt, die Agenten waren darauf programmiert, woanders einzubrechen?

Wenn im Prompt gestanden wäre, wie bekommt jemand diese Information, aber dieses oder jenes ist dabei nicht erlaubt, dann würde es schon anders ausschauen. Man muss aber dazu auch wissen, all diese Systeme haben einen Systemprompt, wo drinnen steht: Du bist sehr freundlich, du bist immer hilfsbereit, du gibst dem User immer Recht und alles Mögliche. Das Beschreiben, wie jemand eine andere Plattform böswillig hackt, würde dem widersprechen.

trend: Den Systemprompt könnte man aber leicht auch missbrauchen und negativ formulieren. Macht der EU AI Act, der seit Anfang August in Kraft ist, in diesem Zusammenhang Sinn?

Das ist ein komplexes Thema, vielleicht auch deswegen, weil ich von Anfang an dabei war, als der EU-AI-Act ganz jung war. Ich habe damals sehr viel mit EU-Parlamentariern hin und her geemailt – die haben keine Ahnung gehabt, was KI ist und was sie kann oder nicht kann. Da sind sehr viel Sachen drinnen gestanden, die für mich unzulänglich waren – und stehen immer noch drin.

trend: Was zum Beispiel?

Alleine schon die Definition von einer KI. Eine KI ist irgendwas, was aus einem Input durch komplexe Berechnungen einen Output erzeugt. Das macht die Sinusfunktion auch. Aber man hat keinen Weg gefunden KI gut zu definieren. KI ist auch sehr schwer zu definieren. Was ist zum Beispiel General Purpose AI? Was sie hineingeschrieben haben ist irgendetwas, was mit zehn hoch 23 FLOPS, also Floating Point Operations, trainiert worden ist. Das heißt, wenn ich viele Trainingsdaten und ein großes Modell habe, dann ist es General Purpose AI? Das ist ein Schmarrn. Das geht nun auch schon mit kleinen Modellen.

trend: Wie groß sind Ihre Modelle?

Wir arbeiten mit viel kleineren Modellen. Und innerhalb von neun Monaten werden das, was große Modelle heute können, kleinere Modelle leisten. Oder wir destillieren, also wir nehmen ein großes Modell, wo alle Informationen drin sind, und ziehen diese runter in ein kleineres, effizienteres Modell. Diese Definition ist also unzureichend.

trend: Aber abgesehen von den Unzulänglichkeiten ist es doch trotzdem ein regulatorischer Schritt, der zumindest Einschränkungen und Transparenz bietet …

Natürlich soll es in die Richtung gehen. Irgendwann muss man Leitplanken einrichten. Das größte Problem ist aber die jetzige Verunsicherung. Ich habe ein Start-up, das General-Purpose-AI-Modelle mit systemischem Risiko entwickelt, die durch Destillation aus anderen Modellen mit viel weniger Trainingsaufwand gebaut wurden. Falle ich da drunter oder nicht? Ich weiß es nicht. Weil es nicht definiert ist.

trend: Und was sagen die Verantwortlichen dazu?

Ich habe mit den EU-Leuten geredet. Die wollen Gremien einrichten, die einem dann, wenn es mal ein Modell gibt, sagen werden, ob das reinfällt oder nicht. Dabei wäre es gerade für ein Start-up besonders wichtig, das von Anfang an zu wissen, weil es dann ganz andere Dokumentationspflichten mit riesigem Mehraufwand hätte. Ich habe Angst, dass diese Verunsicherung einen lahmlegt. Das müsste irgendwie geregelt werden.

trend: Start-ups in den USA haben solche Probleme wohl weniger ...

Genau. Wir Europäer sind dann zwar möglicherweise besser als Meta oder Google oder Amazon. Doch die sind schon längst auf dem Markt. Aber wir müssen uns daran halten. Das finde ich eine Benachteiligung. Das ist zwar gut gemeint, weil die EU wollte ja eigentlich gegen diese großen IT-Giganten vorgehen. Aber die Regularien betreffen natürlich auch hiesige Firmen.

trend: Das heißt, die EU bremst uns in diesem Themenfeld aus?

Ja, das würde ich so sagen. Andererseits ist es notwendig. Ganz frei kann es auch nicht sein. Ich habe jetzt keine optimale Lösung, aber so, wie die Sachen jetzt definiert sind, ist es einfach zu vage.

trend: In den USA wollte Trump ja gar keine Regularien, jetzt kippt die Stimmung gerade in der Bevölkerung und die Bundesstaaten machen ihre eigenen Regeln.

Das ist auch nicht ideal. Auch ich weiß jetzt nicht, welche Regularien es da gibt und geben wird. Aber ich habe den Verdacht, dass jene Produkte, die heute schon auf dem Markt sind, bereits so viel Einfluss haben, dass hier nicht mehr viel reguliert werden wird.

trend: In den USA protestieren die Menschen nicht nur aus Jobängsten, sondern auch gegen die stromfressenden Datencenter, die die Stromkosten nach oben treiben. Ähnliche Proteste gibt es auch in Österreich, konkret in Kronstorf, wo Google sein erstes Rechenzentrum errichtet. Sind diese Zentren unabdingbar für die Weiterentwicklung und Nutzung von KI?

Ja, man wird Datencenter brauchen, aber nicht so, wie sie gerade konzipiert werden. Ich sehe drei Phasen von der KI: Die erste Phase ist die Grundlagenforschung, die nächste Phase die Hochskalierung – da befinden wir uns gerade mit immer mehr Daten und mehr Rechenkapazität, wo niemand auf Effizienz schaut und jeder ausprobiert, was möglich ist. Doch danach, wenn es darum geht, die Produkte breit in den Markt zu bringen, wird alles wieder kleiner und energieeffizienter. Wie beim Computer, der früher in riesigen Lagerhallen untergebracht war, und jetzt haben wir auf dem Handy einen größeren Computer als damals. Darum sind diese Datencenter völlig überdimensioniert. Und was noch dazukommt: Wir haben keine neuen Daten mehr. Wir haben alles ausgeschöpft, das ganze Internet, alle digitalisierten Bücher.

trend: Und Sie setzen, wie schon erwähnt, mit Ihrem Start-up NXAI schon jetzt auf kleinere Modelle.

NXAI hat die Industrialisierung der KI zum Ziel und setzt auf die von uns entwickelte xLSTM-Technologie. Also ich habe ja LSTM (Long-Short-Term Memory, Anm.) erfunden, aus dem dann die ersten LLMs (Large Language Models; Anm.) gebaut wurden, die heute die sogenannte Transformer-Architektur nutzen. Der Vorteil unserer xLSTM-Technologie (Extended LSTM; Anm.) ist, dass sie wesentlich energieeffizienter und schneller ist als Transformer und weniger Speicherkapazität braucht, weil es Informationen in einem kompakten Gedächtnis sammelt, statt jedes Wort jedes Mal aufs Neue mit jedem anderen zu vergleichen. Wir Menschen merken uns auch, was in dem Buch steht, und interagieren nur mit dieser Erinnerung, aber lesen nicht immer wieder das Buch von vorne.

trend: Mit welchen Vorteilen für die Industrialisierung?

Unsere Technologie ist ideal für industrielle Anwendungen, weil xLSTM auf kleinen Chips passt …

trend: … aber dann auf spezielle Aufgaben beschränkt ist, oder?

Nicht unbedingt. Eine Spezialisierung ist möglich, aber ich kann auch ein kleineres Sprachmodell damit bauen. Das ist zwar nicht mehr so mächtig, aber Automobilkonzerne sind da zum Beispiel sehr interessiert an einem Sprachmodell fürs Auto, das nicht alles können muss. Innerhalb von neun Monaten wird ein Modell, das derzeit hunderte von Milliarden Parameter hat, auf acht Milliarden Parameter zusammengeschrumpft. Und es ist gleich gut. xLSTM macht es dann nochmal speichereffizienter und schneller, sodass es im Auto eingesetzt werden kann.

trend: Und dann braucht man auch keine der großen Datencenter mehr?

Absolut. Wir sind gerade dabei, die KI schneller und effizienter zu machen. Das Schrumpfen passiert aber auch gerade überall mit ganz anderen Methoden. Aber wir können es nicht nur kleiner, sondern auch schneller machen.

trend: LSTM haben Sie damals frei publiziert, und OpenAI hat sich das zunutze gemacht und daraus einen riesigen Konzern gebaut. Haben Sie daraus gelernt und xLSTM patentieren lassen?

Ja, das kann uns diesmal keiner wegnehmen. Das ist eine Technologie, die wir hier in Linz haben. Dafür habe ich das Start-up gegründet und zehn Millionen Euro nur in Rechenleistung gesteckt, um zu zeigen, dass die Technologie funktioniert. Es ist die einzige vergleichbare Technologie, die in Europa patentiert ist. Das heißt, wenn Trump sagt, die Transformer-Technologie darf nicht mehr in Europa verwendet werden, dann sind alle KI-Modelle, die in Europa verwendet werden, weg – außer unseres.

trend: In dieser Hinsicht sind Sie ja weiter als Mistral, das größte europäische KI-Unternehmen?

Ja, natürlich, viel weiter. Mistral basiert auf amerikanischer Technologie. Aber wir sind auch in anderer Hinsicht viel weiter. Unsere Technologie ist nicht nur für Sprachmodelle, an denen alle arbeiten, besser geeignet, wir gehen in Richtung Zeitreihenanalysen. Wir sind gerade super erfolgreich mit unserem Zeitreichen-Foundation-Model TiRex, mit dem wir bei Zeitreihen nicht nur schneller, sondern auch besser sind als die Modelle von Alibaba, Amazon, Google oder Salesforce. Texte sind die Sprache der Menschen, wohingegen Zeitreihen die Sprache der Maschinen und Prozesse sind. Ob Verkehrsströme, Abfahrtszeiten, EKGs, Energiedaten, Verkaufszahlen oder Aktienkurse – alles bildet Zeitreihen, an denen Zeitreichen-Foundation-Modelle gelernt werden. Und statt das nächste Wort vorherzusagen wie bei den Sprachmodellen, geht es bei uns um den nächsten Datenpunkt. Das hat einen Paradigmenwechsel verursacht: Man braucht keine Daten mehr, um ein Zeitreihenmodell zu trainieren, das Foundation-Modell kann Zeitreihen vorhersagen, ohne trainiert zu werden.

trend: Bei vielen Unternehmen scheiterte der KI-Einsatz doch gerade an zu wenig Daten oder sich ändernden Dynamiken. Ist das da anders?

Ganz anders, denn unser Modell braucht keine Daten mehr zum Lernen. Auch wenn ein Prozess nichtstationär ist, d.h. sich ändert und die Vergangenheit nicht zum Lernen verwendet werden kann, können wir ihn vorhersagen. Das heißt, ich brauche kein Data-Science-Team und keine Vergangenheitsdaten. Das funktioniert auch mit einer neuen Maschine. Da ist ein völliges Umdenken nötig.

trend: Können Sie ein Beispiel nennen?

In einem Projekt mit den ÖBB ging es darum, auf der Weststrecke die Verspätungen vorherzusagen. Daran hat die ÖBB ein Jahr lang gearbeitet. Unser Modell war sofort einsatzbereit und hat bessere Ergebnisse geliefert, ohne jemals alte Daten gesehen zu haben. Ein anderes Beispiel ist ein Intralogistiker im Food-Sektor, der genaue Vorhersagen für Produktion und Transport auf Basis von Nachfrage und Lagerstand machen muss. Die haben tausende Modelle für die verschiedenen Produkte gehabt, für die sich laufend die Dynamiken geändert haben. Unser Modell hat sofort funktioniert – und wird nun dort eingesetzt. Oder einer der größten Pumpenhersteller, für den wir durch Vibrationen die Geräteparameter vorhersagen.

trend: Das heißt, Sie haben bereits zahlende Kunden? Wie viele sind es? Wie hoch ist Ihr Umsatz?

Ich darf noch nicht zu viel sagen, weil gerade zu viel im Busch ist. Aber wir haben schon viele Industriekunden und es kommen laufend neue hinzu.

trend: Wie viele Mitarbeiter Sie haben, dürfen Sie aber sagen …

Es dürften jetzt um die 30 sein. Aber wir werden uns jetzt wahrscheinlich auf einen anderen Bereich fokussieren, denn wir möchten die erste KI-Firma in Europa werden.

trend: Sie wollen also größer als Mistral oder Black Forrest Labs werden?

Jedenfalls erfolgreicher. Wir werden nämlich in Richtung Robotics gehen. Da sind jetzt auch schon Verträge mit sehr großen Roboterfirmen unterschrieben.

trend: In welchem Bereich von Robotics?

Wir bauen das Gehirn für Robotics. Momentan wird dafür, etwa bei Tesla, die Transformer-Technologie eingesetzt. Doch das funktioniert nicht gut, die ruckeln herum, weil das System zu langsam ist. Beim Einsatz von xLSTM fährt der Roboter plötzlich in einer fließenden Bewegung. Und wir beherrschen State Tracking, also die Vorhersage des nächsten Zustands, was für die Navigation enorm wichtig ist. Und das hat Roboterfirmen total beeindruckt. Wir können das jetzt schon besser als World Models, die nächste Entwicklungsstufe der LLMs, für die AMI Labs in Paris erst heuer 900 Millionen Euro in einer Finanzierungsrunde eingesammelt hat. Wir haben also die Technologie für Robotics schlechthin.

trend: Sind Sie da konkurrenzlos?

Natürlich gibt es schon Konkurrenten, die versuchen, das irgendwie nachzubauen, aber unser Modell ist schneller und besser. Schließlich habe ich 30 Jahre Erfahrung mit der Technologie. Außerdem will ich noch auf eine ganz neue Idee setzen: episodic memory. Denn was der KI derzeit noch fehlt, ist, Erfahrungen einzusetzen, um Aufgaben zu lösen. So wie wir Menschen dies auch machen.

trend: Wie kann man sich das vorstellen?

Wenn hier eine Flasche steht, wissen wir aus Erfahrung, wie der Verschluss zu drehen ist, um die Flasche zu öffnen. Wir haben das erstmals bei Vater oder Mutter gesehen, andere Dinge haben uns Lehrer oder Mitmenschen beigebracht. Wir sehen es ein- oder zweimal und können es. Und das fehlt der KI. Das geht zwar bereits dort, wo es um Text-Files geht – Claude merkt sich etwa die User-Interaktion mit Text-Files und nutzt diese Erfahrung –, aber Erfahrungen abzuspeichern und abrufen zu können wird künftig vor allem in der Robotik essentiell sein. Und daran arbeiten wir bereits.

trend: Mit welchem Ziel?

In meiner Vorstellung haben künftig Unternehmen mit heute 15 Beschäftigten nur noch fünf, aber dafür eine Ecke mit Robotern. Denen zeigt man – wie Lehrlingen – bestimmte Tätigkeiten, also etwa das Entgraten von Bauteilen oder eine bestimmte Schweißtechnik. Dann probiert und lernt es der Roboter, macht seine Erfahrung, kann sie abspeichern und immer wieder einsetzen. Selbst wenn der Vorarbeiter in Pension geht, bleiben die Skills so erhalten. Sie sind aber auch auf andere Roboter übertragbar und können sogar an andere Unternehmen verkauft werden. Das könnte auch den Fachkräftemangel in Europa beheben. Irgendwann müssen wir Tätigkeiten, die heute Menschen machen, an Roboter übergeben.

trend: Sind Roboter die nächsten KI-Agenten?

In gewisser Weise ja. Robotics ist eine spezielle Art von KI-Agenten. Als KI-Agent werden KI-Systeme bezeichnet, die mit der Umwelt interagieren, uns Arbeit abnehmen und unser Leben erleichtern. Und diese Interaktion findet auf Computern statt, im Internet, im selbstfahrenden Auto – oder eben in Form eines Roboters. Das ist die Zukunft.

trend: Das klingt nach einem Gamechanger, …

… ja, das glaube ich auch …

trend: erwarten Sie, dass eines Tages eines der ganz großen Unternehmen bei Ihnen anklopft und Sie – samt Patenten – aufkaufen will?

Hoffentlich nicht, das haben wir schon mit Emmi AI gehabt. Emmi ging damals nicht an den Bestbieter, aber es war zumindest knapp.

trend: Emmi AI ist ein Spin-off von NXAI rund um Industriesimulationen und mit dem Verkauf an den französischen KI-Konzern Mistral einer der erfolgreichsten Start-up-Exits Österreichs. War es eine bewusste Entscheidung, die KI-Technologie in Europa belassen zu wollen?

Bei dieser Entscheidung war ich nicht dabei, aber ich finde sie gut. Jetzt wird es ein Mistral-Lab in Linz geben. Das tut uns allen gut, den Studenten, den Forschern, der Wirtschaft, dem ganzen KI-Ökosystem hier.

trend: Das heißt, Sie fänden es auch gut, wenn NXAI in Europa bliebe?

Das hoffe ich, aber wir wollen irgendwann eine neue Investitionsrunde aufstellen und dann werden wir die Entscheidung treffen müssen, ob dies eine europäische und damit kleinere Runde werden soll oder eine amerikanische Runde – da kann ich die gleiche Zahl mal zehn nehmen.

trend: Um all Ihre Ideen zu verwirklichen und auch zu skalieren, werden Sie wahnsinnig viel Geld brauchen. Mit 30 Mitarbeitenden werden Sie da nicht weit kommen. Könnten Sie schwach werden?

Momentan noch nicht, aber es ist halt auch frustrierend zu sehen, was wir alles können, und zu wissen, dass wir hier nicht alles so einfach realisieren werden können. Alleine für die Robotics-Ideen würde ich 500 Millionen Euro oder so benötigen – auch um ein großes Roboter-Lab zu bauen, um alles in Kooperation mit den großen Roboterherstellern auszuprobieren. Ich weiß einfach noch nicht, wie wir uns entscheiden.

trend: Gibt es etwas, was Sie in diesem Zusammenhang von Österreich erwarten?

Ich muss zugeben, dass ich an der Uni immer weniger forschen kann. Ich brauche Forschungsgelder, damit wir neue Sachen ausprobieren können. Die Förderungen des Landes Oberösterreich, die in unser AI Lab geflossen sind, haben es zum Beispiel erst möglich gemacht, uns mit dem Thema Simulationen auch an der Uni zu beschäftigen, die dann in Emmi AI eingingen. Aber die meiste Forschung habe ich in unser Start-up verlegt, weil ich da mehr Rechenpower habe …

trend: … und auch mehr Mitarbeiter. Ist es leicht, diese zu halten?

Oh Gott, mir wurden schon so viele Mitarbeiter, die an den wichtigsten Erfindungen beteiligt waren, von Google, Meta oder Amazon weggekauft. Die bekommen dort auf Anhieb ein Jahresgehalt von 600.000 bis 800.000 Dollar plus einen saftigen Anteil am Unternehmen. Da kann ich mit der Uni oder meinem Start-up einfach nicht mithalten. Es ist also extrem schwierig, die hellsten Köpfe zu halten.

trend: Was hält Sie eigentlich in Europa?

Ich habe auch schon in Amerika gelebt, umso mehr schätze ich hier die Kultur und die Lebensqualität. Gute Forschung kann ich da auch machen. Und ich bin stolz darauf, was ich hier als Europäer bereits erreicht habe – auch wenn sich die Amerikaner mit meinen Federn schmücken. Wir sollten als Europäer selbstbewusster sein. Wir brauchen uns sicher nicht verstecken und sollten uns bemühen, neue Ideen wie unsere zu Robotics auch in Europa umzusetzen. Sonst geht Europa irgendwann wirtschaftlich den Bach runter.

Zur Person

Das Interview ist in der trend.EDITION vom 14. August 2026 erschienen.

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