
In China gibt es einen echten OpenClaw-Hype.
©APA/APA/AFP/ADEK BERRYGastkommentar: Arbeitsmarkt und Software verschmelzen. Wer künstliche Intelligenz für einen Hype hält, wird sein Geschäftsmodell verlieren, meint Gerhard Kürner.
Erinnern Sie sich an Februar 2020? An diese merkwürdigen Wochen, bevor sich alles veränderte? Irgendein Virus in China, das wird schon nicht so schlimm. Drei Wochen später war nichts mehr, wie es vorher war.
Wir befinden uns gerade wieder in so einer Phase. Nur dass diesmal nicht ein Virus die Welt auf den Kopf stellt, sondern etwas, das sich seit dem Herbst 2025 leise aufgebaut hat und jetzt mit voller Wucht einschlägt. Was seitdem passiert, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Arbeitsmarkt und Softwaremarkt beginnen zu verschmelzen. Und damit verändert sich alles.
Zwei Entwicklungen, die getrennt begannen, laufen seit dem vergangenen Herbst zusammen. Erstens: Künstliche Intelligenz kann mittlerweile Software in einer Qualität und Geschwindigkeit erstellen, die vor einem Jahr undenkbar war. Anfang 2025 sprach man von „Vibe Coding“, Laien, die sich spielerisch Apps zusammenklickten. Ein charmantes Experiment, mehr Party als Produktion. Inzwischen sind wir um Lichtjahre weiter.
Zweitens: KI ist aus dem Chatfenster ausgebrochen. Endgültig. Was die meisten darunter verstehen, eine Textbox, Frage rein, Antwort raus, ist nur noch die primitivste Form der Interaktion. Die neue Generation arbeitet wie ein eigenständiger Mitarbeiter: durchforstet Datenbanken, führt mehrstufige Aufgaben aus, prüft Ergebnisse und liefert nachprüfbare Resultate.
Wie radikal das ist, zeigt ein österreichisches Beispiel: Der in Oberösterreich aufgewachsene Entwickler Peter Steinberger baute im Herbst 2025 OpenClaw, einen KI-Agenten, der wie ein digitaler Mitarbeiter auf dem eigenen Rechner läuft und komplexe Arbeitsabläufe eigenständig erledigt. Er habe den Prototyp gebaut, sagte Steinberger später, weil es ihn „genervt hat, dass es das nicht gibt, also habe ich es einfach zusammengepromptet“.
Innerhalb weniger Wochen erreichte OpenClaw 100.000 Sterne auf GitHub, schneller als jedes Open-Source-Projekt zuvor. Am 15. Februar wurde Steinberger von OpenAI abgeworben. Sam Altman bestätigte es persönlich. Ein Österreicher, der nicht programmiert, sondern promptet, wird zum bekanntesten Entwickler der Stunde. Durch seinen Auftritt bei Armin Wolf in der „ZIB 2“ kurz nach seiner OpenAI-Verpflichtung wurde er auch einem breiteren Publikum bekannt.
Wenn Software zehnmal schneller entsteht als bisher, beschleunigt sich alles, was darauf aufbaut: Forschung, Produktentwicklung, Logistik, Finanzmodelle. Jeder digitale Prozess wird in denselben Sog gezogen. Die Grenze zwischen „eine Lösung kaufen“ und „eine Lösung bauen“ verschwindet. Start-ups, von zwei Personen mit KI betrieben, erreichen die Produktivität eines ganzen Softwarehauses. Für den deutschsprachigen Raum kommt der Fachkräftemangel hinzu: 82 Prozent der deutschen Unternehmen können offene Stellen nur schwer besetzen. KI ersetzt hier keine Mitarbeiter. Sie füllt Lücken, die sonst niemand füllt.
Und genau hier liegt die eigentliche Disruption: nicht in der Technologie, sondern in der Entscheidung. An der Technik wird es nicht mehr scheitern. Scheitern wird es an den Menschen, die nicht daran glauben. „Wieso soll ich der Vorgesetzte eines KI-Agenten sein?“ So denken heute vermutlich viele. Es klingt absurd, fremd, übertrieben. Genauso absurd, wie es heute klingt, wenn jemand sagen würde: „Das Internet? Das ist nichts für mich.“ Doch genau das sagten in den Neunzigerjahren viele. Unternehmer, Manager, ganze Branchen. Sie verschwanden. Nicht über Nacht, aber unwiderruflich. Wer abwartet oder zögert, wird feststellen, dass die Welt, die er kannte, aufgehört hat zu existieren. Und er es nicht kommen sah.
Zur Person
GERHARD KÜRNER ist CEO des KI-Technologieunternehmens 506.ai und Vice Chairman von AI Upper Austria.
Der Kommentar ist im trend.PREMIUM vom 6. März 2026 erschienen.
Über die Autoren

Gerhard Kürner
Gerhard Kürner beschäftigt sich seit den 1980er Jahren mit digitalen Möglichkeiten. In den 1990er Jahren baute er eines der ersten Streaming-Angebote Österreichs auf und war anschließend 14 Jahre lang Head of Corporate Communication bei der voestalpine. Seit 2015 ist er an mehreren Unternehmen im Digitalbereich beteiligt. Im Jahr 2020 gründete er 506.ai, das mit CompanyGPT zu den führenden Unternehmen in der Anwendung von KI für regulatorische und administrative Aufgaben zählt.