Was die Industriestrategie leisten muss

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 © APA/Helmut Fohringer

Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ), Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) und Staatssekretär Josef Schellhorn (NEOS) präsentierten die Industriestrategie (v.l.).

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Gastkommentar: Christoph Kopp, Industrieexperte bei der Managementberatung Horváth, über das überfällige Bekenntnis der Politik zu einem starken Industriestandort und die Erfolgsfaktoren für ein wettbewerbsfähiges Österreich.

Österreich hat eine Industriestrategie. Unabhängig von allen Detailfragen ist eines festzuhalten: Es ist ein gutes und überfälliges Signal, dass die Politik die strategische Bedeutung der Industrie wieder klar anerkennt. In den vergangenen Jahren war der politische Wille zu einem starken Produktionsstandort oft nicht erkennbar. Gerade in einer Phase von Unsicherheit und Pessimismus ist eine positive, glaubwürdige Botschaft aus der Politik wichtig.

Inhaltlich deckt die Strategie eine breite Palette relevanter Handlungsfelder ab, die strukturiert identifiziert und klar benannt sind. Daraus werden Maßnahmen abgeleitet – teils konkret, teils noch vage. Positiv ist, dass für viele Ziele messbare Zielwerte definiert werden und man sich nicht scheut, sich an erfolgreichen Modellen anderer Länder zu orientieren. Entscheidend wird jedoch nicht das Papier sein, sondern die Umsetzung. Angesichts der Vielzahl an Maßnahmen und der aktuellen Budgetrestriktionen wird diese zur Mammutaufgabe. Die Strategie wird sich letztlich nicht an Absichtserklärungen, sondern an realen Erfolgen messen lassen müssen. Trotz der ambitionierten Vision, Österreich bis 2035 unter die zehn wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt zu führen, sind keine Wunder zu erwarten, vor allem nicht kurzfristig.

Bremsklötze werden adressiert

Die Stoßrichtung ist grundsätzlich richtig: Österreich soll mit Innovation, Know-how und ausgewählten Schlüsseltechnologien punkten. Österreich ist und bleibt ein Hochlohnland. An der Kostenschraube zu drehen ist dringend notwendig, aber nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit werden wir nur über Qualitäts-, Technologie- und Wissensvorsprung erreichen können.

Als exportorientierte Volkswirtschaft spürt Österreich die Folgen zunehmenden Protektionismus deutlich. US-Zölle und andere Handelshemmnisse zeigen, dass Europa seinen Binnenmarkt stärken und sich stärker auf eigene Unternehmen und Kompetenzen besinnen muss. Das Leitprinzip „Made in Europe & Partner Countries“ ist daher folgerichtig. Ebenso wichtig ist der gezielte Zugang zu neuen Märkten über beidseitig vorteilhafte Handelsabkommen, wie zuletzt mit Indien.

Die Industriestrategie adressiert jene Bremsklötze, die heute am stärksten hemmen – insbesondere Bürokratie, hohe Energie- und Arbeitskosten sowie Fachkräftemangel. Der wohl wichtigste Punkt ist die angekündigte Entbürokratisierungsoffensive. Überbordende Bürokratie ist zu einem der größten Standortnachteile Österreichs und Europas geworden. Umso wichtiger ist das klare Bekenntnis zu Verfahrungsvereinfachung und -beschleunigung. Wenn Investitionen in Österreich statt eines „No-Gos“ dadurch wieder einfacher, schneller und kostengünstiger werden, wäre das ein echter Fortschritt. Eine Abkehr vom Gold-Plating könnte spürbar entlasten, auch wenn offen bleibt, wie groß der nationale Spielraum gegenüber EU-Vorgaben tatsächlich ist.

 

Ohne Entlastung kein Aufschwung

Richtig erkannt sind auch die hohen Energiekosten. Die Einführung eines Industriestrompreises nach deutschem Vorbild ab 2027 kann helfen, muss jedoch gegenfinanziert werden. Ein weiterer zentraler Wettbewerbsfaktor sind die Arbeitskosten. Kein anderes EU-Land verzeichnete in den vergangenen drei Jahren derart starke Lohnkostensteigerungen wie Österreich. Dass die Senkung der Lohnnebenkosten in der Strategie adressiert wird, ist richtig und längst überfällig – allerdings müsste diesem Thema weit höhere Priorität eingeräumt werden. Angesichts der angespannten Budgetsituation ist das nachvollziehbar, bleibt für die Industrie aber dennoch unbefriedigend.

Positiv ist schließlich die klare Adressierung des Fachkräftemangels. Die Stärkung des Fachkräfteangebots, etwa durch erleichterte internationale Anwerbung, ist notwendig. Qualifizierung und Integration gering qualifizierter Arbeitskräfte bleiben jedoch eine große politische Aufgabe.

Fazit: Die Richtung stimmt und auch die Analyse ist richtig. Noch nie gab es ein so klares Bekenntnis zur Industrie in Österreich. Jetzt braucht es Mut zur Umsetzung: klare Prioritäten, Schulterschluss aller Beteiligten und letztlich Durchhaltevermögen – sonst bleibt die Industriestrategie ein gut gemeintes Papier in schwierigen Zeiten.

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Christoph Kopp, Associate Partner bei der internationalen Managementberatung Horváth in Wien.

 © Managementberatung Horvàth
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