
Bislang unbekannte Besserungsklauseln treiben den Aufwand für die Übernahme des kleinen Windkraftbetreibers Imwind für die Wiener Stadtwerke auf bis zu 1,5 Milliarden Euro in die Höhe, zeigt der neue Finanzbericht. Die Wiener Stadtwerke halten den Deal dennoch für ein strategisch gutes Investment.
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Über den Milliardendeal der Wien Energie zum Erwerb des mittelgroße Windkraftbetreibers Imwind (IW) im Jahr 2025 gab es schon bisher wilde Spekulationen. Jetzt zeigen die Zahlen aus dem brandneuen Finanzbericht der Muttergesellschaft Wiener Stadtwerke erstmals, dass den fossillastigen Energieversorger der Zugriff auf relativ wenig Grünstrom noch mehr kosten könnte, als bisher vermutet.
Zum erstmals benannten Kaufpreis (731,6 Millionen Euro für alle übernommenen Gesellschaften der IW-Gruppe) gibt es nämlich weitere unbekannte Besserungsklauseln für die Alteigentümer, eine Gruppe von fünf privaten Windkraftpionieren rund um den Gründer Johannes Trauttmannsdorf.
Demnach werden nach Schätzung der Wiener Stadtwerke zusätzlich 341,6 Millionen Euro bis 2028 fällig, weil der Gesetzgeber nach heftigen politischen Schlagabtäuschen mittlerweile eine moderate Erhöhung der Netznutzungsentgelte für Windkraft beschlossen hat (nur 0,5 Euro je MWh). Weitere 56,8 Millionen folgen aus heutiger Sicht für in Entwicklung befindliche Windkraftprojekte, Joint Ventures in Italien kosten 17,4 Mio extra, für ein bereits begonnenes aber erst heuer abgeschlossenes „Repowering“ eines Windparks muss man 4,8 Millionen Plus hinlegen. Je nach Projektentwicklung können sich die vorläufig geschätzten Beträge sogar noch erhöhen und so summieren sich die Zahlungen (gemeinsam mit der bei Vertragsabschluss schon fälligen Schuldenabdeckung von 99 Millionen) im Maximalfall auf knapp über 1,5 Milliarden Euro.


Peter Weinelt, Generaldirektor Wiener Stadtwerke: „Alle Zahlungen an die Alteigentümer sind finanzierbar, weil zukünftige Projekte ja auch Geld verdienen werden. Es gibt also kein Risiko für die Wiener Stadtwerke.“
© Wiener StadtwerkeVolatiles Potential
Ob das Potential der Windkraftgruppe diesen Aufwand wirklich rechtfertigt, erschließt sich aus den Zahlen im Finanzbericht der Stadtwerke nicht. Im Vorjahr gab es bei IW gerade einmal 84 Millionen Euro Umsatz. Man produzierte rund eine Terawattstunde (TWh) Strom, das ist rechnerisch nur ein Bruchteil der prognostizierten 15 bis 16 notwendigen grünen Terawattstunden, die die Wiener für ihre Raus-aus-Gas-Strategie bräuchten. Die riskanten flexibel verzinsten Kreditverträge von IW mussten extra gehedgt werden. Trotz aller Zahlungen bei der Übernahme blieben immer noch 380,5 Millionen Euro an Verbindlichkeiten bei der neuen IW-Tochter übrig. Sie erhöhten dann mit den Kreditaufnahmen, die im Zuge des Erwerbs von IW notwendig waren, gemeinsam auch die Bankverbindlichkeiten in der Bilanz 2025 der Wiener Stadtwerke selbst um 526,1 Millionen auf rund eine Milliarde Euro.
Ulli Sima, die politisch verantwortliche Stadträtin, zu der die Wiener Stadtwerke ressortieren, wollte zu der teuren Windstrategie ihres Landesenergieversorgers trotz trend-Anfrage nicht Stellung nehmen. Sie verwies auf Peter Weinelt, Generaldirektor in den Wiener Stadtwerken, der Eigentümergesellschaft von Wien Energie. Weinelt erklärt: „Ich habe die Expansion in Windkraft betrieben, da war Sima noch lange nicht für die Stadtwerke zuständig. 2022 habe ich dann gesehen, wie schnell wir als stark von Gas abhängiges Unternehmen erpressbar werden. Meine Triebfeder ist also, möglichst rasch davon unabhängig zu werden.“
Sein Problem sind die bislang genutzen Gasturbinen für Fernwärme und Stromerzeugung. Sie müssten demnächst erneuert werden, was ebenfalls die Milliardengrenze übersteigen würde. Dazu kommen noch unkontrollierbare Kosten für Gas und CO2-Zertifikate. Aufgrund dieser Zwangslage hat er bei der Kaufpreisberechnung die zukünftige Entwicklung der Windkraftgruppe eher hoch eingepreist: „Alle Zahlungen an die Alteigentümer sind finanzierbar, weil zukünftige Projekte ja auch Geld verdienen werden. Es gibt also kein Risiko für die Wiener Stadtwerke.“ Er versetzte Karl Gruber, mittlerweile Ex-Vorstand der Wien Energie, direkt zu IW, um nun die Integration zu organisieren und hofft: „Auch das neue Erneuerbaren Ausbau Beschleunigungsgesetz (EABG) wird dafür sorgen, dass unser Plan aufgeht.“
Wette auf die Zukunft
Ob sich die Windkraft tatsächlich so lukrativ entwickelt, muss sich erst zeigen. Die Windbranche hat mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen: Aktuell stagnieren die Winderträge in Österreich, man hadert mit Projektverzögerungen und -verhinderungen, immer häufiger negativen Strompreisen am Großhandelsmarkt, verringerten Förderungen, aber erhöhten Finanzierungs- sowie Systemkosten durch Speicher- und Stromnetzausbau. Auch die Wiener Stadtwerke mussten bereits zwei Monate nach dem Erwerb den Firmenwert ihrer Neuerwerbung um gute 150 Millionen Euro wertberichtigen – was durch einen Steuervorteil gleicher Höhe ausgeglichen wurde. Zumindest betriebswirtschaftlich; volkswirtschaftlich gesehen fällt der Finanzminister um Steuereinnahmen um.
Die Alteigentümer jedenfalls haben einen noch besseren Deal gemacht, als ursprünglich angenommen. Die Dekarbonisierungsstrategie der Wiener Stadtwerke sorgt für einen warmen Geldregen, ganz nach dem Motto von Firmengründer und ehemaligen Landwirt Trauttmansdorff: „Als Bauern sind wir es gewohnt, zuerst zu investieren, Arbeit und Herzblut in unsere Sache zu stecken, um dann später ernten zu können.“
