
Lamborghini hat dem Super-SUV Urus neue Fähigkeiten beigebracht: Als Plug-in-Hybrid SE kann er nicht nur brachial laut, sondern auch flüsterleise.
Erste Annäherung an dieses grelle Monster: Man muss über der Sache stehen. Denn bei einem teuren Luxus-SUV einer Supersportwagen-Marke darf in Zeiten von Krieg und Krise natürlich die Frage der Angebrachtheit gestellt werden – oder man genießt die Sache einfach.
Wie auch immer, der traditionelle Autofan braucht sich jedenfalls vom Urus weitaus weniger angegriffen zu fühlen als vom Ferrari Purosangue oder vom Aston Martin DBX – Lamborghini und SUV haben Tradition, wenn auch nur eine kurze. Von 1986 bis 1993 wurde der LM002 gebaut, ursprünglich als Nachfolger für die Jeep-Geländewagen der US Army entworfen. Die Idee des Urus ist freilich weniger military, sondern lifestyliger, aber durchaus nachvollziehbar, sofern man es zum Glücklichsein braucht: Lambo-Feeling für jeden Tag. Nachdem es im Konzern schon eine entsprechende Plattform für so ein Auto gab, war der Urus aufgelegt.
Eines ist klar: Wenn du in der Familie der Lamborghini bist, musst du der Ärgste sein, auch wenn deine Konzerngeschwister Porsche oder Bentley heißen. Zwischenzeitlich tobte ein Machtkampf, aber im Zuge der Hybridisierung der letzten Jahre sieht es gut aus für den Urus: Mit 800 PS und 312 km/h Spitze übertrumpft der neue Plug-in-Hybrid SE den Cayenne Turbo E-Hybrid (730 PS und 295 km/h). Bei beiden spart man auf Grund der NoVA-Erleichterung massiv, die Preisdifferenz zwischen Lamborghini und Porsche beträgt heftige 90.000 Euro. Das Erlebnis ist im Urus jedoch ein völlig anderes.
Der Urus versucht, den Fahrer niemals in Verlegenheit zu bringen. Er ist der Held der Lambo-Sage.
Das beginnt beim Jet-Feeling im Cockpit, seit jeher ein Lambo-Asset: Der SE bietet die bekannten fliegermäßigen Bedienelemente, der linke Hebel dient nun der Adjustierung des Hybrid-Antriebs (auf Wunsch kann beispielsweise die Batterie mit dem Verbrenner geladen werden) und nicht mehr von Lenkung und Fahrwerk. Alles hier ist italienische Leidenschaft: Es gibt zahlreiche Fahrmodi, die hier Anima heißen, also Seele (das steht wirklich so am entsprechenden Hebel): Strada, Sport und Corsa, und auch Sabbia, Terra und Neve, besonders Lambo ist aber der Modus Ego. Er wird über eine eigene, separate Taste aktiviert. Drei Kategorien zur Personalisierung stehen bereit, ESP, Antrieb und Fahrwerk, die dann abgespeichert und aktiviert werden können. Das ist simpler als bei anderen Super-SUVs wie dem BMW XM mit seinen zahlreichen Einstellmöglichkeiten, die man erst einmal durchblicken muss. Der Urus hingegen versucht, den Fahrer niemals in Verlegenheit zu bringen. Er ist der Held der Lambo-Sage, und so fühlt er sich auch beim Fahren an. Das Besondere an dem neuen Antriebsstrang ist nicht nur der Elektromotor im Gehäuse der Automatik, sondern der Allradantrieb mit Frontdifferenzial und elektronischem Hang-on-Zentraldifferential mit Torque Vectoring hinten. Das Ergebnis: Der Urus SE mag den Powerdrift, auch dank elektronischem Sperrdifferenzial im Heck.
Dazu kommt das Fahrwerk mit seiner 48-V-Elektronik, welche die aktiven Stabilisatoren steuert und auf die Bewegungen des Fahrwerks (Nicken, Gieren und Rollen) eingeht. Man muss ja immer brav sein auf der Straße, aber: Dieses Auto kann wild sein. Es nimmt einem zwar viel Verantwortung ab, wirkt manchmal etwas distanziert, ist dabei aber nie langweilig.
Das Fahrverhalten ist bei einem Lamborghini aber nicht primär, neben dem Design steht in erster Linie der Antrieb im Mittelpunkt: Die E-Maschine drückt vom Stand weg spürbar, der V8 ist dennoch deutlich präsenter als bei vergleichbaren Super-SUVs. Gut: Ein bisschen Fake-Sound ist schon beigemischt, dieser ist auch im reinen E-Modus etwas zu präsent: Wenn schon im E-Modus durch die Stadt, dann bitte flüsterleise.