Maßarbeit zwischen Tradition und Courage

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Es gibt sie noch, die echten Schuhmacher. Mancherorts erleben sie sogar einen regelrechten Boom, denn das Streben nach Individualität und nach nachhaltiger Qualität rückt traditionelles Handwerk wieder in den Fokus.

Einen guten Schuhmacher findet man nicht im Vorübergehen – man muss schon wissen, wo man sucht. Meist sind ihre kleinen Werkstätten gut versteckt in Innenhöfen oder engen Gassen. Sie ausfindig zu machen, lohnt sich, denn Argumente pro Maßschuh gibt es mehr als genug, und sie sind bei Weitem nicht nur ästhetischer Natur. Der perfekt angepasste Schuh bietet einen unvergleichlichen Tragekomfort bei jedem Schritt, viele Jahre lang. 

Das Schuhmacherhandwerk gibt es seit über 7.000 Jahren. Es gehört zu den ältesten Zünften überhaupt. Früher wie heute lebt die Schuhmacherei von fundierter Ausbildung, jahrelanger Erfahrung, Flexibilität, Einfühlungsvermögen und Kreativität. Auch wenn viele Arbeitsschritte gleichgeblieben sind – die Anforderungen haben sich immer wieder verändert.

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Regionales Original.

Wir beginnen unsere Entdeckungsreise in Bad Goisern und gehen ebendort dem berühmten Goiserer Schuh auf den Grund. Seine Wurzeln reichen bis ins Jahr 1875 zurück, in eine Zeit, in der das Salzkammergut noch stark von physischer Arbeit geprägt war. Damals entwickelte sich aus den Bedürfnissen der Holzknechte und Bergführer ein Schuh, der extremen Bedingungen standhalten musste. Über Generationen hinweg entstand ein spezialisiertes Schuhmacherhandwerk rund um die charakteristische zwiegenähte Machart. Der Goiserer Schuh wurde so zu einem regionalen Markenzeichen und erlangte, nicht zuletzt durch prominente Träger wie Kaiser Franz Joseph I., sogar internationale Bekanntheit.

2016 hat die Firma Volgger 1957 das Unternehmen Der Goiserer übernommen, um den Fortbestand des ikonischen Schuhwerks zu sichern. Natürlich gibt es in der Region viel Nachempfundenes. Simon Volgger legt jedoch größten Wert darauf, das Original zu fertigen, maßgenau an den Fuß des Kunden angepasst und mit der aufwendig von Hand gezogenen Zwienaht. Diese macht den Schuh langlebig, reparierbar und wasserresistent. Produktionsbedingt ist derartige Qualität auch eine Rarität: Maximal zweihundert Paar verlassen pro Jahr die Werkstatt.

Unsere Handarbeit schafft nicht nur ein Produkt, sondern ein maßgeschneidertes Werkzeug fürs Gehen.

Simon VolggerDer Goiserer

Gut Schuh braucht Weile.

Budapester bis Pantolette.

Grundsätzlich lässt sich jeder Schuh nach Maß fertigen, Bergschuhe ebenso wie High Heels, Slipper ebenso wie Sneaker. Der Breite der Schuhmode entsprechend unterschiedliche Kundenwünsche und die damit verbundenen Herausforderungen machen das Schuhmacherhandwerk besonders spannend und vielseitig. Die Maßschuhmacher, eine Vereinigung von 13 Meistern aus sieben verschiedenen Bundesländern, und ihr Projekt „Österreich-Schuh“ zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich und individuell sich dieses Handwerk interpretieren und umsetzen lässt.

Gute Laune am Fuß.

Auch im Nussdorfer Schuhwerk in Wien steht Qualität über Quantität. Eine Anfertigung dauert hier je nach Aufwand und Auftragslage drei bis sechs Monate. Ist der individuelle Leisten bereits vorhanden, sind die neuen Maßschuhe schon nach ein bis drei Monaten fertig. 

Florian Gollubits übernahm 2014 den Betrieb, in dem er 1996 seine Lehre begonnen hatte, von seinem Meister Andreas Loibl, als dieser in Pension ging. „Das Schöne ist, dass ich Kunden und Kundinnen habe, die ich seit Beginn meiner Lehre kenne.“ Mittlerweile arbeitet Gollubits gemeinsam mit einer Mitarbeiterin an der Erfüllung mehr oder weniger ausgefallener Kundenwünsche. An ein Projekt erinnert er sich besonders gern: Ein Kunde wollte ein Paar Schuhe für ein Oldtimer-Treffen. Er hatte noch keine genaue Vorstellung, aber gemeinsam entwarfen sie ein interessantes Paar: Auf der Lasche war der Union Jack, an der Ferse das Logo der Automarke zu sehen. Die Schuhe waren ein Hingucker, und ihr Träger heimste bei einem Oldtimertreffen sogar einen Styling-Award ein.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Schuhe nach eigenen Wünschen zu gestalten, Sei es die Leistenform, der Schnitt, das Leder oder die Sohle.

Florian GollubitsNussdorfer Schuhwerk

Hundert Prozent nach Maß.

Von der Werkstatt zur Marke.

Was aus einer kleinen Schuhmacherei im Laufe weniger Jahrzehnte entstehen kann, zeigt die eindrucksvolle Historie von Ludwig Reiter. Der Familienbetrieb geht auf das Jahr 1885 zurück, als der aus dem böhmischen Karlsbad zugewanderte Ludwig Reiter I. mit seiner Frau Anna „auf der Wieden“ eine Schuhmacherwerkstatt eröffnete. Bereits 1887 belieferte er die k. u. k. Sicherheitswache mit Maßstiefeln und rahmengenähten Offiziersschuhen, die aufgrund ihrer außergewöhnlichen Qualität große Anerkennung fanden. Ludwig Reiter II. ging nach abgeschlossener Lehre auf Wanderschaft. In den USA lernte er das neue Goodyear-Verfahren kennen, wodurch rahmengenähte Schuhe mit Hilfe ausgetüftelter Nähmaschinen hergestellt werden konnten. Nach seiner Rückkehr 1909 formte er den Handwerksbetrieb seines Vaters schrittweise in eine kleine Schuhfabrik um und führte das mechanisierte Goodyear-Verfahren ein. „Eine Innovation, die unsere Fertigung bis heute prägt. Sie ermöglichte erstmals eine gleichbleibend hohe Qualität bei gleichzeitig effizienterer Produktion und bildet bis heute das technische Rückgrat unserer Schuhe“, erklärt Anna Reiter-Smith, die gemeinsam mit ihrer Schwester Magdalena und ihrem Cousin Joseph Potyka-Zeiler die fünfte Generation im Unternehmen repräsentiert. 

In den 1930er-Jahren entwickelte sich Ludwig Reiter zu einem der führenden Schuhproduzenten in Wien. Viele der damals entstandenen Schuhmodelle werden in adaptierten Formen noch heute produziert. Das gute Gespür für Trends und der Mut, mit der Zeit zu gehen, liegen hier definitiv in den Genen. So erkannte Till Reiter, Urenkel des Firmengründers, früh den sich anbahnenden gesellschaftlichen Wandel und positionierte in den 1980ern den rahmengenähten Schuh neu: weg vom rein funktionalen Produkt hin zu einem Ausdruck von Stil und Haltung. In einer Zeit, in der sich eine neue urbane Zielgruppe formierte, gelang es ihm, klassisches Schuhhandwerk wieder als zeitgemäß und begehrenswert zu etablieren. 

Das Erreichte bildete stets die Basis für den nächsten Entwicklungsschritt: die Internationalisierung der Marke und die dazu nötige Weiterentwicklung der Fertigung in der vierten Generation, die Digitalisierung und ein geschärftes Markenverständnis als Beitrag der fünften Generation, stets gleichermaßen dynamisch wie behutsam, ohne die Wurzeln zu vergessen. 

Handarbeit ist für uns kein nostalgisches Element, sondern die Grundlage für Qualität und Langlebigkeit. Leder, zumindest von der Qualität, mit der wir arbeiten, ist ein lebendiger Werkstoff, der in Struktur, Dichte und Verhalten variiert. Dieses individuell zu beurteilen und entsprechend zu verarbeiten, ist nur durch erfahrene Hände möglich und nicht durch Maschinen.

Anna Reiter-SmithLudwig Reiter

Ausgewogene Melange.

Leder bleibt konkurrenzlos.

In diesem Punkt sind sich alle befragten Schuhmachermeister einig. „Viele Menschen schätzen wieder natürliche Materialien, die langlebig, atmungsaktiv und nachhaltig sind. Gerade im Vergleich zu synthetischen Alternativen überzeugt Leder durch seine Fähigkeit, sich dem Fuß anzupassen und über Jahre hinweg eine individuelle Patina zu entwickeln“, betont Simon Volgger. Gleichzeitig gebe es eine wachsende Sensibilität für Herkunft und Verarbeitung. Auch Florian Gollubits ist überzeugt, dass der Werkstoff Leder in Sachen Haltbarkeit und Komfort unübertroffen bleibt. Nur qualitativ hochwertiges Leder kann die Haltbarkeit der Produkte gewährleisten. Dadurch haben handgemachte Maßschuhe bei fachgerechter Pflege eine Lebensdauer von mindestens zehn Jahren. 

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