Lohntransparenz als Führungsfrage

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Wie Lohntransparenz Vertrauen schaffen kann, erklärt der Schweizer Unternehmer Manuel Wiesner. In seinem Unternehmen sind die Löhne seit Jahren offengelegt.

Was verdienen eigentlich die Kolleg:innen? Ein Tabu, das jetzt langsam aufbricht. Die EU will mit ihrer Entgelttransparenzrichtlinie Gehälter sichtbarer machen und geschlechtsspezifische Unterschiede leichter aufdecken. Bis 7. Juni 2026 hätten die Mitgliedstaaten die Richtlinie in nationales Recht umsetzen sollen. Die österreichische Bundesregierung hat diese Frist verstreichen lassen. Wohin die Reise geht, ist aber klar. Mehr Auskunftsrechte für Beschäftigte werden die gute alte Geheimniskrämerei verdrängen.

Wie das in der Praxis dann aussieht, weiß Manuel Wiesner. Der Schweizer Unternehmer führt gemeinsam mit seinem Bruder Daniel die Familie Wiesner Gastronomie. Es ist ein kleines Systemgastro-Imperium, das ihre Eltern vor 35 Jahren aufgebaut haben. Man betreibt 33 Restaurants und beschäftigt mehr als 850 Mitarbeitende aus rund 70 Nationen. Seit fünf Jahren setzt der Betrieb auf Lohntransparenz. Und geht dabei sogar weiter, als die EU künftig verlangen wird.

Warum eigentlich? „Mich störte, dass wir Bewerbende mit völlig anderen Lohnvorstellungen hatten und beide Seiten viel Zeit verloren“, erinnert sich Manuel Wiesner, dem es aber auch um Fairness ging. „Wir kamen zum Schluss, dass Löhne nur dann wirklich fair sind, wenn man sie auch erklären und transparent machen kann.“

Im Vorfeld hatte er dabei mit heftigen Diskussionen und Unruhen in der Belegschaft gerechnet: „Natürlich hat es kritische Fragen gegeben, aber die Diskussionen waren plötzlich faktenbasiert statt von Gerüchten geprägt.“

Fünf Jahre später lässt sich außerdem sagen, dass es wenig Interesse der Mitarbeiter:innen gibt, einzelne Gehälter tatsächlich abzufragen. „Allein die Möglichkeit, dies zu tun, schafft Vertrauen.“ Ganz ohne Folgen blieb die Offenlegung freilich nicht, und es musste durchaus auch korrigiert werden. „Einige Mitarbeitende waren zu tief eingestuft oder haben über Jahre keine Lohnerhöhung verlangt. Daher stiegen die Lohnaufwände kurzfristig“, erzählt Wiesner, doch die erwartete Kostenexplosion blieb aus. Zudem kennen Bewerber:innen bereits vor dem ersten Gespräch die Lohnrange und ein öffentlich zugänglicher Lohnrechner zeigt abhängig von Funktion, Erfahrung und Qualifikation, womit man rechnen kann.

Besonders positiv wirkte die neue Transparenz auf den Gender-Pay-Gap. „Nicht erklärbare Unterschiede wurden unmittelbar sichtbar und zwangen uns zu korrigieren.“ Aktuell verdienen Frauen im Unternehmen laut Wiesner durchschnittlich rund 2,5 Prozent mehr als Männer, wobei darin auch sozialversicherungspflichtige Trinkgelder enthalten sind und der Wert daher nicht eins zu eins mit dem klassischen Gender-Pay-Gap des Grundlohns vergleichbar ist.

Die größte Veränderung sieht Wiesner aber bei den Führungskräften: „Führungskräfte müssen nachvollziehbar darlegen, weshalb jemand welchen Lohn erhält.“ Das macht Führung anspruchsvoller, aber auch professioneller. Wiesners Rat an österreichische Unternehmen lautet deshalb: nicht warten. „Unsere Erfahrung ist klar: Unternehmen profitieren davon, sich mit transparenten und erklärbaren Lohnsystemen auseinanderzusetzen, bevor sie dazu verpflichtet werden.“

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 4. September 2026 erschienen.

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