Exklusiv: Vorabeinblick in das neue Strolz-Buch

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 © APA/Georg Hochmuth

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Essay: Wie der Homo Universus auf Wirtschaft, Unternehmertum und Leadership blickt, wie er innere Klarheit mit der Fähigkeit kombiniert, Spannungen auszuhalten.

Für den Schwerpunkt „Wirtschaftsbildung“ besuchte eine Freundin von mir eine Wiener Mittelschule. Hier ihr Erfahrungsbericht: „Ich habe die Jugendlichen gefragt, was sie später in ihrem Leben werden wollen. 17 von 21 meinten: Millionär.“ „Und?“, schüttelte ich mich irritiert. „Was ist mit den anderen vier?“ Sie lächelte ambivalent: „Milliardär.“ „Aha“, meinte ich, „wie wollen sie das erreichen?“ Hier seien die jungen Leute recht eindeutig, meinte meine Freundin: „Influencer. Oder irgendwas mit Wirtschaft halt.“

Diese kleine Szene wirft eine große Frage auf: Was verstehen wir unter Wirtschaft? Wofür brauchen wir Menschen Wirtschaft? Und was macht sie im Kern aus? Geht es um Geld, um Gier – oder vielleicht um Ganzheit?

Unser Wirtschaftsverständnis greift mancherorts zu kurz: Gewinnmaximierung wird zur Ideologie und unsichtbare Kosten werden an Umwelt, kommende Generationen oder den Sozialstaat ausgelagert. Wettbewerb gilt als Leitprinzip, Kooperation als Zugabe. Die Folgen: ökologische Überlastung, soziale Spaltung, psychische Erschöpfung und systemische Instabilität.

Das Problem ist nicht „die Wirtschaft“. Das Problem ist das Bewusstsein, aus dem heraus sie mitunter gestaltet wird. Die gute Nachricht: Ein ganzheitliches Wirtschaftsverständnis ist keine Utopie. Es wird vielerorts bereits gelebt. Was fehlt, ist weniger das Vorbild als seine Breitenwirkung. Was wir brauchen, ist Integration: die Verbindung von technologischem Fortschritt, schöpferischer Kraft und menschlicher Reife. Was das für Wirtschaft und Unternehmertum konkret bedeutet, möchte ich entlang von acht Gedanken entfalten:

1. Wirtschaft ist ein Teil des Ganzen

Wirtschaft ist kein souveräner Solitär, auch nicht übergeordnet, sondern ein Subsystem der Gesellschaft – wie Politik, Bildung oder Kultur. Manche Wirtschaftskapitäne halten sich dennoch für den Nabel der Welt. Das kenne ich aus der Politik. Tatsächlich ist Wirtschaft Ausdruck unserer Regeln und Haltungen – und damit Spiegel unseres Entwicklungsniveaus.

2. Wirtschaft ist Sicherheit und Freiheit

Ihre erste Aufgabe ist elementar: Produktion und Austausch organisieren, Arbeit, Infrastruktur, Versorgung und Bildung ermöglichen. Materielle Sicherheit ist nicht das Ziel des Lebens, aber eine Bedingung für Freiheit. Wo Existenzangst regiert, schrumpfen Freiheit und Möglichkeitsräume. Wohlstand muss daher breit, resilient und generationengerecht entstehen.

3. Wirtschaft ermöglicht Sinn und Entfaltung

Unternehmen sind mehr als Produktionsstätten. Im besten Fall sind sie Räume für Talente, Innovation, Selbstwirksamkeit und Sinn. Menschen erleben: Meine Leistung und mein Beitrag machen einen Unterschied. Aber der Wert eines Menschen darf nie mit seinem Marktwert verwechselt werden. Wer Mitarbeitende nur als „Ressourcen“ betrachtet, verfehlt den Kern von Führung.

4. Dienst am Leben statt Dienst an der Gier

Die Wirtschaft ist für den Menschen da – nicht umgekehrt. Entkoppelt sie sich von dieser dienenden Haltung, entstehen Machtkonzentration, Spaltung und Zerstörung. Bleibt sie eingebettet, wird sie zur Kraft für Lebensqualität und Innovation. Gewinn ist Lebenssaft eines Unternehmens. Pathologisch wird es, wenn er vom Mittel zum alleinigen Zweck mutiert.

5. Wettbewerb und Kooperation verbinden

Der Homo Universus verteufelt Wettbewerb nicht und romantisiert Kooperation nicht. Beide sind Conditio humana – menschliche Grundbedingung. Und gute Wirtschaft braucht beides. Wettbewerb erschließt bessere Lösungen, treibt Qualität und hält Macht beweglich. Kooperation ermöglicht faire Wertschöpfungsketten und skaliert Wirkung. Gefragt ist keine Harmonie, sondern kultivierte Spannung.

6. Die Warhheit muss in die Preise

Der Markt braucht eine entschlossene (staatliche) Rahmensetzung. Sich selbst überlassen neigt er zu Ausbeutung und Monopolbildung. Eine zeitgemäße sozial-ökologische Marktwirtschaft internalisiert negative externe Eff ekte. Schädliche Emissionen, Ressourcenverbrauch und soziale Kosten dürfen nicht unsichtbar bleiben. Preise müssen Wahrheit enthalten. Dann konkurrieren Unternehmen um die beste Lösung statt um die geschickteste Verlagerung von Schäden.

7. Nachhaltigkeit beginnt im Bewusstsein

Nachhaltigkeit ist nicht primär Technik und schon gar keine Marketingabteilung. Sie ist Haltung. Wer sich als Teil eines lebendigen Netzwerks versteht, denkt anders über Lieferketten, Kreisläufe und langfristige Wertschöpfung. Ein Beispiel: Künstliche Intelligenz kann Ressourcen sparen oder Manipulation perfektionieren. Wofür setzen wir unsere Kraft ein?

8. Wirtschaft braucht eine höhere Absicht

Konstruktiver Wettbewerb braucht ein gemeinsames Spielfeld und eine übergeordnete Idee: das Abenteuer Menschsein, die Lebendigkeit des Planeten, die Würde jedes Einzelnen. Ohne diese Rückbindung kippt Wettbewerb in Destruktion. Wem Unternehmen dienen, zeigt sich in Produkten, Investitionen, Gehältern, Lieferketten und im täglichen Umgang.

Conclusio: Das neue Betriebssystem beginnt bei uns selbst

Der Homo Universus ist – wörtlich übersetzt – „der in die Ganzheit gewendete Mensch“. Die Aufgabe der Wirtschaft aus Sicht des Homo Universus ist klar: Sie soll unsere materiellen Lebensgrundlagen so organisieren, dass menschliche Entfaltung gut möglich wird und Wertschöpfung in tragfähige ökologische und soziale Zusammenhänge eingebettet bleibt. Ein zeitgemäßes Betriebssystem für die Wirtschaft führt von bloßer Maximierung und kurzfristigem Profit zu langfristiger Lebensdienlichkeit. Umso wichtiger ist das, weil künstliche Intelligenz wirtschaftliche Dynamiken massiv beschleunigen wird. Die KI macht Wissen billig. Knapp werden Urteilskraft, Vertrauen und Verantwortung. Deshalb müssen wir vor allem unsere menschliche Reife kultivieren.

Für diese Herausforderungen braucht es innere Klarheit, systemische Intelligenz und die Fähigkeit, Spannungen produktiv auszutragen. Ein neues Selbstverständnis für Wirtschaft beginnt nicht in Parlamenten oder Ministerien. Es beginnt im Menschen – in jeder und jedem von uns. Als Unternehmer frage ich mich: Wofür soll unsere wirtschaftliche Kraft dienen? Welche Spur will ich jenseits der Zahlen hinterlassen? Welche Wahrheit wissen wir längst – handeln aber nicht danach? Was würde mein 95-jähriges Ich meinem siebenjährigen Ich über Erfolg sagen?

Zurück in die Wiener Mittelschule. Junge Menschen sollen auf die Frage nach ihrer Zukunft weiterhin groß antworten. Vielleicht: „Ich will etwas schaffen, das vielen nützt.“ Oder: „Ich will eine Unternehmerin sein, die Probleme löst, ohne neue zu erzeugen.“ Millionär zu werden, ist nicht verwerflich. Zu wenig wäre nur, nicht zu wissen, wofür. Wirtschaft kann ein Feld der Freiheit, der Schöpfung und des Dienens sein. Das gibt Grund zur Zuversicht.

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