Führungskraft Psyche

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Es sind nicht nur die Zahlen und Fakten, die zu Entscheidungen führen. Gute Leadership ist in unruhigen Zeiten mehr denn je von der eigenen mentalen Verfasstheit abhängig.

Ich habe mich von meinem Ego führen lassen und damit eine falsche Entscheidung für das Unternehmen getroffen, weil ich Stärke demonstrieren wollte. Und das Schlimmste war, dass ich fühlte, dass mein Vorgehen nicht richtig war, und dennoch nicht anders gehandelt habe.“ Karl Bucher war damals als Geschäftsführer eines Lebensmittelgroßhändlers tätig. Er hatte entschieden, das Warenwirtschaftslager auf einen externen Dienstleister umzustellen und ein neues IT-System zu implementieren.

Alle waren von der Richtigkeit der Projekte überzeugt, aber nicht davon, beide gleichzeitig durchzuziehen. So verschob Bucher zwar den ersten Umstellungstermin, aber der Druck stieg, und er entschloss sich, beides gleichzeitig anzugehen. Bucher: „Normalerweise höre ich auf meine Intuition, in dem Fall war die Eitelkeit aber größer. Ich konnte mir nicht eingestehen, es nicht zu schaffen, und wollte den schnellen Beweis meiner Führungsqualität.“ Es entstanden Liquiditätsprobleme und damit ein erheblicher Reputationsverlust, was schließlich zur Trennung von dem Unternehmen führte.

Doch Bucher zog die richtigen Schlüsse aus den Vorkommnissen und beschloss, sich künftig coachen zu lassen. „Ich erkannte, dass Führung dort beginnt, wo man die volle Verantwortung auch für sein Scheitern übernimmt. Es ist wichtig, die eigene Psyche zu kennen und auch die Größe zu haben, im gegebenen Fall dem Bauchgefühl den Vorrang vor dem persönlichen Ego zu geben.“ Heute ist er Niederlassungsleiter für
drei Standorte bei einem Lebensmittellogistiker.

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Karl Bucher, leitender Angestellter: „Es ist wichtig, die eigene Psyche zu kennen und auch die Größe zu haben, dem Bauchgefühl den Vorrang vor dem persönlichen Ego zu geben.“

Mental Health.

Das Wort „Psyche“ wird gern einmal verwendet, doch in dem Kontext geht es nicht um eine medizinische oder therapeutische Bezeichnung im Sinne einer Erkrankung, sondern darum, wie Leader in Unternehmen denken, entscheiden und handeln. Ob Mental Health, Leadership Wellbeing oder Mind Resilience – unzählige Fachbegriffe umschreiben im Wesentlichen die Fähigkeit von Führungskräften, die richtigen Entscheidungen zu treffen, Risiken wahrzunehmen, eigene Fehler oder die von anderen einzuordnen oder mit Konflikten und Unsicherheiten umzugehen.

Führungskräfte-Coach Sascha Soulek: „Im Kopf wirkt eine Art Software, die bestimmt, wie Leader entscheiden und handeln. Psyche meint dabei mehr als private Emotionen. Sie zeigt sich auch darin, ob jemand in leitender Funktion reflektiert agiert oder in autoritären Mustern verharrt.“

Coaching ist ein meist zeitlich begrenzter, freiwilliger und zielorientierter Beratungsprozess, bei dem ein Coach einen Klienten bei der Entwicklung eigener Lösungen unterstützt. Coaching fördert Selbstreflexion und -management, primär im beruflichen Kontext zur Verbesserung von Leistung und Kompetenz. Oft hat es aber auch Auswirkungen im persönlichen Bereich.

Soulek ist psychosozialer Berater, Coach sowie Personal-, Führungskräfte und Teamentwickler. Mehr als 15 Jahre, unter anderem im Projektmanagement eines internationalen Konzerns, hat er selbst erlebt, was Leistungsdruck, Verantwortung und komplexe Organisationsstrukturen bedeuten. Soulek: „Heute geht es darum, in einer Businesswelt voller Unsicherheiten zu bestehen. Das kann bei CEOs zu Dauerstress führen. Dann schaltet das System auf Fight, Flight oder Freeze und Details werden ausgeblendet.“

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Sascha Soulek, Coach: „Die Psyche ist eine Art Software, die bestimmt, wie Leader entscheiden und handeln. Sie zeigt sich auch darin, ob jemand in leitender Funktion reflektiert agiert oder in autoritären Mustern verharrt.“

Das Motto der neuen Zeit lautet: Selbstführung vor Fremdführung. Dazu gehören Stressmanagement, Erhöhung von Resilienz, aber auch eine gewisse Vulnerabilität. Wer im Setting mit dem Coach Tränen zulassen kann, hat damit möglicherweise einen wichtigen Schritt zur Burn-out-Prävention getan. Der Experte: „Wer seine Psyche besser kennenlernt, kann zum eigenen Vorteil und dem des Unternehmens leichter erkennen und akzeptieren, dass sie neben all den Fakten, dem Wissen und den Zahlen eine wesentliche Rolle spielt.“ Wer auf diese Weise mit sich umgeht, wird erleben, dass die Psyche von einer mysteriösen Unbekannten zu einer hilfreichen Verbündeten wird.

Coach Soulek empfiehlt, sich damit auseinanderzusetzen, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen, welche Situationen triggern und wie die Reaktion darauf ausfällt. Selbstfürsorge bedeutet, in kritischen Situationen bewusst innezuhalten und dies bei Bedarf auch transparent zu machen: „Ich werde bis morgen darüber nachdenken und eine Entscheidung fällen.“

Boomender Coachingmarkt.

Im Unternehmenskontext ist Coaching weit verbreitet, insbesondere bei Führungskräften und Topmanagern. Es gilt heute als wichtiges Instrument der Persönlichkeits- und Führungsentwicklung. Verlässliche Zahlen, wie viele Leader diese Begleitung in Anspruch nehmen, gibt es nicht, die Dunkelziffer dürfte aber hoch sein.

Der Vorarlberger Bernd Postai, Gründer von Poesis Consulting und Absolvent der Studienrichtungen Physik und Psychologie, beschäftigt sich als Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Strategie, Projektmanagement, Prozessmanagement und Trainings: „In Organisationen reden wir oft über Zahlen, Prozesse und Effizienz – aber die eigentliche Steuerzentrale ist vielfach die Psyche. Sie entscheidet, wie wir unter Stress handeln, wie wir führen und welche Kultur wir prägen.“

Für Unternehmen sei das äußerst relevant. Es könne sein, dass zwei Organisationen über vergleichbare Daten, Strategien und Tools verfügen, aber trotzdem zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Postai: „Der Unterschied liegt nicht in der Information, sondern in Wahrnehmung, Bewertung, Stressreaktion und Erfahrungsfilter der Entscheidungsträger. Der überhebliche CEO hat ausgedient, heute braucht es Teams mit selbstverantwortlichen Menschen.“

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Bernd Postai, Unternehmensberater: „Die eigentliche Steuerzentrale ist vielfach die Psyche. Sie entscheidet, wie wir führen und welche Kultur wir prägen.“

Postai empfiehlt vor allem auch eine selbstständige intellektuelle Auseinandersetzung mit der Thematik. Denn Haltung ändere sich nur durch Einsicht, so der Experte: „Erfolg fußt im Reifegrad der Persönlichkeit.“ Für eine Kursänderung ist es im Übrigen nie zu spät. So berät Postai einen CEO, der nach 27 Jahren klassisch hierarchischer Führung für seine letzten Jahre vor der Pensionierung noch eine andere Unternehmenskultur verwirklichen möchte.

Der Unternehmensberater sieht den Typ CEO, der sich als selbstherrlichen Übermenschen empfindet, sofort nach Antritt der Position das Büro umbauen lässt oder ein Spa in der Vorstandsetage einrichtet, als überholt. Wichtigtun sei nicht mehr wichtig. Jetzt benötigt es Führungskräfte mit offenem Geist, die neue Wege gehen. Und Mitarbeiter brauchen eine sichere psychologische Umgebung, damit sie sich einbringen und ihr Potenzial entfalten können.

Mentale Stärke und Bauchgefühl.

Einer, der das schon immer verstanden und verwirklicht hat, ist der ehemalige ORF-General und heutige President Warner Bros. Discovery International Gerhard Zeiler. Zu den unzähligen Führungspositionen, die er bislang innehatte, zählten unter anderem die Geschäftsführung der deutschen TV-Sender Tele 5, RTL II und RTL. Zeiler: „Es gibt Situationen, in denen ein CEO schnelle Entscheidungen treffen muss. Ich war dann lediglich auf die Mischung aus eigener Erfahrung und meinem ,Bauchgefühl‘ angewiesen.“ In seiner langjährigen Tätigkeit waren solche Blitzentscheidungen selten notwendig, aber er erinnert sich an einen Fall, als es um eine Entscheidung in der x-ten Auktionsrunde für ein bestimmtes Sportrecht ging. Da musste er in Sekundenschnelle, ohne Zugriff auf externe Daten und die Meinung seiner Mitarbeiter, entscheiden, ob er das Angebot eines Konkurrenten überbietet oder nicht. Zeiler: „Ich konnte mich ausschließlich auf mein Gefühl verlassen, das natürlich auch auf Erfahrung aufgebaut ist – aber eben nicht auf Fakten, Daten und Wissen. Gott sei Dank ging das gut für uns aus, zeigt aber, dass in solchen Situationen mentale Stärke, das Vertrauen in sich selbst und die eigene Psyche eine zentrale Rolle spielen.“

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Gerhard Zeiler, Warner Bros. Discovery: „Mentale Stärke,das Vertrauen in sich selbst und die eigene Psyche spielen eine zentrale Rolle.“

Geteilte Emotion.

Es gibt zudem eine Eigenschaft, ohne die ein CEO zwar funktionieren kann, aber selten wirklich erfolgreich führen wird: die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Claus Lamm ist ein österreichischer Neuropsychologe, dessen Forschungsschwerpunkt auf der Neurowissenschaft der Empathie liegt. Der Wissenschafter: „Grundsätzlich gibt es zwei Bausteine von Empathie. Einmal die ,geteilte affektive Repräsentation‘, worunter das emotionale Mitschwingen mit einer anderen Person gemeint ist.“ Ist das Gegenüber gestresst, verunsichert oder aber auch motiviert, entstehe in einem selbst ein ähnlicher Gefühlszustand, so seine Erklärung: „Führungskräfte, die diese Fähigkeit haben, spüren die Stimmung im Team oder bei Kunden intuitiv. Sie verstehen nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, wie es sich anfühlt. Das ist die Basis für Vertrauen, Motivation und echte Verbindung.“

Der zweite Baustein heißt „Unterscheiden zwischen eigenen und fremden Emotionen“. Ein guter CEO lässt sich nicht von fremden Gefühlen überrollen. Statt mitzuleiden oder impulsiv zu reagieren, bleibt er handlungsfähig. Das ermöglicht klare Entscheidungen trotz emotionaler Dynamik, eine gesunde Abgrenzung, also kein Burn-out durch „Mitfühlen“, und strategisches Denken statt gefühlsmäßiger Kurzschlussreaktionen. Lamm: „Empathie ist eine oft unterschätzte Führungsfähigkeit. Denn ohne geteilte Emotion kommt keine wirkliche Verbindung zustande, und ohne Unterscheidung zwischen den eigenen und den fremden Gefühlen entsteht keine Kontrolle.“

In diesem Sinne steuert die Psyche wie ein guter Geschäftsführer, indem sie Emotionen wahrnimmt, aber nicht von ihnen gelenkt wird. Es geht also nicht um Rationalität versus Emotionen, sondern um die Fähigkeit, Emotionen bewusst zu integrieren und zu regulieren. Das ist echte psychische Führungskompetenz.

Lange galt in Führungsetagen die Devise, dass Gefühle hier nichts verloren haben. Heute zeigt sich das Gegenteil. Emotionen sind nicht das Problem – sie sind ein zentrales Navigationssystem. Angst kann zu übervorsichtigen Entscheidungen führen. Druck erzwingt vielleicht kurzfristige Erfolge, kostet aber langfristig Substanz. Vertrauen hingegen fördert Innovation und Offenheit.

Die Psyche als CEO.

Gerade Angst und Druck sind zwei Faktoren, mit denen viele Führungskräfte konfrontiert sind, denn wir leben heute in einer sogenannten VUKA-Welt. Psychiater Christof Argeny, der immer wieder Topmanager:innen zu seiner Klientel zählt: „Das bedeutet Volatilität, also dass Situationen sich schnell und stark ändern, Unsicherheit, weil die Zukunft noch schwerer vorhersehbar ist, Komplexität, da viele Faktoren miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen, und schließlich Ambiguität, weil Gegebenheiten oft unklar sind und verschiedene Interpretationen zulassen.“ Entscheidungen müssen daher oft trotz Unsicherheit getroffen werden. Dann gewinnt das Bauchgefühl an Gewicht. Doch dieses „Bauchgefühl“ ist nichts anderes als ein Produkt unserer Psyche – geprägt von Erfahrung, aber auch von Angst, Stress und unbewussten Mustern. Der Psychiater: „Die Frage ist also nicht, ob die Psyche Entscheidungen beeinflusst. Die Frage ist, ob das dem Entscheider bewusst ist.“

Die Frage ist nicht, ob die Psyche Entscheidungen beeinflusst. Die Frage ist, ob das dem Entscheider bewusst ist.

Christof ArgenyPsychiater

Reflexion ist dabei kein „Soft Skill“. Sie ist ein harter Wettbewerbsvorteil. Argeny: „Wer eigene Denkmuster und Emotionen nicht versteht, kann weder sich selbst noch andere wirksam führen.“ Nicht Datenmangel ist das Problem, sondern Selbstüberschätzung. Nicht Strategie fehlt, sondern Klarheit. Die Psyche ist der CEO – dieser Satz ist mehr als eine Metapher. Er beschreibt eine Realität, die in Vorstandsetagen oft unterschätzt wird. Psychiater Argeny: „Vielleicht ist es Zeit, die wichtigste Führungsposition neu zu definieren. Sie trägt keinen Titel, hat kein Büro – und ist doch immer besetzt. Im eigenen Kopf.“

Geschäftsführer Karl Bucher hat sich jedenfalls coachen lassen, nachdem ihm klar wurde, dass eine frühere Entscheidung ihm und dem damaligen Unternehmen großen Schaden zugefügt hat. Früher war sein Motto: „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.“ Heute ist er überzeugt, dass gegen den Strom schwimmen gut ist, aber erst, wenn man bereit ist, das Ego am Ufer zu lassen.

Bucher besucht weiterhin seinen Coach und empfindet das nicht als Schwäche, sondern als Stärke: „Ich bin heute sehr froh, in einem beruflichen Umfeld tätig zu sein, das diese Art der reflektierten Führung nicht nur zulässt, sondern auch wünscht.“

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