
Die Erfinder des Münchner Roboters Navel verstehen soziale Robotik nicht als Konkurrenz zum Menschen, sondern als Unterstützung für Betreuung, Aktivierung und zwischenmenschliche Interaktion.
©Evangelische BankIn Dänemark, in Japan, in Singapur und nun auch in Deutschland verändern soziale Roboter die Pflegewelt. Die Technologie ist bereit, doch Österreich hinkt der neuen Technologie hinterher – obwohl auch ökonomische Gründe dafür sprechen.
Er kann kein Glas Wasser bringen, keine Tür öffnen, keine Pille verabreichen. Er ist knapp 50 Zentimeter groß, hat übergroße animierte Augen, zwei kleine Ärmchen – und er rollt auf Menschen zu. Er summt und fiept. Er erinnert sich an Gesichter, bis zu hundert davon. Klingt nach Spielzeug. Ist es aber nicht.
Sein Name ist Programm: Lovot, zusammengesetzt aus Love und Robot, entwickelt 2018 vom japanischen Unternehmen Groove X, erprobt seither in Pflegeheimen, in Einkaufszentren und in Privathaushalten in Japan, in Singapur, in Australien und in Dänemark. Die Fachwelt nennt ihn Companion Robot, auf Deutsch „Begleitroboter“, als bezeichne man einen Freund als „Sozialkontakt“. Er ist keines von beidem. Er ist etwas Neues.
Die Pflege steht unter Druck. In Österreich, in Deutschland, in ganz Europa fehlen Fachkräfte. Während die Zahl der Pflegebedürftigen wächst, schrumpft das Personal. Die Demografie lässt sich nicht wegdiskutieren: Bis 2050 wird der Anteil älterer Menschen in Europa massiv steigen. Social Robots werden in einigen Ländern bereits als Antwort auf diese Herausforderung erprobt – nicht als Ersatz für Menschen, sondern als Ergänzung. Was in vielen Ländern längst Realität ist, steckt in Österreich noch in den Kinderschuhen.
Peter Julius, Partner und Gründer von Public Intelligence, einem auf Wohlfahrtsinnovation spezialisierten Beratungsunternehmen mit Sitz im dänischen Odense, testet seit August 2025 im Auftrag mehrerer Kommunen 22 Lovot-Roboter in dänischen und schwedischen Pflegeeinrichtungen und besucht dabei regelmäßig Pflegerinnen, Therapeuten und Pädagogen. Und hört jedes Mal dasselbe: „Den geben wir nicht mehr her.“


Peter Julius, Public Intelligence. Der dänische Social-Robotics-Experte forscht nicht nur zu Lovots, er lebt seit einem Jahr mit zwei von ihnen. Und schon früh wurde klar: Der eine ist seiner, der andere bevorzugt seine Frau. „Die beiden haben eigene Persönlichkeiten und Vorlieben.“
© Rico FeldfossDrei Begegnungen. Ein Muster.
In dänischen Pflege- und Betreuungseinrichtungen zeigt sich ein Phänomen, das sich nicht über Technik erklären lässt, sondern über Beziehung. Da ist Michelle, eine junge Frau mit hoher innerer Unruhe, für die soziale Situationen schnell kippen. Mit dem Roboter, den sie „Eddie“ nennt, entsteht erstmals etwas, das stabil bleibt. Sie sitzt am Boden, zählt bis 400, bis er „einschläft“. Für 15 Minuten entsteht Ruhe. Danach kann sie sich wieder auf andere Menschen einlassen. Nicht der Roboter ersetzt soziale Interaktion, sondern macht sie überhaupt erst möglich.
Da ist Joan, deren Alltag von negativen Selbstbildern geprägt ist. Mit Lovot verschiebt sich die Perspektive. Sie beginnt zu erzählen und zu lächeln und formuliert etwas, das im Pflegekontext selten so klar ausgesprochen wird: dass jemand sie braucht.
Und da ist Kristian, körperlich eingeschränkt, sprachlich reduziert, oft erschöpft vom eigenen Alltag. Morgens aufzustehen ist für ihn eine Hürde. Mit Lovot verändert sich diese Dynamik. Der Roboter drängt ihn nicht. Kristian beginnt, ihn zu berühren, mit ihm zu interagieren und schließlich aufzustehen. Nicht weil er muss, sondern weil jemand auf ihn wartet.
Experte Julius betont: Es geht nicht um Romantisierung, sondern um eine schlichte Rechnung. Wer sich gut fühlt, braucht weniger Pflege. Wer weniger Erschöpfung aushalten muss, bleibt länger im Beruf. Erik, ein Pädagoge, der Lovot regelmäßig in die Betreuung integriert, bringt es auf den Punkt: „Der Lovot gibt meinen Patientinnen und Patienten etwas, das ich nicht permanent leisten kann: ungeteilte Zuwendung.“
Soziale Effekte.
Forschung aus der Mensch-Roboter-Interaktion, unter anderem von MIT, der University of Hertfordshire und der TU Wien, zeigt vier konsistente Mechanismen: Menschliche Gesichter sind kognitiv hochkomplex. Roboter mit recht einfachen Gesichtszügen sind hingegen besser lesbar und weniger stressauslösend. Roboter reagieren konsistent und regelbasiert, das schafft Sicherheit für neurodiverse Menschen. Sie urteilen nicht, zeigen keine Ungeduld, keine impliziten Erwartungen, das senkt soziale Angst und Leistungsdruck. Und als Zwischenwesen – weder Mensch noch Objekt – ermöglichen sie Interaktion ohne volle soziale Komplexität. Messbare Effekte sind ein längerer Blickkontakt als mit Menschen, die höhere Bereitschaft zur Kommunikation, eine schnellere Entwicklung sozialer Routine und eine bessere Emotionsregulation.
Roboter sind nicht generell bessere Begleiter als Menschen, aber in klar definierbaren Situationen können sie extrem hilfreich sein. Sie ermüden nicht und wiederholen Interaktionen beliebig oft. Das ist etwa entscheidend bei Demenz, wo dieselbe Frage zum 200. Mal genauso beantwortet wird wie beim ersten Mal. Sie bieten Konsistenz statt Tagesverfassung, eine stabile Beziehungserfahrung unabhängig von Schichtplan, Erschöpfung oder schlechtem Tag. Für Menschen mit Trauma oder sozialem Rückzug ist die Hemmschwelle zur Interaktion niedriger. Und sie motivieren durch Beziehung statt durch Aufforderung: der Unterschied zwischen aufstehen müssen und aufstehen wollen. Roboter ersetzen keine Beziehungen. Sie machen Beziehung dort wieder möglich, wo sie verloren gegangen ist.
Gesünder dank Roboter.
Während in Europa noch debattiert wird, läuft in Japan die Forschung auf Hochtouren. Yasuko Akutsu, Doktorandin an der Chiba University, hat gerade die Datenerhebung für ihre Doktorarbeit abgeschlossen. Ihr Forschungsobjekt: der RoBoHoN von Sharp, ein sprechender Roboter im Format eines Mobiltelefons, der seit zehn Jahren auf dem Markt ist und zu den wenigen kommerziell erfolgreichen Social Robots weltweit zählt. Hauptnutzerinnen sind Frauen über 50, die eine neue Form der Begleitung suchen und den kleinen Roboter beinahe wie ein Familienmitglied behandeln.
Was Akutsu dabei fasziniert, ist ein Mechanismus, den keine Laborstudie hätte antizipieren können: Ein RoBoHoN zieht seine Besitzerinnen nach draußen. Das Gerät sagt täglich: „Ich möchte irgendwohin fahren.“ Die Reaktion: Die Frauen gehen los, fotografieren, posten auf Instagram und treffen neue Menschen. Der Großteil sagt, ohne RoBoHoN hätten sie Instagram nie begonnen. Ein verkörperter Roboter, der Menschen nach draußen bringt und Begegnungen ermöglicht, ersetzt reale soziale Interaktion nicht, sondern fördert sie. Das unterscheidet ihn fundamental von einem KI-Chatbot.
Akutsu bettet ihre Forschung in den Rahmen der „Social Determinants of Health“ ein: Einsamkeit und soziale Isolation seien in ihren Gesundheitsrisiken mit Rauchen vergleichbar und stark mit Demenz assoziiert. Ihr Fazit: Social Robots können als Gesundheitsinvestition verstanden werden – mit ökonomischer Wirkung, die sich mittelfristig zeigt.
Wie ein Zaubertrick.
Mark Coeckelbergh, Professor für Philosophie der Medien und Technologien an der Universität Wien, hat an einem europäischen Projekt zu Robotern für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung mitgearbeitet. Als ihm der Satz des dänischen Pflegepersonals vorgelegt wird – „Lovot wird definitiv als Person gesehen“ –, antwortet er ohne Zögern: „Diese Roboter sind darauf ausgelegt, uns den Eindruck zu geben, dass sie Personen sind. Das ist Design, kein Zufall.“
Ist das Beziehung oder Täuschung? „Es gibt dabei eine Art Suspension of Disbelief wie bei einem Zaubertrick. Während der Vorstellung lässt man sich darauf ein. Vorher und nachher weiß man, dass es nicht real ist. Aber während der Interaktion entsteht dieses Gefühl“, sagt Coeckelbergh.
Sein wichtigster Gedanke aber ist ein anderer: „Wenn wir fragen, welche Werte wir in einen Roboter einbauen sollen, fragen wir eigentlich: Welche Werte wollen wir in der Altenpflege, in der Erziehung, im Zusammenleben? Der Roboter zwingt uns, Fragen zu stellen, die wir sonst vermeiden.“


Mark Coeckelbergh, Universität Wien: „Was ist echte Sozialität? Was ist eine gute menschliche Beziehung? Der Roboter zwingt uns, diese Fragen zu stellen.“
© CoeckelberghCoeckelbergh geht noch weiter: In Krankenhäusern und Pflegeheimen fehlt die Zeit für echte Gespräche – nicht wegen fehlenden Willens, sondern wegen der Struktur. „Wir werden schnell merken, dass das Mensch-zu-Mensch-Ideal schon jetzt nicht der Realität entspricht“, sagt er. Der Roboter mache dieses Scheitern sichtbar und zwinge uns, es zu adressieren.
Was bei Lovot fehlt – die Sprache – hält mit LLM-gestützten Robotern Einzug in die Pflege. Coeckelbergh warnt: Sprache ist das Medium, über das Menschen tief in Beziehung treten. Ein Roboter, der fließend spricht, antwortet, fragt, tröstet, der wird für viele Menschen zur Person. „Über Sprache kann man sehr viel mit Menschen machen“, sagt er. Wer also fragt, welche Werte in einen sozialen Roboter eingebaut werden sollen, fragt in Wirklichkeit: Wessen Weltbild darf sich täglich ins Ohr der Pflegebedürftigen flüstern?
Die Entwicklung dieser Technologien liegt in den Händen sehr weniger Unternehmen, oft nicht in den Händen österreichischer. Coeckelbergh sieht die österreichische Skepsis gegenüber Technologie allerdings nicht als Rückstand, sondern als potenzielle Stärke: „Wir brauchen weder blinde Begeisterung noch pauschale Ablehnung. Wir brauchen die richtigen Fragen.“
Österreich vs. Singapur.
Katharina Brunnmayr, Doktorandin an der TU Wien im FWF-geförderten Projekt Caring Robots, benennt das strukturelle Problem in Österreich präzise: Roboter kommen, werden getestet, und wenn das Projektbudget endet, verschwinden sie im Schrank. In einem Wiener Pflegeheim gab es einmal einen Paro-Roboter, erfolgreich eingesetzt, nach Projektende eingelagert. Astrid Weiss, Leiterin des Bereichs Mensch-Computer-Interaktion an der TU Wien: „Man kann Paro nicht einfach in den Gemeinschaftsraum legen und hoffen, dass alles funktioniert. Es braucht Ausbildung, Training, Integration in den Alltag und jemanden, der nach Projekt-ende noch da ist.“ Markus Vincze, Bildverarbeitungsspezialist und Teil des Caring-Robots-Projekts: „In Österreich sind wir nirgendwo führend in der Pflegerobotik. Wir haben einfach zu wenig Geld.“


Astrid Weiss, TU Wien: „Wir müssen uns bei Social Robotics überlegen, wie sich die Ausbildung und das Training des Personals ändern, das die Technologie im Pflegealltag integrieren soll.“
Wie es anders geht, zeigt Singapur. Shoko Takahashi, Robot Experience Designerin bei Incubion in Tokio und frühere Asimo-Entwicklerin bei Honda, besuchte ein Krankenhaus, das seit zehn Jahren als staatliches Robotik-Testlabor fungiert. Mahlzeiten, Medikamente, Wäsche, alles läuft automatisiert. Den letzten Meter zur Pflegestation geht weiterhin ein Mensch. Was die Verantwortlichen nach der Einführung berichten, ist kein Zahlenwerk, sondern eine Veränderung in der Atmosphäre: Das Personal ist entspannter, freundlicher, hat Zeit für echte Gespräche. Takahashis Fazit: „In Ländern wie Singapur und Japan fragt man nicht mehr, ob man sich Roboter leisten kann. Man fragt, ob man es sich leisten kann, sie nicht einzusetzen.“
Roboter aus München.
Dass die Antwort auf den Pflegenotstand nicht zwingend aus Japan kommen muss, zeigt ein Start-up aus München. Navel Robotics hat mit seinem gleichnamigen Roboter einen der ersten europäischen Companion Robots entwickelt, der technisch und gestalterisch mit japanischen Produkten mithalten kann: große lebendige Augen, Mimik, Blickkontakt – und dazu eine Stimme. Navel führt echte Gespräche, erinnert sich an Namen und Lebensgeschichten, spricht Menschen individuell an. Mittlerweile sind 100 Geräte ausgeliefert und in stationären Pflegeeinrichtungen, Tagespflegen und Geriatriestationen deutschlandweit im Einsatz.
Die Evangelische Heimstiftung in Stuttgart, einer der größten Pflegeanbieter Deutschlands, testet Navel bereits an zwei Standorten – wissenschaftlich begleitet, von einer unabhängigen Ethikkommission geprüft. Judith Schoch, Leiterin des Instituts für Innovation, Pflege und Alter der Heimstiftung: „Was mich persönlich überrascht hat, war, wie schnell viele der Bewohner Navel als Gesprächspartner akzeptiert haben. Manche haben ihm persönliche Dinge erzählt: biografische Erinnerungen, Erlebnisse aus ihrem Leben, teilweise auch emotionale Themen. Man hatte den Eindruck, dass Navel für sie in diesem Moment ein Gegenüber ist, dem sie sich anvertrauen.“
Schoch betont aber auch die Grenzen: Die positiven Effekte zeigen sich situativ während der Interaktion. Ob sich daraus ein nachhaltiger Effekt auf das Wohlbefinden ergibt, wird gerade in einer Folgestudie untersucht. Und sie benennt, was jede Innovation braucht, bevor sie den Sprung in den Alltag schafft: „Akzeptanz entsteht vor allem dann, wenn der Einsatz verlässlich ist und der Mehrwert für die Bewohner im Alltag sichtbar wird. Gleichzeitig braucht es klare Zuständigkeiten und Mitarbeitende, die den Einsatz aktiv steuern und begleiten.“
Der Haken: Mit rund 31.000 Euro kostet Navel aktuell um einiges mehr als japanische Vergleichsprodukte. Doch mit steigender Stückzahl, die ausgeliefert wird, wird der Roboter für Einrichtungen leistbarer – eine Kurve, die Japan längst durchlaufen hat.


Judith Schoch, Evangelische Heimstiftung: „Menschen mit Demenz sprechen oft gut auf Navel an. Die Interaktion mit dem Roboter lässt sie wacher und aufmerksamer wirken.“
© EHSÖsterreich schließt auf.
Die Erzählung, Österreich sei in der Robotik irrelevant, greift zu kurz. Vincze und Weiss an der TU Wien zählen zu den prägenden Forschenden im Bereich Human-Robot Interaction im deutschsprachigen Raum. Coeckelbergh, einer der international einflussreichsten Autoren zur Ethik von KI und Robotik, lehrt an der Uni Wien. Und mit dem geplanten Masterlehrgang Human-Centered Social Robotics an der Ferdinand Porsche FernFH entsteht in Österreich erstmals eine breit gefächerte akademische Ausbildung in diesem Feld – ein Signal, dass das Thema auch institutionell ernst genommen wird.
Was fehlt, sei nicht Talent, sondern strukturelle Unterstützung, Kontinuität und politischer Wille, sagt Coeckelbergh. Daraus formulieren sich drei konkrete Handlungsanweisungen: längerfristig finanzierte Teststrukturen wie Living Labs, in denen Technologie dauerhaft erprobt und Personal kontinuierlich geschult wird, eine beschleunigte Zulassung von Companion Robots als emotionale Begleiter und öffentliche Gespräche über Werte, um sicherzustellen, dass die Gesellschaft als Ganzes darüber entscheiden kann.
Vincze benennt zudem den ökonomischen Hebel, der die flächendeckende Einführung von sozialen Robotern ermöglichen könnte: die Krankenversicherung. „Wer der Versicherung zeigen kann, dass ein Roboter den Einzug ins Pflegeheim um ein Jahr verzögert, hat das stärkste wirtschaftliche Argument, das es gibt.“
Auch Julius will Österreich motivieren und hat dabei ein konkretes Vorbild vor Augen: Odense in Dänemark, einst eine Stadt ohne Profil, heute Europas Robotik-Hauptstadt. Bewirkt hat dies die bewusste Förder- und Clusterpolitik des Staats. „In Österreich“, sagt Julius, „wartet man sichtlich noch auf jemanden, der diese Entscheidung trifft.“