
Der Einstieg ins Berufsleben wird härter: Nicht nur die Wirtschaftslage, auch die KI verschiebt die Spielregeln am Arbeitsmarkt. Doch einige Berufe bleiben vor der Automatisierungswelle vergleichsweise sicher.
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Bisher hat nichts meinen Selbstwert so sehr getestet wie Jobabsagen“, sagt die Content Creatorin Lisa Walter in einem ihrer Instagram-Videos. Walter hat bereits über 100 Absagen von Unternehmen bekommen – trotz Bachelor- und Masterabschluss in International Management. „Wir sind einfach ins Berufsleben gestartet mitten in Krisen, während Lebenshaltungskosten einfach komplett explodieren“, beschreibt Walter die Lebensrealität vieler arbeitssuchender Akademiker:innen in ihren Zwanzigern: „Dazu kommt, dass Technologie ganze Berufsfelder verschwinden lässt.“
Worauf Walter anspielt, ist vor allem der fortschreitende Siegeszug von künstlicher Intelligenz, der nun unmittelbar auch jene trifft, die gerade erst ganz am Anfang ihres Berufslebens stehen. Tatsächlich sind laut aktueller Studie der Stanford University seit der Einführung generativer KI im Jahr 2022 die Beschäftigung von Berufseinsteiger:innen im Alter von 22 bis 25 Jahren in den USA in besonders KI-exponierten Branchen um rund 16 Prozent gesunken, während sie bei weniger exponierten Tätigkeiten weitgehend stabil blieb. Für Europa fehlen zwar vergleichbare Daten, Einschätzungen von Expert:innen bestätigen jedoch diese Entwicklung. „Auch wir sehen, dass es durch KI weniger Ausschreibungen für Einstiegsjobs gibt“, sagt der Digitalisierungsexperte Sebastian Klocker vom ÖGB.
Die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt sind längst keine Theorie mehr: Gerade erst kündigte Meta an, 8.000 Mitarbeitende zu entlassen und 6.000 unbesetzte Stellen nicht mehr zu besetzen. Denn mithilfe von KI sei es mittlerweile möglich, dass Projekte, die zuvor ein großes Team benötigten, nun von einer einzigen Person erledigt werden können, so Meta-CEO Mark Zuckerberg. Aber auch bei Microsoft oder etlichen weiteren IT-Unternehmen stehen Personaleinsparungen auf dem Programm.
Während KI einerseits Arbeitsprozesse beschleunigen oder vereinfachen kann, ist sie gerade für Berufseinsteiger:innen oft ein weiteres Hindernis auf dem ohnehin schwierigen Jobmarkt, das es zu überwinden gilt. Denn KI kann mittlerweile viele Aufgaben übernehmen, die gerade in Einstiegsjobs gefragt sind, zum Beispiel Dateneingabe, BasisKundensupport, einfache Texterstellung, Buchhaltung oder grundlegende Programmieraufgaben.
Schon frühere Automatisierungswellen setzten vor allem manuelle Routinetätigkeiten unter Druck, bestätigt Julia Bock-Schappelwein, Senior Economist am Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO): „KI führt nun eher dazu, dass Berufe im oberen Qualifikationssegment sowie Angestelltenberufe, vor allem solche mit wenig sozialer Interaktion oder geringer körperlicher Tätigkeit, automatisiert werden. Dazu zählen insbesondere Büro- beziehungsweise Verwaltungstätigkeiten, für die kognitive Fähigkeiten gefragt sind.“
ÖGB-Experte Klocker beobachtet eine ähnliche Entwicklung: „Der Trend zu KI geht immer weiter hin zu akademischen Berufen. Ganz klassisch sehen wir das bei Programmierer:innen, da es dort viel Automatisierbarkeit gibt, aber auch im mittleren Managementbereich.“ Die Zahl arbeitslos gemeldeter Akademiker:innen ist in Österreich im Jänner 2026 im Jahresvergleich um 15,4 Prozent gestiegen und lag bei rund 35.000 Personen. Welcher Anteil dieser Entwicklung konkret auf KI zurückzuführen ist, lässt sich derzeit nicht beziffern, vermutet wird aber, dass KI dabei zumindest erste Anteile daran hat.
Ungleiche Auswirkungen
Doch nicht alle sind von möglichen Kürzungen aufgrund des Einsatzes von KI gleich tangiert. Neben jungen Menschen auf der Suche nach Einstiegsjobs sind laut einer Studie der International Labour Organization (ILO) von 2025 Frauen doppelt so oft betroffen wie Männer. „Eine große Risikogruppe sind Teilzeitkräfte, und das sind häufig Frauen, da sie nach wie vor einen Großteil der Care-Arbeit übernehmen“, erklärt Klocker, „Teilzeitkräfte haben zudem oft weniger Zugang zu Weiterbildungsmaßnahmen.“ Aber auch älteren Arbeitnehmer:innen fehle es häufig an Möglichkeiten, sich im Umgang mit KI weiterzubilden: „Da muss man genau hinschauen, dass man keine Gruppe zurücklässt und allen die Chance zur Weiterbildung und Skills-Entwicklung gibt.“
KI-Agenten, die den Jobmarkt leerräumen könnten – das kann schon Angst machen. Doch Klocker warnt ausdrücklich vor überzogenen Horrorszenarien: „Nur weil etwas theoretisch automatisierbar ist, heißt das nicht, dass das auch tatsächlich sinnvoll ist. Ein Großteil der Studien sagt, dass es eher zu einer Erweiterung oder Verschiebung von Tätigkeitsbereichen kommt, und weniger, dass massiv Jobs abgebaut werden.“
Berufe ohne Risiko, von der KI ersetzt zu werden
- Ärzt:innen (Allgemein-,Zahn-, Tier-)
- Sozialarbeiter:innen
- Polizeibeamt:innen
- Flugzeugpilot:innen
- Pädagog:innen (Sonder-)
- Techniker:innen (Chemie, Physik, Elektro)
- Erzieher:innen
- Köch:innen
- Lehrer:innen
- Therapeut:innen
- Abgeordnete (Parlament)
- Hebammen
- Ingenieur:innen (Maschinenbau, Elektro, Chemie, Bau, Bergbau)
- Sänger:innen
- Komponist:innen
- Musiker:innen
- Pflegefachkräfte
- Pfarrer:innen
- Richter:innen
- Physiotherapeut:innen
Quelle: ILO
Sichere Bank
Wer dennoch auf Branchen setzen möchte, die nur am Rande mit KI in Berührung kommen, ohne sich intensiv mit den diversen KI-Tools auseinandersetzen zu müssen, kann sich an Berufsfeldern orientieren, die weniger KI-exponiert sind. „Verhältnismäßig geschützt sind Tätigkeiten mit hoher sozialer Interaktion oder manueller Geschicklichkeit“, weiß WIFO-Expertin BockSchappelwein. Dazu zählen vor allem Pflege- und Gesundheitsberufe, Handwerk und technische Facharbeit, Bildung und soziale Arbeit oder auch Führungsund Entscheidungsrollen. Das heißt: Je stärker ein Beruf auf Vertrauen, menschliche Beziehung oder situative Entscheidungsfähigkeit basiert, desto schwerer lässt er sich durch KI ersetzen.
KI wird den Arbeitsmarkt nicht über Nacht leerfegen. Aber sie verschiebt die Spielregeln – schneller und tiefgreifender, als viele erwartet haben. Für Berufseinsteiger:innen bedeutet das: Klassische Karrierewege werden unsicherer, während Anpassungsfähigkeit, soziale Kompetenzen und Eigeninitiative an Bedeutung gewinnen. Oder anders gesagt: Ein guter Lebenslauf allein reicht nicht mehr. Stattdessen braucht es ein Bewusstsein dafür, wie sich das eigene Berufsfeld weiterentwickelt, und die Fähigkeit, den aktuellen Jobmarkt richtig einzuschätzen.
Content-Creatorin Walter hat ihre Arbeitslosigkeit indes genutzt, um ins Unternehmertum einzusteigen. Sie baute erfolgreich ihre eigene Marke glow rund um selbst genähte Kosmetiktaschen auf – ganz ohne KI. Den ganzen Prozess begleitete sie auf Social Media unter dem Motto: „Wie ich mir nach über 100 Jobabsagen jetzt einfach meinen eigenen Job baue.“
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 8. Mai 2026 erschienen.
