Der Boden entscheidet - Warum Führung dort beginnt, wo niemand hinsieht

In Kooperation mit Monika Edlinger, MBA
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Wenn Führungskräfte Veränderung wollen, arbeiten sie oft am Sichtbaren: Verhalten, Meetings, Performance. Diese Kolumne dreht den Blick dorthin, wo kaum jemand hinsieht: auf den „Boden“ des Systems, also Rollen, Entscheidungslogiken und Verantwortlichkeiten. Teamkultur entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungslogiken.

Auf dem Bergbauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin, lagen zwei Wiesen nebeneinander.
Die eine war verlässlich: dicht, grün, ertragreich. Die andere war ein Problem. Steine, kahle Stellen, ausgedünntes Gras. Ein Feld, das mehr Arbeit machte, als es zurückgab.

Ich erinnere mich, wie ich als Kind gefragt habe, warum wir uns überhaupt damit beschäftigen.
Warum nicht einfach die gute Wiese nutzen – und die andere lassen, wie sie ist?

Mein Vater hat darauf nie direkt geantwortet.
Er ist einfach jeden Frühling wieder hinausgegangen.

Er hat keine Samen gestreut.
Er hat auch nicht versucht, das, was da war, irgendwie „besser wachsen zu lassen“.

Er hat Steine gesammelt. Stunde um Stunde.
Er hat den Boden aufgebrochen, gekalkt, immer wieder gewendet.
Wochenlang – nichts als braune Erde.

Es sah aus wie Verschwendung.
Keine sichtbare Verbesserung. Kein Fortschritt. Nur Arbeit.

Und dann kam ein Sommer, in dem man zum ersten Mal nicht mehr sofort sah, welches Feld das „schlechte“ war.

Nicht perfekt. Nicht plötzlich üppig.
Aber tragfähig.

Im Jahr darauf brauchte dieses Feld weniger Aufmerksamkeit als je zuvor.
Und irgendwann hörte mein Vater auf, darüber zu sprechen, welches das „gute“ und welches das „schlechte“ Feld war.

Der Unterschied war verschwunden.
Nicht, weil man das Gras verbessert hatte.
Sondern weil man den Boden verändert hatte.

Der blinde Fleck moderner Führung

Genau hier liegt ein Missverständnis, das ich in Organisationen immer wieder sehe.

Führungskräfte investieren enorme Energie – aber an der falschen Stelle.
Sie versuchen, Verhalten zu korrigieren, Motivation zu steigern, Ergebnisse zu verbessern.
Sie arbeiten an dem, was sichtbar ist.

Sie gießen.

Mehr Kommunikation.
Mehr Feedback.
Mehr Initiativen.

Und wundern sich, warum nichts nachhaltig wächst.

Das Problem ist nicht der Einsatz.
Das Problem ist die Ebene.

Was auf der Oberfläche sichtbar wird – Leistung, Engagement, Zusammenarbeit – ist kein Ausgangspunkt. Es ist ein Ergebnis.

Oder präziser: ein Symptom.

Was wir sehen – und was wir übersehen

In meinen letzten Kolumnen ging es um Resonanz, um Wirkung, um das, was auf der „Bühne“ zwischen Menschen entsteht.

Um den Raum des Selbst.
Um den Raum der Begegnung.

Doch was auf dieser Bühne passiert, hat eine Vorgeschichte.
Resonanz ist kein Zufall. Und schon gar kein individuelles Talent.

Sie ist ein Systemeffekt.

Was auf der Bühne sichtbar wird, entsteht im Boden, den niemand sieht.

Und genau hier liegt der blinde Fleck:
Wir investieren in das Selbst.
Wir gestalten Begegnung.

Doch wir übersehen das System, das darüber entscheidet, ob daraus mehr wird als ein Moment.

Denn erst im Raum des Systems entscheidet sich,
ob Wirkung entsteht
oder ob alles wieder versandet

Drei Ebenen, die wir ständig verwechseln

Wenn wir Organisationen wie ein Feld denken, lassen sich drei Ebenen unterscheiden:

1. Die Halme – das sichtbare Verhalten
Meetings, Kommunikation, Performance, Konflikte.
Hier setzen die meisten Maßnahmen an.

2. Das Klima – die Qualität der Aufmerksamkeit
Wie hören Menschen einander zu?
Gibt es Raum für Reflexion – oder nur Reaktion?
Entsteht Verbindung oder Abwehr?
Das ist weniger sichtbar, aber unmittelbar spürbar.

3. Der Boden – die Struktur des Systems
Rollen, Entscheidungslogiken, Verantwortlichkeiten, Schnittstellen.

Das ist die am wenigsten sichtbare – und gleichzeitig wirksamste Ebene.
Die meisten Organisationen versuchen, Probleme auf Ebene 1 zu lösen.
Einige arbeiten auf Ebene 2.

Die wenigsten gestalten konsequent Ebene 3.
Und genau deshalb bleibt Veränderung oft kosmetisch.

Systemische Bodenarbeit: Vier Hebel für wirksame Führung

1. Aufmerksamkeit lenken – weg vom Symptom, hin zur Quelle

Solange Führung auf das reagiert, was gerade sichtbar wird, bleibt sie im Reaktionsmodus.

Wir nennen das oft „operativ stark“.
Tatsächlich ist es oft nur ein permanentes Hinterherlaufen.

Wirksam wird Führung erst, wenn sie den Fokus verschiebt:
von der Frage „Was läuft hier gerade falsch?“ hin zu
„Welche Bedingungen erzeugen genau dieses Verhalten?“

Die Frage an Sie:
Wo reagieren Sie – statt zu verstehen, was das System hervorbringt?

2. Entscheidungsfähigkeit ermöglichen

Organisationen scheitern selten an fehlender Motivation.
Sie scheitern an Unklarheit.

Unklare Rollen, diffuse Verantwortlichkeiten und widersprüchliche Erwartungen wirken wie steiniger Boden. Man kann noch so viel Energie hineinstecken – es wächst nichts Stabiles.

Hier liefert Niklas Luhmann eine präzise Perspektive:
Organisationen reproduzieren sich durch Entscheidungen. Und Entscheidungen folgen Prämissen.

Wenn diese Prämissen unklar sind, wird das System träge.

Die Frage an Sie:
Wo verhindern unklare Entscheidungslogiken, dass Ihr System ins Arbeiten kommt?

3. Selbstregulation statt Eskalation

In vielen Unternehmen wandert jedes Problem nach oben.
Nicht, weil es dort hingehört – sondern weil unten die Struktur fehlt, es zu lösen.

Das Ergebnis ist eine Art „Staunässe“ im Management:
Alles sammelt sich oben, nichts versickert dort, wo es entstehen sollte.

Das Viable System Model von Stafford Beer beschreibt genau diese Notwendigkeit:
Ein System ist nur dann lebensfähig, wenn es sich auf den richtigen Ebenen selbst regulieren kann.

Die Frage an Sie:
Welche Entscheidungen halten Sie fest, die längst ins System gehören?

4. Messen, was wirklich ist – und dann handeln

Kein Landwirt würde ein Feld bearbeiten, ohne den Boden zu kennen.
In Organisationen übernehmen diese Rolle interne Diagnosen: Befragungen, Interviews, Analysen.

Doch hier passiert ein subtiler Fehler:
Messung wird mit Veränderung verwechselt.

Daten erzeugen noch keinen fruchtbaren Boden.
Im Gegenteil: Wenn Diagnose nicht in sichtbare Konsequenzen übersetzt wird, sinkt das Vertrauen.

Die Frage an Sie:
Ist Ihre Organisationsdiagnostik ein Erkenntnisinstrument – oder ein Beruhigungsritual?

Die unsichtbare Dimension von Führung

Erst an diesem Punkt wird verständlich, was Otto Scharmer mit einer „Infrastruktur für kollektive Aufmerksamkeit“ meint.

Organisationen brauchen nicht nur gute Strukturen.
Sie brauchen auch Räume, in denen Wahrnehmung sich verändern kann.

Im Bild des Feldes sind das Sonne und Regen:
Momente des Innehaltens, der Reflexion, der gemeinsamen Ausrichtung.

Ohne diese Qualität bleibt selbst ein gut vorbereiteter Boden ungenutzt.

Und ohne einen tragfähigen Boden verpufft jede noch so gute Reflexion.

The Field of Impact: Warum echte Wirkung unsichtbar beginnt

Ein gut bearbeitetes Feld erkennt man nicht sofort.
Im ersten Jahr sieht es oft schlechter aus als zuvor.

Weniger Ertrag. Mehr Aufwand. Mehr Zweifel.

Der Unterschied zeigt sich später.
Dann, wenn weniger Eingriffe nötig sind.
Wenn Dinge anfangen, „von selbst“ zu funktionieren.

Wenn Führung nicht mehr permanent eingreifen muss.

Was auf der Bühne als Leichtigkeit erscheint, ist das Ergebnis unsichtbarer Vorarbeit.

Oder anders gesagt:

Resonanz ist kein Talent.
Wachstum ist keine Maßnahme.

Beides ist das Resultat eines Systems, das richtig gebaut ist.

Echte Führung beginnt dort, wo niemand hinsieht:
im Boden.

Und sie zeigt sich dort, wo alle hinschauen:
in der Wirkung.

Real Connection. Real Growth. Real Impact.

Weiterdenken & mitreden

Wer die Themen dieser Kolumne vertiefen möchte, ist herzlich eingeladen zum MTLY TEAM-TALK von Edlinger & Partner Consulting – ein Raum für ehrliche Gespräche, mutige Fragen und gemeinsames Wachsen. Nächster Termin: Mi., 15. April, 18:00 Uhr 👉 edlinger-partner.com/epc-mtly-team-talk

Steckbrief

Monika Edlinger, MBA

Beruf
Wirtschafts-Kolumnistin und Transformationsexpertin
Ausbildung

- Expertin für Teamentwicklung, Projektmanagement & Organisationsentwicklung
- Systemische Unternehmensberaterin und zertifizierte Business-Coach
- Ihre Arbeit wurde international durch EFMA und Accenture mit dem Distribution & Marketing Innovation Award – in der Kategorie Workforce Experience – ausgezeichnet

Beschreibung

Systemische Unternehmensberaterin, Coach, Gruppendynamikerin und Dozentin. Als Geschäftsführerin von Edlinger & Partner Consulting begleitet sie Führungsteams, Projektteams und Teams in Transformation, Wachstum und Krise. Sie verbindet strategische Klarheit mit menschlicher Tiefe – und macht Teams zu dem, was sie wirklich stark macht: ihrer eigenen Identität.

Aufgewachsen in den Bergen, in einem lebendigen Familienclan, hat sie früh gelernt, wie Gemeinschaft trägt – und wie sie gleichzeitig herausfordert. Ihr Weg: Real Connection. Real Growth. Real Impact.

https://edlinger-partner.com/

Inspiriert von:

  • Niklas Luhmann – Organisation und Entscheidung

  • Stafford Beer – Viable System Model

  • Otto Scharmer – Theory U

  • Hartmut Rosa – Resonanz

In Kooperation mit:
Mental Health
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