
Viele Führungskräfte kennen das Phänomen: Je wichtiger ein Termin, desto größer die Anspannung – und desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass genau dann etwas schiefgeht. Der Pitch stockt, der Gedanke fehlt, die Entscheidung fällt schwer. Nicht mangelnde Kompetenz ist die Ursache, sondern Neurobiologie. Erfolg entsteht nicht allein durch Strategie, Wissen oder Talent, sondern durch den Zustand des Gehirns.
Die moderne Hirnforschung zeigt: Leistung ist kein linearer Prozess, sondern das Ergebnis eines fein austarierten Zusammenspiels aus Motivation, Stressregulation und emotionaler Stabilität. Wer dauerhaft erfolgreich sein will, muss nicht nur klug handeln, sondern den eigenen mentalen Zustand steuern können.
Erfolg ist kein Ziel – sondern ein Zustand
Lange galt Erfolg als Folge harter Arbeit und klarer Zielsetzung. Doch neurobiologisch betrachtet ist er zunächst ein bestimmter Funktionsmodus des Gehirns.
Im Buch Gewinner grübeln nicht wird dieser als „Neurobiologie des Erfolgs“ beschrieben – ein Zustand, in dem Probleme lösbar erscheinen, Kreativität verfügbar ist und Rückschläge verarbeitet werden können. Er entsteht, wenn Motivation und Entspannung gleichzeitig vorhanden sind. Zu viel Druck dagegen verengt Denken und Wahrnehmung.
Erfolg gelingt am ehesten, wenn Stärke und Leichtigkeit zusammenkommen und das Problem erkannt wird, ohne sich darin zu verlieren. Diese Erkenntnis deckt sich mit dem sogenannten Yerkes-Dodson-Gesetz: Leistung steigt mit wachsender Aktivierung – bis zu einem optimalen Punkt. Danach sinkt sie rapide. Unter Hochstress schaltet das Gehirn vom analytischen in den reaktiven Modus.
Erfolg gelingt am ehesten, wenn Stärke und Leichtigkeit zusammenkommen und das Problem erkannt wird, ohne sich darin zu verlieren.
Der biochemische Motor der Leistung
Hinter Motivation, Durchsetzungsfähigkeit und nachhaltigem Erfolg stehen keine abstrakten Persönlichkeitsmerkmale, sondern ein hochkomplexes Zusammenspiel von Botenstoffen im Gehirn. Was wir als Ehrgeiz, Tatkraft oder Teamgeist erleben, ist neurobiologisch betrachtet das Ergebnis fein abgestimmter chemischer Prozesse. Drei Neurotransmitter beziehungsweise Hormone bilden dabei den Kern leistungsfähiger Zustände: Dopamin, Testosteron und Oxytocin.
Dopamin ist der Treibstoff für Neugier, Zielorientierung und Fortschritt. Es wird immer dann ausgeschüttet, wenn wir eine positive Erwartung haben, etwas Neues entdecken oder spürbar vorankommen. Entscheidend ist dabei ein oft missverstandener Punkt: Nicht das Erreichen eines großen Ziels erzeugt den stärksten Motivationsschub, sondern das Gefühl, ihm näherzukommen. Jeder kleine Fortschritt, jedes gelöste Problem, jede überwundene Hürde aktiviert das dopaminerge System und signalisiert dem Gehirn: Weitermachen lohnt sich. Deshalb können Zwischenziele, sichtbare Fortschritte und Feedback leistungsstärker wirken als ein weit entfernter Erfolg am Horizont. Organisationen, die Fortschritt sichtbar machen, erzeugen damit buchstäblich Motivation auf neurochemischer Ebene.
Testosteron ergänzt diesen Antrieb um eine zweite Dimension: Durchsetzung und Statusorientierung. Das gilt übrigens auch für Frauen. Dieses Hormon erhöht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Risiken einzugehen und sich im Wettbewerb zu behaupten. Es verstärkt Selbstvertrauen und Handlungsenergie – Eigenschaften, die insbesondere in dynamischen oder unsicheren Situationen entscheidend sind. Ohne diesen biologischen Impuls würden viele ambitionierte Projekte gar nicht erst begonnen. Gleichzeitig kann ein Übermaß an testosterongetriebenem Verhalten zu Dominanzkämpfen, Kurzfristdenken oder unnötigen Risiken führen. Entscheidend ist daher nicht maximale Aktivierung, sondern dosierte Einsatzbereitschaft.
Als ausgleichende Kraft wirkt Oxytocin. Oft als „Bindungshormon“ bezeichnet, stärkt es Vertrauen, Empathie und soziale Verbundenheit. Es sorgt dafür, dass Kooperation möglich wird, Konflikte abgemildert werden und Teams stabil funktionieren. Während Dopamin den Blick nach vorne richtet und Testosteron den Wettbewerb anheizt, schafft Oxytocin den sozialen Raum, in dem nachhaltiger Erfolg überhaupt entstehen kann. Menschen arbeiten engagierter, kreativer und resilienter, wenn sie sich sicher und verbunden fühlen – ein Effekt, der sich direkt auf die Leistungsfähigkeit von Organisationen auswirkt.
Gemeinsam bilden diese drei Botenstoffe den neurobiologischen „Cocktail“ des Erfolgs. Sie treiben uns an, lassen uns Herausforderungen annehmen und ermöglichen gleichzeitig Zusammenarbeit. Entscheidend ist dabei weniger die absolute Menge als die Balance. Zu viel Wettbewerb ohne Vertrauen führt zu Konflikten und Erschöpfung, zu viel Harmonie ohne Antrieb zu Trägheit und Stillstand. Erfolgreiche Unternehmen und Führungskräfte schaffen – oft intuitiv – genau dieses Gleichgewicht: ambitionierte Ziele bei gleichzeitig hoher psychologischer Sicherheit.
Das Paradox des Erfolgs: Weniger Druck, bessere Leistung
Viele High Performer reagieren auf Schwierigkeiten mit einer Strategie, die zunächst plausibel erscheint: Sie erhöhen den Einsatz. Mehr Stunden, mehr Kontrolle, mehr Intensität. Doch neurobiologisch betrachtet ist genau das häufig der falsche Weg. Denn das Gehirn funktioniert nicht wie ein Muskel, der unter maximaler Belastung am besten arbeitet, sondern wie ein hochsensibles System, das nur innerhalb eines bestimmten Aktivierungsfensters seine volle Leistungsfähigkeit entfaltet. Zu viel Druck verengt Aufmerksamkeit, blockiert Kreativität und erhöht die Fehleranfälligkeit.
Optimal arbeitet das Gehirn dann, wenn es gleichzeitig aktiviert und entspannt ist – ein Zustand, der paradox wirkt, aber messbar existiert. In dieser Balance entstehen Flow-Erlebnisse: Momente tiefer Konzentration, in denen Handlungen scheinbar mühelos ablaufen, Entscheidungen intuitiv richtig erscheinen und Zeit an Bedeutung verliert. Neurowissenschaftlich betrachtet sind in diesem Zustand Motivation, Aufmerksamkeit und emotionale Stabilität synchronisiert. Stresshormone bleiben moderat, während leistungsfördernde Botenstoffe aktiv sind. Das Resultat ist maximale Effizienz bei minimalem inneren Widerstand.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die mentale Vorstellungskraft. Das Gehirn reagiert auf lebendige innere Bilder ähnlich wie auf reale Erfahrungen. Positive Zielbilder können Stressreaktionen dämpfen, die Motivation erhöhen und sogar körperliche Leistungsparameter verbessern. Wer sich einen erfolgreichen Verlauf einer Präsentation, eines Gesprächs oder eines Wettkampfs vorstellt, aktiviert bereits jene neuronalen Netzwerke, die später für die tatsächliche Handlung benötigt werden. Dadurch entsteht Sicherheit, bevor die Situation überhaupt eintritt.
Die wirksamste Kombination für nachhaltigen Erfolg ist daher nicht maximaler Druck, sondern fokussierte Aktivierung bei gleichzeitiger Entspannung. Positive Zielbilder geben Orientierung, während ein ruhiger innerer Zustand die nötige Flexibilität schafft, um auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Genau diese Verbindung aus mentaler Klarheit und innerer Gelassenheit gilt als einer der zuverlässigsten Prädiktoren für Spitzenleistung.
Im Leistungssport wird diese Methode seit Jahrzehnten systematisch eingesetzt. Spitzensportler trainieren nicht nur Muskeln, sondern auch mentale Szenarien: den perfekten Lauf, den gelungenen Sprung, den erfolgreichen Abschluss. Neu ist die Erkenntnis, dass dieselben Mechanismen auch in der Wirtschaft wirken. Führungskräfte, die vor wichtigen Entscheidungen mentale Simulationen nutzen, berichten von höherer Klarheit, weniger Stress und besseren Ergebnissen. Innovationsprozesse profitieren, weil ein entspannter Geist leichter neue Verbindungen herstellt.
Unsichtbare Bremsen im Kopf
Nicht jeder Leistungsabfall lässt sich durch äußere Umstände erklären. Fehlende Ressourcen, schwierige Märkte oder Zeitdruck sind oft nur die sichtbare Oberfläche. Darunter wirken subtilere Kräfte: unbewusste Mechanismen, die uns scheinbar ausbremsen, tatsächlich aber schützen sollen. In der Psychologie werden diese verborgenen Vorteile eines Problems als „Sekundärgewinne“ bezeichnet.
Ein Zustand, der von außen betrachtet hinderlich wirkt, kann für das Gehirn emotional sinnvoll sein. Wer dauerhaft überlastet ist, erhält Aufmerksamkeit, Verständnis oder Unterstützung. Wer scheitert, muss keine weitreichenden Entscheidungen treffen und trägt weniger Verantwortung. Wer Konflikte meidet, bewahrt zumindest kurzfristig Harmonie und Zugehörigkeit. Diese Effekte laufen nicht bewusst ab — sie entstehen automatisch aus Erfahrungen, Gewohnheiten und dem grundlegenden Bedürfnis nach Sicherheit.
Das Gehirn bewertet solche emotionalen Belohnungen oft stärker als rationale Ziele. Während der Verstand langfristige Vorteile erkennt — etwa Karrierechancen, Wachstum oder finanzielle Erfolge — reagiert das limbische System primär auf unmittelbare Entlastung und Schutz vor Stress. Was sich kurzfristig sicher anfühlt, gewinnt gegen das, was langfristig sinnvoll wäre. Auf diese Weise können Menschen gleichzeitig Erfolg wollen und ihn doch unbewusst sabotieren.
Mehr Einsatz löst dieses Dilemma nicht — im Gegenteil. Solange die „mentale Handbremse“ angezogen ist, verstärkt zusätzliche Anstrengung lediglich den inneren Widerstand. Energie verpufft, Frustration steigt, und der Eindruck entsteht, trotz maximaler Bemühungen nicht voranzukommen. Neurobiologisch betrachtet versucht das System, einen Zustand aufrechtzuerhalten, der emotional als vorteilhaft gespeichert ist.
Für Führungskräfte hat diese Erkenntnis weitreichende Konsequenzen. Leistungsprobleme sind nicht automatisch Motivationsprobleme. Häufig handelt es sich um Schutzmechanismen — etwa vor Überforderung, Kontrollverlust oder sozialem Risiko. Mitarbeitende, die Veränderungen blockieren, Projekte verzögern oder Verantwortung meiden, handeln selten aus mangelndem Engagement. Oft reagieren sie auf unterschwellige Ängste oder auf Strukturen, die unbewusst Fehlanreize setzen.
Wirksame Führung bedeutet daher nicht nur Ziele zu definieren und Leistung einzufordern, sondern auch die unsichtbaren Bremsen zu erkennen. Erst wenn die emotionalen Vorteile des Stillstands verstanden und alternative Sicherheiten geschaffen werden, kann sich echte Dynamik entwickeln. Erfolg entsteht dann nicht durch mehr Druck, sondern durch das Lösen jener inneren Widerstände, die Fortschritt bislang verhindert haben.
Erfolg als Fähigkeit zur Selbststeuerung
Die wichtigste Kompetenz der Zukunft ist nicht Fachwissen, sondern Selbstregulation. Wer seinen inneren Zustand steuern kann, bleibt auch unter Druck klar, entscheidungsfähig und leistungsstark. Das ist kein Talent, sondern trainierbar — mit einfachen, konkreten Maßnahmen.
1. Stress früh stoppen — nicht erst im Ausnahmezustand
Achten Sie auf frühe Warnsignale: flacher Atem, innere Unruhe, Gereiztheit, hektisches Denken. Sobald Sie auftreten, unterbrechen Sie kurz — drei langsame Atemzüge, Schultern lockern, Blick vom Bildschirm lösen. Das senkt die Stressreaktion sofort und verhindert, dass das Gehirn in den Alarmmodus kippt.
2. Aufmerksamkeit aktiv steuern
Multitasking und Dauerablenkung zerstören Fokus. Arbeiten Sie bewusst in klaren Zeitblöcken (z. B. 25–50 Minuten) ohne E-Mail, Handy oder Meetings. Was Ihre Aufmerksamkeit bekommt, bestimmt Ihre Leistung. Fokus ist kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine Entscheidung.
3. Fortschritt sichtbar machen
Motivation entsteht durch Fortschritt, nicht durch große Ziele. Notieren Sie täglich, was erledigt ist — nicht nur, was noch offen bleibt. Sichtbarer Fortschritt aktiviert das Belohnungssystem und hält Energie aufrecht, besonders bei langfristigen Projekten.
4. Soziale Sicherheit schaffen
Unter Druck isolieren sich viele — genau das verschlechtert Leistung. Suchen Sie aktiv Austausch: kurzes Feedback einholen, ein Problem laut aussprechen, Unterstützung anbieten. Vertrauen und Zugehörigkeit reduzieren Stress messbar und verbessern Entscheidungen.
5. Erholung fest einplanen
Leistung braucht Pausen. Planen Sie bewusst Zeiten ohne Input ein — Spaziergang, Bewegung, kurze Ruhephase ohne Bildschirm. Das Gehirn nutzt diese Phasen, um Informationen zu verarbeiten und neue Ideen zu bilden. Dauerbetrieb macht nicht produktiver, sondern unkonzentrierter.

Steckbrief
Prof. Dr. Marcus Täuber
Qualifikationen
• Psychosozialer Berater mit Gütesiegel Impuls Pro der Wirtschaftskammer Österreich
• Unternehmensberater und zertifizierter Business-Coach
• Ehemaliger Head of Training beim weltgrößten Biotechunternehmen
Prof. Dr. Marcus Täuber ist der Hirnforscher, der Wissenschaft in Erfolg umwandelt. Als gefragter Keynote-Speaker inspiriert nicht nur, sondern stößt echte Veränderung an.
Informieren Sie sich unter: https://ifmes.com/keynotes
Quellen
Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 410–422. https://doi.org/10.1038/nrn2648
Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.
Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The psychology of optimal experience. Harper & Row.
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “what” and “why” of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. https://doi.org/10.1207/S15327965PLI1104_01
McEwen, B. S. (2017). Neurobiological and systemic effects of chronic stress. Chronic Stress, 1, 1–11. https://doi.org/10.1177/2470547017692328
Obermaier, P., & Täuber, M. (2016). Gewinner grübeln nicht: Richtiges Denken als Schlüssel zum Erfolg. Goldegg Verlag.
