
Wenn zwei Egos ein Meeting dominieren, wird der Raum schnell eng: Ideen verstummen, Fragen bleiben aus, Lernen stoppt. Warum das passiert und wie Führung mit „Humble Inquiry“ und dem richtigen „Holding Space“ den Dialog wieder öffnet, damit aus Vorführung echte Zusammenarbeit wird.
Das monatliche Strategie-Meeting. 15 Teilnehmer:innen, die Agenda ist prall gefüllt, die Erwartungshaltung ebenso: Man will die Weichen für das nächste Quartal stellen.
Den Anfang macht der Chef. Er setzt den Rahmen – besser gesagt: Er markiert sein Revier. Danach übergibt er das Wort an einen Kollegen, Typ „Mr. Super-Wichtig“. Er hat zu jedem Marktbericht eine Meinung und lässt keinen Zweifel daran, dass er die klügste Person im Raum ist. Er spricht mit einer Sicherheit, die keine Fragen zulässt. Er erklärt, er bewertet, er doziert. Sein Beitrag wird länger. Und länger.
Und der Chef? Er quittiert jeden Satz mit einem fast schon unterwürfigen Nicken. Es ist ein geschlossenes System aus zwei Egos, die sich gegenseitig spiegeln. Während die beiden sich in ihrer gemeinsamen Brillanz sonnen, passiert im restlichen Raum etwas anderes: Die Stille wird schwer. Es ist die Stille der inneren Emigration. Man spürt es fast körperlich: Die kommunikative Luft wird dünner. Mr. Super-Wichtig füllt den Raum so vollständig aus, dass für echte Resonanz kein Millimeter mehr frei bleibt.
Nach einer kritischen Nachfrage aus der Runde geschieht etwas Unerwartetes: Das Duo zieht sich zurück. Nicht physisch, aber energetisch. Man sieht es an der verschränkten Körperhaltung, am beleidigten Schweigen. Sie überlassen dem Team das Feld – nicht als Geste des Vertrauens, sondern als Rückzug in die beobachtende Distanz.
Und plötzlich verändert sich die Luft.
Zuerst zögerlich, dann immer mutiger, beginnen die anderen, den Raum zu füllen. Die Diskussion wird lebendig. Stimmen überlagern sich, Ideen werden aufgenommen, verworfen, neu zusammengesetzt. Ohne das dominante Führungsduo entwickelt das Thema eine eigene Dynamik. Der Raum wirkt plötzlich größer. Weiter.
Was sich hier zeigt, ist kein Einzelfall – es ist ein Klassiker im Zusammenspiel von Macht, Sicherheit und Lernkultur.
Die Theorie: Von der Vorführung zum Dialog
Das „Downloading“ durchbrechen
Nach der Theory U befinden sich der Chef und sein Experte im Modus des Downloading. Sie reproduzieren nur, was sie bereits wissen. In diesem Zustand ist kein Platz für Neues. Die psychologische Sicherheit verdampft im Monolog. Wer das Gefühl hat, nur Statist in der Show eines anderen zu sein, stellt das Denken ein.
Die Frage an Sie: Wann haben Sie in Ihrem letzten Meeting wirklich etwas Neues gelernt – und wann haben Sie nur darauf gewartet, Ihre eigene Meinung zu platzieren?
Humble Inquiry: Wer fragt, führt
Wahre Führung bedeutet nicht, die klügsten Antworten zu geben, sondern die klügsten Fragen zu stellen. „Humble Inquiry“ nennt sich das Konzept des bescheidenen Fragens. Eine echte Frage signalisiert: „Ich weiß es nicht, aber ich vertraue darauf, dass die Antwort in diesem Raum liegt.“ Das ist das Gegenteil von Dominanz; es ist die Einladung zur Co-Kreation.
Die Frage an Sie: Trauen Sie sich, eine Frage zu stellen, auf die Sie die Antwort selbst noch nicht kennen?
Die Kunst des „Holding Space“
Echte Begegnung braucht einen stabilen Container. Das bedeutet: präsent sein, ohne den Sauerstoff im Raum zu verbrauchen. Es bedeutet, den eigenen Status an der Garderobe abzugeben, damit die Idee zum Star werden kann – nicht die Person, die sie ausspricht.
Die Frage an Sie: Können Sie die Stille aushalten, wenn eine Frage im Raum steht – oder müssen Sie das Vakuum sofort mit Ihrer eigenen Expertise füllen?
The Field of Impact: Die Leerstelle als Führungsinstrument
Vielleicht erinnern Sie sich an das Bild der Bühne aus meinem ersten Beitrag: Menschen, die nicht nur Zuschauer sind, sondern Teil des Geschehens. Menschen, die mitfiebern, die Resonanz erzeugen. Was dort im Scheinwerferlicht passiert, ist kein Show-Effekt – es ist die pure Form von Verbundenheit. Und genau diese Verbundenheit ist es, die wir im Büro oft durch falsch verstandene Dominanz im Keim ersticken.
Führung entscheidet sich in der Qualität, mit der man anderen Raum gibt. The Field of ImpactTM ist der Raum zwischen den Menschen. Wenn Sie diesen Raum besetzen, ersticken Sie das Potenzial Ihres Teams. Wenn Sie ihn jedoch halten, ermöglichen Sie Höchstleistung. Das erfordert Mut, denn es bedeutet Kontrollverlust. Aber genau in diesem Kontrollverlust liegt die Geburtsstunde von Innovation und echtem Commitment.
Meine Empfehlung an Sie: Gehen Sie in Ihr nächstes Meeting mit der festen Absicht, der Mensch zu sein, der am wenigsten redet, aber die meisten Fragen stellt. Beobachten Sie, wie sich die Energie im Raum verändert, wenn Sie nicht mehr der Regisseur sind, sondern derjenige, der die Bühne bereitet.
Echte Entwicklung beginnt dort, wo die eigene Wichtigkeit endet.
Real Connection. Real Growth. Real Impact.
Weiterdenken & mitreden
Wer die Themen dieser Kolumne vertiefen möchte, ist herzlich eingeladen zum MTLY TEAM-TALK von Edlinger & Partner Consulting – ein Raum für ehrliche Gespräche, mutige Fragen und gemeinsames Wachsen. Nächster Termin: Mi., 15. April, 18:00 Uhr 👉 edlinger-partner.com/epc-mtly-team-talk

Steckbrief
Monika Edlinger, MBA
- Expertin für Teamentwicklung, Projektmanagement & Organisationsentwicklung
- Systemische Unternehmensberaterin und zertifizierte Business-Coach
- Ihre Arbeit wurde international durch EFMA und Accenture mit dem Distribution & Marketing Innovation Award – in der Kategorie Workforce Experience – ausgezeichnet
Systemische Unternehmensberaterin, Coach, Gruppendynamikerin und Dozentin. Als Geschäftsführerin von Edlinger & Partner Consulting begleitet sie Führungsteams, Projektteams und Teams in Transformation, Wachstum und Krise. Sie verbindet strategische Klarheit mit menschlicher Tiefe – und macht Teams zu dem, was sie wirklich stark macht: ihrer eigenen Identität.
Aufgewachsen in den Bergen, in einem lebendigen Familienclan, hat sie früh gelernt, wie Gemeinschaft trägt – und wie sie gleichzeitig herausfordert. Ihr Weg: Real Connection. Real Growth. Real Impact.
Inspiriert von:
Otto Scharmer: Theory U (Vom Downloading zum Presencing)
Edgar Schein: Humble Inquiry (Die Kunst des bescheidenen Fragens)
William Isaacs: Dialogue and the Art of Thinking Together (Das Konzept des Containers)
Amy Edmondson: The Fearless Organization (Psychologische Sicherheit)
