
Helmut Siegler, CEO der Schoellerbank, sagt: „Europa präsentiert sich trotz vieler struktureller Probleme als substanzstarke Anlageregion.“
©SchoellerbankWieder Stress im Nahen Osten, Inflationsängste und verrückte KI-Aktien: Wie die Elite der heimischen Privatbanken in diesem Umfeld agiert.
Der Job von Anlageprofis war auch schon einmal einfacher: „Wir müssen nicht nur durch die unter Beschuss liegende Straße von Hormus und eine unübersichtliche Zinslandschaft navigieren, nein, wir müssen auch versuchen, zu bewerten, inwieweit sich Rechenzentren am Mars rechnen werden“, beschreibt Stefan Neubauer, CEO der Kathrein Privatbank, die Herausforderungen, vor denen sein Investment-Team derzeit steht. Wobei den Rechenzentren am Mars vielleicht noch die Frage vorangeht, wie es nach dem IPO von Elon Musks Space X, mit dem er die KI-Rechenzentren im Weltraum möglich machen will, mit der Aktie tatsächlich weitergeht.
Bei den heimischen Privatbankern überwiegt dennoch der Optimismus für das zweite Halbjahr. Die Situation im Nahen Osten bleibt natürlich ein zentraler Unsicherheitsfaktor – die Energiepreise verursachen ein großes Fragezeichen. Die Inflation könnte wieder zurückkommen und viele Marktteilnehmer gehen von weiteren Zinserhöhungen der EZB aus, um diese wieder einzufangen. Doch die Börsen haben sich wieder erholt. Und die wichtigsten Indizes von Dow, S&P 500 oder Nasdaq-100 sind sogar in Rekordlaune.
Dennoch könnten wieder Wolken aufziehen. Wolfgang Ules, CIO bei Schelhammer Capital, meint: „Die Märkte bewegen sich derzeit zwischen Hoffnung auf sinkende Zinsen und gleichzeitig bestehenden Risiken durch geopolitische Spannungen sowie eine schwächere Konjunkturentwicklung in einigen Regionen aufgrund gestiegener Energiepreise.“ Der Experte des größten heimischen Vermögensverwalters erwartet daher keinen breit angelegten Bullenmarkt, sondern eher ein Umfeld mit höherer Volatilität und stärkeren Unterschieden zwischen einzelnen Branchen und Regionen. Qualität, stabile Cashflows und solides Zahlenwerk werden in so einem Umfeld zunehmend wichtiger. „Im Fokus unserer Anlagestrategie stehen immer Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen, hoher Preissetzungsmacht, soliden Bilanzen und nachhaltigem Gewinnwachstum“, sagt Ules. Neben strukturellen Wachstumsthemen wie Technologie und KI bleiben defensive Bereiche wie Gesundheitswesen, Infrastruktur oder Basiskonsumgüter die wichtigsten Stabilitätsanker im Portfolio der Privatbank. Schelhammer Capital bevorzugt aktuell vor allem Branchen mit strukturellem Wachstum, hoher Innovationskraft und robuster Gewinnentwicklung. Dazu zählen insbesondere Technologie, Infrastruktur, Energie, Gesundheitswesen, Finanzwerte sowie ausgewählte Industrieunternehmen: Im Technologie- und Kommunikationssektor sieht Ules weiterhin Potenzial bei Unternehmen wie Nvidia, Alphabet, Microsoft oder ASML, die direkt von KI, Cloud und Halbleitern profitieren.
Im Energie und Infrastrukturbereich bleiben Unternehmen wie Siemens Energy, GE Vernova oder auch Schneider Electric und Legrand interessant. Im Gesundheitssektor bevorzugt Schelhammer Capital Qualitätsunternehmen wie Eli Lilly aufgrund ihrer Innovationskraft und der stabilen Nachfrage in schnell wachsenden Geschäftsbereichen. Ules weiter: „Darüber hinaus sehen wir weiterhin attraktive Unternehmen im Finanzsektor. Banken profitieren von einem höheren Zinsniveau sowie teils noch immer attraktiven Bewertungen – besonders in Europa.“ Besonders interessant sind auch weiterhin große, international gut aufgestellte Institute mit starken Kapitalquoten und hoher Profitabilität. Dazu zählen beispielsweise JP Morgan Chase oder die deutsche Allianz. Ules: „Gerade Versicherungen und diversifizierte Finanzkonzerne bieten weiterhin attraktive Dividendenrenditen und vergleichsweise stabile Cashflows.“
Im Fokus unserer Anlagestrategie stehen immer Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen, hoher Preissetzungsmacht, soliden Bilanzen und nachhaltigem Gewinnwachstum.
KI ist Megatrend, kein Strohfeuer
Trotz mancher Schwankungen an den Märkten gibt es ein bestimmendes Element im Investmentuniversum: den KI-Trade. Robert Löw, CEO der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) Österreich: „Die Entwicklung im Technologiesektor unterstreicht, dass der KI-Boom eher ein langfristiger Megatrend ist als lediglich ein kurzes Strohfeuer.“ Kathrein-CEO Neubauer ergänzt: „KI ist ein absoluter Megatrend – es gibt bereits jetzt reale Umsätze und echte Anwendungen sowie ein breites Spektrum an Use Cases. KI bringt in vielen Bereichen klare Effizienzgewinne und Produktivitätssteigerungen. Laut Umfrage der Universität Stanford nutzten 2025 88 Prozent der US-Unternehmen künstliche Intelligenz.“
Tatsächlich zeigt der Technologiesektor bislang trotz des massiven KI-Hypes eine fundamentale Basis. Das Gewinnwachstum der wichtigsten Technologiekonzerne ist weiterhin stark, und das auf einem bereits hohen Niveau. Dennoch betrachten die Investmentexperten die sich hochschraubende Investitionsdynamik und das Konzentrationsrisiko in dem Sektor kritisch. Denn seit April 2026 sind nur fünf Einzeltitel für 50 Prozent der Gesamtperformance im S&P 500 verantwortlich. Nils Kottke, Vorstand im Salzburger Bankhaus Spängler, sieht die Stunde der Wahrheit noch kommen: „Die weitere Entwicklung von Space X und die IPOs von Open AI oder Anthropic werden ein zentraler und richtungsweisender Faktor für den gesamten Technologiesektor sein.“ Roland Jacubetz, Leiter Private Banking &Wealth Management der Erste Bank, meint zur Tech-Rallye: „Solange die zugrunde liegenden Fundamentaldaten sowie die expansive Fiskalpolitik weiterhin Wachstumsimpulse geben, können diese Aktien weiterlaufen. Bei den Unternehmen der zweiten Reihe, deren Kurssteigerungen primär auf künftigen Erwartungen fußen, raten wir dennoch zu erhöhter Vorsicht.“
Auf den KI-Boom wird bei der Erste Bank speziell reagiert Jacubetz: „Wir investieren dabei entlang der gesamten Wertschöpfungskette: beginnend von den Betreibern von Datencentern über die Ausrüster dieser Datencenter, dazu in Unternehmen, die für die zuverlässige Stromversorgung notwendig sind, sowie im gesamten Halbleiter-Ökosystem.“ Darüber hinaus halten die Portfoliomanager des Erste Wealth Managements eine strategische Allokation von bis zu zehn Prozent in Private Markets. Robert Karas, CIO der Bank Gutmann, sieht eine allgemeine Gefahren, die auch KI-Werte treffen könnte: „Einzelne Unternehmen im Technologiesektor treiben einen großen technologischen Umbruch voran. Das kann die Kurse weiter befeuern. Sollte die Situation im Iran aber wieder eskalieren, wird sich dem irgendwann kein Sektor mehr entziehen können.“
Dementsprechend setzt die Bank Gutmann auf eine breite Streuung von Geschäftsmodellen und Themen und weniger auf regionale Gewichtungen. CIO Karas erklärt: „Es entwickeln sich zum Beispiel Aktien mit KI-Bezug aus den Emerging Markets eher im Gleichklang mit vergleichbaren Aktien aus den USA als mit anderen EM-Aktien.“ Das Portfolio der Bank Gutmann ist derzeit bei Aktienpositionen übergewichtet, setzt mehrere unterschiedliche Strategien ein und hält Aktien aus allen Bereichen. Karas: „In unserer Hauptaktienstrategie setzen wir auf Gleichgewichtung, die wir regelmäßig wiederherstellen. So halten wir zum Beispiel im Halbleiterbereich die Aktie des Unternehmens Marvell. Nach der guten Performance haben wir die Position halbiert, um sie wieder bei der Zielgewichtung im Portfolio zu haben.“ Gleichgewichtung bedeutet für Karas auch Gewinnmitnahmen, wenn Titel sehr gut gelaufen sind. Dadurch erfolgt ein aktives Risikomanagement. Für Karas ist auch das Thema „Motoren der Wirtschaft“ ein Erfolg: „Industrietitel wie beispielsweise Nvent Electric und Caterpillar sind bei der Performance heuer stark dabei.“
KI ist ein absoluter Megatrend – es gibt bereits jetzt reale Umsätze und echte Anwendungen sowie ein breites Spektrum an Use Cases.
Widerstandsfähige US-Wirtschaft
Vor allem die US-Wirtschaft zeigt sich bislang widerstandsfähig und wächst weiter stärker als die europäische. Deindustrialisierung, hohe Energiekosten und Überregulierung drücken das reale Wirtschaftswachstum der Eurozone auf unter ein Prozent – die Börsen lässt das jedoch weitgehend unbeeindruckt. Helmut Siegler, CEO der Schoellerbank: „Europa präsentiert sich trotz vieler struktureller Probleme als substanzstarke Anlageregion. Moderat bewertete Value-Branchen wie Banken und Energie bieten Resilienz gegen den Zinsdruck. Die Leitindizes notieren nahe ihren Höchstständen.“ Die Schwellenländer dürften im nächsten Halbjahr mit dem höchsten erwarteten Gewinnwachstum und günstigen Bewertungen punkten. Während asiatische Schwellenländer als unverzichtbare Hardware-Zulieferer der Tech-Industrie direkte Nutznießer des KI-Booms sind, können Schwellenländer aus Lateinamerika als Netto-Rohstoffexporteure stark von der hohen Rohstoffnachfrage profitieren. Die heimischen Vermögensverwalter stehen in der Zusammensetzung der Portfolios für ihre Kunden also vor einem fordernden Umfeld. Ähnlich wie Kathrein-CEO Neubauer die Herausforderung eingangs beschrieben hat, sieht sie Jürgen Lukasser, Deputy CIO LGT Investment Services Europe: „Wir sehen eine Weltwirtschaft, die weiterwächst, aber mit größerer regionaler Spreizung, höherer politischer Unsicherheit und weniger verlässlichen Gleichlaufmustern als in früheren Zeiten.“
Der Artikel ist im trend.PREMIUM am 12. Juni 2026 erschienen und wurde aktualisiert.
Wir sehen eine Weltwirtschaft, die weiterwächst, aber mit größerer regionaler Spreizung, höherer politischer Unsicherheit und weniger verlässlichen Gleichlaufmustern als in früheren Zeiten.