
Der Mittzwanziger Leopold Aschenbrenner setzt Milliarden auf die Infrastruktur der KI-Revolution – und mischt damit die Wall Street auf. Was hinter dem Höhenflug des umstrittenen deutschen Investors steckt.
Prophet, Guru, Wunderkind, Aktienheld, Genie – kein anderer Investor wird derzeit mit Zuschreibungen überhäuft wie Leopold Aschenbrenner. Um den jungen Berliner hat sich an der Wall Street ein Personenkult entwickelt. Weltweit verfolgen Anleger:innen, in welche Unternehmen sein Hedgefonds investiert. In den sozialen Medien werden seine Investmententscheidungen und KI-Prognosen bis ins Detail analysiert. Aschenbrenner hat sich in kürzester Zeit als einer der lautesten Erzähler:innen des KI-Booms etabliert.
Seine Botschaft: Fast alle Menschen unterschätzen, wie schnell KI die Weltwirtschaft verändern wird. Der Mehrheit fehle das Bewusstsein, die Konsequenzen der Revolution einschätzen zu können. Er hingegen habe den Einblick. Investor:innen überzeugt das. Laut „Wall Street Journal“ verwaltet sein Hedgefonds Situational Awareness mittlerweile ein Vermögen von mehr als 20 Milliarden US-Dollar. Auch bei der jüngsten Börsennotiz des südkoreanischen Chip-Riesen SK Hynix war der Fonds mit von der Partie. Wie konnte aus einem jungen Mittzwanziger in derart kurzer Zeit eine Schlüsselfigur in der KI-Szene werden?
Überflieger aus Deutschland
Aschenbrenner Anfang der 2000er Jahre – sein genaues Geburtsjahr ist unbekannt – als Kind eines Ärztepaars in Deutschland geboren. Er besuchte die bilinguale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin, ging jedoch mit 15 Jahren nach New York City, um an der Columbia-Universität Mathematik, Statistik und Wirtschaft zu studieren. Während seiner Studienzeit arbeitete er als Studienassistent für den Forum-Alpbach-Stammgast und Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz. Wegbegleiter:innen beschrieben den Studenten Aschenbrenner als „Wirtschaftsgenie“. Mit 19 Jahren schloss er sein Bachelorstudium als Jahrgangsbester ab. Mittlerweile lebt er im kalifornischen San Francisco.
An seiner Heimat Deutschland lässt der Überflieger kein gutes Haar. Das Land wolle keine innovativen Denker:innen, deutsche Universitäten setzen in der Ausbildung ihrer Studierenden falsche Prioritäten, die Student:innen würden zu viel Netflix schauen und zu wenig wurde lernen, und es gäbe im ganzen Land weder gute Journalist:innen noch gute Ökonom:innen, fasst Aschenbrenner in einem Podcast-Auftritt zusammen. Abseits der Provokation stimmt wohl auch, dass er seine Karriere in Europa wohl nicht machen hätte können.
Rauswurf bei OpenAI
Nach seinem Universitätsabschluss heuerte Aschenbrenner beim FTX Future Fund an. Der Fonds agierte als philanthropischer Arm der Kryptobörse FTX des mittlerweile wegen Betrugs verurteilten Unternehmers Sam Bankman-Fried. Dort lernte Aschenbrenner auch seine heutige Verlobte, Avital Balwit, kennen. Die ist mittlerweile Chief of Staff von Anthropic-CEO Dario Amodei.
Nach dem Zusammenbruch der Kryptobörse ging Aschenbrenner zu Open AI. Er wurde Teil des sogenannten Superalignment-Teams unter Open-AI-CoGründer Ilya Sutskever. Die Aufgabe: Methoden zu entwickeln, um Superintelligenz kontrollieren zu können. Laut Medienberichten beschreiben Aschenbrenners Open-AI-Kolleg:innen ihn als arrogant, konfrontativ und wenig diplomatisch. Mit Open-AI-Chef Sam Altmann soll er sich schließlich überworfen haben. Im April 2024 wurde er entlassen. Aschenbrenner selbst argumentiert, er habe intern vor unzureichendem Schutz der KI-Modelle vor chinesischer Spionage gewarnt. Der offizielle Kündigungsgrund war hingegen, dass er Dokumente an außenstehende Personen weitergegeben haben soll.
Das Ende seiner Open-AI-Laufbahn kann als Wendepunkt in der Karriere des jungen Deutschen gesehen werden. Kurz danach veröffentlichte er den Essay „Situational Awarness“ , der ihn weit über die Tech-Szene im Silicon Valley hinaus berühmt machte. Unter anderem empfahl Ivanka Trump, die Tochter des US-Präsidenten Donald Trump, den Text auf X als „exzellent und wichtig“. Die Kernthese: Regierungen und Investor:innen unterschätzten gänzlich, wie schnell künstliche Intelligenz Superintelligenz erreichen könne und welche weitreichende Konsequenzen daraus folgen würden. Diese Entwicklung werde nicht nur die Weltwirtschaft, sondern auch das geopolitische Machtgefüge zwischen den USA und China grundlegend verändern. Staatliches Handeln sei daher unabdingbar. Aschenbrenner argumentiert, eine Superintelligenz könne staatliche Macht grundsätzlich infrage stellen und jede Regierung der Welt entmachten.
Kurz nach der Veröffentlichung des Essays gründete Aschenbrenner den gleichnamigen Hedgefonds, um aus seinen Thesen Profit zu schlagen.
KI-Infrastruktur
Statt auf Software zu setzen, investiert Aschenbrenner in die Engpässe der KI-Revolution: Rechenzentren, Energieversorgung, Cloud-Infrastruktur und Speicherchips. Er ist überzeugt, dass der Erfolg von KI von der physischen Infrastruktur abhängt. Zu seinen bekanntesten Investments zählt der niederländische Cloud- und KI-Infrastrukturanbieter Nebius. Nachdem seine Beteiligung bekannt geworden war, legte die Aktie deutlich zu, und der Börsenwert des Unternehmens stieg um mehrere Milliarden Dollar.
Bemerkenswert ist auch, worauf Aschenbrenner nicht setzt. Er wettet mit milliardenschweren Put-Optionen teilweise gegen etablierte Branchengrößen wie die Chiphersteller Nvidia oder AMD. Allein bei Nvidia summieren sich diese Positionen auf rund 1,6 Milliarden Dollar.
Dass er einen Hedgefonds und keinen Venture-Capital-Fonds gründete, begründet Aschenbrenner bereits in seinem Essay. Wenn KI tatsächlich die gesamte Weltwirtschaft umwälzt, gehe es nicht darum, einzelne Gewinner zu identifizieren. Entscheidend seien die makroökonomischen Folgen der Technologie. Öffentliche Kapitalmärkte böten dafür die besseren Möglichkeiten als klassische Venture-Investments.
Kritik seitens KI-Security-Community
Aschenbrenner hat nicht nur Fans. Kritik kommt vor allem aus jener KI-Security-Community, der Aschenbrenner selbst angehörte. Ihm wird vorgeworfen, geopolitische Sicherheitsbedenken nicht nur zu schüren, sondern finanziell von ihnen zu profitieren. Während andere strengere Regulierung fordern, macht Aschenbrenner dieselben Entwicklungen zum Kern seiner Investmentstrategie.
Befasst man sich eingehender mit Aschenbrenners Thesen, zeigt sich, wie deterministisch er argumentiert. Unsicherheiten und Korrelationen nimmt er in seiner Argumentation kaum auf, und seine geopolitischen Schlussfolgerungen beziehen sich ausschließlich auf China und auf die USA (siehe Infokasten unten). Seine Thesen sind zwar knackig und mitreißend, aber oftmals empirisch kaum belegt.
Dennoch hat ihm der Kapitalmarkt bislang Recht gegeben. Seine Wetten auf die KI-Infrastruktur gingen auf und machten ihn zu einem der erfolgreichsten jungen Hedgefondsmanager:innen der Welt. Ob Aschenbrenner tatsächlich früher erkennt als andere, wohin KI die Weltwirtschaft und Geopolitik führt, lässt sich heute noch nicht beurteilen. Seine Stärke ist womöglich nicht, die Zukunft vorherzusagen, sondern andere davon zu überzeugen, dass seine Version der Zukunft die wahrscheinlichste ist. Dass er am Ende dann zu den Gewinnern gehört, ist noch wahrscheinlicher.
Dieser Artikel ist im trend.PREMIUM vom 17. Juli 2026 erschienen.
Auf 165 Seiten prophezeite Leopold Aschenbrenner schon vor zwei Jahren, wie künstliche Intelligenz die Welt verändern könnte.
An Selbstbewusstsein mangelt es Aschenbrenner nicht. Das zeigt sich in der Einleitung seines Essays „Situational Awareness“. Zu den wenigen Menschen weltweit, die über ein solches situatives Bewusstsein verfügen, zählt er sich selbst. Die Messlatte liegt hoch: So wie er die Konsequenzen von KI kognitiv erfassen könne, habe das etwa der Entwickler der Atombombe Robert Oppenheimer beim berühmten Manhattan Project getan.
Seine Grundthese: Der Fortschritt der KI wird massiv unterschätzt, und AGI (Artifical General Intelligence) werde bereits 2027 möglich sein. Unter AGI versteht Aschenbrenner, dass ein KI-System die Arbeit eines KI-Forschenden übernehmen kann. Nach der AGI werde die Superintelligenz, also KI, die menschliche Intelligenz deutlich übersteigt, folgen. Er spricht im Zuge dessen von einer „Explosion von Intelligenz“.
Explosiv sind auch Aschenbrenners Annahmen zum Einfluss von KI auf die Geopolitik. Aschenbrenner bezieht sich dabei dezidiert und ausschließlich auf China und auf die USA – Europa hat er längst abgeschrieben. Die Welt, so seine These, befindet sich ein einem industriellen Wettrüsten um Strom, Rechenzentren, Halbleiter und Investitionen. Das staatliche Wettrüsten sei zu vergleichen mit militärischen Mobilisierungsaktionen, argumentiert der Deutsche. Die Technologie wird damit zum Machtfaktor – wer die Superintelligenz kontrolliere, werde wirtschaftlich und militärisch dominieren. Der Wettlauf zwischen den USA und China wird damit zur zentralen geopolitischen Auseinandersetzung des Jahrzehnts.
Er erwartet auch, dass die KI-Forschung von Privatunternehmen in staatliche Hände wandern werde. Ein staatliches AGI-Programm der USA wie das Manhattan Project der 1940er-Jahre sei anzunehmen. Schlicht „The Project“ nennt Aschenbrenner dieses KI-Unterfangen.
In seinem Essay zeichnet der Shooting Star der Wall Street ein Zukunftsbild, das KI als strategische Infrastruktur und als geopolitisches Machtinstrument versteht. Wer KI und ihre Konsequenzen unterschätzt, könne nur verlieren.