
Ramon Werner, Volenergy, Sprecher und Teilhaber des neuen Schweizer
Betreibers der BP-Tankstellen in Österreich.
Durch die Übernahme der BP-Tankstellen rückt ein geheimnisvoller Schweizer Familienkonzern zum zweitgrößten Markenanbieter in Österreich auf – Spritpreisbremse, Fossilausstieg und sinkendem Treibstoffverbrauch zum Trotz.
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Unterschätze niemals „Ruedi Rüssel“. Für die Einführung seiner Diskontmarke wurde der Schweizer Tankstellenbetreiber Volenergy im Jahr 1999 noch belächelt. Fast eine Generation später war das Unternehmen mit dem markanten Elefantenmaskottchen Marktführer – und ist drauf und dran, das Imperium ins Nachbarland auszuweiten: Stimmt die Wettbewerbsbehörde der angekündigten Übernahme der lokalen BP-Tankstellenkette zu, sind die Schweizer zweitgrößter Markenanbieter in Österreich (ohne Diskonter), hinter Enilive und vor der OMV.
Der Move ist bemerkenswert, denn boomende Märkte schauen anders aus: „Die Lage in Österreich ist einigermaßen komplex und die hohen Spritpreise sind nicht gut für das Geschäft“, gesteht auch Ramon Werner. Er ist der Sprecher der Geschäftsführung und Mitbesitzer des Familienunternehmens, das die in der Öffentlichkeit kaum bekannten Hauptinhaber Daniel und Claudia Sieber seit den 1980er-Jahren aus einer Lagerhaus-Brennstoffabteilung aufgebaut haben: „Doch Österreich ist ein Alpenmarkt wie bei uns, und da kennen wir uns aus.“
Das Know-how wird Volenergy auch brauchen. Man nutzte zwar die Gunst der Stunde, weil der britische Ölriese BP sein Portfolio bereinigen und Beteiligungen außerhalb des Kerngeschäfts verkaufen wollte, wie etwa die Biogasproduktion – oder eben das Retailgeschäft in kleineren Märkten, wo die regionale Verbindung fehlt. Doch sonst ist die Lage eher unübersichtlich.
Seit 2019 ist der Treibstoffabsatz in Österreich von fast elf auf 8,8 Millionen Tonnen pro Jahr zurückgegangen. Die hohen Preise vergraulen die Kunden, auch die Elektromobilität macht sich bemerkbar. Um ein lukratives Geschäftsmodell rund ums Laden aufzubauen, braucht es freilich Jahrzehnte, in denen teure Parallelstrukturen unterhalten werden müssen.
Kein Wunder also, dass Werner den Ball gerade bei E-Mobility flach halten will. Volenergy habe die Kernkompetenz eher bei flüssigen Kraftstoffen, sagt er und plädiert in der Klimadiskussion lieber dafür, die Alternativen zu der fossilen Variante zu fördern. Es geht um Biosprit, E-Fuels, HVO (wasserstoffbehandelte Pflanzenöle). Der EU-weit geplanten Erhöhung der Beimischung von CO2 -neutralen Treibstoffen von derzeit sieben Prozent bei Diesel und zehn Prozent bei Super kann er daher einiges abgewinnen: „Nicht überall macht der Ausbau einer Ladeinfrastruktur Sinn. Man lädt lieber zu Hause oder am Arbeitsplatz, anderswo fehlt noch die Stromversorgung. Unsere Kernkompetenz sind flüssige Treibstoffe, und da könnte man durchaus mehr machen.“
Bei vielen Kollegen in Österreich rennt er damit offene Türen ein. Jürgen Roth, Tankstellenbetreiber und Energiespartensprecher der WKO, hat vor zwei Jahren das „Konsortium Innovative Flüssige Energie“ (IFE) gegründet, das das Thema puschen soll: „Wird die Beimischverpflichtung regulatorisch erhöht, könnten über Nacht CO2-Emissionen und die Abhängigkeiten von den immer riskanteren fossilen Lieferungen verringert werden.“
Bremsen und Gasgeben
Die Eingriffe der Politik an anderer Stelle hingegen kommen bei den Schweizern weniger gut an. Österreich greift mit der Spritpreisbremse erstmals wirklich in die Preisbildung in einem freien Markt ein – über die Auswirkungen kann man streiten. Werner: „Bei so einem Eingriff gibt es nur Verlierer. Wir haben das in anderen Ländern und zu anderen Zeiten schon viermal gehabt, und das Einzige, was passiert: Der Markt wird ineffizient, speziell wenn man versucht, die Margen zu begrenzen.“ Mittlerweile legen europäische Daten nahe, dass auch die Spritpreisbremse in Österreich ins Leere gelaufen ist und mit gutem Grund jetzt nur mehr mit halber Kraft verlängert wurde.
Die Übernahme von BP wird jedenfalls für Unruhe im ohnehin instabilen österreichischen Markt sorgen, in dem sich das Übernahmekarussell seit Jahren dreht: 2022 verkaufte die private steirische A1-Kette an Öl- und Gasmulti Socar aus Aserbaidschan. 2023 holte sich das Familienunternehmen Stiglechner (IQ) damals noch BP als Brandingpartner und Mineralöllieferanten, 2024 veräußerte die Doppler-Gruppe (Turmöl) ihr Geschäft an den tschechischen Energiekonzern Orlen. 2025 gab Markus Friesacher seine Betriebstankstellenkette an die OMV ab und der amerikanische Ölkonzern Phillips 66 seine Jet-Tankstellen in Österreich und Deutschland an die Beteiligungsgesellschaften Energy Equation Partners und Stonepeak – um 1,5 Milliarden Euro.
Wie viel Volenergy für den BP-Deal gezahlt hat, will Werner nicht verraten, doch auch hier geht es um mehrere Hundert Millionen Euro. Man übernimmt jedenfalls nicht nur Marke und Betrieb von 250 hochwertigen Standorten. Dazu kommen Immobilien, Carwashbetriebe, 115 Shops, das Linz-Terminal und zumindest bis Jahresende die Verträge mit bisherigen BP-Partnern.
Auch die 23 Prozent an Österreichs zentraler Bevorratungsstelle für Erdölprodukte (ELG), die die sogenannte Pflichtnotstandsreserve verwaltet (in Summe 2,7 Millionen Tonnen), wechseln den Besitzer. Im Vorjahr machte BP Retail Austria, die ihre Österreich-Tochter für die Transaktion noch in eine eigene, erstmals berichtspflichtige GmbH auslagern musste, brutto – also inklusive Mineralölsteuern – immerhin 1,2 Milliarden Euro Umsatz.
Rewe-Deal in Gefahr?
So defensiv sich Volenergy bei der Bekanntgabe von Geschäftszahlen gibt, so offensiv ist man bei der Umsetzung eigener Vorstellungen. Man hat sich nicht umsonst zu einem Mischkonzern mit Straßenbau, Holzbau, Immobilien und Energiehandel hochgearbeitet (Volare Group), mit rund 2,8 bis 3,2 Milliarden Schweizer Franken Umsatz (drei bis 3,4 Milliarden Euro) und 200 Mitarbeitern.
Österreich soll das nächste Teil im Gesamtbild werden und BP nicht das letzte Puzzlestück dabei. Man hat zwar einen langfristigen Vertrag zur Nutzung des gut verankerten Markennamens in Österreich vereinbart. Doch was das im Hintergrund laufende Business betrifft, hat Werner ab 2027 weitgehend freie Hand.
Das betrifft etwa die Lebensmittelshops, die bei BP bisher oft in Partnerschaft mit Rewe (Billa Now) geführt wurden. Rewe hat dafür die Logistik der Adeg-Kaufmannsgesellschaft genutzt. Volenergy hingegen setzt große Stücke auf die Shopexpertise seines auch in der Schweiz dafür beauftragten Partners Valora. Werner: „Valora hat innovative Shop- und Convenience-Konzepte entwickelt, mit denen die Umsätze teils zweistellig gewachsen sind.“
Das betrifft aber auch die Versorgung mit Treibstoffen. Auch da ist Volenergy keineswegs an die bisherige BP-Lieferkette gebunden und wird verstärkt auf die Ressourcen der OMV zugreifen, kündigt Werner an. Man kennt das Unternehmen bereits und bezieht schon jetzt Treibstoffe für die Schweiz vom österreichischen Marktführer.
Und wie der Zufall so spielt – die neue OMV-Chefin Emma Delaney, die ab September hier das Ruder übernimmt, hat zuvor 30 Jahre lang bei BP gearbeitet. Sie ist es, die Volenergy nicht nur die Österreich-Tochter von BP verkauft hat, sondern vor drei Jahren auch die BP-Tankstellen in der Schweiz. Werner: „Wir waren in den Verhandlungen wohl nicht an der Poleposition, was den Preis betrifft. Aber wir hatten das gegenseitige Vertrauen – und das zählt oft mehr als manch kurzfristiger geldwerter Vorteil.“
Der Artikel ist in der trend.EDITION am 14. August 2026 erschienen.