
©Lukas Ilgner
Theresa Holler, Vorständin der niederländischen Onlineapotheke Redcare Pharmacy mit der Marke Shop Apotheke, sieht verbesserte Chancen für eine weitere Liberalisierung beim Onlineversand rezeptpflichtiger Medikamente.
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Alle zwei Monate fliegt Theresa Holler nach Wien, um sich mit Vertretern des Gesundheitswesens, mit Partnern oder mit Politikern auszutauschen. Kürzlich war es wieder so weit. Die Vorständin der niederländischen Onlineapotheke Redcare Pharmacy kam für einen Termin im Büro von Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll in die Stadt: „Wir haben uns ausgetauscht, wie sich die Telemedizin, die die Politik forcieren will, sinnvoll mit dem Onlinemedikamentenversand kombinieren lässt“, sagt Holler, die sich für eine nahtlose digitale Patientenreise in Österreich stark macht. Hierzulande kann man zwar online den Arzt konsultieren, muss aber für die Einlösung des E-Rezepts in die Apotheke. Denn nur die Onlinezustellung rezeptfreier Medikamente ist gestattet. In diesem Bereich ist Redcare Pharmacy mit Shop Apotheke Marktführer.
Die oberste Apothekerin
Theresa Holler ist als COO von Redcare Pharmacy zuständig für das operative Geschäft. Innerhalb des Konzerns hat sie darüber hinaus eine besondere Stellung inne. Sie bringt durch ihren Werdegang die pharmazeutische Expertise ins Topmanagement. „Ich stamme aus Osnabrück, habe in Mainz studiert und anschließend in einer sympathischen öffentlichen Apotheke in Düsseldorf gearbeitet. Dort wurde mir jedoch schnell klar, dass dies nicht meinen Vorstellungen entsprach – und so bin ich zur Onlineapotheke gewechselt“, sagt Holler, die über Stationen bei den niederländischen Versandapotheken Docmorris und Europa Apotheek zu Shop Apotheke kam.
Dort stieg sie 2015 zur COO auf und ist dafür verantwortlich, „den reibungslosen Betrieb des europaweiten E-Commerce-Geschäfts im Blick zu behalten“. In Pilsen eröffnete sie vor einigen Monaten ein neues Logistikzentrum, von dem aus Österreich nun schneller beliefert wird.
Marktplatz für Gesundheit
Der vor einigen Jahren in Redcare Pharmacy umbenannte Konzern gehört heute zu den führenden Onlineapotheken in Europa. Der Umsatz des MDAX-Unternehmens beläuft sich auf 2,9 Milliarden Euro und wird in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz, in den Niederlanden, in Italien, in Frankreich und in Belgien erwirtschaftet.
Das Sortiment umfasst ein breites Spektrum: Es reicht von Arzneimitteln über Nahrungsergänzung, Beauty- und Körperpflegeartikel bis hin zu gesundheitsbezogenen Produkten. „Unser Kerngeschäft bleibt die Apotheke, aber wir haben uns zu einem Marktplatz für gesundheitsrelevante Produkte weiterentwickelt“, sagt Holler.
Dass der neue CFO von Amazon kommt, ist für die Fortsetzung der Strategie sicherlich kein Nachteil. Die Vision des Konzerns ist jedenfalls die einer One-Stop-Apotheke, einer zentralen Anlaufstelle für alle gesundheitsbezogenen Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden.
Vorbild Deutschland
Die Gruppe wächst vor allem beim Geschäft mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Aufschlussreich ist hier der Blick nach Deutschland, wo der Versand von Blutdruck- und Diabetesmedikamenten bereits seit vielen Jahren erlaubt ist und wo inzwischen bedeutende Fortschritte bei der Digitalisierung erzielt wurden.
Seit rund zwei Jahren kann man dort E-Rezepte nahtlos digital einlösen. Seither genügt es, die elektronische Gesundheitskarte an das Smartphone zu halten und das hinterlegte Rezept über die App einer Onlineversandapotheke freizugeben. Zuvor mussten Papierrezepte eingescannt und hochgeladen werden.
Die neue digitale Reise beflügelt das Geschäft. In Deutschland erzielte Redcare Pharmacy im Jahr 2025 im Segment „Rx“ (rezeptpflichtige Arzneimittel) einen Umsatz von rund einer halben Milliarde Euro – und damit ein Plus von knapp 100 Prozent.
Momentum in Österreich
Die deutsche Wachstumsstory will Holler gerne in weiteren Ländern fortschreiben, ist dort aber teilweise mit gänzlich anderen Rahmenbedingungen konfrontiert. Von den sieben Märkten gestatten vier lediglich den Onlineversand von nicht rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Dazu gehört neben Italien, Frankreich, Belgien auch Österreich. Der Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel ist hingegen verboten, wird im Regierungsprogramm festgehalten.
Aber Holler betont bei ihrem Besuch in Wien: „In Österreich ist das Momentum definitiv da. Immer mehr Teilnehmer aus dem Gesundheitswesen kommen auf uns zu. Den höchsten Druck für Veränderung haben die Krankenkassen, aber auch die Patientenverbände klopfen bei uns an“, sagt die COO, die sich für eine „sinnvolle Verbindung von digitaler und stationärer Arzneimittel-Versorgung“ ausspricht – nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung.
Die Apotheker in Österreich sehen das bekanntlich anders. Sie warnen vor dem Wegfall persönlicher Beratung, sorgen sich aber auch um ihr Geschäft und um ihre Existenzgrundlage
Frauen-Quote
Im Vorstand von Redcare Pharmacy ist Holler die einzige Frau. Quoten lehnt sie ab, weil sie bei den Falschen ansetzen würden. Viele Quotenfrauen seien kinderlos. Sinnvoller wäre es aus ihrer Sicht, stärker Frauen mit Familie zu unterstützen. Holler betont, wie wichtig und unterstützend eine gute Betreuungsinfrastruktur ist, und verweist auf moderne Rollenbilder in Ländern wie Schweden: „Als mein Mann für ein schwedisches Unternehmen gearbeitet hat, wurde ihm gesagt, wenn er nicht in Vaterkarenz gehe, sei er sozial inkompetent“, erzählt Holler, die auch Anteile am Konzern hält.
Dass der Aktienkurs in einem Jahr um mehr als 60 Prozent eingebrochen ist, kommentiert sie trocken: „Ich sehe jetzt einen sehr guten Einstiegszeitpunkt“, gibt dann aber doch zu: „Natürlich ärgere ich mich. Aber ein Aktienkurs hängt von vielen Themen ab, das habe ich mittlerweile gelernt.“
Eine Portion Wachstumsfantasie, etwa durch eine Marktöffnung in Österreich und darüber hinaus, käme jedenfalls nicht ungelegen.
Dieser Artikel ist im trend.MED im Mai 2026 erschienen.
