
Als Pionier der Abnehmspritze verliert Novo Nordisk mittlerweile an Dominanz: Konkurrenz, Preisdruck und Patentabläufe setzen dem dänischen Pharmariesen zu. Das Unternehmen reagiert mit Restrukturierungen.
In einer einst unscheinbaren Küstenregion hat sich innerhalb weniger Jahre ein Zentrum globaler Pharmamacht gebildet. Das rund zwei Stunden von Kopenhagen entfernte Kalundborg ist heute untrennbar mit Dänemarks bedeutendstem Unternehmen verbunden – so sehr, dass die Hafenstadt längst als „Novo-Nordisk-Stadt“ bekannt ist. Tausende Arbeitskräfte beleben nun die Straßen, Produktionsanlagen wurden erweitert, selbst der Bau einer Autobahn ist inzwischen geplant.
Kalundborg wurde zum Sinnbild eines Booms, der weit über die Grenzen der Kleinstadt hinaus strahlt. Mit der Abnehmspritze Wegovy hat der dänische Pharmariese einen Meilenstein in der Adipositas-Therapie gesetzt. Der enthaltene Wirkstoff Semaglutid reguliert das Hungergefühl und ermöglicht einen nachhaltigen Gewichtsverlust. Zwischenzeitlich war Novo Nordisk sogar das wertvollste Unternehmen Europas.
Doch fünf Jahre nach der Markteinführung der Abnehmspritze sieht sich der Konzern vermehrt Gegenwind ausgesetzt: 2025 musste man mehrmals die Gewinnprognose senken. Patentabläufe, Konkurrenz, durchwachsene Studienergebnisse und US-Preisregeln drücken den Kurs.
Vor allem aber orten Analysten Versäumnisse in der Frühphase des Abnehmbooms. Zwar habe Novo Nordisk von seiner Vorreiterrolle profitiert, gleichzeitig aber „die Nachfrage in den USA, dem größten Markt für Abnehmprodukte, unterschätzt“, so Julian Lindinger, Analyst der RBI. Es kam zu Lieferengpässen, weshalb Apotheken das Medikament nachbauen durften, während der US-Konkurrent Eli Lilly bereits 2022/23 den eigenen Wirkstoff Tirzepatid auf den Markt brachte. Dieser soll laut Studien sogar wirksamer sein. „Das war die erste Phase, in der es für Novos Aktie wieder bergab ging“, resümiert Lindinger.
Der Wendepunkt
Das Unternehmen reagierte mit Prognosesenkungen und einem Führungswechsel. Der Österreicher Maziar Mike Doustdar rückte 2025 an die Spitze und kündigte im Rahmen einer Transformation, die „zu mehr Fokussiertheit, Agilität und Wettbewerbsfähigkeit verhelfen soll“, Stellenkürzungen an. 9.000 gestrichene Jobs entsprachen 11,5 Prozent der Belegschaft. 5.000 Kürzungen entfielen auf Dänemark – auch in Kalundborg wurde die Stimmung angespannter.
Die Notwendigkeit der Restrukturierung zeigt sich in den Geschäftszahlen. Nach mehreren Jahren mit zweistelligem Wachstum (2024: 25 Prozent, 2023: 31,3 Prozent) fiel das Umsatzwachstum 2025 mit 6,4 Prozent erstmals seit 2020 wieder unter die Zehn-Prozent-Marke. „Im Jahr 2026 wird Novo Nordisk in einem zunehmend wettbewerbsintensiven Markt mit Preisdruck konfrontiert sein“, sagt CEO Doustdar.
Während der Wirkstoff Semaglutid in Europa bis 2031/32 geschützt ist, laufen in wichtigen Märkten wie Indien, China und Kanada die Patente ab. Große Konzerne wie Pfizer und Roche arbeiten zudem an eigenen Abnehmprodukten. Analyst Lindinger spricht von einem immer stärker umkämpften Markt: „Über hundert Unternehmen arbeiten an solchen Wirkstoffen, fast zweihundert Produkte sind in der Pipeline.“ Analyst Hans Engel von der Erste Group betrachtet Abnehmprodukte bereits als „Thema der Vergangenheit, das die Aktien der Pharmaunternehmen nicht mehr vorantreibt“.
Hoffnungsträger Pille
Novo Nordisk sieht das naturgemäß anders und ist stolz auf den eigenen Wirkstoff: Neben der Gewichtsabnahme hat Semaglutid nämlich positive Effekte auf Nieren, Leber und Herz, in den USA ist Wegovy sogar zur Herzinfarktprävention zugelassen. Außerdem will der dänische Konzern mit neuen Adipositasmedikamenten an seinen bisherigen Erfolg anknüpfen: Die noch in Entwicklung befindliche „Next Generation“-Spritze Cagrisema kombiniert zwei Wirkstoffe, enttäuschte zuletzt aber in Studien. Gleichzeitig verzeichnete die in den USA seit Jänner erhältliche Wegovy-Pille einen starken Verkaufsstart und hob die Stimmung im Unternehmen. Eli Lilly zog im April mit einer eigenen Pille nach – mit weniger Erfolg. Novo verzeichnete kurzfristig deutlich mehr Verschreibungen als der US-Konkurrent.
Die Aktie hat sich zuletzt zwar vom Tief erholt, ein klarer Rebound ist aber noch nicht gesichert, zumal die US-Regierung Preisdruck ausübt: Der Inflation Reduction Act sieht Preisverhandlungen für ausgewählte, stark genutzte und teure Medikamente vor, um staatliche Ausgaben zu senken. Novo Nordisks Semaglutid wurde bereits in diese Auswahl aufgenommen, während Eli Lillys Wirkstoff dafür noch zu kurz am Markt ist. Vom Preisdruck seien dennoch beide Konzerne betroffen, so Lindinger: „Wenn Novo Nordisk gezwungenermaßen seine Preise senkt, muss Eli Lilly mitziehen.“ Als Gegenmaßnahme empfiehlt Analyst Engel, nach dem Vorbild der US-Konkurrenz auf ein breiteres Portfolio zu setzen.
Transformation
Novo Nordisk ist indes überzeugt, im Bereich der chronischen Stoffwechselerkrankungen, zu denen Adipositas zählt, noch bessere Ergebnisse erzielen zu können. Hierfür setzt man auf Prozessoptimierung und Aufklärung. Mitte April verkündete der dänische Konzern eine Kooperation mit OpenAI. Künstliche Intelligenz soll Datenanalysen beschleunigen und Wirkstoffkandidaten identifizieren – laut CEO Doustdar ein wichtiger Schritt, um sein Unternehmen als Vorreiter in der KI-Transformation des Gesundheitswesens zu positionieren.
Maßnahmen zur Awareness-Steigerung rund um Adipositas sollen zudem in Fachwelt und Gesellschaft das Bewusstsein schärfen, dass eine medikamentöse Therapie oft sinnvoll ist. Bisher wird erst ein Bruchteil der Betroffenen entsprechend therapiert. „Ein Missverständnis, das bis heute existiert, ist, dass Adipositas leicht behandelbar wäre, indem man ein bisschen weniger isst und mehr Bewegung macht“, erklärt Sprecherin Anna Tauscher. „Tatsache ist: Wenn Menschen mit Adipositas abnehmen wollen, löst der Körper Mechanismen aus, die aktiv das Gewicht verteidigen. Adipositas ist nicht ein Mangel an Willenskraft, sondern eine chronische Erkrankung, die langfristig therapiert werden muss.“
Der Artikel ist im trend.MED im Mai 2026 erschienen.
