
Gerald Fleischmann
©Lukas IlgnerGerald Fleischmann, Chef der Volksbanken-Gruppe, kritisiert die Verlängerung der erhöhten Bankenabgabe und die wachsende Konkurrenz für Banken durch den Souverän.
trend: Sie stehen nun seit mehr als zehn Jahren an der Spitze der Volksbanken. Damit sind Sie einer der längstdienenden Banken-CEOs in Österreich. Wie hat sich das Geschäft verändert?
Fleischmann: Das Thema Technologie ist noch wichtiger geworden. Die vor zehn Jahren so gefürchteten Fintechs haben nicht so eingeschlagen, wie wir das befürchtet haben, weil die Banken technologisch gut reagiert haben. Nichtsdestotrotz sind wir technologisch weiter sehr gefordert. Eine Bankengruppe, die im Massenbusiness tätig ist, muss hochwertige digitale Lösungen anbieten. Deswegen haben wir auch unser Rechenzentrum an Accenture verkauft, um einen starken Partner in Sachen Digitalisierung an unserer Seite zu haben. Das große neue Spiel ist KI, wo wir auch dabei sein müssen. Da ist dieses Know-how von Accenture sehr wichtig.
Wo werden die Kunden die KI spüren?
Im besten Fall gar nicht direkt. Die KI soll nur die Prozesse im Hintergrund optimieren. In unserer KI-Strategie steht, dass sie keinen direkten Kontakt zum Kunden haben soll. Es muss immer ein Mensch dazwischenstehen.
Sie haben in den letzten drei Jahren bei der Mitarbeiterzahl auf 3.170 zugelegt. Das ist ungewöhnlich. Woher kommt dieses Wachstum?
Wir hatten davor eine starke Reduktion des Mitarbeiterstands. Wir wollen aber gerade im Vertrieb wieder starke Akzente setzen und dort mehr Mitarbeiter einsetzen. Auch weil wir in Relation zu anderen Banken in der Digitalisierung der Kundenstrecken noch Aufholbedarf haben. Wir arbeiten gerade an einer digitalen Wertpapierstrecke und einer für die Wohnraumfinanzierung.
Dafür ist die Zahl der Kunden leicht zurückgegangen, von 960.000 auf 955.000. Wieso?
Wir haben eine sehr starke Bindung zu Kunden, mit denen wir regelmäßig in Kontakt sind. Die, mit denen wir diese Bindung nicht haben und die wir nicht adressieren können, haben wir leider zum Teil verloren. Dem wollen wir mit Digitalisierung und mit der Schärfung unserer Marke gegensteuern. Wir wollen aber nicht nur keine Kunden verlieren, sondern bei der Zahl der Kunden wachsen.
Wie viele Kunden sind Ihr Ziel?
Wir wollen in den nächsten fünf Jahren pro Jahr um 30.000 Kunden wachsen. Das ist ein sehr hohes Ziel, weil der österreichische Markt sehr gesättigt ist und Kundenverschiebungen sehr schwer sind.
Einige Ihrer größeren Konkurrenten kaufen zurzeit im Ausland stark zu. Ist Auslandsexpansion für die Volksbanken auch ein Thema?
Nein, das ist ein absolutes No-Go. Die Volksbanken sind ja damals in die missliche Lage geraten, weil die Expansion schiefgegangen ist. Das wird nicht wieder passieren. Wir sind stolz darauf, eine rein österreichische Bank zu sein. Mehr als 95 Prozent unserer Geschäftsbeziehungen sind in Österreich. Wir setzen ganz auf organisches Wachstum.
Kritik an Bankenabgabe
Es ist kein Geheimnis, dass die Volksbanken auch als Finanzierer bei Signa dabei waren. Ist das Kapitel erledigt?
Ja, wir hatten aber mit 13 Millionen Euro bei Signa nur eine Miniposition.
Wie sehr macht Ihnen der Sektor der gewerblichen Immobilien zu schaffen?
Seit vorigem Jahr spüren wir eine rege Nachfrage an Wohnbaukrediten. All jene Entwickler, die fertige Wohnungen am Buch haben, bekommen also etwas Luft, weil der private Kunde wieder nachfragt. Die Zinsen sind zwar erhöht, aber der Privatkunde verdient mehr Geld. Die Entwickler, die Projekte entwickeln, um dann ganze Projekte zu verkaufen, haben hingegen immer noch Probleme, weil institutionelle Investoren noch nicht da sind. Aber insgesamt sinken die notleidenden Kredite seit sechs Monaten leicht. Hätten wir den Irankrieg nicht, wäre der Markt wieder auf einem guten Weg.
Banken geht es aktuell durchwegs besser als der Industrie. Ist die erhöhte Bankenabgabe also gerechtfertigt?
Sie war nie gerechtfertigt bzw. nur als reine Stabilitätsabgabe, als der Staat den Banken unter die Arme greifen musste. Es ist enttäuschend, dass sie jetzt wieder verlängert wurde. Eigentlich war sie ja nur temporär gedacht. Man schadet mit der Verlängerung nur der Wirtschaft, weil die Banken ja Wachstum schaffen sollen.
Sie können mit der Abgabe also weniger Kredite vergeben?
Selbstverständlich. Wir müssen ja jeden Kredit mit Kapital unterlegen. Jeder Euro weniger Kapital bedeutet weniger Kredite. Wenn wir 100 Millionen Euro weniger Kapital haben, können wir rund 1,6 Milliarden Euro weniger Kredite vergeben. Das stört natürlich das ganze System. Schon jetzt werden 75 Prozent des Kapitals in den Banken behalten. Und der Anteil wird steigen.
Wie hoch fiel die Abgabe zuletzt bei Ihnen aus?
Im Volksbankenverbund waren es rund 13 Millionen Euro.
Erzielen Sie Übergewinne?
Nein, das sind keine Übergewinne. Das sind hart erarbeitete Gewinne. So funktioniert die Wirtschaft. Es gibt keine wirtschaftliche Begründung für die Bankenabgabe außer die Tatsache, dass der Staat Geld braucht. Man erlässt uns ja auch keine Steuern, wenn die Risikokosten steigen.
Abgesehen davon, dass Sie weniger Kredite vergeben können: Welche Auswirkung wird die Verlängerung der Abgabe noch haben? Teurere Produkte für Kunden, Personalabbau?
Weder bei der Zahl der Mitarbeiter noch beim Pricing wird sich etwas verändern.
Haben die Banken schlecht lobbyiert?
Nein, das glaube ich nicht. Es fällt halt leichter, eine Abgabe zu verlängern, als eine neue einzuführen. Ich finde nur, wir sollten stärker betonen, wie wichtig unsere Rolle für das Wirtschaftswachstum unseres Landes ist.
Der Souverän als Konkurrent der Banken
Bundesschatz.at hat seinen Kundenkreis letztes Jahr auf Gemeinden, etc. erweitert. Damit macht der Staat ja den Banken Konkurrenz. Wie sehen Sie das?
Banken stehen ja an sich schon in einem starken Wettbewerb. Dazu kommen nun auch noch Konkurrenten aus dem Umfeld des Souveräns wie eben bei Bundesschatz oder beim digitalen Euro. Bei Bundesschatz. at liegen zehn Milliarden Euro privates Vermögen. Das ist Geld, das Banken die Refinanzierung entzieht. Das macht unser Bankensystem etwas unsicherer, weil wir uns stärker über den Kapitalmarkt finanzieren müssen. Noch dazu hat Bundesschatz.at ein Pricing, das uns unter Druck setzt. Ähnliches gilt für den digitalen Euro, der der Bankenwelt Liquidität entzieht.
Sie sind also kein Fan des digitalen Euros?
Ganz und gar nicht. Als Bankmanager kann man gar kein Fan davon sein. Man redet zwar von einer Beschränkung der Wallet auf aktuell 3.000 Euro, wir denken aber, es sollte noch weniger sein. Natürlich ist das ein Angriff auf das Geschäftsmodell der Banken durch die Aufsicht.
Dem Argument der EZB, mit dem digitalen Euro ein Gegenmodell zu den US-Zahlungsdiensten anzubieten, können Sie nichts abgewinnen?
Das kann ich schon nachvollziehen. Die Privatwirtschaft versucht, dem aber mit eigenen Initiativen Rechnung zu tragen. Die Volksbanken haben sich dem europäischen privaten Zahlungsdienstprovider Wero schon angeschlossen und das Projekt auch gestartet.
Die EU hat ja angekündigt, bei der Regulatorik etwas leiser treten zu wollen. Spüren Sie das schon?
Nein, wir spüren nichts von einer Entbürokratisierung. Wir sind ja von der Bilanzsumme eine der kleineren von der EZB beaufsichtigten Banken. Als solche treffen uns die Regularien stärker als größere Banken.
Die Volksbanken sponsern den Eurovision Song Contest. Was genau erhoffen Sie sich davon?
Damit wollen wir in erster Linie jüngere Kundenschichten ansprechen, so wie auch mit unserer Kampagne „Gutes zieht Kreise“. Wir verzeichnen in der Schicht auch aktuell gutes Wachstum.
Zur Person
Gerald Fleischmann, 57, steht seit 2015 an der Spitze des Volksbanken-Verbunds und der Volksbank Wien. Der gebürtige Steirer war davor längere Zeit in der Erste Bank tätig. 2025 wies der Volksbanken-Verbund unter seiner Führung eine Bilanzsumme von 32,9 Milliarden Euro und einen Jahresgewinn von 150 Millionen Euro aus. Der Vertrag des studierten Technikers Fleischmann läuft bis 2030.
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 8. Mai 2026 erschienen.
