„Kasten“ zum Hafen Wien: Der Hafen Wien ist Österreichs größtes trimodales Logistikzentrum und verbindet Schiff, Bahn und Straße. Mit seinen Standorten Freudenau, Albern und Lobau ist er ein zentraler Versorgungsknoten für Wien und die gesamte Ostregion. Rund 200 Unternehmen mit etwa 5.000 Beschäftigten machen den Hafen zu einem bedeutenden Wirtschafts- und Logistikstandort.
Supply Chain Partners Dialog
Im 5. Supply Chain Partners Dialog spricht Ernst Fabian, Geschäftsführer von Supply Chain Partners, mit Marian Timler, Leiter Hafenlogistik am Hafen Wien, über die Besonderheiten des Standorts und die Bedeutung der Trimodalität.
Marian, wir haben uns bei der Inbetriebnahme eines Lagers einer deiner Kunden kennengelernt. SCP durfte den Kunden bei der Planung und Inbetriebnahme des neuen Zentrallagers begleiten Wir haben gemeinsam die Hallen sehr gut an die Anforderungen adaptiert. Aus einer Flächen- und Gebäudeanforderung ist ein modernes Zentrallager entstanden, das exakt auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten wurde und gemeinsam bewirtschaftet wird.
Was macht den Hafen Wien als Standort so besonders?
Der Hafen Wien besteht eigentlich aus drei Häfen und einem großen Betriebsansiedlungsgebiet. Wir haben den Hafen Albern, den Hafen Lobau, und den Universalhafen Freudenau.
In Summe sprechen wir von etwas mehr als drei Millionen Quadratmetern - der Hafen ist damit größer als der erste Wiener Gemeindebezirk. Zusätzlich zu unseren Logistikkunden sind am Standort rund 200 Unternehmen angesiedelt, die die Infrastruktur nutzen und ihre Logistikaufgaben eigenständig abwickeln. Genau diese Vielfalt macht den Hafen für mich so besonders. Wir haben etwa einen Baustoffcluster, einen Autocluster und mittlerweile auch einen Filmcluster. Diese Mischung macht uns gleichzeitig resilienter, weil nicht alle Branchen von Krisen in gleicher Weise betroffen sind.
Welche Bedeutung hat der Hafen Wien für die Stadt oder vielleicht auch überregional?
Der Hafen Wien ist ein wichtiger Versorgungsknoten für Wien und die gesamte Ostregion Österreichs. Wenn man in Wien einkaufen oder essen geht, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass bestimmte Vorprodukte oder Waren vorher über den Hafen transportiert wurden. Gerade Güter, die über große europäische Seehäfen aus Asien kommen, werden häufig per Bahn zu uns weitertransportiert. Allein aus Hamburg kommen jede Woche etwa 50 Container-Ganzzüge am Hafen Wien an. Weitere wichtige Bahnkorridore sind unter anderen Rotterdam und die Türkei.
Was den Standort zusätzlich besonders macht, ist die Nähe zur Stadt. Vom Hafen ist man in wenigen Minuten im Zentrum und gleichzeitig befinden wir uns in einem vollwertigen Industriegebiet, weitgehend ohne klassische Standortrestriktionen. Diese Kombination ist in einer Großstadt nicht selbstverständlich.
Was macht den Hafen Wien erfolgreich, welches Konzept steht dahinter?
Wir denken bei der Standortentwicklung sehr langfristig. Wenn sich eine gute Gelegenheit ergibt, kaufen wir Flächen oder bestehende Standorte zu, revitalisieren sie und entwickeln sie weiter. Ein gutes Beispiel ist das HQ7, ein ehemaliger Standort der Wiener Netze. Das Grundstück und die Gebäude waren sehr speziell zugeschnitten. Trotzdem war der Standort nach rund zwei Jahren vollständig ausgelastet. Mittlerweile sind dort auch zwei moderne Filmstudios entstanden und rundherum hat sich ein richtiger Filmcluster entwickelt.
Wir versuchen grundsätzlich, für nahezu jeden Bedarf eine passende Lösung anzubieten. Manche Unternehmen suchen einen Standort für ihre langfristige Entwicklung, andere kommen mit einer ganz konkreten logistischen Anforderung auf uns zu. Unser Ziel ist es, Kunden langfristig zu begleiten. Oft beginnt die Zusammenarbeit mit einer Fläche oder einer einzelnen Logistikleistung und entwickelt sich kontinuierlich weiter. Von der Manipulation unterschiedlichster Waren über die Lagerung auf Freiflächen, in Blocklägern oder spezialisierten Rohstoffhallen bis hin zu individuellen Umschlagslösungen können wir sehr vieles aus einer Hand anbieten. Genau diese Kombination macht den Hafen Wien erfolgreich.
Wo liegen die größten Herausforderungen im operativen Geschäft der Hafenlogistik?
Die Kernherausforderung ist sicher, die Kundenanforderungen mit den verfügbaren Ressourcen zusammenzubringen. Wir haben viele langjährige Kunden, aber auch Spotgeschäfte, besonders bei Containerstauungen oder Spezialumschlägen. Da schaut die Ware jedes Mal anders aus. Man muss deshalb vom ersten Gespräch über die Kalkulation und Pilotierung bis zur Nachkalkulation sehr sauber arbeiten.
Wir arbeiten stark mit Vergangenheitswerten und Avisos. Daraus leiten wir unsere Personal-, Geräte- und Flächenplanung ab. Unser großer Vorteil ist, dass wir sehr viel Fläche und viele unterschiedliche Ressourcen haben.
Gibt es mit der Ansiedlung am Hafen Wien auch einen Mehrwert für eure Kunden bei der Abwicklung im täglichen Geschäft?
Viele Unternehmen am Standort machen ihre standardisierten Prozesse selbst. Alles, was speziell wird, kommt dann häufig zu uns: Bewegen von Waren über fünf Tonnen, Container-Stuffing und -Stripping, Schwergut oder besondere Lager- und Umschlagsanforderungen. Dafür haben wir die Geräte, die Flächen und vor allem die Erfahrung im Team.
Für die Unternehmen ist das ein klarer Vorteil. Sie müssen nicht selbst einen Hallenkran oder einen 12-Tonnen-Stapler anschaffen und ihre Mitarbeiter für Spezialaufgaben schulen. Sie kaufen die Leistung einfach bei uns zu, direkt am Standort und genau dann, wann die Leistung gebraucht wird.
Der Hafen ist trimodal angebunden. Wie verteilt sich das Aufkommen auf Schiff, Bahn und Straße?
Wenn wir nach bewegter Tonnage gehen, ist die Verteilung seit Jahren ziemlich stabil. Wir sagen vereinfacht: ein Drittel Schiff, ein Drittel Bahn und ein Drittel Straße. Natürlich schwankt das von Jahr zu Jahr ein wenig, aber grundsätzlich haben alle drei Verkehrsträger für uns den gleichen Stellenwert.
Das sieht man auch in den konkreten Abläufen. Ein Kunde liefert zum Beispiel per Bahn an, wir lagern die Ware zwischen und anschließend geht sie per LKW direkt auf die Baustelle. Andere Kunden prüfen zusätzlich die Wasserstraße. Genau diese Kombination der Verkehrsträger ist unser USP.
Warum fällt es Unternehmen dennoch oft schwer, Bahn oder Binnenschiff stärker zu nutzen?
Die Straße ist organisatorisch am einfachsten. Man lädt beim Werk, fährt direkt zum Kunden und hat vergleichsweise wenige Schnittstellen. Beim Binnenschiff oder bei der Bahn wird es komplexer: Man braucht Vor- und Nachläufe, zusätzliche Umschläge und muss mit Themen wie Hochwasser, Niederwasser, Schleusen oder der Verfügbarkeit von Waggons umgehen können.
Aus meiner Sicht ist das deshalb vor allem eine strategische Entscheidung. Ein Unternehmen muss entscheiden: Beschäftigen wir uns ernsthaft mit diesen Verkehrsträgern oder nicht? Wenn man nur ein halbes Jahr betrachtet, kann das Bild verzerrt sein. Über mehrere Jahre gerechnet können sich Bahn und Binnenschiff aber sehr wohl auszahlen - wirtschaftlich und natürlich auch ökologisch.
Wie komplex ist die Koordination der Verkehrsträger am Standort des Hafen Wien?
Die Koordination ist im Alltag durchaus anspruchsvoll. Beim Schiff kann man über verschiedene Online-Tools relativ gut sehen, wo es sich befindet. Bei der Bahn fehlt uns diese Transparenz teilweise. Daher wird es besonders komplex, wenn wir direkt vom Schiff in den Zug umschlagen wollen, also ohne Zwischenlagerung. Dann müssen Ankunftszeiten, Geräte, Personal und Gleisbelegung exakt zusammenpassen.
Die Gleise werden außerdem von mehreren Unternehmen genutzt. Ein Verkehrskoordinator plant deshalb die Belegung. Die Zahl der Gleise ist begrenzt und manche führen direkt durch andere Terminalbereiche. Da braucht es viel Erfahrung und eine sehr genaue Abstimmung.
Im Zuge von Komplexität wird oft unmittelbar die künstliche Intelligenz ins Spiel gebracht. Werden KI-Anwendungen im Hafen Wien bereits genutzt?
Wir nutzen im Unternehmen Microsoft Copilot und beschäftigen uns laufend mit möglichen KI-Anwendungen. Ich persönlich könnte mir meinen Arbeitsalltag ohne solche Unterstützung kaum noch vorstellen. Bei operativen Prozessen sind wir aber noch nicht an dem Punkt, dass KI ganze Abläufe ersetzt.
Das Thema Nachhaltigkeit ist noch sehr wesentlich. Wie ist das Thema im Hafen Wien verankert?
Der Hafen Wien orientiert sich am Ziel der Stadt Wien, bis 2040 klimaneutral zu werden. Bereits heute beziehen wir Strom aus Wasserkraft und bauen die Photovoltaiknutzung auf unseren Gebäuden laufend aus.
In der Hafenlogistik verfolgen wir den Ansatz, Geräte bis zu einer bestimmten Traglast schrittweise zu elektrifizieren. Da viele Geräte sehr lange genutzt werden, ersetzen wir funktionierende Maschinen nicht vorzeitig. Bestehende Dieselfahrzeuge sollen, soweit technisch freigegeben, mit HVO100 betrieben werden. Bei sehr schweren Geräten, die im Mehrschichtbetrieb eingesetzt werden, ist die Technologie allerdings noch nicht in allen Anwendungsfällen ausreichend verfügbar.
Kannst du uns abschließend noch erzählen, wo die wesentlichen Punkte für die Ausrichtung des Standorts in der Zukunft liegen?
Unsere Strategie ist ganz klar: Wir wollen die Trimodalität stärken und mehr Güter von der Straße auf Bahn und Schiff bringen. Dafür investieren wir in Flächen, Geräte und Infrastruktur, zum Beispiel in die Sanierung der Uferstraße oder neue Umschlaggeräte. Gleichzeitig wollen wir den Standort weiter ausbauen, Immobilien zukaufen, Flächen revitalisieren und langfristige Partnerschaften eingehen.
Bei Flächen direkt an der Kaikante schauen wir sehr genau, wer sich ansiedelt. Dort sollen möglichst Unternehmen hin, die die Wasserstraße auch tatsächlich nutzen. Solche Flächen werden nur selten frei und sind strategisch besonders wertvoll. Ganz wesentlich ist für uns auch das klare Bekenntnis der Stadt Wien zum Hafen. Die Stadt braucht diesen Standort als Industrie-, Logistik- und Versorgungsknoten - und genau das wollen wir langfristig sichern.
Vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke.
Ein Spezialist für eine optimierte Supply Chain
Supply Chain Partners (SCP) wurde 2019 von den drei Fachexperten Boris Blazej, Ernst Fabian und Alexander Steinhart in Wien gegründet und bietet eine auf Supply Chain (Planung, Einkauf und Logistik) spezialisierte strategische und operative Beratung und Begleitung an.
Dazu wurde eine eigene Business Intelligence Plattform namens SCIO® für mehr Transparenz und bessere Entscheidungsfindung in der Supply Chain entwickelt.
Zu Ihren Kunden zählen viele renommierte Unternehmen aus Industrie und dem öffentlichen Bereich.