IPO: Warum der erste Börsenkurs oft mehr über den Hype als über den Wert eines Unternehmens verrät

Ein Beitrag von Schelhammer Capital Bank AG.
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Ein fulminanter Börsenstart wirkt wie ein Erfolgssignal. Doch hohe Kursgewinne am ersten Handelstag sagen wenig darüber aus, ob eine Aktie langfristig ein gutes Investment ist. Beispiele von SpaceX über Facebook bis Uber zeigen, warum beim IPO nicht der Hype, sondern vor allem Bewertung, Preis und Geschäftsmodell entscheidend sind.

Ein Unternehmen geht an die Börse. Die Marketing-Abteilung des Unternehmens hat sehr gute Arbeit gemacht. Die Investmentbanken haben die Werbetrommel laugt geschlagen. Die Nachfrage ist riesig. Die Aktie steigt am ersten Handelstag um 20, 30 oder sogar 50 Prozent. Anleger jubeln.

Doch wer hat eigentlich gewonnen?

Und vor allem: Wer hat den Preis festgelegt, zu dem die Aktie erstmals angeboten wurde?

Der Börsengang von SpaceX und viele andere Unternehmen zuvor liefert dafür 2026 ein spektakuläres Beispiel. Am 12. Juni wurden die Aktien des Raumfahrtunternehmens zu 135 US-Dollar ausgegeben. Mit einem Emissionsvolumen von 75 Milliarden US-Dollar wurde SpaceX zum größten IPO der bisherigen Börsengeschichte. Am ersten Handelstag stieg die Aktie zeitweise bis auf 176 Dollar und schloss bei 160,95 Dollar.

Wer die Aktie zum Ausgabepreis bekommen und am ersten Tag verkauft hatte, konnte sich über knapp 19 Prozent freuen.

Das Problem: Nicht jeder Anleger bekommt die Aktie zum Ausgabepreis.

Der eigentliche Börsenhandel beginnt erst danach. Und dort entscheidet Angebot und Nachfrage über den Preis.

Genau an diesem Punkt wird aus dem vermeintlich einfachen Börsengang ein interessantes „Spiel“.

Der IPO-Preis ist kein Sonderangebot

Ein IPO wird häufig mit einer Art Eröffnungspreis für ein neues Produkt verwechselt. Tatsächlich ist der Ausgabepreis das Ergebnis eines komplexen Prozesses, an dem Unternehmen, Investmentbanken und institutionelle Investoren beteiligt sind.

Das Unternehmen selbst möchte möglichst viel Kapital aufnehmen. Die Banken wollen den Börsengang erfolgreich platzieren. Investoren wollen möglichst günstig einsteigen.

Alle verfolgen also ihre eigenen Interessen. Und die Ziele konkurrieren miteinander.

Dass die Aktie am ersten Handelstag steigt, ist deshalb nicht zwingend ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen unterbewertet war. Es kann schlicht bedeuten, dass die Nachfrage zum Börsenstart größer war als das verfügbare Angebot.

Bei SpaceX kam ein weiterer Faktor hinzu: Der frei handelbare Anteil war klein. Der überwiegende Teil der Aktien verblieb beim „Alteigentümer“. Das verstärkte die Kursbewegungen zusätzlich.

Wie schnell sich die Stimmung ändern kann, zeigte der weitere Kursverlauf. Anfang August war die Aktie zeitweise bis auf rund 105 Dollar gefallen. Am 10. August lag sie mit 138,74 Dollar wieder knapp über dem Ausgabepreis. Im September pendelt se zwischen USD 140 und 150. Für den Anleger, der für etwa 100 US-Dollar gekauft hat, war die Investition gut. Für all jene, die bei 170 oder 200 USD gekauft haben, ist es ein weiter Weg aus der Verlustzone zu kommen.

Das ist die eigentliche Lehre aus dem SpaceX-IPO:

Ein spektakulärer Börsenstart sagt sehr wenig darüber aus, wie erfolgreich eine Aktie in den kommenden Jahren sein wird.

Facebook machte es vor

Eines der bekanntesten Beispiele ist Facebook.

Als das soziale Netzwerk 2012 an die Börse ging, war die Erwartung enorm. Der Ausgabepreis lag bei 38 Dollar. Am ersten Handelstag schloss die Aktie bei 38,23 Dollar. Für einen der am meisten erwarteten Technologiebörsengänge der damaligen Zeit war das ernüchternd. Technische Probleme an der Nasdaq verschärften die Situation.

Wer damals vorschnell von einem misslungenen IPO auf ein schlechtes Unternehmen schloss, lag allerdings falsch. Facebook entwickelte sich anschließend zu einem der erfolgreichsten Technologieunternehmen der Welt.

Das Beispiel zeigt: IPO-Performance und Unternehmens-Performance sind zwei verschiedene Dinge.

Auch Uber startete 2019 enttäuschend. Die Aktie wurde zu 45 Dollar ausgegeben und eröffnete bei 42 Dollar.

Bei WeWork war die Geschichte noch dramatischer. Das Unternehmen wollte ursprünglich mit einer Bewertung von rund 47 Milliarden Dollar an die Börse. Investoren stellten jedoch Geschäftsmodell, Verluste und Corporate Governance infrage. Die Bewertung wurde massiv reduziert, schließlich wurde der IPO abgesagt.

Wenn die Erwartungen zu hoch werden

Das Grundproblem lässt sich auf einen einfachen Satz reduzieren:

Ein gutes Unternehmen ist nicht automatisch eine gute Aktie.

Entscheidend ist der Preis.

Wer für ein Unternehmen 20 Millionen Euro bezahlt, kann damit ein hervorragendes Investment machen. Wer für dasselbe Unternehmen 50 Millionen bezahlt, vielleicht nicht.

Das gilt auch für die großen Namen der Technologiebranche.

Je größer der Hype vor einem Börsengang, desto größer ist die Gefahr, dass Anleger nicht mehr über den Preis nachdenken, sondern nur noch über die Geschichte.

Künstliche Intelligenz ist dafür derzeit ein gutes Beispiel.

Unternehmen wie OpenAI, Anthropic, Databricks oder Anduril stehen stellvertretend für eine neue Generation privater Technologie- und Rüstungsunternehmen, denen von Investoren enorme Wachstumsperspektiven zugetraut werden.

Das kann gerechtfertigt sein.

Es kann aber auch dazu führen, dass bereits sehr viel zukünftiges Wachstum im Aktienkurs eingepreist ist.

Historisch ist Vorsicht angebracht

Der Finanzwissenschaftler Jay Ritter untersuchte bereits in den 1990er-Jahren die langfristige Entwicklung von IPOs. In seiner Stichprobe erzielten die Unternehmen nach drei Jahren zwar eine positive Rendite, blieben damit aber deutlich hinter vergleichbaren börsennotierten Unternehmen zurück. Ritter interpretierte dies unter anderem als möglichen Hinweis auf übertriebene Wachstumserwartungen und Phasen übermäßigen Optimismus. (Wiley Online Library)

Das bedeutet nicht, dass IPOs grundsätzlich schlechte Investments sind.

Es bedeutet vielmehr:

Der Börsengang ist kein Investmentargument.

Wer verdient am Börsengang?

Für die Emittenten ist ein IPO ein wichtiger Schritt zur Kapitalbeschaffung. Für bestehende Eigentümer kann er eine Möglichkeit sein, einen Teil ihrer Beteiligung zu Geld zu machen.

Und natürlich verdienen auch die beteiligten Investmentbanken an der Transaktion.

Der Anleger hat dagegen ein anderes Problem: Er muss entscheiden, ob der Preis, den der Markt nach dem Börsenstart verlangt, gerechtfertigt ist.

Das ist bei einem Unternehmen mit langer Börsenhistorie bereits schwierig.

Bei einem Unternehmen, das gerade erst an die Börse kommt, ist es noch schwieriger.

Die Geduld kann sich auszahlen

Für Anleger kann es deshalb sinnvoll sein, nicht jeden Börsengang mitmachen zu müssen.

Wer von einem Unternehmen überzeugt ist, kann beobachten, wie sich Umsatz, Gewinne, Cashflow und Geschäftsmodell nach dem Börsenstart tatsächlich entwickeln.

Vielleicht fällt die Aktie nach dem ersten Hype.

Vielleicht entsteht dann eine wesentlich attraktivere Einstiegsmöglichkeit.

Und vielleicht stellt sich auch heraus, dass die ursprüngliche Bewertung vollkommen gerechtfertigt war.

Das weiß niemand im Voraus.

Genau deshalb ist die Börse kein Ort für Gewissheiten.

Früh investieren – aber auch früher Risiko übernehmen

Eine Alternative zum IPO sind Beteiligungen an Unternehmen, solange diese noch privat sind. Private Equity und andere Formen privater Unternehmensbeteiligungen ermöglichen es Investoren, bereits vor einem möglichen Börsengang dabei zu sein.

Das klingt attraktiv – und kann es auch sein.

Allerdings gilt auch hier: Je früher die Beteiligung, desto größer sind meist Unsicherheit, Illiquidität und Verlustrisiko.

Wer erst beim IPO einsteigt, hat dafür mehr Informationen zur Verfügung.

Es gibt also keinen kostenlosen Vorteil.

Die wichtigste Frage lautet nicht: „Wie hoch steigt die Aktie?“

Sie lautet:

„Was ist das Unternehmen zu diesem Preis wirklich wert?“

Das ist eine wesentlich langweiligere Frage als die Prognose, ob eine Aktie am ersten Handelstag 20 oder 50 Prozent steigt.

Aber wahrscheinlich auch die wichtigere.

Denn IPOs sind keine Gelddruckmaschinen.

Sie sind ein Markt.

Und auch bei einem Markt gilt:

Wer zu viel bezahlt, kann mit einem hervorragenden Unternehmen trotzdem eine schlechte Investition machen.

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