„Schmutzwäsche war gestern, heute finden Vernichtungskämpfe statt“

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 © FOTO: LUKAS ILGNER

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Scheidungsanwalt Martin Preslmayr über den immer brutaler werdenden Krieg zwischen Ehepartnern. Dabei schrecken manche auch vor Drohnen und öffentlichen Erniedrigungen im Netz nicht zurück.

TREND: Die Scheidungsrate ist zuletzt leicht zurückgegangen. Was haben die allgemeine unerfreuliche Weltlage und die damit zusammenhängende Wirtschaftskrise damit zu tun?

MARTIN Preslmayr: Die politische und wirtschaftliche Lage beeinflusst natürlich die Art, wie die Menschen miteinander umgehen. Außerdem bringt die Krise Ängste zu Tage, die dazu führen, dass sich die Menschen vor Veränderungen in ihrem Leben fürchten. Sie wollen zusätzliche Unsicherheiten zu den ohnehin schon bestehenden vermeiden. Die aktuelle Situation ist ganz gut mit der Covid-Zeit vergleichbar, ich nenne das auch gerne „Ehe-Covid“. Womöglich lähmt die jetzige Angst die Menschen noch mehr, als es das Virus getan hat. Damals war die Zahl der Scheidungen auch leicht rückläufig, schnellte danach aber wieder stark hinauf. Damit rechne ich jetzt auch.

Bedeutet das, Sie haben jetzt als Scheidungsanwalt weniger zu tun?

Ganz und gar nicht. Es gibt noch ­immer mehr als genug Scheidungen. Auch die Beratung wird nach wie vor stark gesucht. Die Trennungswilligkeit geht sicher nicht zurück, aber die Angst hält viele von dem entscheidenden letzten Schritt ab. Und um die Kinder wird auch ungemindert ­gekämpft.

Führen die Kriege auch dazu, dass der Ton zwischen Ehepartnernrauer wird?

Man muss ja nur den Fernseher aufdrehen oder einen Blick auf Social Media werfen, um all die schrecklichen Bilder zu sehen. Das führt natürlich dazu, dass der Ton härter und egoistischer wird. Auch die Mittel im Scheidungskrieg werden schärfer und passen sich modernen Entwicklungen an. Auf einmal kommen zum Beispiel auch Drohnen in Scheidungsverfahren zum Einsatz.

Tatsächlich?

Ja, ich habe Scheidungsverfahren, wo Ehepartner einander mit Drohnen überwachen. Die Menschen nehmen die furchtbaren Verhaltens­weisen an, die im Fernsehen und in anderen Medien gezeigt werden. Das führt zur Verrohung des Scheidungskampfs. Schmutzwäsche wurde immer schon gewaschen, aber der Umgang der kämpfenden Parteien ist heute viel härter. Man will den Gegner regelrecht vernichten.

Aber kann man diesen Kriegsparteien allen Ernstes empfehlen, sie sollen mit der Scheidung zuwarten, bis die Weltpolitik wieder sanfter geworden ist?

Ich bin der Meinung, man sollte nicht zuwarten. Wir wissen ja nicht, wie und wann sich die Weltlage verändert. Man sollte die Situation in der Familie entkoppelt von der politischen und wirtschaftlichen Lage betrachten und nicht aus Angst in einer nicht funktionierenden Beziehung verharren. Manchmal ist der Scheidungskrieg notwendig, um letztlich zum ­Frieden und zur eigenen Freiheit zu kommen. Die Scheidung ist oft eine Art Therapie, um eine oder viele Wunden zu behandeln.

Aber macht es nicht manchmal aus wirtschaftlichen Gründen Sinn, eine schlechte Ehe aufrecht zu erhalten?

Die Aufrechterhaltung der Ehe mag aus finanziellen Motiven – Unterhalt, Erbrecht, Beistandspflichten – schon manchmal sinnvoll sein. Solange man verheiratet ist, ist man in einer Ehe ­immerhin versorgt. Ich habe aber von einer wirtschaftlichen Sicherheit oder zumindest Versorgung wenig, wenn ich in der Beziehung massiv leide. Das ist letztlich eine Abwägungsfrage: Ist mir meine Versorgung oder meine Gesundheit wichtiger? Ich glaube, dass in vielen Situationen ein klarer Cut besser ist.

Führt die Wohnungsknappheit in Wien dazu, dass manche vor einer Scheidung zurückschrecken?

Ja, aber das österreichische Recht schützt Ehepartner vor allem mit Kindern grundsätzlich bei der Zuweisung der ehemaligen Ehewohnung. Aber auch hier gilt: Man muss abwägen: Ist mir eine große Wohnung wichtiger oder ein Leben ohne Streit und Angst? Das Thema Gewalt in der Ehe ist jedenfalls ein stark wachsendes.

Die Zahl der Eheschließungen ist zuletzt recht stark zurückgegangen. Warum?

Ich glaube, dass die Angst vor Vertragszwang zunimmt. Die Ehe ist nun mal ein Vertrag, und wenn ich den breche, muss ich mit gravierenden ­Konsequenzen rechnen – Stichwort Verschuldensprinzip. Die jüngere Generation will sich ganz allgemein immer weniger in Dauerschuldverhältnisse ­begeben. Und wer würde einen nicht kündbaren Miet- oder Handyvertrag ­abschließen?

Das Verschuldensprinzip würden Sie nicht abschaffen, habe ich durchgehört, aber wo würden Sie im Familienrecht Änderungen befürworten?

Ein einheitliches und verbindliches Regelwerk für die Erarbeitung von Sachverständigengutachten in Pflegschaftsverfahren würde dem Kindeswohl besser tun.

Die Politik plant ja Änderungen gegen digitalen Missbrauch. Begegnet Ihnen dieses Thema auch?

Das ist ein neues und stark zunehmendes Kampfmittel in der Ehe bzw. Scheidung, das mir in der Kanzlei regelmäßig begegnet. Manchmal findet das sogar noch nach der Scheidung statt, dass Ex-Partner im Netz beschmutzt werden. Da sehe sich schon einen gewissen Regelungsbedarf, vor allem im Strafrecht. Diese Art der öffentlichen Erniedrigung ist zum Teil brutaler als vielleicht das eine oder andere böse Wort zu Hause. Jedenfalls ist es eine grobe Eheverfehlung, schlimmer als jeder One-Night-Stand.

Bekommen Sie es auch immer öfter mit Multi-Kulti-Scheidungen zu tun? Laufen die anders ab?

Die Bevölkerung hat sich geändert, und das spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Paaren und Scheidungen wider. Da erlebt man oft ein Spannungsfeld zwischen eigener Kultur bzw. Religion und dem österreichischen Recht. Dadurch ergeben sich oft Situationen, die für die Beziehung selbstverständlich waren, nach Eherecht aber nicht erlaubt sind. Da wird die Rechtsprechung auf diese speziellen Situationen vermehrt eingehen müssen.

Ist es nicht so, dass Menschen, die nach Österreich zugezogen sind, auf unser Eherecht stärker Rücksicht nehmen müssen?

Das ist natürlich auch richtig, aber das lernt man nicht in der Schule oder von den Eltern, obwohl ein Unterrichtsfach Eherecht mindestens genauso wichtig wäre, wie Zylinder in Pyramiden einzuschreiben. Es ist sicher wichtig, über Pflichten und Rechte der Ehe vor der Eheschließung Bescheid zu wissen. Das gilt aber für alle Menschen.

Was halten Sie von Scheidungspartys?

Ich war selbst schon auf solchen Partys meiner Mandanten eingeladen. Ich denke, sie sind Ausfluss des Prinzips „Freiheit ist sexy“, eine Party ist vielleicht sogar so etwas wie ein Freiheitsorgasmus. Auch wenn sie manchmal sehr brutal sein können, denke ich, dass sie Zeichen dafür sind, dass man letztlich alles richtig gemacht und sich aus einem Gefängnis befreit hat.

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