Dealmaker im Osten

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Osteuropa hängt den schwächelnden Westen beim Wachstum ab. CEE-Unternehmen sind begehrte Übernahmeziele. Eine Handvoll heimischer Kanzleien dominiert das lukrative M&A- GESCHÄFT in der Region.

Der Neubau des Terminals 3 am größten Flughafen Ungarns in Budapest ist mit geplanten Kosten von 750 Millionen Euro schon ein Großprojekt. Doch das Vorhaben von Staatschef Viktor Orbán ist auch zu einer gewaltigen juristischen Aufgabe geworden, das ganze Heerscharen von Rechtsanwälten beschäftigt. Darunter auch die internationale Rechtsanwaltskanzlei Kinstellar.

Mitte vergangenen Jahres hat der für seine direkte Art bekannte ungarische Staatschef den bisherigen Eigentümer, den deutschen Flughafen-Spezialisten Avi-Alliance, etwas unsanft zum Ausstieg gedrängt. Der Staat übernahm selbst wieder das einträgliche Geschäft. Aber ganz alleine wollte oder konnte Ungarn den Neubau des Flughafenterminals und den Betrieb des gesamten Airports nicht stemmen.

Und so kam die erst im Jänner 2025 von Horst Eberhardt ins Leben gerufene Kanzlei Kinstellar Vienna ins Spiel. Das Team beriet gemeinsam mit Kollegen anderer Kinstellar-Kanzleien den französischen Flughafenbetreiber Vinci Airport, eine Tochter des Infrastrukturkonzerns Vinci, beim Einstieg mit 20 Prozent. Transaktionsvolumen: drei Milliarden Euro.

Das Beispiel der noch jungen Kanzlei Kinstellar Vienna zeigt eines klar: Vor allem im Transaktionsbereich spielt die Musik mittlerweile in Osteuropa. Bei einigen Sozietäten mit Standort Wien macht das Osteuropageschäft bereits mehr als ein Drittel der Umsätze aus, bei manchen sogar mehr, Tendenz steigend. Denn CEE ist im Vergleich zu Westeuropa eine starke Wachstumsregion.

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Santander Polen. Die Erste Group erwarb um sieben Milliarden Euro die Hälfte an der polnischen Santander Bank - die großte SEE-Transaktion seit Langem. Die Wolf-Theiss-Partner Günter Bauer, Claus Schneider und Richard Wolf (v. l.) führten das Beraterteam für die Erste Group bei dem komplexen Deal an.

 © Amriphoto

OST-BOOM

Alexander Popp, Partner in der M&A-Praxis bei Schönherr, meint dazu: „Wir sehen eine Vielzahl von Möglichkeiten für uns, unsere starke Entwicklung in CEE fortzusetzen. Wir setzen dabei insbesondere auf die Key-Märkte Polen, Tschechische Republik und Rumänien – hier verzeichnen wir unser stärkstes Wachstum, und diese Märkte sind auch wichtige Plattformen für die gesamte Region CEE.“

Schönherr zählt mit Niederlassungen in 14 Ländern zu den führenden Kanzleien in Zentral- und Osteuropa. Seit dem Eintritt in die CEE-Märkte in den 90er Jahren ist der Anteil des CEE-Geschäfts am Gesamtumsatz des Unternehmens kontinuierlich stark angestiegen. Aktuell haben Partner der Kanzlei in Polen einen Investmentfonds beim Einstieg in eine Privatklinik beraten, die Bank Pekao in Warschau bei der Finanzierung eines Photovoltaikparks oder den Einstieg des Sneaker-Lables Skechers in der polnischen Hauptstadt begleitet. Schönherr Partner Popp: „Die internationale Ausrichtung auf CEE ist die Kernstrategie und ein substanzieller Teil von Schönherr. Das Unternehmen Schönherr ohne CEE-Geschäft ist heute nicht mehr vorstellbar, strategisch, aber auch kulturell.“

Der CEE-Raum bietet im aktuellen Wirtschaftsumfeld noch die meisten Chancen für M&A-Deals. Denn viele geplante Transaktionen von Unternehmen, deren Profitabilität von internationalen Lieferketten abhängt, sind derzeit aufgrund der Zollpolitik der USA on hold. Kinstellar-Vienna-Gründungspartner Eberhardt: „Die Märkte sind verunsichert, daher neigen Unternehmen bei M&A-Transaktionen derzeit eher zur Vorsicht.“ In Europa, und hier vor allem in Osteuropa, sieht die Lage anders aus. Vor allem in den Bereichen Technologie, Infrastruktur, Gesundheitswesen und Energie gibt es nach wie vor substanzielle Deals. Eberhardt zum Ausblick für den M&A-Markt: „Der weltgrößte PrivateEquity-Fonds, Blackstone, hat gerade angekündigt, in den nächsten zehn Jahren 500 Milliarden Euro in Europa investieren zu wollen.“

Viele globale Transaktionen sind wegen Trumps Zollpolitik on hold. In Europa ist die Lage aber anders.

HORST EBERHARDT KINSTELLAR VIENNA
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 © Beigestellt

BANKEN-DEALS

Dennoch sind auch einige heimische Unternehmen, allen voran Banken und Versicherungen, mit Übernahmen in Osteruropa aktiv, und sie vertrauen dabei den großen Kanzleien des Landes. Den wohl beeindruckendsten Coup hat dabei die Erste Group mit ihrer Übernahme von 50 Prozent der Santander Bank Polska gelandet. Sieben Milliarden Euro ist der Deal schwer – eine der größten Übernahmen in CEE der letzten Jahre.

Die Transaktion ist auch aus juristischer Sicht hoch komplex. Begleitet hat den Megadeal ein Team von Wolf Theiss Österreich. Die Partner Richard Wolf, Claus Schneider und Günter Bauer hatten den Lead in der juristischen Beratung zu den österreichischen und nicht-EU rechtlichen Aspekten der Transaktion im Bereich des Gesellschaftsrechts, des Kapitalmarktrechts, des Übernahmerechts sowie des Banken- und Versicherungsschutzrechts. Wolf Theiss-Gründungspartner Richard Wolf: „Natürlich müssen bei der polnischen Finanzaufsichtsbehörde und der Europäischen Kommission noch die kartellrechtlichen Genehmigungen eingeholt werden. Das Closing der Transaktion wird daher erst um das Jahresende 2025 erwartet.“

Wolf Theiss ist der heimische Platzhirsch im Osteuropa-Business. Neben den Büros in Wien und Brüssel ist die Kanzlei in zwölf Ländern Osteuropas vertreten. Zusätzlich gibt es Desks in Kosovo und in Montenegro. Das Beratungsgeschäft mit direktem CEE-Bezug macht bereits deutlich mehr als die Hälfte des jährlichen Umsatzes aus. Für 2024 soll der Anteil bereits 60 Prozent erreichen.

Richard Wolf zu den besonderen Herausforderungen bei Transaktionen in Osteuropa: „In der CEE/SEE-Region gelten 17 unterschiedliche Rechtssysteme, teils mit eigenen FDI-Screening-Procedures, also Prüfungen von ausländischen Direktinvestitionen durch die Regierungen. Dazu kommt die Prüfung von kartell- und kapitalmarktrechtlichen Rahmenbedingungen.“ Die Strukturierungen der Deals sind somit extrem aufwendig und fordern zusätzlich Abstimmungen mit mehreren Behörden. Deshalb werden Transaktionen mittlerweile von Wien und auch von den Büros vor Ort betreut. „Die internationale Erfahrung und die Mehrsprachigkeit unserer Mitarbeiter reduzieren Reibungsverluste,“ meint Wolf.

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 © IMAGO/Pond5 Images

WANDEL

Aber natürlich beraten österreichische Kanzleien auch Investoren aus CEE beim Einstieg in heimische Unternehmen. So hat etwa Cerha-Hempel-Managing-Partner Albert Birkner, der nicht nur Anwalt nach österreichischem, sondern auch nach tschechischem Recht ist, Agri Europe Cyprus Limited beim beabsichtigten Erwerb von einem Drittel an der börsennotierten Addiko Bank AG, die aus der Hypo Alpe Adria hervorgegangen ist, beraten. Doch dann kam noch ein Konkurrenzangebot, und der Deal ist in der Schwebe.

Einige der führenden Kanzleien in Österreich stellen sich auch auf einen Wandel ein. Paul Luiki, Partner bei Fellner Wratzfeld und Partner, fwp, sagt: „Die Zeiten sind vorbei, in denen Transaktionen nur von österreichischen Kanzleien geleitet werden und osteuropäische Kanzleien zuarbeiten.“ Oft werden Transaktionen von osteuropäischen Kanzleien geleitet, und österreichische Kanzleien unterstützen sie. Beim Verkauf des kroatischen KI-Technologieentwicklers Cirtua war das bereits der Fall. Fwp-Partner Luiki: „Wir erwarten auch eine Fortsetzung dieser Entwicklung. Fwp hat seit jeher die Strategie verfolgt, mit den besten Kanzleien vor Ort ein Netzwerk aufzubauen, statt eigene Büros zu eröffnen.“

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Addiko Bank. Cerha-Hempel-Managing-Parner Albert Birkner beriet doe Agri Europe Cyprus Bank bei ihrem Übernahmeversuch eines Drittels der aus der Hypo Alpe Adria hervorgegangenen Addiko Bank

 © Barbara Nidetzky

Welche Strategien die heimischen Kanzleien im CEE-Markt auch verfolgen, der Boom bei Transaktionen in Osteuropa hat den Jobmarkt für Rechtsanwälte jedenfalls gehörig angeheizt – vor allem die Gründung des Kinstellar-Büros in Wien. Schon der Abgang des langjährigen Transaktionsspezialisten Horst Eberhardt von Wolf Theiss, um das Kinstellar Büro in Wien zu leiten, löste ein kleines Beben aus. Der neue Standort wuchs rasch. Mittlerweile beschäftigt die auf Osteuropa fokussierte Sozietät bereits 25 Juristen, die andere Kanzleien verließen. Eberhardt zu dem starken Zulauf: „Wir bieten ein freundliches Arbeitsumfeld und attraktive Karriereperspektiven in einem interna tionalen Umfeld.“ Tatsächlich kennen einander viele Mitglieder des Kinstellar-Teams schon lange persönlich und arbeiten nun in einer neuen Kanzlei zusammen. Eberhardt: „Wir gewinnen quasi durch Mundpropaganda laufend weitere Kolleginnen und Kollegen. Wir sind über diese Dynamik sehr glücklich und werden sicher noch weiter wachsen.“

Dieser Artikel ist im trend.LAW im Juni 2025 erschienen.

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