Politik Backstage von Josef Votzi: Ein Minister zieht die Gesundheits-Notbremse

Corona-Krisenmanager ist der schlimmste Höllenjob, den die Politik zu vergeben hat. War RUDOLF ANSCHOBER dafür zu „gutmenschig“? Sein würdevoller Rückzug ringt selbst Kritikern höchsten Respekt ab.

Thema: Politik Backstage von Josef Votzi
Politik Backstage von Josef Votzi: Ein Minister zieht die Gesundheits-Notbremse

AB SOFORT PRIVATMANN. Rudolf Anschober mit seinem Hund Agur: Die Zeit als Minister wird jetzt in Buchform aufgearbeitet.

Die jüngste persönliche Begegnung liegt gut sechs Wochen zurück, zufällig vor dem Ausweichquartier des Parlaments in der Hofburg am Wiener Josefsplatz. Vor dem Eingangstor, wo die Dienstlimousinen-Chauffeure ihrer Chefs harren, steht auch Rudolf Anschober. Er nutzt eine Terminlücke, um frische Luft zu schnappen.

In den vergangenen Monaten hatte Rudolf Anschober körpersprachlich immer wieder signalisiert, dass er überlastet ist. An diesem Tag ist ihm nach Plaudern. Es geht schnell schnurstracks in Richtung des damals gerade aktuellen Symbolthemas: Wann öffnen die Gastgärten?

Anschober ist auch im Smalltalk ein Profi, zumal sich bald zwei Journalistenkollegen dazugesellen: Auch er würde lieber heute als morgen im Gastgarten sitzen. Mehr werde man hoffentlich in ein paar Tagen wissen, wenn die neuen Zahlen auf dem Tisch liegen.

Der Satz, der ihn zuletzt in den sozialen Medien zum Gespött machte, fällt in diesem Gespräch nicht (mehr): „Die nächsten Wochen werden entscheidend sein.“

Ich verabschiede mich nach gut einer Viertelstunde vom Zufallstreffen, das zu einer improvisierten Pressekonferenz ohne Neuigkeiten mutiert, mit einem launigen „Das wird wohl heute nix mehr“. Anschober erwidert den Abschiedsgruß mit seinem typischen milden Lächeln: „Höre ich da eine leichte Kritik heraus?“

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Der grüne Gesundheitsminister ließ zuletzt generell mehr Sarkasmus und Zynismus aufblitzen. Unsachlich persönlich oder gar Dirty Campaigning wurde er auch unter vier Augen oder zwei Ohren nie.

Rudolf Anschober war als Gesundheitsminister in seinem Verhalten mit Medien ausnehmend umgänglich, aber immer auch sehr kontrolliert.

Schon in seiner Ära als Umweltlandesrat in Oberösterreich wurde ihm feixend nachgesagt, bei weniger als zwei Pressekonferenzen am Tag fühle er sich nicht wohl. Auch als Gesundheitsminister entwickelte Anschober am Beginn der Corona-Krise einen fast manischen Hang, sich breit nachvollziehbar und für möglichst jedermann zu erklären.


Die 15 Monate als Gesundheitsminister haben sich wie 15 Jahre angefühlt.

Abseits der vielen klassischen Pressekonferenzen hielt er monatelang regelmäßig auch Sprechstunden auf Facebook ab und beantwortete mit scheinbarer Engelsgeduld Bürgeranfragen. Typisches Beispiele aus diesen Facebook-Sprechstunden: „Patrizia fragt: kann ich im Oktober ohne Mundschutz heiraten?“ Antwort: „Das kann ich leider noch nicht beantworten. Bitte noch ein bisschen zuwarten.“ „Manuela fragt, was kann man tun, damit sich endlich wieder mehr Menschen an die Maßnahmen halten? Antwort: „Ich bin heute mit dem Zug von Linz nach Wien gefahren. Alle haben wunderbar Masken getragen.“

Anschober konnte auch als Minister seinen erlernten Beruf als Pädagoge nicht verleugnen. Das war, sagen Parteifreunde, lange ein Vorteil. Anschober ließ sich auch als Politiker durch dauerquengelnde und schwer erziehbare Vis-à-vis nicht aus der Ruhe bringen und blieb eisern dabei, immer zu loben statt zu rügen.

Das wurde ihm, sagen nicht nur politische Widersacher, persönlich und politisch zunehmend zum Verhängnis. Immer nur gut zureden wird vor allem im politischen Management nach innen als Schwäche gewertet und entsprechend erwidert.


Start mit Kurz von

Beginn an frostig


Dazu kam eine von Anfang belastete Familienaufstellung im türkis-grünen Kabinett. Mit Grünen-Chef Werner Kogler hatte ÖVP-Chef Sebastian Kurz noch im Wahlkampf ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. „Der Werner“ war und ist am Ballhausplatz als umgänglicher Kumpeltyp nach wie vor gelitten.

Rudolf Anschober wurde von Kurz & Co alles andere als mit offenen Armen begrüßt. Der türkise Machtmensch wusste, dass er mit ihm den einzigen Grünen mit langjähriger Regierungserfahrung am Tisch hatte. Ihre erste persönliche Begegnung haben Kurz und Anschober zudem in denkbar schlechter Erinnerung. Der grüne Aktivist hatte seit 2018 für den Lehrabschluss von Asylwerbern mobil gemacht und für „Ausbildung statt Abschiebung“ fast 100.000 Unterschriften gesammelt sowie Prominente von Hermann Maier über Erwin Pröll bis Reinhold Mitterlehner als Unterstützer gewonnen.

Nachdem Anschober dem türkisblauen Kanzler mehrmals Gesprächsverweigerung vorgeworfen hatte, kam es sechs Wochen vor Ibiza zu einem Termin im Kanzleramt. Die 30-minütige erste persönliche Begegnung verläuft frostig. Anschober zeigt sich danach „über völlig fehlende Bereitschaft für Lösungen schwer enttäuscht“.

Für den Kanzler blieb Anschober bis heute ein unverbesserlicher Gutmensch. Als sich kurz nach dem ersten Corona-Lockdown vor einem Jahr die ersten Erfolge einstellten, wurden seitens der Kanzler-Truppe erste Giftpfeile Richtung Gesundheitsminister an Medien abgesendet: Gott sei Dank habe sich der türkise Kanzler mit seinem Drängen auf rasche und rigorose Maßnahmen durchgesetzt.

Denn der grüne Gesundheitsminister habe bis zuletzt bei Tempo und Dosis gebremst. Die Kurz-Truppe suchte in der Folge den bald populärsten heimischen Regierungspolitiker durch Vorpreschen bei besprochenen Maßnahmen auszubremsen und den Popularitäts-Bonus für Kurz zu lukrieren.

War Rudolf Anschober tatsächlich zu „gutmenschig“ für die Spitzenpolitik, zumal in einer Jahrhundert-Pandemie? Der Job des Gesundheitsministers ist derzeit weltweit der aufreibendste. Dass er sich über seine persönlichen Grenzen hinaus ausgepowert hat, machte Anschober in seiner Abschieds-Erklärung für einen Spitzenpolitiker ungewöhnlich offenherzig deutlich.

Nur im kleinen Kreis der Grünen erlaubte sich Anschober, sich unverblümt zu öffnen. Etwa wenn einmal die Woche ein Jour Fixe der grünen Regierungsmitglieder angesagt war. Auf die Einrichtung dieses Treffen hatte der Gesundheitsminister großen Wert gelegt. „Wir müssen aufeinander aufpassen“, proklamierte Anschober vom Start weg. Anschober spielte auch bei der Kür des grünen Ministerteams eine entscheidende Rolle. Dass er als Ex-Umweltlandesrat bei der Bestellung von Leonore Gewessler zur Umwelt- und Infrastrukturministerin zuvorderst mitspielte, lag auf der Hand. Was auch in der grünen Partei nur wenige wissen: Bei der Suche nach Kandidaten für das Justizressort machte sich Anschober auch erfolgreich für Alma Zadic stark.


Starke Achse mit

Nehammer & Schützenhöfer


Im türkisen Team konnte der Pro-Asyl-Aktivist Anschober ausgerechnet mit Innenminister Karl Nehammer am Besten. Die beiden kannten einander bis zu den Regierungsverhandlungen nicht. Sie hatten gemeinsam die heiklen Kapitel Integration, Migration, Sicherheitspolitik und Polizeiagenden im Koalitionsabkommen zu verhandeln. „Nehammer ist der Einzige, mit dem ich jemals auch auf ein Bier gegangen bin“, erzählte Anschober hinterher im kleinen Kreis: „Der ist kein Ideologe, er hört zu und ist auch bereit, mit dem Kopf des anderen zu denken.“

Das gute Zusammenspiel zwischen Anschober und Nehammer bewährte sich auch im Corona-Alltag, als es galt, die Agenden von Polizei- und Gesundheitsbehörden abzustimmen.

Auffällig war für Regierungs-Insider zuletzt auch die Achse, die sich zwischen dem steirischen Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer und Anschober entwickelte. Kurz vor seinem ersten Kreislaufkollaps Anfang März beherrschte im Kanzleramt die Frage der Lockdown-Verlängerung in der Gastronomie die Verhandlungen. Anschober stand anfangs allein auf weiter Flur, die vielbeschworene Öffnung der Gastgärten frühestens erst rund um Ostern zu erlauben. Der Steirer brach den türkisen Widerstand und setzte mit Anschober zumindest einen weiteren Aufschub der Entscheidung durch. Die Schanigärten haben nolens volens wegen explodierender Intensivfälle fast im ganzen Land bis heute zu.

Rudolf Anschober will nun auch die 15 Monate als Gesundheitsminister, die sich „wie 15 Jahre anfühlten“, in einem Buch aufarbeiten.

Die nächste Notbremse bei Corona hat der gelernte Allgemeinmediziner Wolfgang Mückstein zu ziehen. Rudolf Anschober musste nach mehreren Kreislaufzusammenbrüchen, Tinnitus und immer belastenderen Gesundheits-Werten nun „für sich die Notbremse ziehen“.


Der Autor

Josef Votzi

Josef Votzi

Josef Votzi ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend verfasst er jede Woche "Politik Backstage".

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