Politik Backstage von Josef Votzi: Kanzlerkandidat Ludwig, wer sonst?

Doskozil nimmt sich aus dem Rennen. Rendi-Wagner macht mehr Tempo, gewinnt aber wenig neues Terrain. Für immer mehr Rote liegt die Antwort auf die ROTE K-FRAGE längst auf der Hand.

Thema: Politik Backstage von Josef Votzi
Politik Backstage von Josef Votzi: Kanzlerkandidat Ludwig, wer sonst?

HAT GUT LACHEN. Die Umfragewerte von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig sind seit einiger Zeit stark im Steigen.

Die Szene im Grauen Ecksalon des Bundeskanzleramts sorgte noch Tage danach im Regierungsviertel für Erstaunen und Belustigung. Am Osterdienstag hatten sich einmal mehr Regierung, Landeshauptleute und Experten zur Beurteilung der Corona-Lage zusammengefunden: Ist der als „Osterruhe“ camouflierte zehntägige Ost-Lockdown bald Geschichte oder muss er in die Verlängerung?

An der Spitze der Öffnungs-Anhänger Niederösterreichs Johanna Mikl-Leitner und Burgenlands Hans Peter Doskozil.

Auch Wiens Bürgermeister Michael Ludwig hatte noch bis zu Beginn der Karwoche für die Öffnung der Schanigärten Stimmung gemacht. Dramatische Appelle von Medizinern und Pflegern aus den Intensivstationen hatten aus dem Öffnungs-Apostel über Nacht einen Zusperr-Flagellanten gemacht.

Ludwig hatte zur Überraschung aller kurz vor Ostern im Alleingang eine „Osterruhe“ für Wien ausgerufen und damit seine benachbarten Landeschefs unter Zugzwang gebracht.

Angesichts anhaltender SOS-Signale der Mediziner plädierte Michael Ludwig in vertraulicher Sitzung neuerlich offensiv für die Verlängerung des Lockdowns über die Woche nach Ostern hinaus. Johanna Mikl-Leitner und Hans Peter Doskozil wollten sich nicht neuerlich Ludwigs Willen unterwerfen und suchten spontan nach einem Schlupfloch aus der unpopulären Perspektive: Wenn Wien derart viele Intensivpatienten habe, so die rot-schwarzen Nachbar-Länderchefs, dann bieten sie an, neue Corona-Intensivfälle verstärkt in niederösterreichischen und burgenländischen Spitälern aufzunehmen.

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Die am Kanzleramts-Tisch sitzenden Experten schauten sich mit einer Mischung aus ungläubigem Erstaunen und erheiterter Fassungslosigkeit an. Im wirklichen Leben läuft es nämlich seit Jahrzehnten genau umgekehrt: Rund ein Fünftel der Patienten in Wiener Spitälern kommen aus Niederösterreich und dem Burgenland.

Das AKH beherbergt als größtes und am besten ausgestattetes Krankenhaus rund 40 Prozent Gastpatienten. Wiens Stadtchef parierte das – vor diesem Hintergrund reichlich skurrile – Angebot Niederösterreichs und des Burgenlands, mehr Wiener Patienten aufzunehmen, freundlich, aber bestimmt: „Es würde Wien schon helfen, wenn die Rettungsdienste in den benachbarten Bundesländern zuerst ihre eigenen Spitäler anfahren würden.“

Die Anekdote wirft ein mehrfaches Licht auf die neue Rolle des mächtigsten Mannes in der SPÖ: Der 60-jährige rote Rathausmann hat sich österreichweit als neue Führungsfigur in der Coronakrise etabliert. Vermittelnd nach innen und nach außen, schaffte es Ludwig, ohne öffentliche Polemik im Alleingang einen Oster-Lockdown in Ost-Österreich durchzusetzen.

Seit Ostern hat sich die Öffnungsdebatte mehrfach gedreht. Sebastian Kurz setzt nach dem Abgang von Rudolf Anschober alle Regierungs-Segel auf Öffnungs-Kurs ab 19. Mai.

Der Wiener Bürgermeister bezieht einmal mehr eine eigenständige Position und mahnt weiter zur Vorsicht.

Öffnungen: Ja, aber nicht auf einmal, sondern so wie nach dem ersten harten Lockdown vor dem vergangenen Sommer in Etappen.

Ein politisches höchst sensibles Unterfangen – zumal Kurz & Co., motiviert durch entsprechende Meinungsumfragen, auf allen Medienkanälen rund um die Uhr nur eine Botschaft ausgeben: Alles Comeback-Walzer!

Eine Stimmung, die nicht nur seit Wochen von der Wirtschaft, sondern jetzt auch von den Gewerkschaften offen befeuert wird. Der Bürgermeister legt selbstredend nicht nur auf beste Beziehungen zu den Arbeitnehmervertretern, sondern auch zu seinem Du-Freund und Wiener Wirtschaftskammerchef, Walter Ruck, großen Wert.

Bisher ist es ihm dennoch gelungen, nicht zwischen die Corona-Fronten zu geraten.


Murren im Rathaus: Lässt sich Ludwig von

Kurz zum „roten Sündenbock“ machen?


Bis zum 11. Oktober überließ Ludwig die Corona-Bühne vorwiegend seinem Gesundheitsstadtrat Peter Hacker, der sich oft und lustvoll an der Bundesregierung rieb.

Seit der erfolgreich geschlagenen Bürgermeister-Wahl mischt Ludwig immer öfter selber mit. Ludwig positioniert Wien freilich nicht als Konterpart, sondern als Partner bei der Corona-Bekämpfung. Eine Zeit lang marschierte er mit Kurz gar im Gleichschritt.

Den Anfang machte die beiden höchst ungleichen Politiker-Typen mit einer gemeinsamen Offensive für Massentests. Mitte Jänner trat er erstmals gemeinsam mit Kurz zur Verkündigung neuer Corona-Maßnahmen auf. Seit damals war der Floridsdorfer wiederholt Gast bei türkis-grünen Regierungs-Auftritten im Kanzleramt. Zuletzt machte es den Eindruck, als habe Ludwig die Führung des Anti-Corona-Krisenmagements übernommen.


Der 60-jährige rote Rathausmann hat sich österreichweit als neue Führungsfigur in der Coronakrise etabliert.

Denn der eigentliche Regierungschef sucht angesichts verfallender Umfragen sein Heil als Robin Hood an der Impf-Front. Die Mühen der Lockdown-Ebene überlässt er seit Wochen allein den Länderchefs, allen voran Michael Ludwig.

Im Wiener Rathaus löst Ludwigs selbstgewählte Rolle als Corona-Krisenmanager bei führenden Genossen schwere Irritationen aus. „Es ist der Bund, der seit Monaten das Corona-Management verbockt hat“, sagt ein führender Rathausmann, „Bei uns sind daher viele fassungslos, dass der Bürgermeister in der größten Not der Regierung einspringt und sich das Thema selber voll auflädt. Kurz soll sich einen Lockdown mit seiner Hanni selber ausmachen.“

Die Sorge von Wiener Spitzenroten: „Wenn das gut geht, hat am Ende Kurz den Erfolg, Wenn es schlecht ausgeht ist Ludwig der Sündenbock.“


Umfrage-Rückenwind und

rot-grün-pinke Planspiele


Umfragen geben bislang Ludwigs Kurs und damit seinem politischen Instinkt Recht. In einer Mitte April veröffentlichten Umfrage legt nicht nur die Wiener SPÖ gegenüber dem Wahlergebnis zu und käme derzeit mit fast 50 Prozent bald auf eine absolute Mehrheit. In einer fiktiven Direktwahl würden zudem bereits zwei Drittel der Wiener Ludwig ihre Stimme geben. Kein Wunder, dass immer mehr Genossen hinter den Kulissen sagen, der nächste rote Kanzlerkandidat könne nur einer sein: Michael Ludwig, wer sonst?

Ihr Befund: Hans Peter Doskozil hat sich mit seinen Alleingängen aus dem Rennen genommen. Pamela Rendi-Wagner legt zwar an Statur, Tempo und zuletzt auch in Umfragen zu. Der Stimmenzuwachs bleibt dennoch überschaubar.

Für die Fans eines Kanzlerkandidaten Ludwig bietet nicht nur seine weiter wachsende Popularität Stoff für politische Planspiele: Rot-Pink in Wien werde gerade geprobt, mit Grün habe die Wiener SPÖ mehr als ein Jahrzehnt schon Erfahrung. Rot-Grün-Pink, angeführt von Michael Ludwig, stehe, wenn die Mehrheit in diese Richtung kippt, nichts im Wege.

Wie das praktisch gehen soll, ohne die letzte große rote Bastion zu riskieren, hätten andere populäre Landeschefs schon vorgemacht: Ludwig könne selbstredend auch als amtierender Wiener Bürgermeister als bundesweiter SPÖ-Spitzenkandidat antreten. Gehe sich ein roter Kanzler nach geschlagener Wahl weiterhin nicht aus, stehe ihm ohne großen Imageverlust der Rückzug auf seinen Sessel als Wiener Bürgermeister weiter offen.


Rendi will in der K-Frage Fakten schaffen,

Ludwig wartet ab


Dass der SPÖ-Chor „Michael, du musst es machen“ immer größer und lauter wird, hat auch Pamela Rendi-Wagner gewittert. Sie will nun die Weichen für ihre Kanzlerkandidatur schneller als notwendig stellen.

Der erst im Spätherbst fällige SPÖ-Parteitag soll, wenn es die Corona-Lage erlaubt, auf Ende Juni vorverlegt werden. Formal steht nur Rendis Wiederwahl als Parteichefin an. Das Lager um Rendi setzt freilich darauf, damit auch die Weichen für die Kanzlerkandidatin zu setzen: Rendi, wer sonst?

Michael Ludwig selbst hält sich auch intern in der roten K-Frage weiter bedeckt. „Ludwig ist gerade 60 geworden und war zeitlebens mit Leib und Seele Kommunalpolitiker“, resümiert ein Kenner des Stadtchefs: „Viele haben ihm bis zuletzt nicht den Wiener Bürgermeister zugetraut.“

Daher gelte auch in der roten Kanzler-Frage „eine eherne Regel der Politik, die lautet: Sag niemals nie“.


Der Autor

Josef Votzi

Josef Votzi

Josef Votzi ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend verfasst er jede Woche "Politik Backstage".

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