Hausbesuche in New York [Politik Backstage von Josef Votzi]

Warum Sebastian Kurz nach Ende der Lockdowns binnen Kurzem gleich zweimal New York ansteuerte. Und wie der 35-Jährige zum Reisekanzler wurde.

Themen: Politik Backstage von Josef Votzi, Sebastian Kurz - Aufstieg und Fall
Hausbesuche in New York [Politik Backstage von Josef Votzi]

WIEDER IN NYC. Am wohlsten fühlt sich der Kanzler bei Auslandsreisen, fernab der Querschläge der Innenpolitik.

Das Foto ist gut zehn Jahre alt und längst in Vergessenheit geraten. Dieser Tage machte es in sozialen Medien lawinenartig wieder die Runde. Es zeigt drei Jungpolitiker als Blickfang einer großen Story im Schwestermagazin "News": "Aufstand der Jungen". Das diverse Trio im Bild: Sigi Maurer, grüne Studenten-Chefin, Wolfgang Moitzi, Vorsitzender der Jusos, und der Chef der Jungen ÖVP, Sebastian Kurz.

Sigi Maurer, die mit Protestaktionen ("Uni brennt") von sich reden machte, hält ein Megaphon in die Kamera. Sebastian Kurz posiert mit einem roten Sparschwein als Symbol für einen schärferen Budgetkurs. Wolfgang Moitzi stiehlt den beiden aber die Show - mit einem Demoplakat, auf dem in Riesenlettern steht: "Zukunftschancen erneuern, Reiche besteuern".

Beim flüchtigen "News"-Leser blieb nur eine Botschaft hängen: Drei Jung-Politiker dreier Coleurs machen gemeinsam für Reichensteuern mobil.

DER URSPRUNG DER MESSAGE-CONTROL. JVP-Chef Kurz in einer "News"-Story mit grünem und SP-Pendant, Sigi Maurer und Wolfgang Moitzi. Der Eindruck, Kurz sei für Reichensteuern, sorgte für einen gewaltigen Rüffel der damaligen VP-Spitze.

Die Story bescherte dem aufstrebenden schwarzen Jungspund einen wütenden Anruf des damaligen ÖVP-Kommunikationschefs Daniel Kapp. Es fallen nicht nur Kraftausdrücke. Kapp gibt namens seines Parteichefs Josef Pröll an Kurz auch die knappe, aber klare Order aus: Jemand, der so dämlich sei wie er, sich vor den Karren anderer spannen zu lassen, solle öffentliche Auftritte in nächster Zeit doch bitte dringend bleiben lassen.

Hintergrund des Furors: Wenige Wochen nach Kurz' total missglückter Selbstinszenierung standen 2010 Wahlen auf dem für die Schwarzen kargen Wiener Pflaster an.

Jahre danach hat Kurz den PR-Gau so weit verdaut, dass er die pikante Story bei internen Events ab und an auch von sich aus zum Besten gibt. Und das in einem ungewohnt selbstironischen Ton und in einer Genauigkeit, die zeigt, dass dieses Eigentor für ihn mehr als eine etwas peinliche Anekdote ist. "JVP-Chef für Reichensteuern" war dem heutigen Kanzler offenbar eine traumatische Fehlleistung.

Für einige Kurz-Kenner ist der schwere Fotounfall eine - wenn nicht die - Geburtsstunde der türkisen Message-Control: Ein schlecht inszeniertes Foto zählt tausendmal mehr als ein richtiger seitenlanger Text. Sebastian Kurz hat seine Lektion seit damals nicht nur gelernt. Er ist heute in Sachen Medien ein totaler Kontrollfreak.

Am sichersten und wohlsten fühlt sich der 35-Jährige bis heute dort, wo Politik vorab planbar, die Kommunikation am besten steuerbar, die Gegenüber höflich und freundlich, Querschläger nicht zu erwarten und imagefördernde Bilder garantiert sind. Am sichersten und wohlsten fühlt sich der "Mister Message-Control" der Regierung daher bei Auslandsreisen.

Er macht dabei auch immer "bella figura". Vor allem auch dank wohlinszenierter und garantiert unfallfreier Bilder: Kurz im Flugzeug, Kurz auf dem roten Teppich. Kurz mit mächtigen Kollegen. Von seinen PR-Leuten werden nur die Schnappschüsse von Gesprächen freigegeben, in denen der Kanzler gerade den aktiven Part gibt. Das soll die gewünschte Botschaft unterstreichen: Zu Hause von manchen angefeindet, auf der internationalen Bühne überall hoch willkommen. Dass das Kanzleramt eigene Fotografen beschäftigt, die bei Terminen oft als einzige dabei sein dürfen, und damit die Bildbotschaft bestimmen, ist keine Neueinführung. Kurz' Vorgänger Werner Faymann hatte das als Erster besonders exzessiv strapaziert, das Kanzleramt dabei freilich nur ungern verlassen. Der türkise Hausherr hingegen lässt den Alltag am Ballhausplatz so oft wie möglich hinter sich.


30 Auslands-Trips in 17 Monaten


Kein Regierungschef der jüngeren Geschichte ist derart viel auf Achse wie der aktuelle Amtsinhaber. Allein in seinen ersten 17 Monaten als türkis-blauer Regierungschef absolvierte Sebastian Kurz - regelmäßige EU-Termine in Brüssel nicht mitgezählt - gut 30 Auslandsreisen: darunter allein zwei große China-Touren binnen zwei Jahren, jeweils mehrere Trips nach Fernost, Afrika und Russland.

Im gleichen Tempo sollte es nach Kurz' Wiederwahl Anfang 2020 weitergehen. Schon der erste geplante Höhepunkt wurde wegen Corona in letzter Minute abgesagt: eine Neuauflage eines Staatsbesuchs bei Donald Trump, ein Dreivierteljahr vor dessen Abwahl 2020.

Die USA standen nach Ende der dritten und auf Sicht wohl letzten Lockdown-Welle wieder ganz oben auf dem Reisekalender. Treffen des Wirtschafts- und Sozialrats (ECOSOC) überlassen Regierungschefs im Regelfall den Profis der UN-Botschaft vor Ort oder einem zuständigen Ministerkollegen.


Ausreichend Termine für die gute Nachrede zu Hause wurden organisiert.

Sebastian Kurz nutzte die Redemöglichkeit bei der Routinetagung Mitte Juli in New York nach Monaten - auch marketingtechnisch - dröger Videokonferenzen für ein wohlinszeniertes Comeback auf der internationalen und heimischen Politbühne. Highlight des US-Trips: die Teilnahme an einer geheimnisumwitterten Konferenz der mächtigsten Regenten der Tech-Welt und des Silicon Valley in einem exklusiven Reichen-Resort in Montana auf Einladung von Ex-Google-Chef Eric Schmidt.


Klassentreffen der Weltdiplomatie schon Routine


Diese Woche stand einmal mehr New York auf dem Programm. Für Sebastian Kurz ist die jährliche Teilnahme an den Eröffnungstagen der UNO-Generalversammlung zu Herbstbeginn schon Routine. Heuer reiste er zum sechsten Mal an. 2014 absolvierte er beim alljährlichen Stelldichein der Weltdiplomatie eine doppelte Premiere: Der damals 28-Jährige war der jüngste Außenminister, der je vor dem UN-Plenum gesprochen hatte. 2017 lieferten sich Noch-Kanzler Christian Kern und ÖVP-Kanzlerkandidat Sebastian Kurz im Finale des Wahlkampfs hier einen grenzwertigen Paarlauf.

2021 reiste Kurz zum zweiten Mal als Regierungschef an. 2019 musste er den Part Brigitte Bierlein überlassen, 2020 fiel wegen Corona aus. Treffen mit Kollegen aus aller Welt müssen wegen der noch grassierenden Pandemie meist noch ohne medialen Begleittross absolviert werden. Der Kanzler, aber auch der mitreisende Bundespräsident und Außenminister haben ausreichend andere Termine arrangiert, die vor Ort, aber auch zu Hause für gute Nachrede sorgen sollen.


Fünf österreichische TV-Teams in New York


Einen besonders prestigeträchtigen Hausbesuch, den Heinz Fischer mehr als ein Jahrzehnt als Bundespräsident exklusiv pflegte, hat nicht der neue Hausherr in der Hofburg, sondern das Team Kurz übernommen. Beim US-Außenpolitik-Guru Henry Kissinger geben sich dieser Tage am Rande der UNO-Generalversammlung nach wie vor Spitzenpolitiker aus aller Welt die Klinke in die Hand.

Als jüngster Außenminister brachte es Kurz 2014 nur zu einem Foto am Rande eines Empfangs. 2017 empfing der damals 94-Jährige den 31-Jährigen dann schon medienwirksam zu einem Vieraugentermin. Auch diesen Mittwoch stand ein Meeting mit Kissinger mit einer Stunde in Kurz' New-York-Kalender. Was bei der optischen Inszenierung zählt, weiß Sebastian Kurz heute bis ins kleinste Detail. Allein fünf TV-Kamerateams begleiten ihn Ende September während seiner New-York-Woche: ORF, heute.at, Puls24, Oe24 und Servus TV. Im Büro der österreichischen UNO-Vertretung absolviert Kurz gleich nach Ankunft vor imposanter New-York-Kulisse erste Interviews.

Vor dem Start gibt er selber nachdrücklich dringende Wünsche für optisch unfallfreies Gelingen kund: "Bitte weniger Scheinwerferlicht, sonst habe ich im Bild dann die Augen zu."


Diskretes Treffen mit der Hochfinanz


Ins Gefolge von Kurz hat sich einen halben Tag nach dessen Ankunft auch die langjährige Boston-Consulting-Chefin Antonella Mei-Pochtler gemischt, heute "Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers" und "Leiterin des Strategiestabs ThinkAustria". Sie begleitet den österreichischen Regierungschef zu hochkarätigen Wirtschafts-Terminen zu New Yorker Spitzenadressen, an denen man mit massenmedialer Publicity null am Hut hat, sondern Wert auf höchste Diskretion legt.

Ein besonders hochkarätiger Termin im gut durchgetakteten US-Kalender des Kanzlers fand sich so nicht mehr im endgültigen Medienprogramm: ein Roundtable zum Thema Nummer eins der Finanzwelt, "SDG Financing", bei Blackrock.

Ein Termin, der auch dem New-York-Routinier Kurz schon im Vorfeld Respekt abrang: Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock managt mehr als das doppelte GDP von Deutschland - fast 9,5 Billionen Dollar.


Bad Justiz-News à la Message-Control


Mitten in diese Inszenierung schien dann eine Nachricht zu platzen, die nicht in das Drehbuch der heilen weiten Kanzler-Welt passt.

Während sich Kurz gerade für einen Covid-Video-Gipfel einer Runde von Regierungs- und Staatschefs mit US-Präsident Joe Biden die Krawatte richtet, poppt auch auf den Handys in New York eine Push-Meldung auf: "Kanzler Kurz wurde bereits Anfang September vom Gericht einvernommen".

Um den Stand des Verfahrens wegen Falsch-Aussage vor dem Ibiza-U-Ausschuss hatte die ÖVP in den letzten Wochen ein Staatsgeheimnis gemacht. Dass die Nachricht jetzt publik wurde, war freilich alles andere als ein Zufall. Kurz & Co haben im ruppigen Umgang mit der Justiz offenbar gelernt und setzen auch hier, soweit als möglich, auf das Prinzip Message Control.

Politische Kampagnen wie die der ÖVP gegen Teile der Justiz und Ermittlungen im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit sorgen bei Richtern und Staatsanwälten für besonders böses Blut - zumal dann, wenn der Verursacher selbst zum Fall für die Justiz wird.

Sebastian Kurz stieg daher zuletzt in eigener Justiz-Sache massiv vom Gas. Dass er längst einvernommen worden war, machte zwar als Gerücht schon länger die Runde. Das Kanzleramt wimmelte aber bis zuletzt alle Medienanfragen dazu ab.

Das Faktum der Einvernahme des Kanzlers durch einen Richter im Beisein der WKSTA hat selbstredend zu jenen einschlägigen Ibiza-Akten genommen zu werden, in die ein inzwischen kleines Heer an beteiligten Anwälten Einsicht hat.

Via diese Rechtsvertreter schlagen - dann oft blitzartig - je nach Interessenlage Fakten und Ermittlungsschritte medial auf. Dass aufgrund des Aktenlaufs die hochnotpeinliche Falsch-Aussage-Causa Kurz ausgerechnet in der Hideaway-Woche in den USA "Breaking News" machen sollte, war nicht steuerbar.

Mit dem Richter war aber vom Kurz-Anwalt im Vorfeld vereinbart worden, dass das Kanzleramt die Einvernahme selber publik macht, sobald sie aufgrund des Fristenlaufs im Akt vermerkt werden muss.

Denn in der Kommunikation zählt bei höchst sensiblen Nachrichten wie diesen der "spin", also wer einem Ereignis als erster seinen Interpretations-Stempel aufdrückt.

Während in Wien die pure Nachricht die Runde machte, konnte Kurz so bereits für "Krone" und "Oe24" seine gewünschte Message in eigener Sache absetzen: "Es war sehr einfach bei der Einvernahme darzulegen, dass die Vorwürfe falsch sind."


Der Autor

Josef Votzi

Josef Votzi

Josef Votzi ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend verfasst er jede Woche "Politik Backstage".

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