Die teuerste Entscheidung ist die, die du nicht triffst.

In Kooperation mit Monika Edlinger, MBA
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Was Wegschauen wirklich kostet — und warum die Rechnung immer später kommt als gedacht. Jedes Team kennt eine Anna und einen Thomas. Sie liefern nicht. Alle wissen es. Niemand handelt. Und irgendwann löst sich das Problem scheinbar von selbst. Monika Edlinger über die Kosten der Nicht-Entscheidung und warum die eigentliche Rechnung erst danach beginnt.

Die Geschichte

Ein Bereichsleiter. Zwanzig Mitarbeitende. Ein Team, das grundsätzlich funktioniert — bis auf zwei.

Anna kommt zu spät. Nicht einmal, nicht zweimal. Immer. Seit Monaten. Meetings beginnen ohne sie — oder warten auf sie. Ihre Unterlagen sind halbfertig, wenn sie überhaupt kommen. Fünf Minuten vor dem Termin, mit Fehlern und halbgaren Gedanken. In Besprechungen sitzt sie da, nickt, sagt wenig. Wenn sie etwas sagt, bleibt es an der Oberfläche. Keine eigene Meinung. Keine Initiative. Nur das Nötigste — und auch das nur knapp. Im Homeoffice ist sie schwer erreichbar. Antwortet spät, manchmal gar nicht. Und die Krankenstände häufen sich — kurz, regelmäßig, immer freitags oder montags.

Thomas ist anders. Er ist da, er redet, er hat Meinungen. Aber Projekte, die bei ihm landen, verzögern sich. Immer. Nicht um Tage — um Wochen, manchmal Monate. Deadlines werden verschoben, Ergebnisse kommen halb fertig, Nachfragen bleiben offen. Das Team weiß es seit über einem Jahr: Was Thomas übernimmt, muss jemand anderes zu Ende bringen. Stillschweigend. Ohne dass es jemand ausspricht.

Das Team ist genervt. Nicht laut — aber spürbar. Die Blicke, wenn Anna wieder zu spät kommt. Das kurze Zögern, wenn Thomas in der Runde etwas zusagt. Die kleinen Seufzer. Die kurzen Nachrichten auf dem Handy unter dem Tisch. Die Witze im Flur, die keiner mehr lustig findet.

Und dann — das Subtilere. Die Guten beginnen, sich zurückzuziehen. Nicht dramatisch, nicht über Nacht. Aber merklich. Jene, die immer mitgedacht haben, melden sich seltener zu Wort. Jene, die freiwillig Verantwortung übernommen haben, warten jetzt, bis sie gefragt werden. Die Energie im Raum verändert sich. Etwas Wichtiges geht verloren — leise, ohne dass jemand es benennt.

Der Bereichsleiter sieht es. Natürlich sieht er es. Er spricht mit Anna. Er spricht mit Thomas. Klare Worte, klare Erwartungen. Man überlegt gemeinsam: Weiterbildung? Andere Aufgaben, die besser passen? Stundenreduktion? Oder die härteste Option — Kündigung?

Dann geht er zurück ins Büro. Ein dringendes Kundenprojekt wartet. Eine Eskalation. Ein Quartalsbericht. Anna und Thomas rücken in den Hintergrund. Man braucht die Leute noch. Man will keinen Konflikt. Man hofft, dass es sich irgendwie regelt.

Die Monate vergehen. Nichts ändert sich. Anna kommt weiter zu spät. Thomas liefert weiter zu wenig. Das Team trägt weiter mit — aber die Bereitschaft, über das Minimum hinauszugehen, schwindet. Schritt für Schritt. Kaum merklich. Bis man es eines Tages doch merkt.

Und dann regelt es sich doch.

Nach fast zwei Jahren kündigt Anna. Wenige Wochen danach Thomas. Der Bereichsleiter atmet auf. Das Team atmet auf.

Aber war das eine Lösung?

Was wirklich passiert ist

Auf den ersten Blick: Problem gelöst. Auf den zweiten Blick: Das Problem hat sich nicht gelöst. Es hat sich nur verlagert — in die Köpfe, in die Kultur, in die Zahlen.

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Zwei Stellen müssen nachbesetzt werden. Stelleninserate, Bewerbungsgespräche, Onboarding. Bis neue Mitarbeitende wirklich produktiv sind, vergehen Monate. In dieser Zeit übernehmen die bestehenden Teammitglieder — still, ungekündigt, aber nicht unberührt. Die Einschulung kostet Zeit. Zeit, die fehlt. Energie, die fehlt. Ergebnisse die fehlen.

Laut Gallup kostet die Nachbesetzung einer einzigen Stelle das Ein- bis Zweifache des Jahresgehalts der ausscheidenden Person — wenn man alle Faktoren einrechnet: Recruiting, Onboarding, Produktivitätsverlust, Wissensverlust, neue Teamdynamik. Das ist die sichtbare Rechnung.

Aber es gibt eine unsichtbare. Und sie ist höher.

Die eigentliche Gefahr sitzt nicht bei Anna und Thomas. Sie sitzt bei den anderen — bei jenen, die liefern, die mitziehen, die Verantwortung übernehmen. Denn die beobachten. Und sie ziehen ihre Schlüsse.

„Es ist nicht der Mitarbeitende, der kündigt, der das größte Risiko darstellt. Es ist der, der bleibt — und innerlich schon längst gegangen ist.“ — aus der Praxis der Organisationsentwicklung

Was ist in den Monaten oder Jahren passiert, in denen der Bereichsleiter weggeschaut hat? Das Team hat beobachtet. Und gesprochen. Manchmal leise, manchmal laut — auch dem Chef direkt gegenüber. Die Signale waren da. Übersehen wurden sie nicht. Ignoriert wurden sie. Und die Botschaft, die dabei ankam, war klar: Nicht-Leistung hat keine Konsequenz. Der Chef weiß es — und tut nichts. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine kulturelle Botschaft. Und sie bleibt.

Die Leistungsträger im Team — jene, die liefern, die mitziehen, die Verantwortung übernehmen — haben diese Botschaft empfangen. Manche haben innerlich begonnen, einen Gang zurückzuschalten. Warum soll ich Vollgas geben, wenn es egal zu sein scheint? Manche haben angefangen, sich umzusehen. Nicht laut. Aber ernsthaft.

Und das Standing des Bereichsleiters? Beschädigt. Nicht dramatisch, nicht über Nacht. Aber nachhaltig. Das Team hat gesehen, dass er ein Problem erkannt, besprochen — und dann weggeschaut hat. Das vergisst niemand.

Was die Wissenschaft dazu sagt

Die Kosten der Nicht-Entscheidung

Der Ökonom und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat beschrieben, wie Menschen systematisch die Kosten von Untätigkeit unterschätzen. Wir neigen dazu, den Status quo zu bevorzugen — nicht weil er besser ist, sondern weil Veränderung Risiko bedeutet und Risiko Angst auslöst. Die Kosten des Handelns sind sichtbar und unmittelbar. Die Kosten des Nicht-Handelns sind unsichtbar und verteilt. Und was wir nicht sehen, managen wir nicht.

„Menschen überschätzen die Kosten einer Entscheidung — und unterschätzen systematisch die Kosten, keine zu treffen.“ — Daniel Kahneman, Thinking, Fast and Slow

Genau das passiert in Teams, wenn Führungskräfte bei Leistungsproblemen wegschauen. Die Kündigung — mit all ihren sichtbaren Kosten — wird als Risiko wahrgenommen. Das Wegschauen fühlt sich sicherer an. Dabei ist es das Gegenteil.

Psychologische Sicherheit — und ihr stilles Verschwinden

Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School, hat in ihrer Forschung zu psychologischer Sicherheit gezeigt: Hochleistungsteams entstehen dort, wo Menschen das Gefühl haben, dass Leistung zählt — und dass Nicht-Leistung nicht folgenlos bleibt. Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Sie bedeutet, dass klare Erwartungen klar kommuniziert und konsequent eingehalten werden.

Wenn eine Führungskraft bei offensichtlichen Leistungsproblemen wegschaut, sendet sie ein präzises Signal an die Leistungsträger im Team: Eure Anstrengung macht keinen Unterschied. Das ist das Ende psychologischer Sicherheit — nicht durch Druck, sondern durch Gleichgültigkeit.

Das Free-Rider-Problem

Die Wirtschaftsforschung kennt das Phänomen seit Jahrzehnten: In Gruppen neigen einzelne dazu, weniger beizutragen, wenn sie darauf vertrauen können, dass andere die Arbeit erledigen. Wenn Wegschauen zur Norm wird, wird Free-Riding zur Strategie. Nicht durch bewusste Entscheidung — sondern durch die stille Logik des Systems.

„In jeder Organisation gibt es Menschen, die den Rahmen testen. Die Frage ist nicht, ob sie es tun. Die Frage ist, wie die Organisation darauf antwortet.“ — aus der systemischen Organisationsberatung

Die stille Kündigung der Besten

Gallup misst seit Jahren den Grad des Mitarbeiterengagements weltweit. Das erschüttternde Ergebnis: Ein großer Teil der Belegschaft ist nicht aktiv unzufrieden — sondern still desengagiert. Sie sind noch da. Sie erledigen ihre Aufgaben. Aber sie investieren keine Energie mehr, die über das Minimum hinausgeht.

Diese stille Kündigung entsteht selten durch ein einzelnes dramatisches Ereignis. Sie entsteht durch die Akkumulation kleiner Signale. Und eines der stärksten Signale ist dieses: Wenn Führungskräfte bei offensichtlichen Problemen wegschauen, ziehen die Besten ihre Schlüsse. Nicht laut. Aber endgültig.

Was jetzt zu tun ist

HEBEL 1 · Erkenne die Nicht-Entscheidung als Entscheidung

Wegschauen ist keine neutrale Haltung. Es ist eine aktive Entscheidung — mit Konsequenzen. Der erste Schritt ist, sie als solche zu benennen. Nicht im Team, nicht gegenüber anderen. Sondern dir selbst gegenüber. Welche Situation in deinem Team weißt du seit Wochen — und hast noch nicht gehandelt? Was hält dich davon ab? Und was kostet dieses Warten täglich — auch wenn du es nicht siehst?

↗ Welche Nicht-Entscheidung trägst du gerade mit dir — und was wäre der kleinste mögliche nächste Schritt, um sie in eine Entscheidung zu verwandeln?

HEBEL 2 · Führe das Gespräch — bevor es das Team für dich führt

Leistungsprobleme verschwinden nicht durch Schweigen. Sie vergrößern sich. Das direkte, klare, wertschätzende Gespräch mit Anna und Thomas ist unangenehm — aber es ist das Einzige, das wirklich hilft. Nicht als Anklage, sondern als Klarheit. Was erwartest du? Was beobachtest du? Was braucht es, damit sich etwas verändert? Und bis wann? Klare Erwartungen, klare Zeitrahmen, klare Konsequenzen. Das schützt nicht nur das Team — es schützt auch Anna und Thomas. Denn die verdienen Ehrlichkeit mehr als Gleichgültigkeit.

↗ Mit wem in deinem Team führst du das Gespräch schon zu lange nicht — und was hält dich davon ab, es diese Woche zu führen?

HEBEL 3 · Schütze deine Leistungsträger — aktiv

Die Besten im Team brauchen keine Motivation durch Applaus. Sie brauchen ein Umfeld, in dem Leistung zählt. Das bedeutet: Leistungsunterschiede sichtbar machen, Beiträge anerkennen und — entscheidend — Nicht-Leistung nicht dauerhaft tolerieren. Wer seine Leistungsträger schützen will, muss handeln, bevor sie still kündigen. Denn wenn sie gehen, gehen sie leise. Und meist, wenn es zu spät ist.

↗ Wann hast du zuletzt einem Leistungsträger in deinem Team explizit gesagt, dass du siehst, was er leistet — und dass es einen Unterschied macht?

HEBEL 4 · Rechne die unsichtbaren Kosten durch

Bis zu 200 Prozent des Jahresgehalts für eine Nachbesetzung — das ist die sichtbare Rechnung. Aber rechne auch die unsichtbare: Wie viele Stunden hat dein Team in den letzten Monaten damit verbracht, die Lücken von Anna und Thomas zu kompensieren? Wie hoch ist der Motivationsverlust — in Prozent der Leistung deiner besten Leute? Was kostet dein beschädigtes Standing als Führungskraft — in Vertrauen, in Einfluss, in Kultur? Diese Zahlen stehen in keiner Bilanz. Aber sie sind real. Und sie wachsen, je länger du wartest.

↗ Wenn du die unsichtbaren Kosten deiner aktuellen Nicht-Entscheidungen in Euro ausdrücken müesstest — wie hoch wäre die Zahl?

Fazit

Anna und Thomas haben gekündigt. Das Problem ist weg — auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick hat der Bereichsleiter die teuerste Lektion seiner Führungskarriere bekommen. Nicht durch die Kündigung. Durch das, was davor passiert ist.

Die teuerste Entscheidung in der Führung ist nicht die Kündigung. Es ist das monatelange Warten davor. Die Meetings, nach denen nichts passiert. Die Gespräche, die im Tagesgeschäft verschwinden. Das stille Signal an das Team: Hier zählt Leistung — aber nur bedingt.

Jedes Team kennt eine Anna und einen Thomas. Die Frage ist nicht, ob sie existieren. Die Frage ist, wie lange du wartest — und was das Warten wirklich kostet.

Nicht die Kündigung der Schlechten ist das eigentliche Risiko. Es ist die stille Kündigung der Besten.

Stop advising. Start experiencing.

Inspiriert von

  • Daniel Kahneman — Thinking, Fast and Slow (2011)

  • Amy Edmondson — The Fearless Organization: Psychological Safety (2018)

  • Gallup — State of the Global Workplace Report (2024)

  • Aus der Praxis der systemischen Organisationsberatung

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