
Auf Prognosemarktplattformen kann man viel Geld verdienen oder versenken, indem man auf Krieg oder Frieden, Boom oder Crash, Wahlgewinner oder -verlierer setzt. Die Terminspekulationen für jedermann sind jedoch nicht ohne Tücken.
Kurz vor den ersten US-Luftanschlägen auf den Iran geschieht auf der Prognosemarkt-Plattform Polymarket etwas Auffälliges. Mehrere neu angelegte Accounts setzen hohe Summen darauf, dass die USA den Iran innerhalb weniger Tage angreifen werden. Stunden später gibt es die ersten Luftschläge. Den höchsten Gewinn daraus erzielt der Trader mit dem bezeichnenden Pseudonym „Magamyman“. Er macht aus einem Einsatz von 40.000 US-Dollar 500.000 US-Dollar. Auch wenn andere Trader darauf setzten – der Verdacht von Insiderhandel stand im Raum.
Prognosemärkte sind der neueste Trend in der jungen Zockerszene. Sie funktionieren wie binäre Finanzderivate: Trader kaufen oder verkaufen Anteile an einem möglichen Ereignis. Es gibt nur binäre, also Ja- oder Nein-Kontrakte. Der Preis der Kontrakte variiert von null bis ein US-Dollar. Je wahrscheinlicher der Markt den Ausgang einschätzt, desto näher rückt der Preis an den Wert von einem US-Dollar heran. Der Preis des Kontrakts spiegelt also eine aggregierte Erwartung wider, ähnlich wie bei klassischen Finanzmärkten. Jedoch nicht auf das Steigen oder Fallen des Preises von Kakao oder Schweinebäuchen, sondern auf Polit-Ereignisse. Gibt es einen Waffenstillstand zwischen den USA und Iran bis Ende März? Endet der Krieg gegen die Ukraine 2026?


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Die Welt als Spielfeld
Bei Prognosemärkten ist die ganze Welt ein Spielfeld, Gewinnt in Ungarn Viktor Orbán erneut? Oder wird er von Péter Magyar geschlagen? Die Crowd setzt auf den Führer der Tisza-Partei. Gewinnt JD Vance die US-Präsidentschaftswahlen 2028 oder der wahrscheinlichste demokratische Kandidat Gavin Newsom? Für die Trader ist das Rennen noch offen.
Mit Beginn des Kriegs gegen Iran wurde aus dem Nischensegment eine beginnender Boommarkt. Am 12. Januar 2026 überstieg das tägliche Handelsvolumen erstmals 700 Millionen US-Dollar. Nun wird pro Tag bereits mit mehr als einer Milliarde US-Dollar auf den Eintritt von Polit-Ereignissen gesetzt. Besonders die drei Plattformen Kalshi, Polymarket und Opinion treiben das Wachstum voran. Was früher ein Randphänomen war, ist nun in den USA auch in den Medien anzutreffen, immer häufiger bei CNN, Dow Jones oder im „Wall Street Journal“. Sie alle haben begonnen, Daten von Prognosemarktplattformen in ihre Berichte und Prognosen zu integrieren.
Warum nicht die kollektive Intelligenz der Wettenden nutzen? Schließlich spiegeln Aktienkurse ja zu einem guten Teil auch die Erwartungen der Markteilnehmer über die künftige Entwicklung wider. Und die ist auch auf den Prognosemarktpattformen abzulesen. 63 Prozent der User von Polymarket sind der Ansicht, dass Nvidia Ende des Jahres noch immer das wertvollste Unternehmen an den Börsen sein wird.


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Wachstum
Die Betreiber der Plattformen glauben fest daran, dass es sich nicht um einen vorübergehenden Modetrend handelt. Tarek Mansour, CEO der zweitgrößten Plattform, Kalshi, hat auf CNN seine Zukunftsvision dargelegt: Er will die ganze Welt in ein Finanzinstrument verwandeln. Jeder Dissens, jede Meinungsverschiedenheit soll zu einem handelbaren Asset werden. Dazu könnte der große Vorteil, den Prognosemarktanbieter gegenüber klassischen Social-Media-Kanälen haben, beitragen: Sie ermöglichen den Tradern die Monetarisierung ihrer Likes und Dislikes.
Auch große Finanzmarktakteure sind bereits dabei, auf den noch jungen Trend aufzuspringen. Sowohl die Techbörse Nasdaq als auch der Börsenbetreiber CME planen, mit sogenannten Outcome-Related-Options in das Geschäftsfeld der Prognosemarkt-Plattformen einzusteigen. Zu erwarten ist jedoch verstärkte Regulatorik, um die Gefahr von Insidertrading in den Griffzu bekommen.
Die Aktienkurse von Polymarket und Kalshi haben sich im letzten Jahr jedenfalls eindrucksvoll entwickelt. Kalshi stieg um 600 Prozent, Polymarket um 400 Prozent. Ein Einstieg bei den Aktien ist zwar möglich, birgt aber ein Risiko. Beide Unternehmen sind nur an Private-Market-Plattformen wie EquityZen oder Hiive zu kaufen. Hier können bestehende Anteilseigner, etwa Frühphaseninvestoren oder Business Angels, ihre Anteile handeln.
Das bedeutet aber auch: Wächst die Substanz, etwa weil neue Investoren in einer Finanzierungsrunde neues Eigenkapital bereitstellen, sinkt der prozentuelle Anteil, den man an Kalshi oder Polymarket hält, entsprechend. Außer man beteiligt sich am Geldzuschuss. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ sollen jedenfalls beide Unternehmen kurz davor stehen, ihre Bewertung in der nächsten Finanzierungsrunde auf je 20 Milliarden US-Dollar zu verdoppeln. Vielleicht sollte man daher zunächst auf den Zeitpunkt des IPOs von Kalshi oder Polymarket setzen.


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Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 20. März 2026 erschienen.
