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Ökonomische Orakel

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Der Homo oeconomicus sucht seit jeher nach Mustern im Marktgeschehen. Diese Ordnungsliebe fördert mitunter kuriose Indikatoren zu Tage. 

Bereits im antiken Babylon erkannte man, dass Rohstoffpreise Schwankungen unterliegen. Die Kosten für Kupfer, Getreide oder Olivenöl waren hoch volatil, und so versuchte man, aus diesen Beobachtungen erste Wirtschaftsprognosen abzuleiten. 

Vielleicht ist es also ein menschlicher Urtrieb, aus Daten Vorhersagen zu formen, aus der Unsicherheit heraus Ordnung zu schaffen, aus Zahlen ein Stück Zukunft zu lesen. Zudem hat der Mensch  auch noch den Drang, nach allem zu greifen, was interessante Daten liefern könnte. Und das führt mitunter zu skurrilen Ergebnissen. Wie beim sogenannten „Fluch des neuen Headquarters“: Er besagt, dass es mit den Bilanzen überdurchschnittlich oft  bergab geht, wenn ein Unternehmen einen neuen Firmensitz bezieht. Statistisch nachweisbar ist das allerdings nicht.

Auch Zeitschriftencover sind nicht davor gefeit, in den Fokus ökonomischer Deutungen zu geraten. Ziert etwa ein Model aus den USA die jährliche Badeanzug-Ausgabe der „Sports Illustrated“, entwickelt sich der US-Aktienmarkt positiv – Thesen, die zwischen  Statistik, Aberglaube und amüsanter Beobachtung schwanken.

Und dennoch schaut so mancher gestandene Experte nicht nur auf makroökonomische Modelle, sondern immer wieder mal auch auf Baumarktumsätze oder Unterhosenverkäufe, bevor er über Rezession oder Konjunktur redet. Zwischen seriösen Signalen und skurrilen Zufällen eröffnet sich so ein Panorama menschlicher Deutungslust. Einige dieser alternativen Wirtschaftsindikatoren seien an dieser Stelle vorgestellt. 

Lippenstift-Index

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Lippenstift-Index

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Worum geht’s? 
In Krisenzeiten steigt der Verkauf von Lippenstift, weil kleine Luxusgüter den großen Verzicht psychologisch abfedern.  

Was steckt dahinter? 
Der Kosmetikmogul Leonard Lauder formulierte die These nach den Terroranschlägen auf die Twin Towers am 11. September 2001 und sah sich dann während der Weltfinanzkrise ab 2008 erneut bestätigt.

Was ist Dran? 
Die These baut auf Geschäftszahlen eines einzigen Konzerns (Estée Lauder) auf. Das sorgt für Kritik. Zudem ist sie auch veraltet. Laut PwC-Studie gönnt sich die Gen Z in Krisenzeiten heute lieber hochpreisige Matcha-Drinks und Sneakers. 

Unterhosen-Index

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Unterhosen-Index

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Worum geht’s? 
Männer verzichten in schwierigen Zeiten angeblich auf den Kauf neuer Unterwäsche, um Geld zu sparen.

Was steckt dahinter? 
Der US-Finanzguru Alan Greenspan machte die These bekannt. Ergo sollte eigentlich auch was dran sein.

Was ist Dran? 
Als Prognose-Tool versagte der Index vor der großen Finanz- und Banken- und Immokrise 2007/08 dann aber auf ganzer Feinripplinie. Dass Alan Greenspan in seiner Zeit als US-Notenbankchef mit zu niedrigen Leitzinsen zur Entstehung einer Spekulationsblase am Immobilienmarkt beitrug und die Krise mit auslöste, gibt zusätzlichen Stoff für eine Pointe. 

Krawatten-Index

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Krawatten-Index

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Worum geht’s? 
Werden die Krawatten schmaler, brummt der Wirtschaftsmotor. Werden sie breiter, steht eine Krise vor der Tür. 

Was steckt dahinter? 
Schmale Krawatten stehen für Jugendlichkeit und Dynamik. Dinge, die es braucht, wenn es aufwärts geht. Will man seriös durch Krisenzeiten steuern, zeigt man
Kompetenz mit breiten Krawatten – behaupten zumindest diesbezügliche Beobachtungen aus dem Krawattenland England. 

Was ist Dran? 
Ein amüsanter, aber wenig belastbarer Indikator. Nicht zuletzt, weil sich die Dresscodes in allen Branchen aufweichen. Und ein Schlips im Zoom-Meeting sorgt heute wohl eher für Verwunderung.

Big Mac-Index

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Big Mac-Index

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Worum geht’s? 
Der Index vergleicht weltweit die Preise des McDonald’s-Burgers. Er ermöglicht so Rückschlüsse auf die Kaufkraft eines Landes.  

Was steckt dahinter? 
„The Economist“ hat den Index vor rund 40 Jahren erfunden und veröffentlich ihn seitdem zweimal im Jahr. Ist der Big Mac in einem Land teuer, ist die Kaufkraft hoch. Analog dürfte ein Land, in dem ein Big Mac im internationalen Vergleich günstiger ist, eine
niedrigere Kaufkraft haben.

Was ist Dran?  
Ein Index wie Fast Food – einfach und schnell. Auch wenn Ökonomen freilich anmerken, dass der Preis eines Big Macs allein nicht ausreicht, um die Kaufpreisparität zu vergleichen. Ein Warenkorb ist da seriöser.

Popcorn-Index

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Popcorn-Index

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Worum geht’s? 
In Krisenzeiten gehen die Menschen weiterhin ins Kino. Sie sparen allerdings am Drumherum wie Popcorn, Soft-Drinks & Co. Irgendwie einleuchtend.   

Was steckt dahinter? 
Der Betreiber der britschen Kinokette Odeon, Rupert Gavin, formulierte diese These erstmals, als er 2009 den FTSE-Index mit den Popcorn-Verkäufen in seinen Kinos verglich.

Was ist Dran? 
Der Indikator steht auf wackeligen Beinen. Denn ebenso wurde bereits beobachtet, dass in Krisenzeiten der Popcornabsatz im Kino gestiegen ist, parallel zu den Besucherzahlen. Mehr Leute, mehr Popcorn. Irgendwie auch einleuchtend. 

Gold-Wiesnbier-Ratio

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Gold-Wiesnbier-Ratio

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Worum geht’s? 
Der Vergleich Gold mit Bier zeigt, wie viele Maß Gerstensaft man am Münchner Oktoberfest für eine Unze Gold bekommt.   

Was steckt dahinter? 
Es wird verdeutlicht, wie sich reale Kaufkraft über die Jahre verändert. Steigt der Wert von Gold oder wird Bier teurer, verändert sich logischerweise das Verhältnis.

Was ist Dran? 
Unterm Strich ein einfaches Maß für Wertstabilität und ein spielerischer Indikator für Kaufkraft und Inflation gleich dazu. Das ist zwar nicht unbedingt wissenschaftlich, dafür aber anschaulich. Heuer gab es für eine Unze Gold 190 Maß Bier, ein Plus von 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Rocklängen-Index

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Rocklängen-Index

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Worum geht’s? 
Ist der Rock lang, stecken wir in einer Rezession, ist er kurz, haben wir Konjunktur. Herbsttrend 2025 ist übrigens der Bleistiftrock. Der ist typischerweise knielang.  

Was steckt dahinter? 
Die Skirt Lenght (Hemline) Theory wurde bereits 1926 vom Ökonomen George W. Taylor formuliert. Sie ist die älteste unter den hier vorgestellten Theorien und ist auch am besten untersucht.

Was ist dran?
Machen wir’s kurz: Die Theorie stimmt, allerdings reagieren die Rocklängen auf Wirtschaftsereignisse immer mit leichter Verzögerung. Zudem gibt es Stimmen, dass auf Grund der unzähligen und sich schnell ändernden Trends alles nicht mehr ganz so aktuell ist. 

Aktentaschen-Index

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Aktentaschen-Index

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Worum geht’s? 
Noch einmal Alan Greenspan. An der Dicke seiner Aktentasche wollte man ablesen können, ob in den USA der Leitzins geändert wird. Nicht zu verwechseln mit dem Big Bag Indicator, der wirtschaftliche Krisen mit der Größe weiblicher Handtaschen kurz schließt.

Was steckt dahinter? 
In turbulenten Zeiten, so die Idee, packt Greenspan mehr Dokumente und Notizen ein, um als US-Notenbank-Chef für Leitzinsdiskussionen gut vorbereitet zu sein.

Was Ist Dran? 
Ein humoristischer Versuch, die allernächste Zukunft vorherzusagen. Man könnte diesen Job auch ein Murmeltier machen lassen.

Windel-Index

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Windel-Index

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Worum geht’s? 
Wird das Geld knapp, und die Eltern müssen beim Einkauf sparen, greifen sie weniger oft ins Windelregal. Da hilft nur noch Töpfchentraining.

Was steckt dahinter? 
Windeln gelten als Grundbedarf. Sinkt ihr Verkauf, bedeutet das anscheinend nichts Gutes für die wirtschaftliche Gesamtlage. Sehr verdächtig: Sinkt der Windelabsatz, steigen parallel dazu die Umsätze für Cremen gegen Windelausschlag. Behauptet das amerikanische Marktforschungsunternehmen Symphony IRI.

Was ist Dran? 
Der inoffizielle Indikator zeigt jedenfalls, dass ein wunder Babypopo und marode Wirtschaft viel miteinander zu tun haben.

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