
Wenn der Vater mit der Tochter: Die Banker NASTASSJA und WILLIBALD CERNKO über Nachhaltigkeit in der Finanzbranche sowie im alltäglichen Leben. Und über Generationenthemen.
Frau Cernko, wie kam es, dass Sie Bankerin wurden? Haben Sie sich ein Beispiel am Vater genommen?
Dass ich in einer Bank gelandet bin, war eigentlich Zufall. Mein Hauptinteresse galt immer schon der Nachhaltigkeit. Bevor ich zur Oesterreichischen Kontrollbank (OeKB) kam, war ich in der Beratung tätig, habe aber gemerkt, dass ich wieder in ein Unternehmen zurückwill, speziell in eines, wo ein großer Hebel ist. In der Finanzbranche tut sich ja sehr viel in Sachen Nachhaltigkeit. Dass mein Vater und ich in der gleichen Branche arbeiten, war so also nicht beabsichtigt.
War der Vater mit der Jobwahl zufrieden?
Ich habe meiner Tochter nur geraten, wenn sie etwas bewegen will, soll sie in ein Unternehmen gehen. Viel mehr bewegen als in der Finanzbranche kann man in der Nachhaltigkeitsthematik aktuell kaum.
Aber eine Boombranche ist die Finanzbranche nicht mehr wirklich.
Ich finde, es war noch nie spannender als jetzt, weil die Herausforderungen riesig sind. Wir erleben viele Brüche, sind aber in einer Branche, von der man Stabilität, Ordnung und Sicherheit erwartet. Dieser Spagat ist sehr herausfordernd.
Die Rolle der Banken ist es ja auch, den Wandel zur Nachhaltigkeit voranzutreiben. Das macht es so spannend.
Spannend ja, aber eine Wachstumsbranche ist die Bankbranche nicht unbedingt.
Das möchte ich so nicht stehen lassen. Solange es keinen funktionierenden Kapitalmarkt gibt, wird die Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit nur von drei Säulen getragen: vom Eigenkapital der Unternehmen, von öffentlichen Förderungen und von der Fähigkeit der Banken, diese Veränderungen zu finanzieren. Also solange es in Europa keinen ernstzunehmenden Kapitalmarkt gibt, ist die Rolle der Banken eine entscheidende.
Wann war Ihnen denn klar, dass das Nachhaltigkeitsthema so bald nicht verschwinden wird?
In den Jahren 2015 bis 2017 wurde es immer mehr zu einem zentralen Thema.
N: Für mich war die Zäsur 2019 mit dem European Green Deal. Da kam es zu einer Verschiebung von der Freiwilligkeit hin zu einer Pflicht. Seitdem entwickelt sich die Regulatorik rasant und ist auch sehr herausfordernd. Vor allem das Sammeln von Daten ist aktuell ein sehr großes Thema. Und wir sind noch lange nicht fertig. Das kann einen manchmal schon überfordern.
Haben Sie sich darüber gefreut, als Sie erkannt haben, dass Sie dieses Thema noch lange beschäftigt?
Ja, weil ich überzeugt bin, dass dieser Raubbau an Ressourcen so nicht weitergehen kann. Aber es stimmt: There is no free lunch. Die Umwelt muss uns etwas wert sein. Viele Unternehmen haben das längst erkannt.
Die Kosten, die verursacht werden, wenn wir nicht handeln, werden jedenfalls wesentlich höher sein.
Frau Cernko, Sie waren ja auch maßgeblich an der Entwicklung des OeKB-ESG-Data-Hub beteiligt. Was wollen Sie damit erreichen?
Wir wollten die Datenbeschaffung, die ja zweifellos für Unternehmen und Banken sinnvoll ist, um Entscheidungen zu treffen, besser koordinieren. Die Datensammlung sollte nicht zu einer Lähmung der Wirtschaft führen.
Der Wunsch der Unternehmen an die Banken war, sich auf ein Set an Fragen zu einigen, weil sie nicht alles 37-mal ausfüllen wollten. Damit haben wir sicher einen großen Schritt gemacht. Aber allgemein muss man sagen, es gilt, die Balance zu finden zwischen dem, was wirklich notwendig ist, und überschießender Regulatorik.
Tauschen Sie sich beruflich eigentlich auch miteinander aus?
Ja, klar. Ich habe von meiner Familie das große Interesse an der Gesellschaft mitbekommen.
Die jüngere Generation hat mir die Dringlichkeit der Thematik vermittelt. Wir müssen jetzt etwas tun. Deshalb verstehe ich auch Bewegungen wie „Fridays for Future“. Ich finde es zwar nicht toll, wenn man sich an die Straße klebt, weil man damit auch gegenteilige Effekte erzielt. Aber ich verstehe die Ungeduld der jungen Leute.
Frau Cernko, haben Sie Verständnis für Klimakleber?
Ja, weil es wichtig ist, die Betroffenheit spürbar zu machen. Es braucht engagierte Menschen, die eine Diskussion in Gang bringen. Eine demokratische Gesellschaft muss das aushalten. Ich gebe aber zu: Ich fahre kein Auto und stehe dann auch nicht im Stau.
Irgendwann ist es dann aber auch genug mit dem Ankleben.
Sie selbst würden sich nicht ankleben?
Nein. Aber es ist wichtig, dass jeder seinen Spielraum nützt. Ich sehe meinen stark im beruflichen Umfeld, wo ich viel bewegen kann.
Fahren Sie aus Nachhaltigkeitsgründen kein Auto?
Ja, ich habe so aber auch an Lebensqualität gewonnen.
Herr Cernko, Sie fahren aber schon Auto?
Ja. Als meine Tochter ein Baby bekam, habe ich ihr mein altes Auto angeboten, aber sie hat abgelehnt.
Haben Sie versucht, Ihren Vater zu bekehren, auf seines zu verzichten?
Ich finde, man sollte nicht jedem seinen Rat aufdrängen. Das richtige Vorleben ist wichtiger.
Ich gehe aber sehr viel zu Fuß (zeigt seinen Schrittzähler).
Jeder Akteur hat eine wichtige Rolle beim Thema Nachhaltigkeit.
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