
So schätzen heimische Fondsmanager und Anlageberater die Chancen auf Kursgewinne im neuen Jahr ein.
Die Vorzeichen hätten kaum schlechter sein können: hohe Inflation, steigende Arbeitslosigkeit, geopolitische Spannungen, ein Krieg sozusagen „vor der Haustür“, Unsicherheit und Belastungen für Exporteure durch den US-Zollwahnsinn – nicht gerade das förderlichster Umfeld für erfolgreiche Geldanlage. Das Ergebnis? Für die Wiener Börse war 2025 eines der besten Jahre in ihrer Geschichte. Nur einige Beispiele: AT&S: mehr als 150 Prozent Kursgewinn. Frequentis: knapp 160 Prozent im Plus. Insgesamt legte der Wiener Aktienindex ATX um rund 40 Prozent zu. Getragen wurde dieser fulminante Gewinn aber vor allem von den breit kapitalisierten Finanztiteln. So stieg der Börsenwert der Erste Group um zwei Drittel, die Uniqa-Aktie kletterte um rund 90 Prozent. Wer hat da die Kurse in die Höhe getrieben?
An der Hausse waren heimische Anleger jedenfalls nur am Rande beteiligt. „Österreich wurde nach langer Zeit wieder vom Ausland entdeckt“, analysiert Vermögensberater Wolfgang Matejka den Grund für den Aufschwung. „Käufer waren vor allem Investoren aus den USA.“ In erster Linie war es die Hoffnung auf ein Ende des Kriegs in der Ukraine, die Geld von der anderen Seite des Atlantiks an die Wiener Börse fließen ließ. Kann das so weitergehen – oder droht 2026 die Ernüchterung?
ATX-Index in Punkten


Bewertungsvorsprung
Trotz der massiven Kursgewinne sind die österreichischen Aktien immer noch günstig bewertet. „Kein anderer Aktienmarkt eines Industrielandes ist so billig wie die Wiener Börse“, konstatiert Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group. Nüchterne Zahlen bestätigen dies. Die im ATX vertretenen Aktien locken aktuell mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter zehn. US-Aktien sind durchschnittlich doppelt so teuer, und das europäische KGV liegt zwischen 15 und 16. Der Bewertungsvorsprung heimischer Beteiligungspapiere ist somit trotz der heurigen Hausse immer noch beachtlich. Zusätzlich bieten österreichische Aktien im internationalen Vergleich besonders hohe Dividendenrenditen: rund fünf Prozent (vor Steuern) schlagen sogar die Inflation. „Und wir registrieren außerdem ein zweistelliges Gewinnwachstum“, führt Mostböck ein weiteres Argument gegen einen Absturz an.
Doch die Luft wird dünner. Vor allem das wirtschaftliche Umfeld stimmt nachdenklich. Die Konjunktur kommt nicht recht vom Fleck. Heuer wird die Wirtschaft laut jüngster Schätzung des Finanzministeriums um bescheidene 0,3 Prozent wachsen. Das ist zwar um einen ganzen Prozentpunkt mehr als 2024, als es ein Minus von 0,7 Prozent gab, doch um Probleme wie Budgetdefizit und Strukturwandel zu lösen, ist das zu wenig. Die Prognose für 2026 mit einem Wachstum von auch nicht großartigen 1,1 Prozent steht auf ziemlich wackeligen Beinen. Und ähnlich wie in den USA, wo vor allem der Tech-Sektor die Hausse befeuerte, sind es auch in Österreich nur wenige Aktien, die für die euphorische Stimmung sorgten: Neben Tech-Werten wie AT&S und Frequentis waren dies vor allem die „heimlichen Gewinner der Inflation“, so Roland Neuwirth, Fondsmanager bei Advisory Invest – eben der Finanzsektor.
Die schwache Binnenkonjunktur sei aber kein Grund für Pessimismus, meint Erste-Chefanalyst Mostböck: „Der ATX repräsentiert ja keineswegs nur Österreich, sondern einen Wirtschaftsraum. Er hat keine Korrelation mit der österreichischen Wirtschaft mehr, sondern steht für eine ganze Region.“
Im Besondern trifft dies auf den 2025 so erfolgreichen Finanzsektor zu. Sowohl Banken als auch Versicherungen erzielen einen beachtlichen Teil ihrer Gewinne in der CEE-Region. Dort wächst die Wirtschaft deutlich schneller als in Deutschland und Österreich. So wird die tschechische Wirtschaft heuer 2,4 Prozent zulegen, im kommenden Jahr sind es laut Prognose der WKO dann 2,2 Prozent. Polens Konjunktur läuft heuer mit einem Plus von voraussichtlich rund 3,3 Prozent besonders rund.
Davon wird der Finanzsektor auch im kommenden Jahr profitieren. „Die heurigen Favoriten werden auch im kommenden Jahr die Favoriten bleiben“, ist Neuwirth daher überzeugt.
Nebenwerte
Überraschungen sind freilich nicht ausgeschlossen: „In der Spätphase eines Aufschwungs entdecken die Anleger immer wieder einige der bis dahin eher unbeachteten Nebenwerte“, so Neuwirth. Auch Branchen, die 2025 weniger gefragt waren, könnten wieder in den Fokus des Anlegerinteresses rücken. „Ich glaube, dass im nächsten Jahr auch andere Sektoren stärker Beachtung finden werden, beispielsweise Energie und die Zulieferindustrie, auch für die Automobilindustrie, wo es in Deutschland erste Anzeichen für eine leichte Erholung gibt“, meint Matejka, „da könnten einige Small und Mid Caps ihre Chance bekommen, Aktien wie Palfinger und Zumtobel. Ich glaube, dass der aktive Investor 2026 eine Chance hat, gegen den Index zu gewinnen. Das war heuer praktisch unmöglich.“
1. Do & Co
Ein kompetentes Management, eine verständliche Investmentstory und ein hervorragendes Produkt – Do & Co, der Favorit der ATX-Jury für 2026, besitzt alle Ingredienzien, die eine Aktie haben muss, um bei Anlegern zu punkten. 80 Prozent des Umsatzes stammen aus dem Catering-Geschäft mit Fluggesellschaften wie Qatar Airways und Turkish Airlines. Dieser Geschäftsbereich wuchs im ersten Halbjahr um 10,7 Prozent. Weltweit steigende Passagierzahlen und die Investitionen der Airlines in Premiumservices sorgten für dieses Plus. Mit Erlösen von 1,2 Milliarden Euro war es das bisher umsatzstärkste Halbjahr der Unternehmensgeschichte. Der Nettogewinn legte sogar um 20,9 Prozent auf 53,5 Millionen Euro zu.


Do & Co-Chef Attila Dogudan
© trend/Lukas Ilgner2. Palfinger
Die Auswirkungen der US-Zölle bekam der Kranhersteller Palfinger in den ersten drei Quartalen zu spüren: Das Konzernergebnis sank um 20,3 Prozent auf 72,4 Millionen Euro. Im Rahmen einer neuen Strategie will sich das Unternehmen künftig stärker auf den asiatisch-pazifischen Raum und das margenstarke Servicegeschäft konzentrieren. Finanziert werden soll dies durch den Erlös aus der Platzierung eigener Aktien zu 35,40 Euro. Damit wurde der Streubesitz auf 43,5 Prozent erhöht, was die Aktie für Investoren attraktiver macht. Nicht nur österreichische Analysten sehen die Chancen auf Kursgewinne: Die Analysten von Deutsche Bank Research haben ihre Kaufempfehlung und das Kursziel von 50 Euro bestätigt.


© Palfinger
3. Rosenbauer
Auf einen Turnaround hofft die Jury bei Rosenbauer. Spezialität des Unternehmens sind Feuerwehrfahrzeuge. In diesem Segment zählt Rosenbauer zu den Weltmarktführern. Unverändert groß ist die Nachfrage – die Umsatzerlöse kletterten in den ersten drei Quartalen um 13 Prozent auf rund 951 Millionen Euro. Allerdings fiel der Nettoverlust mit 3,1 Millionen Euro um 9,5 Prozent höher aus als in der vergleichbaren Vorjahresperiode. Positiv zu vermerken ist demgegenüber das operative Ergebnis. So legte das EBIT um 13,6 Prozent auf 33,4 Millionen zu, die Nettoverschuldung wurde von 467,8 Millionen auf 305,1 Millionen Euro reduziert. Auch auf internationalen Finanzseiten wird die Aktie unter „Kaufen“ eingestuft.


© Rosenbauer
Aktien mit Potenzial


Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 19. Dezember 2025 erschienen.
