Bilden statt Stempeln: Mit Förderung in der Krise langfristig Kompetenzen aufbauen

Die Krise wird zum Stresstest für die Personalpolitik: Maßnahmen wie Bildungskarenz helfen beim Spagat zwischen Einsparungen und der Absicherung der Wissensbasis für die Zukunft.

Seit wenigen Tagen fahren 20 Metallarbeiter aus dem Zillertal nicht mehr jeden Tag zur Arbeit in die AL-KO-Kober-Werke Zell am Ziller und Ramsau. Die beiden Betriebe gehören zur deutschen AL-KO-Gruppe und sind im Bereich Fahrzeugtechnik tätig. Sie fertigen neben Teilen für Autobauer wie BMW, Daimler und Porsche auch Anhängertechnik-Komponenten, aus denen konzernintern Chassis für Caravans hergestellt werden. Wer die schwierige Lage der deutschen Automobilbranche kennt, würde wohl annehmen, die Mitarbeiter ihres Zulieferers hätten nun als mittelbare Krisenopfer ihre Jobs verloren. „Es ist kein Geheimnis, dass wir in der Fahrzeugtechnik massive Auslastungsprobleme haben“, bestätigt Klaus Köhlertz, Geschäftsführer von AL-KO Kober in Österreich, die durchaus prekäre Situation.

Weiterbildung für die Fahrzeugtechniker
Aber: Arbeitslos zuhause sitzen die Zillertaler jetzt trotzdem nicht. Sie machen sich nach wie vor jeden Tag auf den Weg – statt in ihre Betriebe führt sie der aber hinaus ins Inntal, nach Schwaz, wo sie am bfi eine umfassende einjährige Ausbildung zu Metalltechnikern durchlaufen. Wie sich die allgemeine Wirtschaftslage und die Geschäftslage ihres Arbeitgebers am Ende dieser Facharbeiterausbildung darstellen wird, weiß jetzt natürlich noch niemand. „Ich gehe aber schon davon aus, dass auch wieder bessere Zeiten kommen. Und dann können wir sicher mehr mit ihnen und ihren neuen Qualifikationen anfangen, wenn sie retourkommen“, sagt Geschäftsführer Köhlertz über seine Arbeiter. Genau das ist die Zielsetzung des neuen vom AMS angebotenen Instruments, das AL-KO Kober nutzt, um seine Mitarbeiter trotz Krise nicht nur zu halten, sondern ihnen in der Zeit der Flaute auch noch sinnvolle Zusatzqualifikationen zu vermitteln, die dringend gebraucht werden, sobald die Konjunktur wieder anzieht: Bildungskarenz plus.

AMS und Bundesländer fördern
„Das ist eine typische Win-win-Situation“, lobt Köhlertz die neue Möglichkeit. Zu Abstrichen beim Einkommen müssen die Ausbildungsteilnehmer allerdings schon bereit sein: Sie erhalten während der maximal einjährigen Dauer Weiterbildungsgeld in Höhe des Arbeitslosengeldes. Im Unterschied zur „klassischen“ Bildungskarenz kommt dazu bei der Bildungskarenz plus auch noch eine Zusatzförderung des Bundeslandes für die Kosten der Ausbildung. Bildungskarenz, die jeweils individuell zwischen Arbeitgeber und dem einzelnen Arbeitnehmer vereinbart werden muss, ist aber nur eine von mehreren Möglichkeiten, die heimischen Betrieben die nun erforderliche Flexibilität im Personalbereich ermöglichen sollen. „Die kürzlich beschlossene Flexibilisierung bei der Kurzarbeit und die neue Möglichkeit Kurzarbeit mit Qualifizierung zählen dazu ebenso wie die Verbesserungen bei der Bildungskarenz“, erklärt AMS-Vorstand Johannes Kopf.

Anstieg der Kurzarbeit in Österreich
Das wichtigste Flexibilisierungsinstrument ist dabei die Kurzarbeit: Das AMS rechnet für April mit mehr als 43.000 betroffenen Arbeitnehmern in über 200 Betrieben. Im Vergleich dazu scheinen die knapp 1.600 Bezieher von Weiterbildungsgeld zahlenmäßig nicht so bedeutend. Dieser Wert stammt aber noch vom November des Vorjahres. Die neue Bildungskarenz dürfte hier bald zu einem deutlichen Anstieg führen (siehe Grafik ). „Bildungskarenz wird aber doch eher ein Instrument für individuelle Weiterbildung bleiben“, erwartet AMS-Vorstand Kopf, „wenn es darum geht, einer gesamten Belegeschaft Zusatzqualifikationen zu vermitteln, gibt es das Angebot Kurzarbeit plus Qualifizierung. Dabei ist die Teilnahme an der Ausbildung für Mitarbeiter verpflichtend. Dafür erhalten sie 15 Prozent Zuschlag zur Kurzarbeitsentschädigung.“

Bildungskarenz entlastet finanziell
Finanziell, so das Grundkalkül, kommt Bildungskarenz das Unternehmen günstiger als Kurzarbeit, dafür entfällt aber die Arbeitsleistung in der Regel vollständig. Arbeitnehmer kommen mit der Kurzarbeitsentschädigung im Normalfall dagegen wesentlich näher an ihr reguläres Einkommen heran als mit dem Weiterbildungsgeld in Bildungskarenz. Dass Österreich mit seiner Arbeitsmarktpolitik, Geld auszugeben, um so viele Beschäftige wie möglich ohne Jobverlust durch die Krise zu bringen und dabei auch noch zu qualifizieren, goldrichtig liegt, bestätigt auch Rainer Strack, Senior Partner und Managing Director des Beraters Boston Consulting Group (BCG) in Düsseldorf: „Personalisten sollten jetzt langfristig denken, nicht kurzfristig undifferenziert Mitarbeiter abbauen. Spätestens 2015 mit den Pensionierungen der Babyboomer wird Humankapital zum Engpassfaktor.“

BCG-Studie zu Personalmanagement
BCG hat zusammen mit der European Association for People Management, der Dachorganisation nationaler Personalistenverbände, europaweit knapp 900 Entscheidungsträger über ihre aktuellen Personalmaßnahmen in der Krise befragt. Demnach reduzieren jetzt fast 70 Prozent ihre Neueinstellungen, 43 Prozent kündigen Zeitarbeitern, immerhin 34 Prozent auch Vollzeitbeschäftigten, und fast ebenso viele fahren Ausbildung und Training zurück. Strack wundert sich besonders über ein Resultat: „Obwohl sie in der Befragung angaben, diese Maßnahmen hätten in der letzten Krise nach dem Platzen der Technologieblase die Mitarbeitermotivation beeinträchtigt und die Effektivität verringert, sind viele dabei, jetzt genau diese Fehler zu wiederholen.“ Das soll Klaus Köhlertz im Zillertal jedenfalls nicht passieren. „Qualifikationen aufzubauen benötigt eben seine Zeit. Und je qualifiziertere Mitarbeiter man braucht, desto schwerer sind sie zu bekommen“, weiß er aus Erfahrung.

Von Michael Schmid

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