SVS-Chef: "Kleinste Honorare von Ärzten abrechnen ist nicht zeitgemäß"

Der neue Obmann der Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS) und Vorsitzender der Sozialversicherungsträger, Peter Lehner, erklärt im Interview mit dem Trend, wie er die Sozialversicherungen entstauben will, wie künstliche Intelligenz für mehr Effizienz und zu mehr Beratung führen, wie das Entlohnungssystem von Ärzten umgekrempelt werden soll, Gesundheitsdaten besser verwertet werden könnten und wie die SVS ihr Service ausbaut.

SVS-Chef: "Kleinste Honorare von Ärzten abrechnen ist nicht zeitgemäß"

Peter Lehner führt die Reform der Sozialversicherungen an. Er setzt auf Digitalisierung und will das Entlohnungssystem für Ärzte auf neue Beine stellen.

trend: Seit Anfang Jänner sind die fünf neuen Sozialversicherungen nach der Zusammenlegung und ersten Reformen neu gestartet. Doch es gibt Kritik, etwa dass die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) erstmals seit Jahren Verluste verzeichnet. War die Zusammenlegung der Kassen vielleicht doch ein Fehler? Sind die Einsparungen doch nicht im erwarteten Ausmaß möglich?
Lehner: Die Budgets der ehemaligen Gebietskrankenkassen wurden bisher nur addiert und Synergieeffekte sind noch nicht sichtbar. Die Zusammenlegung von Sozialversicherungen ist ein großer Schritt zu mehr Gerechtigkeit für die Leistungsbezieher und führen zu einer höheren Effizienz des Systems. Jahrzehntelang war es undenkbar eine solche große Reform durchzuführen. Jetzt erhalten die Bezieher der jeweiligen Sozialversicherung erstmals, auch unabhängig vom Bundesland in dem sie leben, dieselben Leistungen.


Die Reform hat unser Budget nicht ins Wanken gebracht

trend: Wie steht die neue Sozialversicherungsanstalt für Selbstständige (SVS), die sich aus Bauern (ehemalige SVB) und Gewerbetreibende (SVA) zusammensetzt, und der Sie vorstehen, finanziell da? Kämpfen Sie nach der Reform mit Anlaufverlusten?
Lehner: Wir weisen eine stabile Gebarung auf. Unser jährliches Budget beträgt 9,6 Milliarden Euro, davon haben die Kosten für die Zusammenlegung und Reform acht Millionen Euro betragen. Das hat unser Budget aber nicht ins Wanken gebracht. Der Großteil der Ausgaben dafür sind noch dazu in die ohnehin nötige Modernisierung der IT geflossen ist. Wir sind und werden auch in den nächsten Jahren eine positive Bilanz erzielen und 2024 ein leichtes Minus aufweisen.

trend: Im Gegensatz zu den anderen Kassen heben Sie von Ihren Mitgliedern beim Arztbesuch einen Selbstbehalt ein und verlangen auch höhere Kostenanteile etwa bei Kur- und Rehaaufenthalten. Bei den Gebietskrankenkassen, bei denen es derzeit keinen Selbstbehalt gibt, fürchtet man genau das. Ist die Abschaffung der Selbstbehalte für Sie ein Thema?
Lehner: Wir bekennen uns klar zum Selbstbehalt. Wir bieten unseren Mitgliedern dafür auch ein gutes und breites Leistungsspektrum.

trend: Arbeitnehmervertreter halten den mit der Reform eingeführten Gleichstand der Arbeitnehmer und Arbeitgeber in den Gremien der Krankenkassen für unsachlich und undemokratisch. Dadurch haben Arbeitnehmer nicht mehr die Stimmenmehrheit bei Entscheidung was mit den Beiträgen passiert. Ist eine Leistungsverschlechterung nicht vorprogrammiert?
Lehner: Gemeinsam zu gleichen Teilen zu entscheiden, wie die Beiträge verwendet werden, macht das System vielmehr gerechter als bisher. Paritätische Entscheidungen sind ein essentieller Teil der Selbstverwaltung.


Mitglieder können Spezialisten anfordern, die bei der Vermeidung von Unfällen im Betrieb helfen

trend: Seit dem Start der SVS Anfang des Jahres sind erstmals sämtliche Leistungen für ihre Mitglieder, also nicht nur die Krankenkasse und die Pensionsvorsorge unter dem Dach der SVS vereint, sonder auch Unfallversicherungsträger, wofür bisher die AUVA zuständig war. Welche Veränderungen ergeben sich dadurch für ihre Mitglieder?
Lehner: Wir können so unseren Mitgliedern erstmals ein 360 Grad-Service bieten. Unser Ziel ist es in diesem Zusammenhang nicht nur unseren Versicherten bei Unfällen zur Seite zu stehen, wir wollen auch die Maßnahmen für Prävention ausbauen. So haben wir nun dafür den Online-Check für Betriebe gestartet. Mitglieder können, etwa über unsere Homepage, Spezialisten anfordern, die sie bei der Vermeidung von Unfällen im Betrieb, unterstützen. Dieses Service haben wir aus der Versicherungsleistung der Landwirtschaft übernommen, wo dieses bereits exisitiert und gut angenommen wird.

trend: Hat die Reform bei der SVS zu technischen Neuerungen geführt, die ihren Mitgliedern einen Mehrwert bieten?
Lehner: Wir haben unser digitales Service ausgebaut. So sind wir mit unserer digitalen App Vorreiter. Unser Ziel ist es, das unsere Mitglieder so einfacher schneller und einfacher mit uns kommunizieren können und ihre Daten leichter verfügbar haben. Auch auf unserer Homepage bieten wir nun ein verbessertes Online-Service.


Früher wurden Arztrechnungen manuell geprüft, jetzt bewertet eine künstliche Intelligenz, ob die Auszahlung freigegeben wird

trend: Sie haben kürzlich gesagt, die Digitalisierung in der Sozialversicherung ist ein Gamechanger. Welche Entwicklungen können dazu beitragen?
Lehner: Wir setzen schon heute künstliche Intelligenz ein, um Arbeitsabläufe zu optimieren, die Anamnese zu digitalisieren und so Patientendaten für Ärzte leichter nutzbar zu machen. Die Optimierung der Arbeitsabläufe fängt bei der Post an. Sämtliche Rechnungen, die Mitglieder uns senden, ob über ein Eingabetool auf unserer Homepage, per Email oder per Post - alle Schriftstücke werden digitalisiert, automatisch beschlagwortet, und die Daten dann in unsere Datenbank eingespeist. Früher wurden Arztrechnungen manuell geprüft, jetzt bewertet eine künstliche Intelligenz, ob die Auszahlung freigegeben wird. Selbst die Auszahlung erfolgt automatisiert.


Wir erfahren von Grippewellen erst im Nachhinein, Google weiß es sofort

trend: Wo sehen Sie noch Potential für den Einsatz künstlicher Intelligenz?
Lehner: Wir nutzen beispielsweise noch längst nicht alle Möglichkeiten Gesundheitsdaten im Sinne unserer Patienten zu verwerten. So weiß Google etwa durch steigende Suchanfragen sofort in welchem Gebiet sich gerade eine Grippewelle anbahnt. Wir als Sozialversicherung erfahren davon erst im Nachhinein. Könnten wir auf entsprechend gutes Datenmaterial zugreifen, könnten wir bei einem Ausbruch von Krankheiten viel schneller reagieren und entsprechende Therapien einsetzen. Neue Wege versuchen wir auch durch den Einsatz von Telemedizin zu gehen. Da haben wir ein erstes Pilotprojekte laufen.


Die Beratung für die Mitglieder wurde ausgebaut

trend: Wenn künstliche Intelligenz standardisierbare Arbeit erledigt, was machen dann diese Mitarbeiter stattdessen?
Lehner: Wir haben die Beratung für unsere Mitglieder deutlich ausgebaut. So haben wir die Beratungstage in den Gemeinden erhöht, insgesamt gibt es davon nun 190 Beratertage im Jahr, die gemeinsam für Bauern und alle anderen Selbstständigen abgehalten werden. Auch die telefonische Beratung steigt. Die Zahl der Anrufe ist binnen kurzer Zeit bereits um zehn Prozent gestiegen. So wollen wir bei Akutereignissen Betroffenen persönlich rasch und umfassend Information bieten. Oder auch bei Fragen die Pensionsanträge sind persönliche Informationen oft nötig. Viele Erwerbsverläufe sind etwa von selbstständigen und unselbstständigen Tätigkeiten geprägt und machen so einen höheren Beratungsaufwand nötig.


Allerkleinste Teilrechnungen von Ärzten abrechnen und kontrollieren, ist weder zeitgemäß noch zukunftsorientiert

trend: Am Land herrscht in vielen Orten ein Ärztemangel. Was schlagen Sie vor, um eine Arztstelle in ländlichen Gebieten wieder attraktiver zu machen?
Lehner: Eine wichtige Basis dafür liefert eine Tarifordnung, die auch bei der Ärzteschaft auf Zustimmung stößt. Erst kürzlich haben wir dazu einen Gesamtvertrag mit den Ärzten abgeschlossen. Es kann aber längerfristig nicht so sein, dass wir wie bisher selbst die allerkleinsten Teilrechnungen von Ärzten einzeln abrechnen und kontrollieren. Das ist weder zeitgemäß noch zukunftsorientiert. Ziel der Ärzte sollte es aber sein Patienten gesund zu erhalten. Dafür sollte der Arzt die Verantwortung tragen. Das kommt aber einem Systembruch gleich. Denn nicht mehr die Leistungen für jeden einzelnen Patienten werden dann abgegolten, Ärzte sollen vielmehr dafür honoriert werden, das Menschen gesund bleiben. Der Arzt müsste dann mehr die Prävention von Krankheiten forcieren. Um dafür mehr Zeit zu haben, sollte der Arzt nicht mehr für jedes kleine medizinische Problem der alleinige Ansprechpartner sein. Die Frage ist, wie verteilt man die Aufgaben besser. Das System ist vielmehr als Mannschaftssport von Ärzten, Ambulanzen, Apothekern und etwa Therapeuten zu sehen.

trend: Kurzfristig werden Sie mit diesem Konzept aber den Beruf des Hausarztes nicht attraktiver machen.
Lehner: Man muss den Hausärzten mehr Lebensqualität geben. So steigt auch die Anforderung Familie und Beruf besser vereinen zu können. Mit der Ärzteschaft sind deshalb flexible Arbeitszeitmodelle zu erarbeiten. In Bezirkshauptstädten sollten auch Gemeinschaftspraxen für mehr Flexibilität in der Ärzteschaft sorgen.


Zur Person
Peter Lehner, 50, ist seit 1. Jänner 2020 Obmann der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS) und seit 14. Jänner 2020 Vorsitzender der Konferenz der Sozialversicherungsträger. Er hat als Vorsitzender der Überleitungskommissio die Fusion von SVA und SVB maßgeblich gestaltet und umgesetzt. Der gebürtige Welser war zuvor Obmann-Stellvertreter der Pensionsversicherungsanstalt (PV) und Mitglied der Trägerkonferenz des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger.

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