Gerhard Wagner: „Das Nein zum Kredit kommt früher“

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Gerhard Wagner
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Ab 20. November gelten in Österreich strengere Regeln für Verbraucherkredite. Gerhard Wagner, Geschäftsführer der KSV1870 Information GmbH, über die Folgen für Konsument:innen und Unternehmen.

trend: Was sind die wichtigsten Änderungen des neuen Verbraucherkreditgesetzes?

Gerhard Wagner: Im Mittelpunkt steht der Konsumentenschutz. Es werden deutlich mehr Verpflichtungen auf die Kreditgeber verlagert. Konsumentinnen und Konsumenten müssen künftig wesentlich umfassender informiert werden. Gleichzeitig werden die Bonitätsprüfungen strenger und deutlich mehr Finanzierungsmodelle vom Gesetz erfasst. Die zentrale Frage lautet künftig nicht mehr nur: Wer bist du und wie viel Kredit möchtest du? Sondern vor allem: Kannst du dir diesen Kredit überhaupt leisten?

trend: Rechnen Sie damit, dass durch die strengeren Bonitätsprüfungen künftig weniger Kredite vergeben werden?

Ja, und das entspricht auch der Intention des Gesetzgebers. In der öffentlichen Diskussion steht vor allem im Vordergrund, dass Verbraucher besser geschützt und informiert werden. Aber bessere Information garantiert noch lange keinen Zugang zum Kreditmarkt. Eine zentrale Neuerung ist, dass Kredite nicht mehr vergeben werden dürfen, wenn die Bonitätsprüfung negativ ausfällt und davon auszugehen ist,  dass der Kunde die Kreditraten voraussichtlich nicht zurückzahlen kann. Das kann dazu führen, dass Menschen, die bisher noch eine kurzfristige Finanzierung bekommen haben, künftig abgelehnt werden.

trend: Halten Sie das für sinnvoll?

Absolut. Allerdings hat die neue Verbraucherkreditrichtlinie auch ein paternalistisches Element. Wir verlagern einen Teil der Eigenverantwortung vom Konsumenten zum Kreditgeber. Der Kreditgeber muss genauer hinschauen und im Zweifelsfall Nein sagen.

trend: Für die Unternehmen bedeutet das einen erheblichen Mehraufwand. Wer ist besonders betroffen?

Grundsätzlich gilt: Je größer das Unternehmen, desto leichter wird die Umstellung. Große Unternehmen verfügen bereits über Risikoabteilungen und entsprechende Strukturen. Banken und Leasingunternehmen sind sehr gut vorbereitet, weil sie schon bisher umfangreiche Bonitätsprüfungen durchführen mussten. Schwieriger wird es für kleinere Händler, Telekommunikationsunternehmen oder Anbieter im Onlinehandel, die solche Strukturen erst aufbauen müssen. Gerade bei kleinen Unternehmen kann der zusätzliche Aufwand erheblich sein.

trend: Welche Konsequenzen erwarten Sie für kleinere Händler?

Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Entweder sie verzichten künftig auf bestimmte Finanzierungsmodelle und verlangen eine sofortige Bezahlung. Oder sie arbeiten verstärkt mit externen Finanzierungsdienstleistern zusammen. Letzteres kennen wir bereits von großen Elektronikhändlern, bei denen eine Bank die Finanzierung übernimmt. Kleinere Unternehmen werden sich vermutlich häufiger für solche Lösungen entscheiden, weil sie sich die eigene Abwicklung nicht leisten können.

trend: Was raten Sie einem kleinen Onlinehändler, der sich noch nicht auf die neuen Regeln vorbereitet hat?

Zunächst sollte er prüfen, welche Zahlungsarten er überhaupt anbietet. Wenn noch keinerlei Vorbereitungen getroffen wurden, würde ich bei Zahlungsaufschüben oder eigenen Finanzierungsmodellen sehr vorsichtig sein. Für kleine Unternehmen kann das schnell zu einem Problem werden. Ich würde zunächst auf Sofortzahlung setzen und mich möglichst rasch nach einem etablierten Zahlungs- oder Finanzierungsdienstleister umsehen, der die notwendigen Prozesse übernehmen kann.

trend: Könnten durch das neue Gesetz auch die Produkte für Konsument:innen teurer werden?

Ja, die Gefahr besteht. Ein externer Finanzierungsdienstleister bietet seine Leistungen schließlich nicht kostenlos an. Gleichzeitig entstehen für die Unternehmen zusätzliche Kosten durch die Bonitätsprüfung, die Dokumentation und die Bearbeitung von Kundenanfragen. Das ist im Grunde mit anderen Compliance-Verpflichtungen vergleichbar.

trend: Werden Kreditentscheidungen künftig länger dauern?

Es wird definitiv langsamer werden. Die Prüfungen werden umfangreicher und die Unternehmen müssen ihre Entscheidungen auch erklären können. Wir beobachten außerdem, dass Konsumenten bei Beschwerden und Rückfragen immer häufiger künstliche Intelligenz einsetzen. Bei uns gehen mittlerweile seitenweise KI-generierte Eingaben ein. All diese Anfragen müssen bearbeitet werden. Auch das wird die Unternehmen zusätzlich belasten.

trend: Eine zentrale Rolle spielen künftig die Bonitätsprüfungen. Wie kann der KSV1870 dabei unterstützen?

Der KSV1870 ist seit Jahrzehnten auf Bonitätsprüfungen spezialisiert. Ein wichtiges Instrument ist die KonsumentenKreditEvidenz, die wir seit 1964 führen und in der Informationen über bestehende Kreditverpflichtungen erfasst werden. Mit der neuen Verbraucherkreditrichtlinie wird das Spektrum der betroffenen Finanzierungsmodelle deutlich erweitert. Neben klassischen Datenbankauskünften bieten wir auch die Möglichkeit, Girokontodaten in Echtzeit auszuwerten – natürlich nur dann, wenn wir dafür auch die ausdrückliche Zustimmung des Konsumenten erhalten. Damit lässt sich beispielsweise feststellen, wie viel frei verfügbares Einkommen jemand monatlich tatsächlich hat. Diese Informationen können für die Kreditentscheidung relevant sein.

trend: Mehr Bonitätsprüfungen bedeuten auch, dass mehr persönliche Daten verarbeitet werden. Ein Konflikt mit dem Datenschutz?

Da gibt es einen grundsätzlichen Widerspruch in der Gesetzgebung. Auf der einen Seite sollen Konsumentinnen und Konsumenten durch Datenschutzbestimmungen vor einem Missbrauch ihrer Daten geschützt werden. Auf der anderen Seite verpflichtet der Gesetzgeber die Kreditgeber, genau diese Daten zu prüfen. Das macht die Umsetzung nicht einfacher. Ich vergleiche das gerne damit, dass man jemanden auffordert, eine Kiste aufzuschrauben, ihm aber gleichzeitig den Schraubenzieher wegnimmt.

trend: Zurück zu den Konsument:innen: Wer wird die Auswirkungen der neuen Regeln besonders stark spüren?

Menschen mit einem niedrigen oder unregelmäßigen Einkommen sowie einer hohen Vorverschuldung könnten Schwierigkeiten bekommen. Eine sorgfältige Kreditprüfung ersetzt schließlich eines nicht: das passende Einkommen. Kreditgeber könnten aus Angst vor möglichen Sanktionen vorsichtiger agieren und Finanzierungen ablehnen, die bisher noch möglich gewesen wären. Der Schutz soll künftig beginnen, bevor das Geschäft abgeschlossen wird, und nicht erst bei der Schuldnerberatung. Das bedeutet aber auch, dass das Nein zum Kredit früher kommt.

 

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