Götze: „Unser Insolvenzsystem sollten wir nicht leichtfertig opfern“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Artikelbild
 © Anna Rauchenberger

©Anna Rauchenberger
  1. home
  2. Finanzen
  3. Bonität

Privatpersonen und Unternehmen können sich derzeit binnen drei Jahren entschulden. Die Regelung läuft Mitte Juli aus, die politische Entscheidung über eine Verlängerung fehlt noch. KSV1870-Experte Karl-Heinz Götze warnt davor, die kurze Frist für Privatpersonen zu verlängern.

trend

Sie sprechen sich gegen eine Verlängerung der dreijährigen Entschuldungsdauer aus. Ist es nicht unfair, wenn Unternehmen anders behandelt werden als Privatpersonen?

Karl-Heinz Götze

Wir sollten nicht Äpfel und Birnen vergleichen. Unternehmensinsolvenzen und Privatinsolvenzen verfolgen unterschiedliche Ziele. Unternehmer nehmen Schulden auf, um Werte zu schaffen und Arbeitsplätze zu sichern. Bei Privatpersonen geht es in erster Linie um die eigene Lebensführung – etwa um Konsum oder private Anschaffungen. Das sind unterschiedliche wirtschaftliche Rollen. Deshalb halte ich es für schwierig, beides gleichzusetzen.

trend

Die entsprechende EU-Richtlinie sieht aber eine Entschuldung innerhalb von drei Jahren vor. Warum sollte Österreich davon abweichen?

Karl-Heinz Götze

Europa hat sehr unterschiedliche Insolvenzsysteme, und die EU wollte einen Mindeststandard schaffen: Unternehmer sollen spätestens nach drei Jahren eine zweite Chance bekommen. Österreich liegt bereits darunter. Hier können sich Unternehmer in vielen Fällen schon nach zwei Jahren entschulden. Die Empfehlung, auch Privatpersonen eine dreijährige Entschuldung zu ermöglichen, richtet sich vor allem an Länder, die bislang gar keine Privatinsolvenz haben oder wo Verfahren sehr lange dauern. Bei uns wurde die Verkürzung auf drei Jahre während der Pandemie befristet eingeführt – aus Sorge vor einer Privatinsolvenz-Welle. Eingetreten ist diese bis heute nicht.

trend

Was spricht aus Sicht der Gläubiger gegen die drei Jahre?

Karl-Heinz Götze

Unsere Auswertungen zeigen, dass Gläubiger bei einer dreijährigen Entschuldungsdauer bei Abschöpfungsverfahren rund 30 Prozent weniger Geld zurückbekommen als bei fünf Jahren. Das ist wenig überraschend: Wenn ich mehr Zeit habe, um zurückzuzahlen, wird auch die Summe höher. Die Idee des Gesetzgebers war, dass nur „redliche“ Schuldner von den drei Jahren profitieren. Die Einleitungshindernisse sind aber zahnlos. In der Praxis hat das daher kaum Wirkung gezeigt. 97 Prozent der Verfahren endeten nach drei Jahren, nur etwa drei Prozent nach fünf Jahren.

trend

Schuldnerberatungen argumentieren, dass eine schnellere Entschuldung Menschen schneller wieder wirtschaftlich aktiv macht. Warum überzeugt Sie dieses Argument nicht?

Karl-Heinz Götze

Natürlich ist eine zweite Chance wichtig und wir sind auch ein großer Fürsprecher der geregelten Entschuldung. Privatinsolvenzen gibt es in Österreich erst seit rund 30 Jahren, davor hatten überschuldete Menschen kaum Möglichkeiten, sich zu entschulden. Ein wirtschaftlicher Neustart am Wirtschaftsleben ist immer – egal ob nach drei oder fünf Jahren – eine große Herausforderung für die Betroffenen. Somit wäre der Effekt, dass es nach drei Jahren bedeutend einfacher wäre, am Wirtschaftsleben  sofort wieder stark teilzunehmen, relativ begrenzt. Dem gegenüber steht ein spürbarer Verlust für die Gläubiger, also oft für Unternehmen.

trend

Wie könnten sich die Privatinsolvenzen 2026 entwickeln, je nachdem, ob die dreijährige Regelung bleibt oder ausläuft?

Karl-Heinz Götze

Sollte wieder eine fünfjährige Entschuldungsdauer gelten, erwarten wir insgesamt keine großen Veränderungen bei den Fallzahlen. Möglich ist lediglich ein kurzfristiger Effekt: Einige Schuldner könnten versuchen, noch vor Ablauf der Regelung ein Verfahren zu starten, um die drei Jahre zu nutzen. Sollte die dreijährige Entschuldungsdauer bestehen bleiben, ist eine Fortsetzung der Vorjahreszahlen zumindest heuer durchaus realistisch. Wie gesagt, der Hauptunterschied zwischen diesen beiden Optionen wäre vor allem im Bereich der finanziellen Rückflüsse gegeben. Interessant ist ohnehin, dass die Privatinsolvenzen bisher weniger stark gestiegen sind als erwartet – trotz Inflation und steigender Lebenshaltungskosten.

trend

Woran liegt das?

Karl-Heinz Götze

Historisch war es oft so: Wenn die Unternehmensinsolvenzen steigen, folgen die Privatinsolvenzen mit ein bis zwei Jahren Verzögerung. In den letzten Jahren wurden aber die KV-Verhandlungen hoch abgeschlossen und es wurde viel gespart, das heißt viele Betroffene haben mehr Unterstützung von Familie und Freunde bekommen können. 

trend

Was wäre aus Ihrer Sicht ein Kompromiss zwischen den Interessen von Gläubigern und Schuldnern?

Karl-Heinz Götze

Die fünfjährige Entschuldungsdauer wäre aus unserer Sicht ein fairer Ausgleich zwischen den Interessen der Schuldner und der Gläubiger. Österreich hat im internationalen Vergleich bereits ein sehr gut funktionierendes Insolvenzsystem mit relativ hohen Rückzahlungsquoten. Um dieses System werden wir auch international beneidet. Unser Insolvenzsystem sollten wir nicht leichtfertig opfern.

Zur Person

Über die Autoren

Logo
trend. Abo jetzt -30%

Holen Sie sich trend. im Jahresabo und sparen Sie jetzt -30%