
Birgit Perkounig, Partnerin bei TPA Österreich, über Unsicherheit in den Märkten, Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil und warum Unternehmen gerade jetzt nicht auf die Bremse steigen sollten.
TREND: 2025 war wirtschaftlich und politisch sehr unsicher. Wie hat sich diese Stimmung bei den Unternehmen bemerkbar gemacht?
Birgit Perkounig: 2025 war zunächst von großer Vorsicht geprägt. Gegen Ende des Jahres hat sich die Stimmung deutlich aufgehellt, viele Unternehmen haben für 2026 wieder mit Wachstum gerechnet. Das erste Quartal 2026 war tatsächlich sehr positiv. Es gab Investitionspläne und die Erwartung, dass der Turnaround geschafft ist. Mit den jüngsten geopolitischen Entwicklungen hat sich das jedoch wieder verändert. Viele Unternehmen agieren aktuell erneut sehr vorsichtig.
Viele Unternehmen stehen unter Kostendruck. Beobachten Sie aktuell eher einen Rückzug beim Thema Nachhaltigkeit oder ein strategisches Dranbleiben? Unternehmen, die sich bereits intensiver mit Nachhaltigkeit beschäftigt haben, bleiben in der Regel dran. Sie haben erkannt, dass es dabei nicht nur um Regulatorik geht. Wer sich mit Energieverbrauch, Lieferketten oder Ressourcenverfügbarkeit auseinandersetzt, entdeckt oft Potenziale, die weit über ökologische Aspekte hinausgehen. Viele Unternehmen haben dadurch Prozesse verbessert und ihre Organisation widerstandsfähiger gemacht. Unternehmen, die sich bisher noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben, reagieren derzeit oft zurückhaltender, weil sie vor allem auf die kurzfristigen Kosten schauen.
Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, betrachtet nicht nur den Energieverbrauch, sondern hinterfragt Abläufe im gesamten Unternehmen.
Warum sollten Unternehmen gerade jetzt weiter investieren und beim Thema Nachhaltigkeit dranbleiben? Weil die Herausforderungen nicht verschwinden werden. Energiepreise, Ressourcenknappheit oder Lieferkettenrisiken bleiben bestehen. Unternehmen, die sich früh damit auseinandergesetzt haben, verfügen heute über Alternativen und Handlungsspielräume. Gleichzeitig entstehen neue Kooperationen, neue Technologien und neue Möglichkeiten, Ressourcen effizienter zu nutzen. Viele Unternehmen stehen hier erst am Anfang einer Entwicklung, die in den kommenden Jahren noch deutlich an Dynamik gewinnen wird.
Warum macht die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit Unternehmen oft auch abseits ökologischer Fragen stärker? Die größten Vorteile haben Unternehmen, die sich intensiv mit ihren Prozessen auseinandersetzen. Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, betrachtet nicht nur den Energieverbrauch oder einzelne Kennzahlen, sondern hinterfragt Abläufe im gesamten Unternehmen. Dadurch werden Risiken früher erkannt, Alternativen entwickelt und Entscheidungen besser vorbereitet. Das macht Unternehmen langfristig stabiler und widerstandsfähiger.
Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen? Nehmen wir das Thema Papierverbrauch. Auf den ersten Blick geht es darum, weniger zu drucken. Beschäftigt man sich näher damit, landet man rasch bei Fragen der Digitalisierung, Datensicherheit oder Prozessoptimierung. Aus einer vermeintlich kleinen Nachhaltigkeitsmaßnahme entsteht plötzlich ein breiter Blick auf Unternehmensabläufe. Genau diese Auseinandersetzung schafft zusätzliche Stabilität und reduziert Risiken.
Viele Unternehmen sprechen von ESG-Fatigue. Wie gelingt es trotzdem, Nachhaltigkeit wirksam umzusetzen? Wir müssen stärker über die positiven Beispiele sprechen. Nachhaltigkeit darf nicht auf einen 200-Seiten-Bericht reduziert werden. Entscheidend ist, welche Veränderungen daraus entstehen. Oft entwickeln Unternehmen durch die Beschäftigung mit Ressourcen, Kreislaufwirtschaft oder neuen Technologien völlig neue Geschäftsmodelle. Wenn diese Chancen sichtbar werden, nimmt auch die Ermüdung ab.
Formatreihe. Das österreichische Unternehmen Glacier unterstützt Organisationen bei ihrer Nachhaltigkeitstransformation. Gemeinsam mit vier Partnerunternehmen – TPA, Generali, IT-Power Services und Handler – werden 2026 in verschiedenen Formaten Mitarbeitende und Business-Kund:innen weitergebildet sowie unternehmensübergreifender Community-Austausch ermöglicht. Mehr dazu unter: glacier.eco/climate-ranger-academy
Welche Rolle spielen KI und datenbasierte Tools dabei? Einerseits erleichtern sie Analysen und viele Hintergrundarbeiten erheblich. Andererseits entstehen daraus oft neue Ideen und Entwicklungen. Unternehmen setzen sich zunächst mit Nachhaltigkeitsdaten auseinander, erkennen dabei aber häufig Potenziale für neue Produkte, Dienstleistungen oder Absatzwege. Die eigentliche Wirkung geht daher weit über das Reporting hinaus.
Was stimmt Sie trotz aller Unsicherheiten optimistisch? Die Entwicklung lässt sich aus meiner Sicht nicht mehr aufhalten. Nachhaltigkeit findet sich heute in Ausschreibungen, Kundenanforderungen und vielen betrieblichen Entscheidungen wieder. Dazu kommt, dass zahlreiche Maßnahmen mittlerweile selbstverständlich geworden sind. Wer sich nicht nur auf zusätzliche Regulatorik konzentriert, sondern auf den konkreten Nutzen blickt, erkennt schnell die Chancen, die darin liegen.
Welche Rolle spielen dabei Austausch und Community? Eine sehr wichtige. Unternehmerinnen und Unternehmer lernen besonders viel von den Erfahrungen anderer Unternehmen. Wenn erfolgreiche Beispiele sichtbar werden, verbreiten sich gute Lösungen deutlich schneller. Genau hier leisten Community-Formate einen wichtigen Beitrag. Glacier bringt Unternehmen zusammen und schafft einen Rahmen, in dem Erfahrungen geteilt werden können und voneinander gelernt werden kann. Das hilft, neue Entwicklungen schneller in die Breite zu tragen.
Zur Person.
Birgit Perkounig ist Partnerin bei TPA Steuerberatung, Mitglied des Managementteams und am Standort Villach tätig. Sie berät seit vielen Jahren Unternehmen verschiedenster Branchen mit klarem Blick für wirtschaftliche Zusammenhänge und praxisnahe Lösungen. Schwerpunkte: Rechtsformgestaltung, Unternehmensnachfolge, Umsatzsteuer und Payroll. Zudem engagiert sie sich in der Kammer der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen (KSW) und ist im Steering Committee des FH-Kärnten-Lehrgangs „Digital Tax and Accounting“.