„Gesundheit ist Mannschaftssport“

In KOOPERATION MIT SVS
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 © LUKAS ILGNER

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Prävention statt Reparaturmedizin – so will SVS-Obmann Peter Lehner die steigenden Gesundheitskosten in den Griff bekommen. Das entscheidende Instrument, damit diese Operation gelingt: mehr Eigenverantwortung des Einzelnen im Team mit Medizin und Politik.

TREND: Die SVS hat jetzt mit dem „Vorsorgepass“ eine neue Initia­tive gestartet. Was ist die Idee dahinter?

Peter Lehner: Der neue SVS-Vorsorgepass schafft einen Überblick über die individuellen Vorsorgemaßnahmen und -möglichkeiten. Wir haben schon vor Jahren begonnen, Prävention systematisch zu stärken. Der erste Schritt war „Selbständig Gesund“ – also die Möglichkeit, durch gesundheitsbewusstes Verhalten den Selbstbehalt zu reduzieren. Danach haben wir Vorsorge­untersuchungen in den Mittelpunkt ­gestellt, von der Zahnkontrolle bis zum Krebs. Im neuen Vorsorgepass haben wir die zehn wichtigsten Vorsorgemaßnahmen übersichtlich zusammengefasst. Ziel ist, Menschen Orientierung zu geben: Was sollte ich machen? Was habe ich bereits erledigt? Wo gibt es Nachholbedarf?

Ist der Fokus auf Prävention auch eine Antwort auf die steigenden ­Gesundheitskosten?

Das große ­Problem ist die explodierende Inanspruchnahme von Leistungen. Es ­mangelt in immer stärkerem Maße an Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Und das bringt auch ein sehr gut ausgebautes Gesundheitssystem an seine Grenzen.

Was bedeutet das konkret?

Wir wissen, dass über 50 Prozent der chronischen Krankheiten lebensstilbedingt sind. Das heißt, mit dem richtigen ­Lebensstil kann ich gesund bleiben oder gesund werden. Wir brauchen das Selbstverständnis, dass die Menschen sich wieder für ihre Gesundheit und ihre gesunden Lebensjahre selbst verantwortlich fühlen und ihre Gesundheit nicht an den Staat oder die Sozialversicherung „auslagern“. Von dieser „Vollkasko-Mentalität“ in Bezug auf Gesundheit müssen wir dringend wegkommen. Sie ist extrem ungesund, für den Einzelnen und auch das System. Dazu kommt eine geradezu inflationäre Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen.

Ein Beispiel bitte. Es werden wie selbstverständlich Zweit- und Drittmeinungen von Ärzten eingeholt, sofort MRT-Aufnahmen verlangt oder Spezialmedizin eingefordert – oft ohne zu hinterfragen, ob das wirklich notwendig ist. Dahinter steht auch ein gesellschaftliches Problem: Das Solidarprinzip wird nicht mehr so gelebt wie früher. Viele fragen heute zuerst: „Was steht mir zu?“, statt zu fragen: „Was brauche ich wirklich?“

Welche Konsequenzen zieht die SVS daraus?

Für uns ist ganz eindeutig, dass wir mehr Steuerung und mehr Eigenverantwortung brauchen. Gesundheit ist Mannschaftssport. Der wichtigste Spieler im System ist immer der Einzelne selbst. Alle anderen – Ärzte, Sozialversicherung, Politik – können nur unterstützen. Als SVS ist es unsere Strategie, die Menschen dabei zu unterstützen, gesund zu bleiben. Deshalb investieren wir schon seit Jahren gezielt in den Ausbau unserer Vorsorgeangebote, da ist die SVS Vorreiter. Krankheiten durch Früherkennung und Prävention zu vermeiden, ist in jedem Fall besser, als sie hinterher behandeln zu müssen – sowohl für die Lebensqualität des ­Einzelnen als auch für das Gesundheitssystem insgesamt.

Warum muss man Menschen mit 100 Euro dazu animieren, sich um ihre Gesundheit zu kümmern?

Objektiv betrachtet ist das tatsächlich paradox. Denn als Sozialversicherung bezahlen wir die Vorsorgeleistungen ja ohnehin. Trotzdem braucht es offensichtlich diesen Anstoß, damit diese Angebote auch wahrgenommen werden. Unsere Initia­tiven zeigen ja, dass es funktioniert. Die Zahl der Versicherten, die die Programme nutzen, steigt deutlich und bleibt auch hoch, wenn es den direkten finanziellen Anreiz nicht mehr gibt. Und das ist ja das eigentliche Ziel, hier langfristig ein ­Gesundheitsbewusstsein zu schaffen.

Trotzdem bleibt die nachhaltige Finanzierung des Gesundheitssystems ein Thema … Absolut, denn die Kosten steigen überall dynamisch, bei Medikamenten, Spitälern und Arztleistungen. Deshalb setzen wir so stark auf Prävention. Jeder Euro, der in Vorsorge und Früherkennung investiert wird, rentiert sich, davon bin ich überzeugt. Am ­Beispiel von Krebserkrankungen hat das das Wirtschaftsforschungsinstitut Economica ja auch nachgewiesen.

Größte Kritikpunkte am österreichischen Gesundheitssystem sind dessen Ineffizienz und Intransparenz. Zu Recht?

Die Versicherten wissen oft gar nicht, was Leistungen kosten. Deshalb haben wir als SVS ja Selbstbehalte eingeführt. Und dadurch zeigt sich ein erheblicher Unterschied, denn wer Selbstbehalte zahlt, entwickelt automatisch ein stärkeres Kostenbewusstsein. Gleichzeitig fehlt es im System an Transparenz, wo Leistungen effizienter erbracht werden, in der Spitalsambulanz oder im niedergelassenen Bereich.

Sollte der Hausarzt aufgewertet werden?

Wir brauchen ein professionelles Case-Management, der Patient darf nicht allein durch das System irren. Das kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein oder auch eine Community Nurse. Entscheidend bei jeder Form der Steuerung ist, dass sie verbindlich ist. Und es geht um Vertrauen. Menschen brauchen Orientierung und Sicherheit im System, gerade chronisch Kranke.

Große Hoffnungen in Bezug auf ­Effizienz sind mit der Digitalisierung verbunden. Zu Recht oder eine Illusion?

Die medizinische Behandlung bleibt, das ist ganz wichtig, primär eine Interaktion von Mensch zu Mensch. Aber Digitalisierung kann Doppeluntersuchungen vermeiden, Informationen schneller verfügbar machen und so ­Prozesse effizienter gestalten. Allerdings nutzen wir das bisher viel zu wenig. Dass Elga bis heute nicht so funktioniert, wie es möglich wäre, halte ich für ein Armutszeugnis. Um das System zu verbessern, müssen medizinische Daten verfügbar sein. Aber statt über die Möglichkeiten zu sprechen, diskutieren wir über Opt-out-Optionen. Das ist der falsche Weg.

Müssen sich die Versicherten auf Leistungseinschränkungen einstellen?

Wir diskutieren in Österreich zu viel über den Ausbau der Leistungen, während wir gleichzeitig darum kämpfen, den bestehenden Leistungsumfang überhaupt finanzierbar zu halten, das führt in die falsche Richtung. Denn es ist ganz ­eindeutig, dass jeder zusätzliche Ausbau von Leistungen langfristig die Stabilität des Systems gefährdet. Für die SVS kann ich aber sagen: Bis 2030 sehen wir keine Notwendigkeit für Leistungskürzungen. Die SVS ist stabil aufgestellt, auch weil wir über Selbstbehalte eine gewisse ­Steuerung im System haben.

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