
Die von Christian Dorda gegründete Sozietät Dorda feiert dieser Tage ihr 50-jähriges Bestehen. Der nunmehrige Senior Counsel über die große Veränderungen in der Anwaltsbranche – und wohin die Reise für Rechtsanwälte geht.
trend: Die von Ihnen gegründete Kanzlei Dorda feiert 50 Jahre. Wie geht es Ihnen damit?
Christian Dorda: Die 50 Jahre haben sich besser entwickelt, als ich es mir erträumte. Mir geht es daher gut, und ich kann mit meinen Partnern auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken. Dabei kamen mir drei Glücksfälle zugute: Der Aufbau einer sogenannten Law Firm fiel in die Zeit, als Österreich der Europäischen Union beitrat, und das hat damals die Nachfrage nach auslandsorientierter Rechtsberatung stark erhöht. Damals gab es nur wenige Kanzleien in Österreich, die international orientiert waren. Der zweite Glücksfall war, dass ich während meiner Praxiszeit in einer großen New Yorker Law Firm Witterung aufnehmen konnte, wie eine international orientierte Kanzlei auszusehen und aufzutreten habe. Und der dritte Glücksfall war, dass ich die geeigneten Partner für meine Kanzlei, allen voran Walter Brugger und Theresa Jordis, gefunden habe.
trend: 50 Jahre sind auch für eine Anwaltskanzlei eine lange Zeit. Wie lautet das Rezept für diese lange, erfolgreiche Lebensdauer?
Ein Erfolgsrezept liegt sicher in den rechtlichen Spezialisierungen und in der Zusammenarbeit der Spezialistenteams. Das erzeugt Zusammenhalt in der Kanzlei. Bei uns wurden Teamgeist und Fortbildung immer großgeschrieben. Außerdem war mir die Pflege der Auslandskontakte immer wichtig. Hinzu kommt zu all dem freilich die familiäre Unterstützung meiner Frau und meiner beiden Töchter.
trend: Sind Sie noch in der Kanzlei tätig?
Ja, ich habe zwar die formelle Anwaltsbefugnis vor eineinhalb Jahren zurückgelegt und gehe daher nicht mehr zu Gericht, betreue aber als „Senior Legal Counsel“ nach wie vor Mandanten. Mein Arbeitspensum ist etwa ein Viertel von früher, also statt etwa 80 Wochenstunden sind es heute rund 20.
trend: Kennen Sie alle Kanzleimitarbeiter?
Nein, nicht mehr. Wir beschäftigen aber auch über 200 Leute.
trend: Ist das Wachstum der Kanzlei ausgereizt?
Ich glaube, dass das jetzt eine vernünftige Größe ist. Weiteres Standortwachstum in Wien halte ich persönlich nicht für sinnvoll. Die größere Frage ist, ob man im Ausland Standorte hat. Wir haben uns dazu bisher nicht entschlossen. Nicht zuletzt dank technischer Möglichkeiten ist ein eigener Standort im Ausland nicht mehr so wichtig. Wir setzen da mehr auf ein untereinander eingespieltes Netzwerk mit lokalen Kanzleien, die ähnlich wie wir arbeiten – unser sogenanntes „Best Friends Network“. Aber das kann sich natürlich ändern. Überhaupt erleben wir eine Europäisierung der Rechtsordnung, und daher wird etwa die Frage, ob man eine österreichische oder deutsche Kanzlei ist, nicht mehr ganz so wichtig sein.
trend: Aber gerade in Osteuropa erleben wir jetzt viel mehr Wachstum als in Österreich. Wäre es nicht gut, als Anwaltskanzlei vor Ort zu sein?
Ich bin mir nicht so sicher, ob jene Kanzleien, die – mit naturgemäß kleinen Einheiten – vor Ort sind, heute in einer guten Wettbewerbsposition sind. Ich glaube, dass die dortigen Firmen lieber zu größeren lokalen Kanzleien wie zum Beispiel zu unseren Best Friends vor Ort gehen.
trend: Wie erleben Sie heute die Konkurrenz unter den Anwaltskanzleien in Österreich?
In den 90er-Jahren wussten wir gar nicht, wohin mit den Mandanten, die aus dem Ausland in Österreich investieren wollten. Seit dem Jahr 2000 gibt es sehr viele junge Kanzleien, die auch internationale Mandate betreuen. Seitdem herrscht ein fühlbarer, aber gesunder Wettbewerb am Markt. Dieser äußert sich in „Pitches“, also in der von prospektiven Klienten an führende Wiener Kanzleien gerichtete Einladung, sich um ein solches vom Ausland kommendes Mandat zu bewerben, so typischerweise beim Kauf eines bestehenden österreichischen Unternehmens.
trend: Es drängen immer öfter Kanzleien aus dem angloamerikanischen Raum auf den Markt. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Das erhöht den Wettbewerb und die Wachsamkeit. Ich habe früher öfter Anfragen von großen ausländischen Law Firms bekommen, die unsere Kanzlei bei sich eingliedern, diese gewissermaßen kaufen wollten. Wir haben das damals abgelehnt, weil wir bereits relativ groß waren. Je größer man ist, desto mehr verliert man durch den Beitritt zu einer größeren Einheit die zahlreichen anderen Kontakte. Ich glaube, wir hätten mehr verloren als wir durch eine Eingliederung gewonnen hätten.
trend: Haben Sie den Eindruck, an der Einstellung der Junganwälte zur Arbeit hat sich in den letzten 50 Jahren etwas verändert?
Wir achten in der Kanzlei schon darauf, dass unsere Junganwälte und Konzipienten vollen Arbeitseinsatz liefern wollen und auch können. Die viel zitierte Work-Life-Balance spielt meines Erachtens aber eine größere Rolle als früher, und wir tragen dem – neben dem Anspruch, exzellente Anwälte auszubilden – durch optimale Rahmenbedingungen Rechnung. Die Frage, ob man den einen oder anderen Tag frei nehmen kann oder ein Sabbatical nimmt, stellt sich eben heute öfter, und das ist bei der hohen Arbeitsbelastung verständlich.
trend: In diesen 50 Jahren hat sich technisch viel getan. Wie hat sich das auf Ihren Beruf ausgewirkt?
In Zukunft wird neben Spezialisierung und Kontaktpflege die entsprechende technische Ausstattung der Kanzlei immer wichtiger werden.
trend: Nutzen Sie selbst KI?
KI ist in der Kanzlei natürlich in diversen Funktionen und Programmen integriert. Bei der rechtlichen Recherche spielt sie jedenfalls eine große Rolle. Mich interessieren technische Entwicklungen überhaupt sehr. Ich wollte ursprünglich eigentlich Physik studieren.
trend: Halten Sie KI für eine gute Entwicklung?
Grundsätzlich ja, weil sie eine unglaubliche Produktivitätssteigerung mit sich bringt. Aber man wird ganz allgemein Kontrolle über Einsatz und Anwendung von KI behalten müssen. Bisweilen sind wir mit halbfertigen Schriftsätzen oder Verträgen von Rechtsabteilungen konfrontiert, die bei unseren Klienten – sozusagen versuchsweise – mittels KI erstellt wurden. Das kann im Endeffekt sogar Mehrarbeit verursachen.
trend: Besonders groß ist die Sorge bei Ihren jüngeren Kollegen, dass sie durch die KI ersetzt werden können. Beschäftigen Sie auch weniger Konzipienten?
Als Tendenz mag das stimmen, und Wirtschaftskanzleien unseres Zuschnitts werden künftig im Vergleich zur Zahl der Rechtsanwälte wohl weniger Schreibkräfte und Konzipienten benötigen. Aber die Zahl geht keinesfalls dramatisch zurück. Wir streben an, solche Mitarbeiter dann eben an qualifiziertere Tätigkeiten heranzuführen.
trend: Aber Sie machen sich keine Sorgen, dass Ihr Berufsstand aussterben könnte?
Nein. Gerade bei einer Wirtschaftskanzlei gehört ja mehr dazu als die reine Kenntnis der Rechtsgebiete. Wir produzieren ja nicht eine rechtliche Stellungnahme und schicken die Klienten dann weg, sondern wir erarbeiten mit ihnen Strategien, die auch Branchenkenntnis erfordern. Deshalb war mir auch immer wichtig, unser Schriftgut aus der Empfängerperspektive zu betrachten, es muss also unserem Motto „Clarity“ gemäß klar und gut verständlich sein.
trend: Bei Dorda scheint der Generationswechsel, anders als in anderen Großkanzleien, gut geklappt zu haben. Woran liegt das?
Als ich vor etwa zwölf Jahren aus dem Kanzleimanagement ausschied, habe ich mir vorgenommen, mehr zuzuhören und im Zweifel der Meinung der anderen den Vortritt zu lassen. Ich habe mich also bewusst zurückgenommen. Wahrscheinlich sieht man mich deshalb in der Kanzlei, glaube ich, immer noch ganz gerne.
trend: Wohin wird sich Ihre Arbeit in den nächsten Jahren entwickeln?
Ich gehe davon aus, dass die Europäisierung, wie eingangs erwähnt, weiter voranschreiten wird, man denke nur an Stichworte wie die Lieferketten-, Abfall-oder Entgelttransparenzrichtlinie oder Entwaldungsverordnung et cetera. Der Anwaltsmarkt wird nicht zuletzt deshalb auch weniger stark national abgegrenzt sein.
trend: Aber nimmt der Nationalismus in der EU nicht immer stärker zu?
Ich wurde von meinen Eltern zu einem „Global Citizen“ erzogen. Dass ich jetzt eine politische Tendenz erlebe, die in Richtung Nationalismus geht, ist für mich befremdlich. Ich erkläre mir das damit, dass die Globalisierung auch Angst erzeugt, hoffe aber, dass sich das Pendel wieder in die andere Richtung bewegen wird. Ich hätte auch nichts gegen eine einheitliche europäische Staatsbürgerschaft und einen einheitlichen europäischen Pass einzuwenden.
trend: Hemmt die EU mit überbordenden Gesetzen nicht die Wirtschaft?
Sie müsste tatsächlich deregulieren. Aber ich bin überzeugt, die EU würde einen besseren Job machen, wenn sie verfassungsrechtlich gestärkt würde und damit neben größeren Befugnissen auch größere Verantwortung für ihre Arbeit hätte. Man sollte mehr Souveränität, zulasten der nationalen Kleinkrämerei, an die EU abgeben.
Zur Person
Christian Dorda, 78, hat vor 50 Jahren die Anwaltskanzlei Dorda gegründet, die heute mit mehr als 100 Juristen und 200 Mitarbeitern zu den größten und erfolgreichsten Kanzleien des Landes gehören. Der frühere M&A-Experte ist heute immer noch in der Kanzlei und als Schiedsrichter tätig.
Das Interview ist im trend.PREMIUM vom 25. September 2026 erschienen.