Prächtiges Ambiente für eine kurzweilige, pointierte Diskussion: Brown Bag Lunch mit Gernot Wagner am EFA 26.
©Bernhard EckerKlimaökonom Gernot Wagner am EFA bei einem Brown Bag Lunch mit dem trend: „Wir sollten mehr Fünf-Jahres-Pläne machen.“
Unten im Dorf zogen junge Klimastreikende lautstark durch Alpbach, oben in der Loggia über dem Konferenzzentrum sinnierte Gernot Wagner, 36, wie man auf Basis ökonomischer Fakten die Klimawende in Europa und Österreich wieder voran treiben könnte: Der Klimaökonom, der an der Columbia Business School in New York lehrt, war Diskussionspartner von trend-Redakteurin Paula-Marie Pucker beim Brown Bag Lunch am European Forum Alpbach.
Nach einem Sommer, dessen Hitze laut dem Wissenschaftler Europa ein Prozent Wirtschaftswachstum gekostet hat, gibt es leichten klimapolitischen Aufwind. „Wir sollten uns keine Illusionen machen, dass zeit unseres Lebens das Klima besser wird", so Wagner, „aber wir sollten zumindest daran arbeiten, dass es nicht schlechter wird."
Statt über den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit als Folge übertriebenen Klimaschutzes zu klagen, empfiehlt der gebürtige Niederösterreicher europäischen und österreichischen Politikern, sich umzusehen, was in den letzten zehn Jahren weltweit passiert ist. Nicht nur China hat beeindruckende Fortschritte beim Umstieg auf erneuerbare Energien hingelegt, sondern auch US-Bundesstaaten wie das republikanisch regierte Texas. An sonnigen Tagen würden dort inzwischen 60 Prozent des Strombedarfs aus PV-Strom abgedeckt, 20 Prozent aus Windkraft und je 10 Prozent aus Kohle- und Kernkraftwerken. Der Grund: PV sei inzwischen so billig, dass jeder, der rechnen kann, über ideologische Schatten springt.
China wiederum mache weniger Klima- als ganz einfach wirkmächtige Industriepolitik: In der Herstellung erst von Solarmodulen, dann von Batterien, dann von Elektroautos sei die Volksrepublik führend geworden. Motto: Wenn schon Subventionen, dann richtig. Denn europäische Einzelaktionen wie die Subventionen für die Brennstoffzellen-Entwicklung bei BMW, zu der allein der Freistaat Bayern 82 Millionen Euro beisteuert, folgten keinem ersichtlichen Plan: „Niemand hält das für eine gute Idee." Deshalb „sollten wir ein bisschen mehr 5-Jahres-Pläne machen", so Wagner.
Für Österreich hält der gebürtige Amstettner die Klimaziele der türkis-blauen Regierung von 2017 - 100 Prozent Erneuerbare bis 2030 („Und das noch vor Leonore Gewessler!") - weiterhin für wünschenswert. Doch statt immer nur auf die Politik zu warten, plädiert er für das Machbare. Was finanzierbar sei, solle gebaut werden, Energiemeinschaften seien ein guter Hebel. Den Weg der Voestalpine für grünen Stahl erachtet er als weniger zielführend als jenen von Stegra, aus dem vormaligen Vorzeige-Startup H2 Green Steel hervor gegangen, in Nordschweden.
Dass sich Ökologie und Pragmatismus ebensowenig widersprechen wie Faktenbasiertheit und Showqualitäten, wurde kurz vor Ende auch optisch klar: Wagner zog seinen US-amerikanischen und seinen österreichischen Reisepass aus der Hosentasche und platzierte sie auf dem Moderationstisch in der Loggia.