
(v.l.) Martin Ohneberg (Henn Group), Alexander Moser-Parapatits (AMAG) und Jesús Crespo Cuaresma (WU Wien)
©Sabine KlimptFür die Energiewende braucht es mehr als CO₂-Preise: Neue Analysen zeigen, dass Innovationen entscheidend sind, um Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs zu sichern.
Am Donnerstag wurden in Wien von der privatwirtschaftlichen Forschungsinitiative Xplore neue Modellrechnungen präsentiert, die die Wirksamkeit von Klimamaßnahmen aufzeigen. Studienmitautor Professor Jesús Crespo Cuaresma fasste die wichtigsten Ergebnisse in einem 35-seitigen Klimaplan zusammen: „Die Energiewende ist nicht nur eine ökologische Herausforderung, sondern vor allem eine ökonomische Gestaltungsaufgabe,“ sagt der Professor für Volkswirtschaftslehre an der WU Wien. „Unsere Analysen zeigen, dass Innovation maßgeblich darüber entscheidet, ob die Transformation zu einer Belastung oder zu einer Chance für den Wirtschaftsstandort wird. Je früher wir Innovationen fördern und in die Breite bringen, desto geringer fallen die gesamtwirtschaftlichen Kosten aus“, sagt der Forscher.
Crespo Cuaresma hat dafür unterschiedliche Szenarien gerechnet und kommt im Kern zu dem Schluss, dass die österreichische Klimapolitik bislang „viel Ambition, aber wenig Erfolg“ zeige. Das zentrale Instrument der CO₂-Bepreisung allein sei zu wenig, so der Professor, der „mehr kohärente und langfristige Maßnahmen“ fordert. In seinen Modellrechnungen hat er die Wirksamkeit dreier Szenarien berechnet - und ihre Kosten für den Standort: keine Klimapolitik, Klimapolitik nach aktuellen Maßgaben sowie eine innovationsgetriebene Klimapolitik.
Sein Resümée: Ohne technologischen Fortschritt müssten die CO₂-Preise nahezu verzehnfacht werden, um die Klimaziele zu erreichen. Die Energiepreise würden bis 2040 um rund 65 Prozent steigen, während das reale Bruttoinlandsprodukt langfristig um 7,7 Prozent sinken würde. Mit gezielter Innovationsförderung würde sich dieser Anpassungsdruck erheblich reduzieren – die Energiepreise würden dann auf vergleichsweise niedrigere 31 Prozent steigen, während der langfristige Rückgang des Bruttoinlandsprodukts auf etwa 2,9 Prozent begrenzt werden könnte.
Der Forscher warnt vor einer Klimapolitik, die allein auf steigende CO₂-Preise setzt. Erst die Kombination aus Innovation, Infrastrukturinvestitionen und langfristig planbaren Rahmenbedingungen mache die Energiewende wirtschaftlich tragfähig. Den größten Einfluss auf Kosten und Wettbewerbsfähigkeit haben laut Crespo Cuaresma Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz, Produktivitätssteigerungen bei erneuerbaren Energien sowie die Skalierung von Technologien für negative Emissionen. „Österreich kann Klimaneutralität erreichen, ohne Wachstum und Wohlstand dauerhaft zu gefährden. Voraussetzung ist ein Strategiewechsel, weg von fragmentierten Einzelmaßnahmen, hin zu einer konsistenten Klimapolitik, die Innovation in den Mittelpunkt stellt. Andernfalls werden nicht nur die Klimaziele verfehlt, sondern langfristig auch die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft geschwächt“, sagt Crespo Cuaresma.
Der bei der Präsentation anwesende Vorarlberger Industrielle Martin Ohneberg, CEO der Henn Group, kommentierte die Ergebnisse so: „Ich unterstütze natürlich die Klimaziele. Aber wir müssen endlich aufhören, den Erfolg der Energiewende an neuen Gesetzen zu messen. Entscheidend ist nicht, wie viele Vorschriften wir beschließen, sondern wie viele Innovationen wir hervorbringen. Europa wird den Klimawandel nicht mit Bürokratie lösen, sondern mit Ingenieurskunst, Unternehmertum und Kapital. Genau das bestätigt auch dieser Klimaplan.“ Ähnlich sah das der Strategie- und Innovationsvorstand der AMAG, Alexander Moser-Parapatits: „Der Klimaplan macht deutlich, dass Innovation der maßgebliche Faktor für eine leistbare Energiewende ist. Für uns ist entscheidend, dass ambitionierte Klimaziele nur dann erfolgreich umgesetzt werden können, wenn sie mit realistischen Vorgaben, planbaren politischen Rahmenbedingungen sowie einem raschen Ausbau von Energie‑ und Infrastruktur einhergehen.”
Fünf Handlungsempfehlungen
In dem Forschungspapier werden fünf Empfehlungen formuliert:
Eine erhöhte Planbarkeit durch Formulierung von Zwischenzielen (2030/2035) bis zur Erreichung der Klimaneutralität: Formulierung langfristiger Emissionsreduktionspfade für alle Sektoren und Etablieren eines Monitorings, um Abweichungen vom Zielpfad frühzeitig zu erkennen und Nachschärfungen einzuleiten.
Die Innovation bei Energieeffizienz, Erneuerbaren und CO₂-Speicherung sollte gezielt und ausreichend gefördert werden, Expertise und Know-how ist in österreichischen Unternehmen stark vorhanden.
Eine Infrastruktur- und Genehmigungsoffensive soll die physischen Grundlagen der Transformation – Stromnetze, Energieerzeugung/-speicherung, Wärmenetze etc. – konsequenter schaffen, mit beschleunigten Genehmigungsverfahren, koordinierten Netzausbauplänen, Ausbaupfaden für öffentliche und private Ladeinfrastrukturen.
Verlässlich planbare CO₂-Kosten mit Transformationsunterstützung für private Haushalte und Industrie: Die CO₂-Bepreisung ist das zentrale Steuerungselement für die Transformation. Diese muss planbar und gleichzeitig sozial verträglich sein. In energieintensive Branchen sollte auf den Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit geachtet, um Abwanderung („Carbon leakage“) zu vermeiden.
Eine Klare „Klima-Governance“ sollte Regulatorik, Förderungen/Anreize und öffentliche Investitionen abstimmen, die sich an internationalen Best-practice-Beispielen orientieren.
Die Forschungsinitiative Xplore
Gestartet wurde die private Forschungsinitiative Xplore im Jahr 2020, um praxisnahe Forschung für die Wirtschaft zu fördern und Projekte zu unterstützen, die den Wirtschaftsstandort stärken: Aktuell werden 16 Forschende an vier Instituten unterstützt. Ins Leben gerufen und finanziert wird die Initiative vom Industriellen Michael Tojner und der B&C-Privatstiftung.
