Was Ivan Krastev und Thomas Arnoldner Europa raten

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 © Andrei Pungovschi

Ivan Krastev, 61, ist ein Politologe aus Bulgarien, der u. a. Kuratoriumsmitglied der Erste Stiftung ist und für die „New York Times" Analysen verfasst.

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Politikwissenschaftler Ivan Krastev und der designierte Öbag-Chef Thomas Arnoldner sind sich einig: Europa fehlt es an Speed, Risikobereitschaft, und das eigene Geld wird in den USA investiert.

Auf die Frage, wie Europa gewinnen kann, die über dem diesjährigen Europäischen Forum Alpbach schwebte, hat Ivan Krastev eine überraschende Antwort: indem wir uns trauen, mehr zu wetten. „Wenn du glaubst, dass es morgen anders sein wird als heute, musst du als politischer Führer oder Unternehmer entscheiden, worauf du setzt. Wenn du falschliegst, ist das immer noch besser, als zu warten und nichts zu tun“, sagte der bekannte bulgarische Politologe, der auch in Wien lehrt, beim trend-Gespräch gemeinsamen mit dem noch A1-Vize-CEO und designierten Öbag-Chef Thomas Arnoldner in den Tiroler Bergen.

Unbestritten für Krastev ist, dass es die EU braucht, wenn wir in der Welt wettbewerbsfähig sein wollen. Weil gleichzeitig aber die Fragmentierung der politischen Landschaft voranschreitet, zieht er aber den Schluss, „dass es unrealistisch ist, zu glauben, man müsse immer gemeinsam agieren. Schweden, Finnland und Polen schauen zum Beispiel ganz anders auf den Ukrainekrieg als Spanien oder Portugal. Wenn jeder bei allem an Bord sein soll, hast du immer suboptimale Lösungen.“

Man müsse nicht warten, bis jeder einzelne EU-Staat einer Kapitalunion zustimmt. „Es reicht eine kritische Masse an Ländern, die vorangehen. Wenn es funktioniert, werden sich andere anschließen. Jedes Land soll Projekte pushen, die zu Hause populär sind, und in einer sich rasant bewegenden Welt viel risiko- und experimentierfreudiger agieren können. Die EU-Kommission sollte dabei der Koordinator sein. Bislang wurde das immer als großes Risiko gesehen, wäre aber aus meiner Sicht eine große Chance, die Energien freisetzen und internen Wettbewerb schaffen kann.“

Der Manager Arnoldner pflichtet dem Wissenschaftler bei: „Der größte Mangel Europas ist Geschwindigkeit, bei technologischer Innovation und auch bei politischen Entscheidungen. Speed ist die neue Währung – auf den Märkten und geopolitisch. Europa muss seine Institutionen reformieren. Ich halte etwa die EU-Erweiterung für alternativlos, sie birgt allerdings die Gefahr, noch langsamer zu werden. Deswegen muss man zu neuen politische Mechanismen finden.“

Wo Europa Speed verliert

Beim alles überstrahlenden Thema AI betragen dem A1-Vorstand zufolge die Entwicklungszyklen in China und den USA ein paar Wochen, „während Europa bei Regulierungen in Jahren denkt. Wir sind in den westeuropäischen Demokratien plötzliche fundamentale Transformationen nicht gewohnt. Darum sehen wir nicht, wie groß die Welle ist, in der wir uns befinden. Aber es ist zu spät, das zu erkennen, wenn sie uns überrollt hat. In Bezug auf Technologie und digitale Infrastruktur habe ich die Sorge, dass wir wie bei der Abhängigkeit von russischem Gas erst reagieren, wenn der Schmerz groß genug ist. Wahrscheinlich ist es schon zu spät, große KI-Modelle zu entwickeln. Aber wir hätten jetzt noch Möglichkeiten: etwa durch eine europäische Cloud die Kontrolle über unsere kritischen Daten wiederzuerlangen, durch den Bau eigener digitaler Infrastrukturen die Resilienz zu erhöhen oder durch unsere Fähigkeit, in Netzwerken zu denken, digitale AI mit physischen Gütern zu verbinden – im Sinne von Industrial AI. Wir könnten kleinere KI-Modelle bauen und sie mit unseren Erfahrungen in der Industrie, bei Dienstleistungen, im Gesundheits- und Bildungssektor kombinieren, müssen dafür aber definitiv schneller werden.“

Europa unter Strom

Ivan Krastev bemüht dazu einen Vergleich: „Die Amerikaner haben einen riesigen Vorteil bei Rüstungstechnologien, sind aber durch billige Drohnen der Iraner trotzdem verwundbar. Das heißt: Auch Europa kann in vielen Feldern mit kleineren, maßgeschneiderten Projekten erfolgreich sein. Es gibt nicht die eine Strategie, die alle unsere Probleme löst.“ Ein wichtiges Asset betont den Vordenker: „Europa ist der größte Strommarkt der Welt. Wenn wir die Infrastruktur schaffen, die eine einfache Umwandlung von Strom in Rechenleistung erlaubt, haben wir viel gewonnen. In jedem Fall sollten wir totale Kontrolle über unseren Elektrizitäts- und Computing-Markt haben. Den Gegnern von Datencentern ist klarzumachen, dass diese Teil der Souveränität sind.“

Und weil selbst Deutschland und Frankreich mittlerweile Nobodys sind, müsse man größer denken: „Es geht um Skalierung. Die EU-Wettbewerbsregeln sollen Monopole verhindern, aber sie behindern, dass Unternehmen entstehen, die sich global behaupten können – und dass sich große Ökosysteme bilden. Durch die Fragmentierung Europas haben wir ja gelernt, Netzwerke zu bilden, Komplexität zu managen. Wir sollten das in einen Vorteil ummünzen. Politisch bin ich kein Freund von Elon Musk, aber die Dimensionen, in denen er agiert, sind beeindruckend. Er wird seine Raketen für Datencenter im Weltraum nutzen.“

Womit sich der Kreis zum Kapitalmarkt schließt: „Bliebe unser Geld hier, könnte man viele gute Ideen am eigenen Kontinent anstatt den Fortschritt der USA finanzieren“, meint Krastev und gibt damit Thomas Arnoldner ein Stichwort: „Wir sind innovativ. Aber wir sind nicht gut, aus kleinen Ideen große Konzerne zu machen. Das Geld dafür wäre da, aber die Europäer selbst glauben offenbar, dass sie woanders bessere Renditen kriegen. Und das liegt nicht nur an der fehlenden Kapitalmarktunion. Was viel zu wenig diskutiert wird: Ist der Business Case attraktiv genug? Zum Beispiel ist es derzeit nicht attraktiv, in Österreich in Glasfaserinfrastruktur zu investieren. Stattdessen fließt öffentliches Geld, was aber nicht funktioniert. Mit zwei Milliarden Euro für den Breitbandausbau wurden so nicht einmal zehn Prozent der Haushalte angeschlossen. Solange wir nur darüber reden, wie wir große Unternehmen besteuern und ihre Profite beschneiden, werden Investoren die USA bevorzugen. Das ist für mich der Schlüssel für Veränderungen. Wir müssten nur umsetzen, was seit vielen Jahren diskutiert wird.“

Obwohl Ivan Krastev über sich sagt, nicht für übertriebenen Optimismus bekannt zu sein, sieht er letztlich auch einiges, was für Europa spricht. Und äußert durchaus Überraschendes: „CEOs von großen Technologiekonzernen sagen mir, dass 20 Prozent der Jobs innerhalb von bis sieben Jahren verloren gehen werden. Behalten sie recht, haben die Europäer plötzlich einen Vorteil, an den nie wer gedacht hat: Wir wissen besser als Amerikaner, was wir tun können, wenn wir nicht arbeiten. Das ist keine Kleinigkeit. Einen Sinn des Lebens abseits der Arbeit zu finden, wird eine große Aufgabe, wenn KI einen Großteil des BIP produziert. Anderenfalls droht die Zerstörung des sozialen Gefüges.“

Exzessiver Reichtum

Ein weiterer Aspekt: „In den USA wurde eine kleine Zahl von Personen exzessiv reich und mächtig. Fünf oder sechs Menschen sind stärker als viele der Staaten. Wir können ein anderes System probieren, das es kleinen und mittleren Unternehmen erlaubt, schneller und leichter zu wachsen – und in dem es sich angenehmer leben lässt. Wenn du keine andere Option mehr hast, musst du die Dinge angehen. Das ist meine Hoffnung. Ich glaube, langsam wird den Europäern klar, dass sich der Status quo, an dem wir festgehalten haben, weil er gut war für uns, nicht aufrechterhalten lässt. Und das ist neu.“

Ein dritter Punkt: „Wenn immer mehr Wertschöpfung von KI geschaffen wird, kannst du schwer vorrangig Menschen besteuern. Auch die US-Tech-Giganten bekommen deshalb schön langsam Probleme im eigenen Land. Wir sollten ihnen klarmachen, dass sie auch Europa brauchen, und in der Regulierung smarte Koalitionen mit der amerikanischen ­Gesellschaft schmieden.“

Fazit: „Wir müssen uns die Zukunft vorstellen und auf Wahrscheinlichkeiten setzen. Das kann sehr gut, aber auch in die Hose gehen.“

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 25. September 2026 erschienen

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