Woher der Strom in Zukunft kommen soll

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 © WERNER KERSCHBAUMMAYR, FOTOKERSCHI

Der erste von zehn „Trafoschenkeln" von Siemens für das APG-Umspannwerk in Kronstorf.

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Neuerdings buhlen auch Rechenzentren, Batteriespeicher und grüner Wasserstoff um begrenzte Kapazitäten im Stromnetz. Das überrumpelt die E-Wirtschaft, die bereits mit ihrem volatilen Grünstromgeschäft kämpft.

Über 18 Jahre gab es nur Gerüchte. Heuer beendeten die zuständige Regionaldirektorin von Google, Christine Antlanger-Winter, und Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer mit einem Spatenstich in Kronstorf alle Spekulationen: Das 37. Rechenzentrum des US-Technologieriesen, eine wirtschaftliche Schlüsselinvestition, ein Signal für die Digitalisierung – und ein PR-Termin mit Nebenwirkungen.

Denn seither steht Kronstorf auch für die sehr analoge Frage: Woher kommen die Ressourcen für Großprojekte dieser Art? Haben doch zuletzt auffällig viele andere stromhungrige Großverbraucher Bedarf angemeldet, nicht nur weitere Rechenzentren, auch Batteriespeicher, Wasserstoffanlagen, Ladeparks. Zusammen mit neuen Wind- und PV-Projekten geht es schon um zusätzlich bis zu 30.000 Megawatt (MW) Stromleistung, etwa das Dreifache des Maximalbedarfs von ganz Österreich. Nicht alle Projekte werden verwirklicht – doch schon die Aussicht macht die Strompläne Österreichs zur Makulatur. Gerhard Christiner, Chef des Hochspannungsnetzbetreibers APG: „Wir haben keine Angst vor großen Strommengen. Aber die 30.000 MW schaffen wir im Bestandsnetz nicht, auch wenn nicht alle Projekte und schon gar nicht alle gleichzeitig realisiert werden. Eine Adaption unserer Netzentwicklungspläne ist unerlässlich.“

Googles Stromhunger

Dass Rechenzentren viel Energie benötigen, ist nicht neu. Doch mit einem bekannten Technologiekonzern und einer Immobilie vor der Haustür wird der Zusammenhang zwischen KI-Prompts und Stromversorgung so richtig begreifbar. Die Mengen sind dabei noch das vergleichsweise kleinere Problem, die lassen sich europaweit ordern. Jetzt geht es um Anschlussstärke (Leistung), Infrastruktur, die jetzt für Jahrzehnte eingerichtet wird.

Und es offenbart ein in der E-Wirtschaft nur zu gut bekanntes Dilemma: In einer trend-Umfrage im Sommer sprach sich die Mehrheit zwar für eine Ansiedelung von Rechenzentren in Österreich aus, in der unmittelbaren Nachbarschaft wollen es die Befragten aber nicht oder nur unter strengen Umweltauflagen.

Man ist misstrauisch, denn langsam wird mehr über die Goldgräberstimmung in der Datacenterbranche bekannt. Dass Norbert Haslauer, der Geschäftsführer von Netz Oberösterreich, die Anfragen jüngst auf rund 6.000 MW schätzte – statt 500, wie bisher vom Branchenverband kommuniziert –, fachte die Diskussion richtig an.

Stefan Wala von der Kommunalkredit: „Viele kommen etwa aus der Logistikbranche, haben eine Fläche, einen Netzanschluss in der Nähe, aber oft keinen wirklich definierten Businessplan“, sagt der Banker. Seit mehr als zwei Jahren präsentieren ambitionierte Unternehmer ihm ihre Konzepte. „Neben der Breitband- bzw. Glasfaseranbindung ist die zeitnahe Stromversorgung das Hauptthema, zumal wir in vielen europäischen Ländern ein Problem haben, den benötigten Strom überhaupt stabil ins Netz zu bringen. Da ist oft der Bottleneck.“

Batterie als Energiemaschine

Was die Lage prekär macht: Einen ähnlichen Goldrausch erleben gerade die Batteriespeicher. Sie gelten als neues Wundermittel gegen den schwankenden Stromertrag aus dem allzu schnellen Ausbau von Windkraft und PV, wenig kompatibel zum trägen Verbrauch. Batteriespeicher könnten Überschüsse und Mangel kurzfristig ausgleichen, beides benötigt aber hohe Netzkapazitäten.

Die Leistungen der Anlagen derzeit liegen im hohen zweistelligen MW-Bereich, etwa der 70-MW-Batteriepark am Energieknoten Theiß der niederösterreichischen EVN. Doch große heimische Entwickler rechnen schon in Größenordnungen, die Kronstorf übertreffen.

Auch hier explodieren die gesammelten Anfragen potenzieller Betreiber, man liegt bei 16.000 MW. Christiner: „Die rennen uns die Türe ein. Nicht umsonst schreiben Medien bereits davon, dass die Netzkapazitäten das neue Gold der EWirtschaft sind. Fix ist aber auch: Wir bauen sicher keine extra 380-kV-Leitung irgendwohin, wo ein Betreiber unkoordiniert ein Rechenzentrum hinstellen will, sondern verfolgen immer einen gesamthaften Systemnutzen.“

Wasserstoff für Stromträume

Doch das ist noch lange nicht alles, was an neuen Leistungsanfragen auf die Netzbetreiber zukommt. Der dritte große Block sind Wasserstoff projekte, ebenfalls ein Teil der österreichischen Energietransformation. Auch hier kämpfen Betreiber um Standorte, denn wie Batterien und Rechenzentren hängt auch ihre Funktion an einem Stromanschluss mit hohem Leistungsvermögen.

Als Lieferant für Prozessenergie und Energiespeicher hat die Technologie dabei einen doppelten Nutzen. Unter hohem, möglichst erneuerbarem Stromaufwand zerlegt ein sogenannter Elektrolyseur Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Der Prozess lässt sich auch umdrehen, dann kann man – vorläufig unter beträchtlichen Verlusten – aus Wasserstoff wieder Strom erzeugen und zurückspeisen. Damit könnte, so die Theorie, Strom über längeren Zeitraum jahreszeitlich gespeichert werden. Die Netzbelastung steht der eines Hyperscale-Datacenterprojekts wie das von Google keineswegs nach. Auf 140 MW ist etwa die Wasserstoff anlage in Bruck/Leitha dimensioniert, die die OMV für den eigenen Bedarf in der Raffinerie derzeit errichtet.

Was die Sache noch komplexer macht: Zusätzlich brauchen Wasserstoffbetreiber auch noch Gasinfrastruktur, sagt Stefan Pestl, Sprecher des Gasspeicherbetreibers RAG, der mit dem Wasserstoffprojekt Energy Valley Gampern bereits konkrete Lösungen zeigt, Gas- und Stromnetze miteinander zu verbinden. Er sieht dabei Versäumnisse bei der bisherigen Planung: „Die einseitige Betrachtung von Strommengen auf einer rein bilanziellen Jahresbasis führt zwangsläufig zu Fehlentwicklungen, die sich durch billige Stromverkäufe im Sommer und teure Zukäufe im Winter volkswirtschaftlich bemerkbar machen.“

Überlastetes Stromsystem

Tatsächlich sind die Stromnetzbetreiber schon unabhängig von den neuen Stromfressern mit der Integration neuer PV- und Windkraftwerke sowie neuer Nachfrager wie Elektroautos und Wärmepumpen mehr als beschäftigt. Just die neuen Erneuerbaren-Kraftwerke brauchen zusätzliche enorme Leitungskapazitäten für die Einspeisung, bei 12.000 MW stehen die Anfragen derzeit, sagt die APG.

Wie der Netzzugang geregelt werden soll, ist bislang kaum geklärt. Das halbe Dutzend neuer Strom- und Netzausbaugesetze hatten Rechenzentren oder Batteriespeicher bislang kaum berücksichtigt. Die Befürchtung, dass durch fehlende Steuerung Ressourcen-Blockaden entstehen, ist groß. Erst langsam wird klar, dass es schnell einen einheitlichen Rahmen brauche, der mehr enthält als nur die Bestätigung, dass Rechenzentren kritische Infrastruktur darstellen wie etwa in der Industriestrategie Österreich 2035 oder der Ausbau erneuerbarer Kraftwerke ein vorrangiges öffentliches Interesse ist (Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz, EABG).

Wagemut zur Lücke

Was fehlt sind die konkreten Regularien oder Priorisierungen dazu oder gar eine nationale Rechenzentrumsstrategie, wie sie Frankreich, Großbritannien, Norwegen, Finnland und seit dem Frühjahr auch Deutschland haben. Hinter den Kulissen wird laut dem Büro des Digitalisierungsstaatsekretärs Alexander Pröll im BKA an einem Konzept gearbeitet, ein Ergebnis soll noch heuer vorliegen.

Lange galt bei Stromanschlussanfragen das Prinzip „First come, first served“. Das kann allerdings dazu führen, dass Unternehmen Stromkapazitäten reservieren, die sie später nicht benötigen. Währenddessen bleiben andere Projekte blockiert. Energieunternehmer und Investor Michael Altrichter: „Spannend, problematisch und aus standortpolitischer Sicht strategisch nicht besonders gescheit ist dabei, dass sich gerade ein regelrechter Wettbewerb der Standorte entwickelt, der die Techgiganten mit ihren nahezu unerschöpflichen finanziellen Ressourcen begünstigt.“

Mit dem neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz (§99, Abs. 4) wurde zwar die bisherige Logik geändert. Seit Jahresbeginn soll eigentlich ein „First ready, first served“-Prinzip gelten. Entscheidend ist also nicht mehr, wer zuerst anklopft, sondern wer zuerst ein konkretes, umsetzungsreifes Projekt vorweisen kann. Das wirft allerdings neue Probleme auf: Entwickler können oft erst dann in die konkrete Planung einsteigen, wenn sie wissen, wie groß ihr Stromanschluss tatsächlich sein wird. Ohne Anschlusszusage kein Businessplan. Ohne Businessplan keine Anschlusszusage.

Auch Martin Madlo, Präsident des mittlerweile 70 Mitglieder zählenden Rechenzentrumsverbands ADCA sieht dringenden Handlungsbedarf. „Wir brauchen ausgewiesene Zonen, die mit der nötigen elektrischen Infrastruktur ausgestattet sind, und national einheitliche Richtlinien, die schnelle Verfahren ermöglichen.“ Unternehmen würden sich bisweilen sogar schwertun, die richtigen Ansprechpartner in der Verwaltung zu identifizieren.

Aus dem Wirtschaftsministerium kommen dazu nur vage Andeutungen. Man habe sich regierungsintern darauf verständigt, „Netzkosten durch die Hebung weiterer Effizienzen im Stromsystem zu dämpfen, und den Netzanschlussprozess weiterzuentwickeln“, heißt es auf Anfrage des trend.

Föderaler Wildwuchs

Bis es so weit ist, herrscht also föderaler Wildwuchs. Im niederösterreichischen Leopoldsdorf etwa hat der US-Konzern CloudHQ für ein Projekt eingereicht und selbst ein Feststellungsverfahren angestoßen. Daraufhin hat das Land, das auch als Erstes einen eigenen Standortplan für Batteriespeicher formulierte, im Frühjahr sein Raumordnungsgesetz für Rechenzentrumsbauten angepasst. Zur gleichen Zeit freilich hat Oberösterreich eine UVP-Pflicht für das Google-Projekt dezidiert verneint. Landesrat Stefan Kaindorfer wiederum ist dabei, diese Entscheidung überprüfen zu lassen.

Dafür müssen die Verteilnetzbetreiber bis Ende September erstmals konkret ihre Vorstellungen zu den Netzzugängen beziffern. Alleine: In der extra für die Ausgestaltung der Netzausbaupläne (VNEP) erlassenen Verordnung der E-Control kommen weder Rechenzentren noch Batteriespeicher noch Elektrolyseure vor. Verlangt ist lediglich die Bekanntgabe von Ladestellen für Elektroautos oder Standorte von Wärmepumpen. APG-Chef Christiner, der dabei erstmals die Federführung bundesweit über alle Netzebenen übernommen hat: „Man sollte die Kriterien für den Netzzugang schon noch einmal regulatorisch prüfen. Es wäre jedenfalls sinnvoll, eine ElWG-Novelle anzudenken, bei der diese Priorisierung konkretisiert wird, eventuell geht das gemeinsam mit einer Rechenzentrumsstrategie. Wir führen zwar Gespräche, aber entschieden ist da noch nichts.“

Teure Folgen für den Strompreis

Der Kampf um den Strom hat jedenfalls indirekte Folgen für den Strompreis insgesamt. Die Nachfrage erhöht nicht nur den Preis für die Energie, sondern auch den Preis für die Netznutzung. Finanzstarke Konzerne wie Google können dabei durchaus das Niveau in die Höhe treiben. Ihre Standortvorteile in Österreich sind beträchtlich, sie lassen sich den Stromanschluss etwas kosten.

Der Aufwand zur Ertüchtigung der Stromnetze für die neuen Herausforderungen ist beträchtlich, sagt etwa ArthurD.-Little-Partner Max Scherr, der in einer Studie den Investitionsbedarf bis 2040 auf fast 60 Milliarden Euro schätzt, deutlich mehr, als Stromnetzbetreiber oder E-Control am Plan haben. Das muss auf die Stromkunden umgelegt werden, die alleine seit 2024 eine Erhöhung um über 30 Prozent verkraften mussten. Dennoch, so Scherr: „Kritische Infrastruktur, die wir unter Kontrolle haben, bietet auch Resilienz, das zahlt sich aus.“

Vor wenigen Tagen hat die APG dann auch begonnen, den ersten sogenannten „Trafoschenkel“ für das neue Umspannwerk in Kronstorf einzurichten. Mit neun anderen „Schenkeln“, die im Laufe der nächsten Jahre kommen, sollen dort gemeinsam mit einer neuen Starkstromleitung bis zu 4.000 MW Nachfrage abgewickelt werden können.

Bislang war man dort auf rechnerisch 1.000 MW beschränkt. Eine Kapazität, die sich alleine die Voestalpine für die seit Jahren vorbereitete Herstellung von „Grünem Stahl“ gesichert hat, mit all ihren Komponenten aus Lichtbogenöfen und Elektrolyseuren. Stolz kann man jetzt sogar die endgültige Vereinbarung zur grünen Stromversorgung des Standorts präsentieren.

Schlappe 18 Jahre hat es gedauert, bis „Netznachbar“ Google dort nun auch zum Zug kommen konnte.

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 25. September 2026 erschienen.

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