
Helmut Gansterer war schreiberisch brillant und Chef zugleich, eine seltene Verbindung in der Branche.
von
Hans Rauscher
Entweder man ist „Edelfeder“ oder „journalistische Führungskraft“. Das ist ein alter Erfahrungssatz unter Journalisten. Schreiberische Brillanz und Fähigkeit zum Redaktionsmanagement, insbesondere der Personenführung, können durchaus in einer Person zusammentreffen, aber der Kampf um den Erfolg, der pure Zwang zum Volleinsatz, bedingt dann irgendwann einmal eine Entscheidung.
Helmut A. Gansterer war/ist Zeit seines journalistischen Lebens Edelfeder gewesen – und eine lange Zeit Chefredakteur und Herausgeber, vor allem des Wirtschaftsmagazins trend. Hut ab.
Wir waren beide „present at the creation“ dieses einmaligen, mutigen, investigativen, gut geschriebenen Wirtschaftsmagazins, das Oscar Bronner in die Bundeskammer-Industriellenvereinigung-Gewerkschaft-Sozialpartner-Ödnis der Wirtschaftsberichterstattung der 70er-Jahres des vorigen Jahrhunderts hinein gegründet hat. Wir waren beide heimlich aufsässige, aber doch lernbereite Schüler des ersten großen trend-Chefredakteurs Jens Tschebull, einer Erscheinung von altmodischer Strenge und vollkommen moderner Auffassung über Magazinjournalismus. Habe ich schon erwähnt, dass Tschebull die Seiten der in der Redaktion aufliegenden „FAZ“ und „FT“ zusammenheftete, um zu testen, ob sie auch gelesen werden?
Wir ließen in den ersten Jahren des trend unserer jugendlichen Unbekümmertheit freien Lauf. Dann kamen diverse Ausflüge anderswohin. Während ich bei „Kurier“ landete, kehrte Gansterer 1974 zum trend zurück, wurde 1976 – mehr als 20 Jahre lang (!) – Chefredakteur, ein Jahr später Herausgeber. Edelfeder blieb er: Seine Kolumnen waren glänzend formuliert, oftmals philosophisch, aber, das war der Markenkern, immer optimistisch-positiv gestimmt. „Good News“ war sein Motto.
Das ist ein genialer Trick in einer Welt der jammernden Kaufleute und Industriellen – aber, ich vermute, nicht nur ein Trick. Gansterer glaubt fast romantisch an den Geist des Unternehmertums. Und zwar auf eine geistreichere, gebildetere Art als die üblichen „Die Wirtschaft fordert“-Leitartikel. „Das spezifische Wissen, die Vertiefung – wie kriegt man die?“, fragte er einmal in einer Kolumne, wo er über das Phänomen „Overnewsed/Underinformed“ schrieb. Das war übrigens 1999, lange vor sozialen Medien und „jeder kann Journalist sein“.
Seine Preise und erfolgreichen Bücher, seine Fotografie und seinen Hang zur zeitgenössischen Kunst zu erwähnen, ist hier nicht der Platz. Auch nicht sein kommunikatives nächtliches Leben. Was aber auffällt: Gansterer war in seiner aktivsten Zeit ein großer Reisender. Er stammt aus Pottschach, Gemeinde Ternitz, NÖ, und wollte unbedingt die Welt erfahren. Kurzes Gedenken an die Zeiten, da die ökonomische Situation der Medien noch ausgedehnte Erkundungsreisen erlaubte.
Ich erinnere mich, wie er seinen Gefühlen nach einem Interview mit Bill Gates in Seattle Ausdruck gab. Ja, Bill Gates gab einmal einem österreichischen Medium ein Interview. Und Gansterer hat sich bemüht und es bekommen.
Wir (ein paar junge Journalisten, darunter Gansterer) haben vor langer Zeit durch den Mut und die Initiative von Oscar Bronner und die Professionalität von Jens Tschebull an der Modernisierung der österreichischen Wirtschaftsberichterstattung mitwirken dürfen. Das kann sich Helmut Gansterer zu seinem 80. Geburtstag an die Brust heften.
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Hans Rauscher