
Börseglocke für Emerald Horizon: Ex-Notenbank-Gouverneur Robert Holzmann, Florian Wagner (CEO) und Philipp Pölzl.
©APA/APA/WIENER BÖRSE/ALEXANDER FELTENImmer mehr spannende, teils auch kuriose Unternehmen gehen in Wien an die Börse. Doch es geht ihnen dabei weniger ums Geld als um die Aufmerksamkeit.
Die Welt redet über Space X. Zu Unrecht. Das Grazer Hightech-Unternehmen Emerald Horizon beispielsweise überflügelt bei der Performance die Weltraum-Aktie bei Weitem. Seit dem Börsengang am 26. Juni in Wien hat die Aktie um 18 Prozent zugelegt. Space X hingegen ist nach einem kurzen Aufschwung schon wieder im Minus.
Der erfolgreiche IPO des von Florian Wagner und Philipp Pölzl 2019 gegründeten Energietechnikunternehmens ist aber nur einer in einer Reihe von Börsengängen am Wiener Markt. Nach UKO Microshops und Reploid in den vergangenen Jahren sind heuer neben Emerald Horizon auch die K2G Holding, ein Schweizer Insurtech-Pionier aus Baar, der die Versicherungsbranche durch KIgestützte Risikobewertung optimiert, und das deutsche Health- und NutritionUnternehmen Fit Group neu an der Wiener Börse gelistet. Auch der Nahrungsergänzungshersteller Biogena bereitet den Sprung an die Börse vor. Börsenchef Christoph Boschan: „Wir sind natürlich zur Diskretion verpflichtet, aber unsere Pipeline ist weiter gefüllt.“
Die Hoffnung ist begründet, denn der Direct Market Plus, ein spezielles Handelssegment der Wiener Börse, ist nach Genehmigung durch die Finanzmarktaufsicht seit 1. Juli 2026 offiziell als EU-KMU-Wachstumsmarkt registriert. Die rechtliche Grundlage dafür ist die nationale Umsetzung des EU Listing Acts. Für Unternehmen bedeutet das konkret: Ausnahmen von der Prospekterstellung bei Kapitalerhöhungen und reduzierter Prospektumfang, wenn später ein Aufstieg in den Prime Market oder den Standard Market, den amtlichen Handel, erfolgt. In der Praxis dürfte das vor allem eines bringen: weniger bürokratischen Aufwand und geringere Rechtskosten beim Kapitalmarktzugang.
Boschan meint: „Die Aufwertung zum EU-KMU-Wachstumsmarkt bringt Erleichterungen mit sich, wie auch die gesetzliche Grundlage, der EU Listing Act, sinnvolle Maßnahmen beinhaltet. Wir dürfen uns aber nicht der Illusion hingeben, dass ein goldenes Rahmenwerk das substanzielle Problem löst. Entscheidend ist, wie viel Kapital sich in diesem Rahmenwerk bewegt – und hier haben wir in Europa noch viel Potenzial.“ Auch Florian Beckermann, Chef des Interessenverbands der Anleger IVA, begrüßt die Neuregelung: „Zunächst halte ich es einmal für einen guten Schritt, wenn man es auch kleineren Unternehmen ermöglicht, an die Börse zu gehen. Und für jemanden, der nach Nischenprodukten sucht, findet man da auch einiges.“ Der Direct Market Plus richtet sich speziell an Klein- und Mittelbetriebe und Wachstumsunternehmen, die einen kosteneffizienten Einstieg in den Kapitalmarkt suchen. Als Segment des börsenregulierten Vienna MTF soll er kleineren Unternehmen ermöglichen, ihre Aktien handelbar zu machen, Kapitalmarkterfahrung aufzubauen und die Basis für weitere Finanzierungsschritte zu legen. Aktuell sind gerade elf Unternehmen im Direct Market Plus gelistet.
Worin Beckermann für Anleger aber gewisse Risiken sieht: „Natürlich muss man bei diesen Kleinstunternehmen beachten, dass sie sehr markteng sind, nicht so transparent wie größere Unternehmen, und dass die Preisbildung oft nur von wenigen Kernaktionären abhängt. Und meist entspricht das Managementlevel nicht dem in großen Konzernen.“
Nicht zuletzt sind auch einige der neuen Börsenstars noch in einer wirtschaftlichen Wachstumsphase. Emerald Horizon schrieb 2025 einen Verlust von rund 770.000 Euro und erwartet auch für die kommenden Jahre rote Zahlen. Was aber für ein Deep-Tech-Start-up in der Aufbauphase nicht ungewöhnlich ist. Der Börsengang war auch primär nicht für die Kapitalaufbringung gedacht. CEO Florian Wagner: „Der Börsengang dient nicht dem Einsammeln von Geld, sondern der Kreditwürdigkeit.“ Das Listing sorgt vor allem für Sichtbarkeit und Transparenz und fungiert als Türöffner für künftige Green Bonds und Kredite, meint der Gründer. Seine guten Kontakte soll auch der frühere Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank Robert Holzmann als Vice President International Relations für das Unternehmen einsetzen. Als Vice President für Kommunikation fungiert FPÖ-Politiker Norbert Hofer, der wenige Tage nach dem IPO Schlagzeilen machte, weil er mit fast 2,5 Promille in eine Lenkerkontrolle geriet.
Das Unternehmen entwickelt jedenfalls zwei Produkte. Das eine ist ein Lithium-Eisenphosphat-Batteriespeicher, der bereits auf dem Markt ist. Im zweiten liegt die eigentliche Fantasie: Ein über einen Teilchenbeschleuniger betriebenes Minikraftwerk im Containerformat mit rund zehn Megawatt Leistung –Unternehmensangaben zufolge ohne Uran, ohne Plutonium und ohne langlebigen nuklearen Abfall. Marktreif soll der Reaktor in rund drei Jahren sein. Der Prototyp benötigt noch rund 220 Millionen Euro für den Bau. Entwickelt und gebaut werden die Module nicht im Haus, sondern von einem niederländischen Partner aus dem ASML-Umfeld.
Insekten, Automaten & Co.
Auch bei der Reploid Group AG war nicht der Kapitalbedarf das erste Motiv für den Börsengang. Das von Philip Pauer 2020 als Insektianer GmbH gegründete Unternehmen wandelt organische Reststoffe in Insektenprotein und Fett zu Dünger und Futtermittel um. Nach der Umwandlung in eine AG erfolgte im Juli 2025 das Listing im ViennaMTF-Segment Direct Market Plus. Natürlich verschafft das Listing einen verbesserten Zugang zu Kapital. Pauer sieht darin aber auch zusätzliche Möglichkeiten zur Mitarbeiterbeteiligung und bessere Voraussetzungen für anorganisches Wachstum. Und natürlich erhöht ein Börsengang die Sichtbarkeit seines Unternehmens deutlich, was sowohl bei Kapitalgebern als auch bei Kunden und bei potenziellen Mitarbeitern einige Pluspunkte bringt.
Das Listing am Direct Market Plus hat Pauer jedenfalls nie bereut, auch wenn man aufgrund der Formvorschriften zuletzt Probleme hatte. Der Wirtschaftsprüfer war nicht richtig bestellt worden, weswegen auch die Jahresabschlüsse für 2024 und 2025 vorerst nicht testiert sind. Das wird nun aufwendig nachgeholt. „Wenn wir im Ausland sagen, wir sind an der Börse gelistet und werden beaufsichtigt, dann wird das schon als Gütesiegel angesehen“, sagt Pauer. Letztes Jahr hat das Welser Unternehmen rund 40 Millionen Euro umgesetzt und zehn Millionen Euro Gewinn erzielt. Die Zahlen sollen nun in den nächsten Wochen öffentlich gemacht werden. Für das weitere Wachstum kommt das Geld aber nicht von der Börse, sondern über einen Kredit von der RBI, die einen zweistelligen Millionenbetrag zuschießt. „Die Notiz hat uns auch bei der Erlangung des Kredits sehr geholfen“, glaubt Pauer. Und vielleicht auch der mit Ex-Ministerin Elisabeth Köstinger und Ex-OMV-Vorstand Thomas Gangl prominent besetzte Reploid-Aufsichtsrat.
Beim Salzburger Familienunternehmen UKO Microshops, das von Moritz Unterkofler in zweiter Generation geführt wird, steht auch Wachstum an der Tagesordnung. Zur Vermietung von Automaten, vorwiegend für Tabakprodukte, kommt nun auch eine eigene Automatenproduktion hinzu. Nach einer Kapitalerhöhung im Herbst will man das Geschäft stärker im Ausland ausrollen. Im Direct Market Plus, in dem UKO seit 2024 gelistet ist, fühlt sich Unterkofler trotz nicht gerade geringer Kosten gut aufgehoben: „Die Anforderungen für das Listing sind nicht allzu hoch, und es ist mit einer gewissen Öffentlichkeitspflicht verbunden, was gerade international nicht schadet“, glaubt Unterkofler. So ist es letztes Jahr auch gelungen, einen Investor für das Unternehmen, das 13 Millionen Euro umsetzt, zu gewinnen. Namentlich nennen musste man diesen Investor, der nun mehr als zehn Prozent besitzt, der Börsencommunity jedoch nicht, das sehen die Börsenregeln in diesem Segment nicht vor.
Für Börsenchef Boschan sind primär innovative, wachstumsorientierte Unternehmen die geeigneten Kandidaten für die Börse: „Kreditfinanzierung erfordert stabile und planbare Geschäftsmodelle, während Innovationsfinanzierung und Wachstumsfinanzierung per se Eigenkapitalfinanzierung sind.“ Trotz des MiniIPO-Hypes bleibt der Börsenchef aber realistisch: „Generell haben die Eigenund auch die Risikokapitalfinanzierung in Österreich und der EU anders als im angloamerikanischen Raum wenig Tradition. Um das zu korrigieren, bräuchte es eine gesamtheitliche Weiterentwicklung des Kapitalmarkts durch üppigere Kapitalsammelstellen, Stichwort Staatsfonds, auf den Unternehmen zugreifen können. Bessere Eigenkapitalfinanzierungsmöglichkeiten auch für KMU wären ein wichtiger Schritt dorthin.“