"Viele Unternehmen werden es nicht schaffen"

Gerade zum Ausgang der Corona-Krise ist es für Unternehmen besonders wichtig, die Zahlungsfähigkeit von Kunden und Geschäftspartnern richtig einschätzen zu können. Bei den Bonitätsbewertungen von Unternehmen ist dabei eine genaue Analyse nötig, erklärt Gerhard Wagner, Geschäftsführer der KSV1870 Information GmbH.

Gerhard Wagner, Geschäftsführer KSV1870 Information GmbH

Gerhard Wagner, Geschäftsführer KSV1870 Information GmbH

trend: Herr Wagner, die Corona-Pandemie hat wie Wirtschaft hart getroffen. Viele Unternehmen ringen ums Überleben. Wie hat das der KSV1870 in seinen Bonitätsbewertungen berücksichtigt?
Gerhard Wagner: Uns ist die große Verantwortung, die mit der Bewertung von Unternehmen einhergeht, mehr als bewusst. Daher haben wir im Vorjahr überlegt, wie wir eine Wirtschaft im Ausnahmezustand seriös abbilden können. Die Herausforderung war und ist, das Ausfallrisiko von Unternehmen, die vor Corona solide wirtschafteten, nun aber stillstehen, realistisch einzuschätzen.

Sind solche Bewertungen in der Krise nicht dennoch zusätzliche Bürden für die Unternehmen?
Unsere Kunden und Mitglieder vertrauen auf die Bewertungen und Empfehlungen des KSV1870. Für sie sind diese Informationen in schwierigen Zeiten besonders wichtig. Und wir „raten“ auch niemand in den Keller, nur weil momentan in gewissen Bereichen kaum Umsätze zu machen sind. Aber wir schauen uns die Unternehmen ganz genau an und dürfen die Betriebe dabei auch nicht besser machen als sie sind.

Reicht es denn für eine Bewertung nicht, die allgemein verfügbaren Daten aus der Bilanz anzuschauen?
Die Aussagekraft von Bilanzen – die aktuellste stammt meistens aus dem Jahr 2019 – ist in der jetzigen Situation eine andere als früher. Wir stellen Fragen, die Unternehmen ehrlich beantworten. Damit geben sie einen Ausblick, wie lange sie unter welchen Bedingungen noch durchhalten. Das alles fließt neben den in der Bilanz enthaltenen harten Fakten in die Auskunft ein.


Es macht keinen Sinn, eine Branche in Bausch und Bogen downzugraden.

Welche Fragen muss ein Unternehmen dabei beantworten?
Wir gehen aktiv auf die Unternehmen zu und fragen etwa: Ist der Betrieb von der Krise betroffen? Wenn ja, wie hoch sind die Umsatzeinbußen? Wurde das Geschäftsmodell angepasst? Welche Hilfsmaßnahmen wurden in Anspruch genommen? Welche Stundungen, also Finanz, Sozialversicherung oder auch durch Lieferanten? Wurde der Tätigkeitsbereich eingeschränkt? Wurden Mitarbeiter gekündigt oder in Kurzarbeit geschickt? Konnte an den Fixkosten gedreht werden? Dazu analysieren wir natürlich auch, wie diese Unternehmen vor Corona aufgestellt waren.

Und dabei wird jedes Unternehmen individuell bewertet?
Ja, wir setzen sehr stark auf eine Individualprüfung. Unseren Kunden haben wir auch klar kommuniziert, dass gerade jetzt wieder die Zeit der von Mitarbeitern recherchierten Auskunft ist. Und tatsächlich hat eine Renaissance stattgefunden.

Haben von den Lockdowns betroffene Branchen wie die Hotellerie oder die Gastronomie dabei gleich pauschal schlechtere Ratings bekommen?
Nein, es macht keinen Sinn, eine Branche in Bausch und Bogen „downzugraden“. Auch innerhalb dieser gibt es teils massive Unterschiede, was die wirtschaftliche Betroffenheit von Covid-19 betrifft.


Es wird nicht für alle Betriebe Überbrückungskredite geben.

Ist es nicht möglich, die Auskünfte automatisiert zu erstellen?
Das ist ein weltweiter Trend. In den vergangenen Jahren sind viele Auskunfteien auf synthetische Auskünfte umgestiegen. Dabei werden Daten automatisiert in die Systeme eingespielt, ein mathematisches Modell errechnet das Risiko, fertig. Der KSV1870 hat sich aber nie nur darauf verlassen und stets ein Team von Experten beschäftigt, das Zahlen hinterfragt und zusätzlich recherchiert hat. Wir nutzen zwar auch die Automatisierung, haben aber den Kontakt zu den Unternehmen nie aufgegeben. Das galt nicht immer als modern, erweist sich jetzt aber als Vorteil. Denn aktuell zählt in der Wirtschaft nur mehr die recherchierte, brandaktuelle Auskunft.

Wie wird es weitergehen, wenn der Staat der Wirtschaft wieder freien Lauf lässt?
Für viele Betriebe wird sich die Zukunft entscheiden, sobald sie wieder Ware einkaufen wollen und der Lieferant Sicherheiten verlangt. Dann wird sich für viele stark betroffene Betriebe die Frage nach Überbrückungskrediten stellen. Die wird es nicht für alle geben. Bei erschöpfter Liquidität und ohne Garantien wird es schwierig, denn auch die Banken sind an die Sorgfaltspflicht und Regulatorien gebunden. Ohne also schwarzmalen zu wollen, muss man sagen, dass es viele Unternehmen nicht schaffen werden. Meine Kollegen rechnen für das laufende Jahr bei den Unternehmensinsolvenzen mit einem Plus von rund 20 Prozent gemessen an 2019.

Der Privatkonsum ist eine wichtige Stütze der österreichischen Wirtschaft. Glauben Sie, dass die Nachfrage wieder zurückkommen wird, wenn die Krise vorbei ist?
Dazu gibt es bei uns zwei Theorien. Die Erste: Es ist so viel Umsatz in den Fernabsatz geflossen, dass wir nie wieder das Niveau von vor der Krise erreichen werden. Die Zweite: Das haptische Einkaufserlebnis hat einen so hohen Stellenwert, dass in der Zeit nach der Krise, also wenn alles wieder aufsperrt und die Ansteckungsgefahr niedrig ist, der Konsum einmalig durch zurückgehaltene Urlaubs- und Weihnachtsgelder nach oben ausschlägt, in der Folge aber auf das Vor-Corona-Niveau zurückkehrt. Wir werden sehen, wie es ausgeht.


Zur Person:

Gerhard Wagner (57) ist seit dem 1. April 2018 Geschäftsführer der KSV1870 Information GmbH. Der Datenschutz-Experte ist seit 1990 im KSV beschäftigt und führt in Abstimmung mit dem KSV1870 Holding-Vorstand das Unternehmen durch die digitale Transformation.

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